Die österreichischen Stadtmusikanten

Was wenig zivilisierte Gegenden als Tumult, als Aufstand, als Revolte kennen (besser zivilisierte als Debatte), bezeichnen wir in Österreich als „Gschraa“. Das Gschraa erinnert an das hochdeutsche Geschrei, hat aber nichts mit diesem zu tun. Gibt es irgendwo in Österreich ein Geschrei, sagen wir: „Jemand wird laut“. Wer auch immer laut wird, wird es nur kurz. Dann fliegen die Wirtshaussesseln und dann die Watschen.

Anders beim Gschraa. Es ist die österreichische Version des öffentlichen Diskurs‘. Wir kennen den Begriff aus Sätzen wie: „Im Internet gibts wieder a Gschraa über… (es folgt das Thema)“. Auch in Zeitungen mit Neigung zu fetten Überschriften findet regelmässig ein Gschraa statt. Lautlos, wenn auch bunt. Wer vom Gschraa berichtet, weist darauf hin, selbst nicht involviert zu sein. Auf Anfrage wird ein Gschraa-Kolporteur eine ausführliche persönliche Einschätzung der Dinge zum Besten geben, verbunden mit der Ansage, er, sie sei ja garnicht gefragt worden.

Das Gschraa erregt die Gesellschaft als Ganzes. Die Debatte um Zwentendorf war ein großes Gschraa. Hainburg war eines. Das Lichtermeer. Momentan löst die Impfung das Gschraa aus.

Ganz gegen seine etymologische Herkunft ist das Gschraa immer leise. Als Abfahrtsmogul Karl Schranz 1972 von den Olympischen Winterspielen in Sapporo ausgeschlossen wurde, fand das Gschraa am Straßenrand statt. Hunderttausende säumten Schranzens Fahrt zum Heldenplatz. Still, einer Trauerkundgebung gleich.

Nie war es so leise in Österreich.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28. August 2021.

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