Im Leo sein

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 08/2026 vom 18. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Vor- und Volksschulzeit, also etwa 1970-1977, war unsere Hauptbeschäftigung, in Ermangelung eines 24/7 Kinder-Fernsehprogrammes, das Spielen im Hof der Wohnhausanlage. Wir spielten „Völkerball“, „Der Kaiser schickt Soldaten aus“, „Versteinere mich nicht“ und „Fangerl“. In diesem Spiel gab es einen klar benannten Ort, wo man nicht „abgeklatscht“ werden durfte, sobald man ihn mit einem Körperteil berührte – das „Leo“. Nun rästseln mein Bruder Stephan und ich, woher der Ausdruck „Leo“ kommt.
Hochachtungsvoll,,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

Leopoldstädter·innen kennen das Leo als kleines, aufgewecktes Café in der Leopoldsgasse, das ehemalige „Leopoldistüberl“. Die Comandantina kehrt dort gerne ein. Im deutschen Sprachraum kursieren sehr unterschiedliche Bezeichnungen für das Asyl im Fangenspiel – Aus, Bahne, Bedeut, Biet, Boot, Bord, Bude, Frei, Friede, Halu, Hamme, Haus, Heim, Hola, Horre, Inne, Kelle, Klipp, Kobi, Leo, Los, Lou, Mal, Mi, Otte, Pax, Pott, Pulle, Rome, Ruder, Stand, Wupp, und Zick. Unser „Leo“ wird traditionell als Kurzform des Namens „Leopold“ begriffen und mit dem Babenbergerherzog Leopold VI. in Verbindung gebracht. In dieser Etymologie wird wahlweise der damaligen Kirche als auch dem Landesherrn ein Asylrecht zugesprochen. Als sagenhafte Freimale werden ein Stein vor der Schottenkirche und ein Ring am Stefansdom als spezifische, asylauslösende Abklatschorte genannt. Trotz der bestechenden Evidenzen handelt es sich bei der Verbindung des Leo im Fangenspiel mit dem Babenbergerherzog um ein volksetymologisches Konstrukt. Bessere Erklärung bietet die Verwandtschaft des Leo mit dem mittelniederdeutschen „le(he)” und dem altsächsischen „hleo” (Schutz, Decke). Beide kommen vom gemeingermanischen *hlewa (schützender Ort, Obdach). Segler·innen ist das Wort freilich von „Lee“ bekannt, der dem Wind abgekehrten, (wind)geschützten Seite des Schiffs. Gendermäßig können wir auch differenzieren. So bezöge sich der Leo auf den Herzog, das Leo auf die Funktion des Obdachs. Das Uraltwort zu Leo, hleo und *hlewa war jedenfalls feminin. Die Leo also.


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