Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 51/2025 vom 17. Dezember 2025
Liebe Frau Andrea,
letztens habe ich in einem Buch die Redewendung „Schindeln am Dach“ gelesen und war sehr überrascht, da ich das davor nie außerhalb meiner Familie gehört habe. Zu uns wurde das als Kinder immer gesagt, wenn wir in einen Raum kamen, wo die Erwachsenen gerade über Dinge sprachen, die für Kinderohren nicht bestimmt waren. Ich konnte leider nichts zur Herkunft der Redewendung finden. Können Sie mir da weiterhelfen?
Liebe Grüße,
Hannah Diethard, per Email
Liebe Hannah,
die von Ihnen erinnerte Redewendung ist im bairisch-österreichischen Sprachraum gebräuchlich, wenn auch eher im ländlichen, denn urbanen Raum. Sie zirkuliert auch in der Form „es seien Schindeln unterm Dach“. In der Regel sind Kinder gemeint. Die Metapher bezog wohl ursprünglich alle ein, die an einem Gespräch nicht zuhören sollten. Die gängigen Wörterbücher heimischer Ausdrücke und Wortbildungen kennen die Redewendung, liefern aber keine Erklärung. Das wundert nicht, kommt die Metapher doch aus ganz anderem kulturellen Zusammenhang als dem heimisch-bäuerlichen.
Die Freimaurerei, insbesondere die englische, kennt das Amt des Tylers, als jenes, in sämtliche Geheimnisse eingeweihtes Mitglied, das für die Deckung der Loge zu sorgen hat, dass also nichts vom Tempelgeschehen nach draußen dringe. In Zeiten, in denen humanistische Zusammenkünfte als staats- und klassengefährdend kriminalisiert wurden, war Geheimhaltung von essentieller Bedeutung. Wieso aber nannte man den Schutzbefohlenen der Arkana Dachdecker? In masonischen Kreisen zirkuliert dazu die Erklärung, dass die Metapher darauf referiert, dass sich ungebetene Zuhörer aufs Dach legten, eine Schindel (oder mehrere) abhoben, um Einblick in das Geschehen zu erlangen. Der Tyler (Dachdecker) sorgte also dafür, dass sämtliche Schindeln und damit die sogenannte Deckung gewährleistet war, die maurerische Arbeit in Sicherheit ablief.
Von unserer Redewendung stark abzugrenzen ist der Ausdruck „nicht alle Schindeln am Dach zu haben“ was synonym dafür ist, „nicht alle Tassen im Schrank zu haben“. Neuerdings „fährt der Lift“ bei den so Bezeichneten „nicht ganz nach oben“.