Namen, die fehlen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 01.02.03/2026 vom 14. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
am Eisenerzer Friedhof gibt es eine Gedenktafel mit den Namen ermordeter Jüdinnen und Juden. In Lydia Mischkulnigs Kolumne in der Furche wird darauf hingewiesen, dass auf der Tafel immer noch eine große Zahl von Namen Ermordeter fehlt. Welche Bedeutung hat im Judentum die Nennung der Namen der Toten?
Liebe Grüße,
Dr. Peter Daniel, Wien I., per handschriftlicher Serviettennotiz

Carissimo dottore,

Lydia Mischkulnigs Kolumne referiert auf ein Desiderat des Dichters Stephan Eibel, dem die Nennung der Namen der Ermordeten ein vehementes menschliches und politisches Anliegen ist. Der Massenmord an ungarischen Jüdinnen und Juden am obersteirischen Gebirgspass Präbichl gehört zu den sogenannten „Endphasenverbrechen“. In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 wurden von den nationalsozialistischen Machthabern zehntausende ungarische Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit am sogenannten „Ostwall“ gegen die heranrückende Rote Armee gezwungen. Angesichts der Sinnlosigkeit des Unterfangens wurde versucht, diese Menschen auf sogenannten Todesmärschen ins KZ Mauthausen zu „treiben“. Dabei fanden ungezählte Erschießungen statt. Das größte dieser Massaker verübten Angehörige des „Eisenerzer Volkssturms“ am 7. April 1945 in unmittelbarer Nähe der Passhöhe des Präbichls. Dabei wurden über 200 Jüdinnen und Juden ermordet. Um deren vollständige Namensnennung geht es in Eibels, Mischkulnigs und nun auch meinem Anliegen.

Die Nennung der Namen Verstorbener ist für Rabbi Eliezer Zalmanov aus Brooklyn eine Möglichkeit, die Vorfahren zu ehren. Indem Kinder nach ihnen benannt werden, wird ihr Andenken bewahrt. Auch Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erinnert an die Bedeutung der Nennung der Namen der Toten im Judentum. Komme doch im Namen die Seele und Offenbarung eines Menschen zum Ausdruck. Das „Jiskor-Gebet“ gedenke der verstorbenen Verwandten namentlich. Aus einem Vers des Propheten Jesaja leitet das bekannte Institut in Jerusalem zum Andenken an die Opfer der Schoa seinen Namen ab: Yad Vashem.
 

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