Meister Adebar

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 15/2026 vom 8. April 2026

Liebe Frau Andrea,
mit Interesse lese regelmäßig Ihre Beiträge. Heute hätte ich selbst eine Frage. Worauf lässt sich der hartnäckige Aberglaube zurückführen, dass gerade ein Klapperstorch jeweils unsere menschlichen Nachkommen bei den leiblichen Eltern abliefert?
Liebe Grüße aus Tirol, wo ebendiese Angelegenheit weithin sichtbar mittels 2D-Exemplaren an Balkonen und anderen Fassadenelementen zur Schau gestellt wird.
Günther Rabanser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Günther,

die Usance, erfolgten Nachwuchs mit dem Storchensymbol kundzutun, ist nicht auf Tirol beschränkt. Die Gestaltungsoffensive ist in der Regel auf und vor Einfamilienhäusern und Bauernhöfen beobachtbar, sie ähnelt den Hinweisen auf die runden Geburtstage der Bewohner·innen. Bei den Geburtshinweisen handelt es sich immer um den Weißstorch, er wird, silhouettenhaft aus Holz gesägt, stehend dargestellt, seltener im Flug. Oft, wenn auch nicht immer trägt er ein geschnürtes Babybündel im Schnabel, als Hinweis auf das Geburtsgeschlecht in blau oder rosa.

Meister Adebar, wie der Storch auch genannt wird, bezieht seine Nämlichkeit und die mythologische Zuschreibung als Glücksbringer, über das Niederdeutsche kommend, vom germanisch erschlossenen *auda- (heil, Glück) und *ber-a- (tragen, bringen, gebären). Ob Adebar, in anderer Etymologie auch ein Wort für Sumpfgänger ist, läßt sich indes nicht ausreichend sichern. Der Storch gilt seit alterher als heiliges Tier, und wegen seines Zugverhaltens als Bote des Frühlings. Er soll dem Haus, auf dem er nistet, Glück bringen, es vor Blitz und Feuer bewahren. Um dem Storch den Nestbau zu erleichtern, legt(e) man ihm ein Wagenrad aufs Dach.

Der Glaube, daß der Storch die Kinder bringe, ist verhältnismäßig jung. Die mitteleruopäische Mythenforschung schreibt ihm dem Volksglauben zu, nach dem die Kinder aus dem „Brunnen“ kommen. Galt doch das Wasser nach altem Volksglauben als Symbol und Ursprung für den Beginn neuen Lebens. Die Menschen glaubten, dass im Wasser die Seelen der Kinder wohnten. Das Fröschlein, das der Storch aus dem Sumpf zieht, ist demnach der Avatar des Neugeborenen.


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