O Schreck, ein Spreck!

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2025 vom 10. September 2025

Liebe Frau Andrea,
Im Lokal „Roter Hiasl“ fiel mir ein Ausspruch meiner Großmutter im Jahr 1975 ein. Mein gerade geborener Bruder sollte einen Namen bekommen und ich schlug Matthias vor. Worauf meine Oma (Jahrgang 1908) abwehrend meinte: „Jeder Hiasl hot an Spregg“. Der Name kam also nicht infrage, kein Kind sollte so einen Namen tragen, da würde er ständig damit gehänselt werden. Mein Vorschlag war vom Tisch, er wurde Leopold genannt. Die Geschichte hat sich übrigens im nördlichen Weinviertel zugetragen. Jetzt bin ich gespannt, ob Sie dazu irgendetwas sagen können, was dieser Spreck oder Spregg (oder so ähnlich) bedeuten könnte?
Liebe Grüße,
Brigitta Beile, Wien Donaustadt, per Email

Liebe Brigitta,

viele Sprichwörter beginnen ihre Karriere lokal. Und manche bleiben auch dort, dem Ort verhaftet, und der Zeit ihrer Entstehung. Im Falle Ihrer großmütterlichen Namensangst gibt es dennoch reiche wortgeschichtliche Information. „Hiasl“ ist bekanntlich die bairisch-österreichische Kurzform des Heiligennamen Matthias, der, wie die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, nach dem Tod des Judas Iskariot zum zwölften Apostel aufrückte. Wegen der großen Verbreitung unter der bäuerlichen Bevölkerung wurde „Hiasl“ zum Spottnamen für den einfältigen, unbedarften Menschen. Die sehr ähnlich lautenden Synonyme „Hiafla“ (vom Huf der Tiere), und „Hiabla“ (jemand mit Hieb, Dachschaden) haben gewiss mitgewirkt, den Rufamen Hiasl zu diskreditieren.

Wie aber kommt der Hiasl zum Spreck? Das Wort zirkulierte schon früh als Bezeichnung für den Fleck (auf der Haut oder auf dem Fell), die Etymologen leiten es von einem indoeuropäisch erschlossenen *sper- *sprei- (soviel wie streuen, säen, sprengen, spritzen) und protogermanisch *sprekla-, Fleck ab. Das Althochdeutsche kennt fleckig als „sprehhiloht“, das Mittelhochdeutsche als „spreckeleht“. Aus dem Sprëckel, Spreck wurde später der Fehler, Makel und schließlich die kognitive Behinderung. 

Der hierorts nicht mehr geläufige Spreck ist im Englischen täglich in Gebrauch. Die anglosächsische Sprachwelt bezeichnet mit „spreckle“ noch immer den ganz normalen Fleck. Der Hiasl ist dort allerdings unbekannt.


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