Schnee von gestern

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 16/2026 vom 15. April 2026

Liebe Frau Andrea,
in meinem Arbeitsumfeld wird alles, was nicht mehr ganz taufrisch ist, reflexartig als „aus dem Jahre Schnee“ bezeichnet. Woher kommt diese frostige Zeitangabe? Gab es ein besonders prägendes Schneejahr, das sich sprachlich verewigt hat? Heuer wirkt der Ausdruck fast ein bissl zu aktuell: Kaum glaubt man, der Frühling hat gewonnen, darf man die Winterjacke noch einmal ausführen – bevor ein paar Tage später wieder 20 Grad in Aussicht stehen. Vielleicht erlebt das „Jahr Schnee“ gerade ein kleines Comeback. Ich wäre dankbar für etwas sprachliche Schneeräumung.
Liebe Grüße aus einem Betrieb, in dem nicht nur sprachlich immer wieder Winter einkehrt.
Marlene Edlmayr, 32, Entwicklungschemikerin, per Email

Liebe Marlene,

die besagte Redewendung ist fest in unserem Sprachgebrauch etabliert. Obwohl sie sich auf ein Niederschlagsereignis und sein Liegenbleiben bezieht, verwenden wir sie metaphorisch. Die bundesdeutsch Sprechenden kennen einen synonymen Begriff für Altes, aus der Aktualität Gefallenes, wenn nämlich Dinge und Usancen „alter Tobak“ sind, also alter, vertrockneter Tabak. Davon abgeleitet ist ungeliebt Althergebrachtes „aus dem Jahre Tobak“, oder etwas österreichischer „aus dem Jahre Schnee“.

Tatsächlich dürfte die Redewendung aus einem Gedicht des 1431 in Paris geborenen François Villon stammen, dem bedeutendsten Dichter des französischen Spätmittelalters. Wir finden sie in der Ballade „Des dames du temps jadis“ (Ballade der Frauen von einst), und hier aus dem berühmten Refrain „Mais où sont les neiges d’antan?“ (Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?). In besagtem Gedicht wird wehmütig der Stil des „Ubi-sunt?“-Genres mobilisiert. Die Frage „Ubi sunt“ (Wo sind sie (geblieben), vollständiger „Ubi sunt qui ante nos in mundo fuere?“, Wo sind sie (geblieben), die vor uns auf der Welt waren?), gilt als formelhaft wiederkehrender Topos in Predigten und Dichtungen des Mittelalters. An Beispielen vergangener Macht oder Schönheit wird die Vergänglichkeit alles Irdischen in Erinnerung gerufen, und auf das Jenseits als eigentliche Bestimmung des Menschen verwiesen.

Schnee von gestern also.


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