Jungfrau und Versuchung

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 12/2026 vom 18. März 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurden wir sommers zu unserer bigotten Tante Hette gebracht. Wir mussten vor jedem Essen, zum Aufstehen, und zum Schlafengehen beten. Sie hat uns Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, etwa „Hilferufe aus dem Fegefeuer“. Sie selbst trat aus der Kirche aus, weil sie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht einverstanden war. Ein Beispiel: Im Vaterunser wird seither gebetet „und führe uns nicht in Versuchung“ Damit unterstelle man jedoch dem lieben Gott, daß er Böses im Schilde führe und quasi der Teufel sei. Davor hieß es: „und führe uns in der Versuchung“. Setzen, fünf, alle! Womöglich ist auch irgendwann aus der „jungen Frau Maria“, die „Jungfrau Maria“ entstanden. Warum sind die Katholen so immun gegen Realität? Ich freue mich auf ihre Gedanken zu diesem andauernden Schlamassel.
Beste Grüße aus Tirol,
Karl Wienand, 51, Atheist, per Email

Lieber Karl,

ausgelöst von Weichzeichnungsversuchen des Gottesbildes während des Zweiten Vatikanisches Konzils (1962–1965) beten die französischen Katholiken seit einer Neuübersetzung der Bibel 2017: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ (Ne nous laisse pas entrer dans la tentation). Dem schloss sich der damalige Papst Franziskus an. Die deutschen Theologen konnten sich dafür nicht erwärmen. Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ stamme aus der Lutherbibel (Mt 6,13) argumentierten sie, und sei unveränderbarer Teil des Vaterunsers. Sie basiere auf dem griechischen „Kai mē eisenenkēs hēmas eis peirasmon“ (Und führe uns nicht in Versuchung).

Theologische Realität ist auch die Jungfräulichkeit Marien. Schon der Kirchenschriftsteller Origines vertrat sie um 200. Das Dogma der Immerwährenden Jungfräulichkeit wurde insbesondere am fünften ökumenischen Konzil (Konstantinopel, 553) nachdrücklich bestätigt. Unser Wort Jungfrau, ahd. jungfrouwa bezeichnete zunächst die „junge Herrin“, das Edelfräulein. Es wurde später verallgemeinert zu „junge (unverheiratete) Frau“. Im Rahmen des Marienkultes wurde das Wort bis heute eingeengt auf die unberührte Jungfrau.

Roma locuta, causa finita.


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