Advent

Als ich ein Kind war, im Nonneninternat der Schulschwestern verdingt, war alles katholisch. Die Gespräche, deren Inhalte, die Geschichten, die von Bestrafung, Sünden, Vergebung und Heil handelten. Sogar das Denken war unter Beobachtung gestellt. Sobald die Nächte länger wurden, die Welt dunkler, tat sich Hoffnung auf. Weihnachten! Der Geschenkeflug des Christkinds. Advent hieß die Zeit, in der wir eingestimmt wurden auf das edle Weihnachtsfest. Advent, erklärten die Schwestern, sei lateinisch und bedeute Ankunft. Und die einzige Ankunft, die es für sie gäbe, fände nicht am Bahnhof statt, sondern in den Herzen der Guten, sei die Ankunft des Herrn. Damit wir eine Vorstellung von der Länge des Wartens auf den Ankömmling hatten, ein vorfreudiges Hinsehnen, hatten sie einen riesigen Adventkranz aufgehängt. Über der Treppe des Eingangs. Alle Tannen Wiens hatte man aufgeboten, um ihn zu flechten, hieß es. Aus dem Wachs aller Bienen des Landes hatte man Kerzen gezogen. Kurz, nichts war schöner, edler, kostbarer, katholischer als der Weihnachtskranz in meiner Volksschule. Seine Lichter wurden von Engelshand entzündet. Nie sah ich sie brennen, denn Sonntags waren wir nicht in der Schule. Aber die angebrannten Dochte sahen wir, Beweis für das Fortschreiten der Ankunft! Nichts war katholischer als dieser enorme Adventkranz mit seinen drei roten Kerzen und der einen rosafarbenen.

Erst viel später sollte ich erfahren, dass der Adventkranz eine Erfindung war. 1839 in die Welt gebracht. Von einem evangelisch-lutherischen Theologen im evangelischen Hamburg. Der erste Kranz war übrigens ein Wagenrad.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. November 2025.

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