Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 19/2026 vom 6. Mai 2026
Liebe Frau Andrea,
Sie werden ja oft zur Bedeutung von Ausdrücken gefragt. Ich habe das umgekehrte Problem. Mir fehlt ein Wort für folgendes Phänomen: In der Werbung wird häufig dick aufgetragen. Wenn Schokolade, Bankkonten oder Telefonverträge mit Neugeborenen und tränenaufgelösten Menschen zu schmachtender Musik propagiert werden, löst das bei mir oft mehr emotionale Reaktion aus, als mir lieb ist. Fast kommt mir selbst das Schluchzen! Gleichzeitig stösst mich dieser ungenierte Zugriff auf meinen Gefühlshaushalt ab und wenn es auch noch so reingeht, ekelt mich fast vor mir selbst. Gibt es einen Namen für diese komplexe Gemengelage? Irgendeinen Neologismus, so wie Fremdscham oder Mansplaining, der gefehlt hat, bis ihn dann jemand erfunden hat? Wenn nein, können Sie bitte einen erfinden?
Vielen Dank im Voraus,
Johanna Schober, per Email
Liebe Johanna,
gerne bin ich Ihnen dabei behilflich, die lexikalische Lücke zu schließen. In einem ersten Herangehen wollen wir die zwei von Ihnen reportierten Gefühle von einander trennen – jenes der empathischen Rührung und das der reflektierende Beschämung über diesen Emotionsübergriff. Sodann werden wir den Versuch unternehmen, die beiden miteinander verbundenen Regungen in eine neu komponierte Wörtlichkeit zu fassen.
Einen einzelnen, fest etablierten Begriff für die Gemengelage aus emotionaler Manipulation, parasozialem Mitfühl und kognitiver Abwehr gibt es noch nicht. Also basteln wir an einer kleinen Liste mit möglichen Neuschöpfungen für den Cluster aus Rührungsabwehr, Schmachtwiderwillen und reklamebasierter Mitfühl-Scham.
Aus der Psychotantenecke könnten kommen: Ambirührung (ein Kofferwort aus Ambivalenz und Rührung) und Manipathie (zusammengebaut aus Manipulation und Empathie). Wissenschaftlich klingen „reaktive Affektambivalenz“, „PR-induzierte Empathiedissonanz“ und „parasoziale Emotionsspaltung“. Etwas salopper traben die Neologismen „Gefühlsabzocke“, „Rührungsnepp“, und „Herzschleim-Overload“.
Meine Favoriten wären „manipulative Rührscham“, „gegenimpulsiver Marketingekel“, „Heulschauder“ und „Kitschkater“.