Weisat und Wäschpaket

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 49/2025 vom 3. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
eine liebe Nachbarin im Salzkammergut weiht mich Zugezogene laufend in oberösterreichische Mundart ein. Letztens beim Kaffee hat sie zur Einkaufsliste dazu geschrieben: Waiset kaufen. Meine ratlosen Blicke haben sie erklären lassen, dass ein Kind geboren wurde und es Brauch ist ein „Waiset“ zu bringen. Kinderlos kenne ich mich mit Brauchtum bei Neugeborenen nicht wirklich aus. Gibt es ein österreichisches Brauchtum bei Geburten? Hat ein „Waise“’ mit Waisenkinder zu tun? Haben Sie eine Erklärung dazu?
Ganz liebe Grüße aus Ohlsdorf,
Helga Komposch, per Email

Liebe Helga,

das Weisat oder Weisert ist ein Geschenk bei besonderen Anlässen. Das Wort hat sich in der heutigen Schriftsprache nicht erhalten. Es kommt vom althochdeutschen wisod, abgeleitet vom Zeitwort wison (weisen), soviel wie besuchen (und dabei ein Geschenk machen). Nach anderer Deutung soll es vom lateinischen „visitare“ (besuchen) kommen. Im Mittelalter war das wisat, wisot, wisoede ein freiwilliges Feiertags-Geschenk für Kirche oder Grundherrn – zu Ostern Eier, zu Pfingsten und Weihnachten Käse. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich das Wisat, Weisat vor allem in Süddeutschland und Österreich zum Brauch für Pat·innen, Müttern und ihrem Neugeborenen in den ersten Tagen nach der Geburt stärkende Speisen mitzubringen. Huhn für eine kräftige Suppe, Eier, Brot, Kaffee, Zucker, Wein. Sublim schwingt dabei die biblische Weihnachtserzählung mit, in der die drei Weisen aus dem Morgenland Geschenke für das neugeborene Jesuskind mitbringen, Gold, Weihrauch und Myrrhe. So schön es auch wäre, die Weisen aus den Evangelien haben keinen sprachlichen Einfluss auf die Bezeichnung Weisat genommen.

Wiener Mütter erinnern sich an das legendäre Wäsch(e)paket, 1927 vom sozialdemokratischen Gesundheitsstadtrat Julius Tandler als kostenlose „Erstausstattung“ für Neugeborene eingeführt. Es wurde 1934 von den Austrofaschisten abgeschafft und erst nach dem Krieg wieder etabliert. Heute überreicht die Stadt Wien bei Vorlage des Eltern-Kind-Passes die weisatartige Säuglingsausstattung in Form eines Wickelrucksacks für werdende oder junge Eltern.


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Ein Gedanke zu „Weisat und Wäschpaket“

  1. Im Tiroler Unterland, um Rosenheim und im Chiemgau, gibt es in den Dörfern noch den Gebrauch des „Weissertweggens“ als Geschenk zur Geburt eines Kindes. Ein grosses längliches Weißbrot – Weggen – und zwar in doppelter Länge der Länge des Neugeborenen für ein Mädchen und in dreifacher Länge für einen Buben. Beschenkende sind meist aus dem männlichen Freundeskreis des frischgebackenen Vaters, etwa seine Feuerwehrfreunde.

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