Steif wie ein Bleistift

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2026 vom 29. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als angelernter Wiener wende ich mich mit einer alkohollastigen Frage an Sie, die im Spruch „Steif wiar a Bleistift hadsch i durch Neistift“ wurzelt. Warum wird in Wien der Zustand der Berauschung mit so unterschiedlichen Adjektiven wie (blunzn)fett, braad, (bladl)waach, ölig oder eben steif beschrieben? Die Wirkung von C2H6O in den Synapsen ist doch nicht so vielfältig, dass man sich nicht auf ein präziseres Eigenschaftswort einigen könnte, oder doch?
Vielen Dank für Ihre Mühewaltung, und mit lieben Grüßen aus Wien-West,
Hans C. Fux, per Email

Lieber Hans,

für die Vielfalt der chronischen oder akuten Ethanol-Entrückungen hat Wien einen ganzen Katalog von Bezeichnungen etabliert. Für die Ergebnisse der Intoxikationen mit „Äukahoi“ (Alkohol), kurz „Äuk“ genannt, kennt das Wienerische „in Bemsdl“ (den Pinsel), „es Damen“ (das Taumeln), „in Dippe“ oder „Diwe“ (den Dübel), „in Dampas“ („Dampus“, den studentisch latinisierten Dampf), „in Fettsn“ (den Fetzen), „die Fettn“ (den Drall, vom „Effet“ beim Billard), „die Gluad“ (Glut), „in Newe“ (den Nebel). Sodann haben Tschecheranten und Drangler gerne „an Schbids“ (Spitz) und „an Schdich“ (Stich). Rauschate (Berauschte) haben „a Schweigl“ (von Schwelgen), „an Schwibs“ (von schwippen, schwappen), oder sind „im Ö“ (im Öl). Heißer als der „Schwü“ (die Schwüle) ist der „Schwas“ (Schweiß). Er hat sich mit der Metallverbindungstechnik Schweißen zum wienerischen „zuagschwasd“ (zugeschweißt) sein verbunden. Beliebte Zustände sind „augflaschld“ (angeflaschelt), „autschechad“ (angetschechert, verwandt mit angeschickert), „bedopped“ (bedoppelt, betäubt vom Konsum eines Dopplers, einer Doppelliterflasche Wein), sind „betoniert“, „blunznwaach“ (weich wie eine Blunzn, eine Blutwurst), „eidrangld“ (eingetränkt), „eigschbridsd“ (eingespritzt), sind „fett wiara Radierer“ (fett wie ein Radiergummi) oder nur „zuagleschd“ (zugeklescht, vom Klescher, dem Schlag, von jiddisch chaleschen, schwach werden, ohnmächtig werden). „Steif wiara Bleistift“ haben der Wienerlieder-Komponist Ferry Wunsch und die Textdichter Albin Ronnert und Leopold Nowotny eingebracht. Oisdaun, Prost!


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