Der gute alte Tschusch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 05/2026 vom 28. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
woher kommt der „Tschusch“? Hier kenne ich nur die Version, es käme von „Čuješ!“, also dem kroatischen „Hörst Du!“ – wahlweise von kroatischen (Unter)offizieren bei der Ansprache der Untergebenen verwendet, bzw. von Vorarbeitern auf der Baustelle gegenüber deren Untergebenen.
Über Aufklärung freut sich mit herzlichen Grüßen,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

als das Wirtschaftswunder Momentum erfuhr, verlangte das deutsche und österreichische Kapital nach billigen und mobilen Arbeitskräften. Die enorme Kohorte der jugoslawischen Gastarbeiter war an ihrem Zungenschlag (und an den Schnurrbärten) erkennbar und trug das Herz in der Hand. „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogns zu dir Tschusch?“ Eine Initiative der Aktion Mitmensch holt das Wort 1973 mit einer provokanten Plakataktion von der Straße in den öffentlichen Diskurs. Das Etymon „Tschusch“ gilt als orientalisches Wanderwort für Dummkopf.

Eine genauere Deutung kommt vom Balkan selbst. Demnach leitet sich der Begriff von čuješ (ausgesprochen: tschujesch) ab, dem Präsens der 2. Person Singular des kroatischen und serbischen Zeitworts čuti (hören). Tschusch bedeutet also „Heast“, oder etwas höherdeutsch „Hörst du?“ Der Zuruf soll sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den südslawischen Bauarbeitern der Südbahnstrecke etabliert haben. Eine ältere Variante dieser Theorie leitet Tschusch von der Interjektion ćuš (tjusch) her, mit der früher Ochsen und Lastgäule angetrieben wurden. Möglicherweise haben die serbokroatischen Partieführer der frühen Gastarbeiterzeit ihre eigenen Leute am Bau auch mit dem Tschusch/Tjusch-Zuruf motiviert. Das slowenische Schimpfwort čúš (ausgesprochen: Tschusch) kommt der pejorativen Bedeutung am nächsten. Es soll vom türkischen çavuş (tschawusch), soviel wie Sergeant, Unteroffizier kommen. Die çavuş waren ursprünglich Herolde und Hofbeamte des Sultans. Das Wort war in den von Osmanen eroberten Gebieten des späteren Jugoslawiens verbreitet.

Das Russische eröffnet eine neutrale Deutungsperspektive. Im Vielvölkerstaat bedeutet „tschuschoi“ schlicht „fremd“.
 

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