Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 36/2025 vom 3. September 2025
Liebe Frau Andrea,
ich darf Ihnen im Namen meines Vaters dieses E-Mail übermitteln: Mit meinen 83 Jahren habe ich schon oft ein „Vaterunser“ gebetet. Da gibt es den Satz: „Gebenedeit sei dein Name.“ Dieses Wort verstehe ich nicht. Meine Frage: Kann ich gebenedeit werden und was ist das eigentlich, woher stammt der Begriff?
Bis zum nächsten Gebet freundliche Grüße,
Manfred (Vater) und Thomas (Sohn) Schreiner, Felixdorf, Niederösterreich, per Email
PS: Bin durch meinen Sohn zu Ihrer Kolumne gekommen – sie ist sehr gut!
Lieber Manfred, lieber Thomas,
das Vaterunser (lateinisch Pater noster) ist einer der bekanntesten Texte der Bibel, es gehört mit den Zehn Geboten zum Grundwissen der christlichen Religionen. Das Neue Testament überliefert es in zwei nahezu identischen Fassungen, eine im Evangelium des Matthäus, die andere in jenem des Lukas. Im Erinnungsschatz katholisch sozialisierter Menschen ist das Gebet schon durch die Kultur der mechanischen Wiederholung in der Messe tief verankert. „Gebenedeit“ kommt allerdings nicht vor. Über das seltsame Wort stolpern Katholiken in einem anderen Gebet, dem Ave Maria oder „Gegrüsset seist du Maria“. Der erste Teil dieses Gebets stammt ebenfalls aus dem Lukasevangelium. Dort (Lk 1,28) verkündet der Erzengel Gabriel Marien, dass sie den Sohn Gottes gebären werde: „Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“. Kurze Zeit später (Lk 1,41f) besucht Maria ihre ebenfalls schwangere Verwandte Elisabeth. Die wird vom Heiligen Geist erfüllt und ruft Marien zu: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Das Gebet hat, anders als die Bibelübersetzung Luthers, in der Passage „benedicta inter mulieres“ (gesegnet bist du unter den Frauen) das viel ähnlichere „gebenedeit“ bewahrt. Ist doch das mittelhochdeutsche „gebenedeit“ nichts anderes als die lautliche Übertragung von „benedicta“, soviel wie „man spricht gut über sie“.
„Gebenedeit“ ist außerhalb des Gebets nicht mehr in Gebrauch. Nicht so sein Gegenteil, das Schlechtbesprochene. Es zirkuliert noch immer als „vermaledeit“. Fixlaudon!