Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 38/2025 vom 17. September 2025
Liebe Frau Andrea,
jetzt stehe ich mit 60 in dem alten Stadl, den ich sanieren möchte und bin verdutzt. In meinem Kopf ist ganz klar, wie es werden soll, doch meine Hände folgen den planerischen Vorgaben sehr selten. Seltsamerweise bin ich mit dem Alter nicht geschickter geworden und auch nicht stärker. Das Handwerk ist schwierig mit zwei linken Händen und mangelnder Kraft. Für manche Aufgaben bräuchte es richtig starke Männer, die ordentlich was weiterbringen. Richtige Tschinnäula. Aber nachdem ich nicht einmal weiß, wie man das schreibt, werde ich auch schwer welche finden. Können Sie mir bezüglich der Bedeutung des Wortes weiterhelfen?
Herzlichst und müde,
Ingo Fellinger, per Email
Lieber Ingo,
leider kann ich keine richtigen „Tschinnäula“ zur Stadlsanierung vorbeischicken, wohl aber wird es gelingen, Licht in die Herkunft und die Schreibweisen der starken Männer bringen. Aufs erste wäre man versucht, an die Wiener „Tschinelle“ zu denken, die beidseitige Watsche (oder Stereo-Ohrfeige), mit breiten Handflächen appliziert. Die Tschinelle erfährt ihre Wörtlichkeit vom gleichlautenden marschmusikalischen Schlaginstrument aus zwei tellerförmigen Beckenscheiben. Die italienischen cinèlli oder cinèlle, ursprünglich in der Janitscharenmusik verwendet, sind eine Abkürzung von bacinello, kleines bacino, Becken.
Sind die Tschinnäula also schlagbereite Marschmusikanten? In den österreichischen Industriegebieten zirkuliert neben Tschinnäula, Tschineller, Tschineuler insbesondere der Begriff Tschinagler. Damit wurden und werden die Schwerstarbeiter in der Stahlindustrie, die Bergmänner und sonstige kräftige Männer bezeichnet. Manche Wörterbücher bemühen das ungarische „csinál“ (machen, anfertigen) als Herkunft der Tschinagler. Tatsächlich kommt unser Begriff, wie so vieles, aus dem Rotwelschen, wo „Schinagole“ den Karren, Schubkarren bezeichnet. Die Etymologie vermutet das hebräische „schin“, akronymisch für schlimm, schlecht, und āgālāh (Wagen) als Urprung des Wortes. Mit „schlimmer Wagen“ wurde der Schubkarren verschlüsselt. Sein Bediener, der Schinaggier, Schinagler war der hart schuftende Karrensträfling.