Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 33/2025 vom 13. August 2025
Liebe Frau Andrea,
während einer Unterhaltung in unserer mehrsprachigen Verwandtschaft ist uns ein Kuriosum aufgefallen. Meines Wissens nach sagen lediglich die Deutschen als Sprachendefinition: „die deutsche Sprache“. Alle mir bekannten und verwendeten Sprachen: Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch, Italienisch, Russisch und Englisch verwenden den Ausdruck „slovensky jazyk“ für slawische, „la lingua italiana“ für romanische Sprachen und sogar die ural-altaische Sprache der Ungarn sagt: „Magyar nyelv“, was in der wortwörtlichen deutschen Übersetzung als „ungarische Zunge“ sicherlich ungewohnt, wenn nicht gerade lustig klingt. Auch die englische Mischkulanz-Sprache der keltischen, anglosächsischen und normannischen Idiome verwendet den Ausdruck „language“, Zunge. Meine Frage: Seit wann verwendet das Deutsche diesen Ausdruck? Seit Luther? In meinem philologischen Bücheregal habe ich umsonst gesucht.
Ich hoffe, Sie können Sie mir helfen. Vielen Dank,
Ladislaus Toth, per Email
Lieber Ladislaus,
die Sprache, althochdeutsch „sprāhha“, westgermanisch *sprækō ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und damit weit älter als Martin Luthers Bibelübersetzung. Es gilt als Abstraktbildung zu sprechen und ist wohl lautmalerischen Ursprungs, kannte doch das Altnordische „spraka“ noch als Bezeichnung für das Knistern und Prasseln. Immerhin hat das Englische (unter Verlust des r) das Wort in speak (sprechen) und speech (Rede) behalten.
Dass Körperteile und Sinnesorgane zu Bezeichnungen für Wahrnehmungs- und Kommunikationsvorgänge werden, gibt es auch im Deutschen. Etwa wenn wir sagen, wir hätten „ein Auge“ auf, oder eine „Nase“ für etwas. Das Lateinische (und damit die romanischen Sprachen, aber auch das Englische) verwendet(e) für Sprache nicht nur lingua, sondern (unter anderen) sermo, oratio, vox, locutio, idioma.
Das Wienerische kennt zwar die Schbrooch (die Sprache) und die Dsung (Zunge), gesprochen aber wird hier nicht, sondern gredt (geredet), blauschd (geplauscht), drodschd (getratscht) und einedruggd (reingedrückt).