Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 07/2026 vom 11. Februar 2025
Liebe Frau Andrea,
in meinem Alltag als Künstlerin gibt es viele Herausforderungen. Nun häufen sich die Anfragen, bei diesem oder jenem mitzumachen, dort oder da aufzutreten. Es werde super, heißt es dann, es wäre ein Boost für mein Werk, mein Standing als Künstlerin. Gage oder Honorar gäbe es keines, man sei selbst am Limit. Dennoch freue man sich. Wie teile ich diesen Leuten mit, dass das so nicht geht?
Freundinnenschaft,
Tina Tsornigg, Leopoldstadt, per Insta-DM
Liebe Tina,
es gibt Pfade aus dem Dilemma, die rückgratsvoll beschritten werden können – die paradoxe Intervention und die sarkastische Distanz. Wir sprechen von Arbeitsanfragen, die unsere künstlerische Seele eigentlich mit den Kurzformeln „Nein“, „sicher nicht“ und „fickt euch“ bedienen würde. Indes, es geht auch schärfer. Paradoxe Antworten auf künstlerische Gratisarbeit könnten so lauten: „Gewiss, holder Anfrager, gerne missbrauche ich mein Talent. Ich darf fordern, dass ich bei Ihnen zuhause auch den Großputz mache und die Wäscheberge wegbügle. Es wäre mir eine Ehre!“ Auch gut treffen Antworten dieses Kalibers: „Holla, die Waldfee! Ich habe noch etwas Geld auf die Seite gelegt für Notfälle. Darf ich mein Engagement bei Ihnen noch extra vergüten? Ich zahle gerne drauf. So schön, wahrgenommen zu werden!“ Nehmen die Anfragenden solches ernst und schlagen ein, erhöhen Sie den Einsatz! Interessante Mailkorrespondenzen werden sich ergeben. Sie werden einst ihren Memoiren dienlich sein, und schon jetzt Lacher und Likes auf Instagram generieren.
Weniger Aufwand, aber ebenso große Freude bereitet die sarkastische Distanz, hier dürfen Spuren von kritischer Wut und exzentrischer Gelassenheit eingestreut werden. Antworten Sie auf künstlerische Missbrauchsversuche mit dieser Formel: „Meine Therapeutin ist auf Urlaub. Ich bin zu Unsinn größter Dimension bereit. Ich liebe Folter.“ Best practice auf diesem Feld aber ist folgender Hinweis, den sie auch als Mailsignatur abspeichern wollen:
Vielen Dank für Ihre Anfrage! Ich darf mit Phoebe Buffay-Hannigan aus „Friends“ antworten: „I wish I could, but I don’t want to“ Beste Grüße,
Tina Tsornigg.
Als Musiker muss ich sagen: Ich spiele sehr gerne live. Wirklich. Ich stehe gerne auf der Bühne, erlebe die Energie, drücke meine Emotionen musikalisch aus, groove mit der Bänd und mache das Publikum (hoffentlich) glücklich. Was ich bezahlt haben möchte, ist alles andere!
Meine Antwort an Anfragen wie die genannten lautet also: „Ok, ich spiele gerne gratis für Sie, ich möchte nur ein gutes Essen und ein paar Getränke.
Allerdings: 2 Stunden vor dem Konzert kommt jemand vom Veranstalter mit einem Kombi zu mir nach Hause er/sie packt den Kontrabass fachgerecht ein, mit allen Utensilien wie Bogen, Kollophonium, Tuch, Kabel, Notenständer… trägt ihn in’s Auto und verladet ihn sicher, sucht mein Auftrittsgewand aus dem Kasten zusammen, verpackt es, tragt es ins Auto, geht nochmal zurück, weil er die Auftrittschuhe vergessen hat. Dann führt er mich zum Konzert, dort ladet er alles ab, kriecht unter das Klavier, sucht die Steckdose, montiert alles zusammen, Notenständer, Pre-amp, Monitoring… (Bassverstärker (wenn nötig) bringt natürlich auch der Veranstalter, inklusive Schlepperei), er sortiert die Noten richtig, stimmt den Bass, macht den Soundcheck, kollophoniert den Bogen (währenddessen esse ich was gutes…). Dann spiele ich meinen Part und dann alles retour. Zwei Stunden nach meinem Auftritt steht alles wieder da, wo es vorher war. Außerdem brauche ich den Gegenwert von 3 Arbeitsstunden für eine Sekrätrin: Termin freischaufeln, ggf. Schüler verschieben, Abrechnung, Werbung, Website betreuen…“
Wenn der Veranstalter das durchrechnet, kommt er meistens drauf, dass ein Musiker billiger kommt als ein Schakel mit Auto für 8h Arbeitszeit…