Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 27/2026 vom 1. Juli 2026
Liebe Frau Andrea,
ein Leserbrief monierte die Verwendung von „Prolet“ bzw. „Proletarier“ in einem Falterartikel. Die Kritik richtete sich gegen die sozial abwertende, diskriminierende Verwendung der Bezeichnung. Wann tauchte die pejorative Verwendung von „Proletarier/Prolet“ auf? Vermutlich gibt es eine ähnliche Entwicklung bei „Gsindl“ von „Gesinde“, was dem eher städtischen „Proleten/Proletarier“ zeitlich vorausgegangen sein dürfte. Die niederösterreichische Landeshauptfrau hat mit ihrer Bemerkung über das „Rote Gsindl“ wohl „Proleten“ gemeint.
Bitte um Aufklärung! Mit lieben Grüßen,
Rainer Holzfeind aus der proletarischen Donaustadt
Lieber Rainer,
das Wort „Proletarier“ hat eine lange Wanderschaft hinter sich. Karl Marx und Friedrich Engels hatten den Begriff als Terminus der Klassentheorie eingeführt und mit diesem die Klasse der abhängigen, ausgebeuteten Lohnarbeiter bezeichnet, die keine eigenen Produktionsmittel besaßen und gezwungen waren, ihre Arbeitskraft an die Bourgeoisie zu verkaufen. Das Wort „Proletariat“ war kein Neologismus, sondern eine Entlehnung des gleichbedeutenden französischen Wortes „prolétariat“. Dieses hat seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv „proletarius“, wörtlich: die Nachkommenschaft betreffend. Der Proletarier ist also ein Sprössling.
Ungeachtet der geschichtlichen und politischen Zusammenhänge versteht sich die Vokabel „Prolet“ nicht als Selbstbezeichnung, sondern zirkuliert fast ausschließlich als negative Zuschreibung. Und sie hat sich, wenn auch nicht vollständig, von der Arbeiterschaft gelöst. Gibt es doch den klassischen Arbeiter kaum noch. Der „Prolet“ ist inzwischen nur mehr Schauspieler seiner selbst. Von überhöhter (hier: erniedrigter) Sprache getragen, mit übertriebenem Gestus ausgestattet, überkostümiert und ins Karikaturhafte überzeichnet. Mit der Italianisierung Wiens hat der Prolet mediterrane Züge angenommen, schwimmen und schreiten gelernt, hat Goldketterln und Spiegelbrillen angelegt und sich enorme Peckerln auf die Muckis machen lassen. Aus dem Prolet hat sich der Prolo geschält. Politisch begleitet von individuellem Klassenverrat.
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