Ins Kraut gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 09/2026 vom 25. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner sprachlichen Welt kommt – noch immer – die Formulierung „låss mi im Kraud“ vor, wenn ich zum Ausdruck bringen will, Ruhe zu benötigen bzw. nicht belästigt werden zu wollen. Wieso ist davon auszugehen, dass gerade im Krautacker Ruhe herrscht? Oder stammt dieses Kraut von einem ganz anderen Wort altertümlicher oder fremdsprachlicher Herkunft ab? Ich bitte um Ihre Einschätzung und danke schon im Voraus für Ihren kundigen Ratschlag.
Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Sabella, per Email

Lieber Wolfgang,

das Wort „Kraut“ kommt nach Befund der Etymologen vom althochdeutschen „krût“. Es war ursprünglich eine spezifische Bezeichnung für nicht verholzende Blattpflanzen, im engeren Sinne für „nutzbares Gewächse“ oder „Gemüse“. Im deutschsprachigen Süden, zu dem auch wir gehören verengte es seine Bedeutung zu Kohl, aber auch zu Gartengemüse, Küchen- und Heilkräutern, und sogar zu Schießpulver. Unkraut ist bekanntlich alles Grünzeug, dass an der falschen Stelle wächst, oder nicht genutzt wird. Im Wienerischen ist mit Kraut, Graud meist das Weißkraut gemeint, aus dem auch Sauerkraut gemacht wird. Kräuter heißen in Wien hingegen „Greida“ und „Greidl“. Die Krautfischer an der Unterelbe haben ihr Kraut aus *kravet (Krabbe, Krebs) verschliffen. Hat das alles mit dem Kraut zu tun, das im altwienerischen Satz „Loss mi in Graut“ oder richtiger „Loss mi ausn Graut“ vorkommt?

Wie die Grot (die Kröte), die in Fällen von ohnmächtiger Akzeptanz geschluckt werden muss, hat das Kraut (eigentlich Graud) keinen Bezug aus der Natur. Es wurde um 1300 als „crot“ in der Bedeutung Belästigung, Beschwerde, meist als Folge einer verhängten Strafe, eines anstrengenden Weges üblich. „Sunder crot“ hieß „ohne sich beschwert zu fühlen“. Im 15. Jahrhundert war die „crot“ schließlich die Last der Verstörung, der Strafe, der Pein, des Leidens, verinnerlicht für Sorge, Betrübnis, Kummer. Nach Vergessen der ursprünglichen Bedeutung, hat sich das botanische „Kraut“ in das alte „Crot“ geschmuggelt. „Loss mi ausn Graut“ wäre demnach zu übersetzten: „Verschon mich mit Kummer und Pein.“ Oder neuwienerisch kurz: „Oida, ned!“


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