Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2025 vom 20. August 2025
Liebe Frau Andrea,
meine Mutter verwendete immer das Wort raumlig („du bist raumlig um den Mund“), wenn ich nach dem Essen oder generell keinen ganz sauberen Mund hatte bzw. rund um den Mund also raumlig war. Meine Kinder lachen mich aus, das Wort gibt es nicht. Können Sie mir weiterhelfen?
Lieben Gruß,
Manuela Gutmeyr, Graz, per Email
Liebe Manuela,
in einem erstens Verstehensversuch läge es für Hochdeutsch Sprechende nahe, das Adjektiv „raumlig“ mit dem „Raum“, dem „Räumlichen“ in Verbindung zu bringen. Was aber hätte die Bezeichnung für eine örtliche Ausdehnung mit Essensresten zu tun? Hat es womöglich mit dem Mundraum zutun?
Auf die richtige Fährte bringt uns die Stadt, aus der Sie schreiben. In der Steiermark wird nicht gefallen, sondern gefaullen, im Gausthaus wird nach dem Essen gezauhlt, am grünen Rausen rollt der Baull, die Laterne steht am Straußenraund. Außerhalb der grünen Mark wären Kinder nach dem Essen demnach nicht raumlig, sondern ramlig, rammlig. Das Bild wird klarer, denn den Rammel kennen die Wienerinnen und Wiener und manche dazwischen als das getrocknete Nasensekret, bundesdeutsch den Popel. Dies oder das habe nur einen Nasenrammel gekostet, sagt der Volksmund, wenn etwas günstig erworben wurde. Wie aber kommt der Rammel an den Mund? Und wieso beim Essen?
Noch Anfang des letzten Jahrhunderts kannte man als „Raml“ auch die in den Kochgeschirren angetrockneten Speiseteile. Ältere Lexika schreiben das Wort noch Rame (ganz wie Rammel im Bairisch-Österreichischen ausgesprochen wird), kommt es doch vom mittelhochdeutschen „rām“, Schmutz, Ruß, und dieses vom gleichbedeutenden germanischen *rēmi-, *rēmiz. Das Wort hat sich in unserem Rahm (bundesdeutsch: Sahne) erhalten, wurde der fettreiche Teil der Milch doch ebenfalls als sich ansetzende Schmutzkruste verstanden.
Der Bedeutungsinhalt rußig, schwarz hat sich in anderen Begriffen sedimentert. So hieß der Hofhund mit schwarzem Maul „Rammel“. Desgleichen das schwarze Schaf und ganz unwoke das dunkelhaarige Mädchen oder die vagante Dame von feurigem Temperament und rabenschwarzem Haar: „A liaba Ramme“ oder „a wüüda Ramme“.