Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 17/2026 vom 22. April 2026
Liebe Frau Andrea,
als große Freundin diverser Eigenartigkeiten der deutschen Sprache bin ich letztens über eine bayerische Redewendung gestoßen, die mich seitdem begeistert. Wenn ein Bayer sich über etwas aufregt, sagt er „jetzt wird’s aber hint höher wie vorn“. Das macht überhaupt keinen Sinn, dennoch weiß jeder, worum es geht. Gibt es vielleicht eine Erklärung, wo das Sprücherl her kommt?
Alles Liebe,
Anna-Maria Walli, per Email
Liebe Anna-Maria,
die Bayer·innen sind nicht die einzigen, die in Rage Seltsames von sich geben. Wie der Fluch arbeitet das Erstaunen mit vorformulierten Metaphern. Manchmal sind die Redewendungen schon aus der Zeit gefallen. Ihre ursprüngliche Bedeutung wird nicht mehr verstanden. Ein bundesdeutsches Synonym wäre der kalauernde Ausruf „da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“. Aus Oberösterreich kennen wird den Spruch „da hängds da voi die Kédn aus“ (da hängt es dir voll die [Moped-]Kette aus). Der gesamte deutsche Sprachraum versteht die etwas blutleere Formel „das wär ja noch schöner.“
Bairisch „Iatz werds hint héha wia vúan“ (jetzt wird es hinten höher als vorne!) drückt das Erstaunen über eine absurde, chaotische oder „völlig aus dem Ruder gelaufene“ Situation aus. Die Unverständlichkeit des Spruchs geht einher mit der Tatsache, dass das Gewerbe und die Umstände, denen er entstammt, nahezu völlig verschwunden sind. Und mit ihnen spezifische Ausdrücke und Situationen. Unsere Redewendung bezieht sich auf ein bockendes Pferd, das mit der Hinterhand hochgeht. Das kann den Reiter, in der Regel einen Standesherrn oder Kavalleristen gefährlich nach vorne abwerfen. Öfter dürfte die Gefahr nach hinten ausschlagender Pferde Gespannen zugesetzt haben. Der Ausdruck stammt wohl von Fuhrwerkern und Kutschern.
Das Wienerische, stets im Zwiespalt zwischen Knapp- und Saftigkeit kennt die Ausrufe „Hawedere“, „Hawediena“ und „Seawasgschäft“. Metapherncharakter haben die Sprüche „do hauds da in Vogl aussa“ (da haut es dir den Vogel raus“, „do ziagds da die Bock aus“ (da zieht es dir die Stiefel aus) und „do hauds di vom Glanda“ (da wirft es dich vom Geländer). Das bewährte „Oida!“ geht natürlich immer.