Über die Schwärmerei

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 35/2025 vom 27. August 2025

Liebe Frau Andrea,
mein Schwärmen für Ihre Kolumne hat sich inzwischen so weit herumgesprochen, dass ich schon mitleidig gefragt werde, ob ich denn überhaupt wüsste, woher der Begriff „schwärmen“ komme, was er bedeute, und wie man ihn korrekt verwende. Meine ehrliche Antwort: natürlich nicht. Aber ich tröste mich, im Schwarm der Fragenden ist es um die Kenntnis nicht besser bestellt. Also wende ich mich vertrauensvoll an Sie. Ich ahne schon, dass Ihre Erklärung nicht etwa meine Schwärmerei bremst, sondern ihr fröhlich frische Flügel verleiht.Vielen Dank und freundliche Grüße,
Erich R. Hoffmann, Liesing, per Email

Lieber Erich,

mentalitätsgeschichtlich führt Sie Ihre Leidenschaft in die Zeit des Sturms und Drangs. Dort möchte ich Sie mit einer zeitgenössischen Reflexion abholen. So schreibt der passionierte Melancholiker und Kantschüler Daniel Jenisch 1787 im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, der ersten psychologische Zeitschrift in Deutschlands den luziden Beitrag „Über die Schwärmerey und ihre Quelle in unseren Zeiten“. Die aufklärerische Erfahrung der kalten Vernunft, so Jenisch,  habe zu einem Übergewicht der „untern Seelenkräfte“ geführt, die „wie eine Art von Verschwörung wider die obern, wider Vernunft und Urtheilskraft angesehen werden“ könnten. Den Schwärmer benennt Jenisch als gesteigerte Variante des unkritischen Metaphysikers. Mit Hilfe seiner Einbildungskraft versinnlichte dieser die Vernunftideen.

Die Konjunktur der Schwärmerei in der Spätaufklärung darf als Reaktion auf ein menschliches Grundbedürfnis verstanden werden, das die Philosophie der Zeit nicht mehr befriedigen konnte. Befriedigt werden kann hier allerdings das Bedürfnis nach dem etymolgischen Aspekt des Schwärmens. Das Althochdeutsche kannte noch den lautmalerischen „swarm“, aus germanisch *swarma, der den Taumel, aber insbesondere den summenden Bienenschwarm bezeichnete. Als verwandtes Schallwort gilt das Schwirren, anordisch sverra, wirbeln. In der Reformationszeit werden die Sektierer abschätzig als Schwärmer, Schwarmgeister bezeichnet. Das Wort erfährt erst später die positive Bedeutung des glücklichen Fans und fernörtlichen Verehrers.

Die Autorin dankt!


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert