Himmel, Arsch, Zwirn und de Sade

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 46/2020 am 11. November 2020.

Liebe Frau Andrea,
aufgrund der aktuellen Situation hab ich mir aus meinem Hörbucharchiv diese, na ja, ein bisschen verruchte Geschichte von Herrn MdS wieder mal angehört. Was bitte, hat neben Himmel, A… und „Zwirn“ dieser zu bedeuten?
Liebe Grüße aus Linz
Helmut Strasser, per Email

Lieber Helmut,

sie hörten gewiss eine deutsche Übersetzung der berühmten pornographisch-philsophischen Erziehungslektüre „La Philosophie dans le boudoir“ (deutsch: Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister). Das Werk erschien 1795, empfiehlt sich den Müttern pornographiebedürftiger Töchter und stammt aus der Feder von Donatien Alphonse François, Comte de Sade, genannt Marquis de Sade.

Wie kommt der Zwirn in den Sade? Und wo im erwähnten Werk finden wir ihn? Der Libertin Dolmancé schwärmt während einer Fellatio-Episode vom „köstlichen Mund“, der so gut sei, „wie der hübscheste Arsch!“ Die Passage gipfelt im Fluch „o heiliger Gott! Himmel, Arsch und Zwirn!“ Im französischen Original lautet die Passage „ah sacredieu! foutredieu!“, holpriger übersetzt mit „Heiliggott, Fickengott“. Dem blasphemischen Ausruf fehlt bei de Sade also jeglicher Zwirn. Sehen wir uns an, wie und warum sich der Zwirn im Deutschen zu Himmel und Arsch gesellt. Zwirn ist die Verdrehung zweier Fäden zu einem festeren Strang. Himmel und Arsch als blasphemische Verbindung des Heiligen mit dem Unheiligen bedarf wenig Erläuterung. Sprichwortkundige kennen als drittes Element neben dem Zwirn auch den Wolkenbruch. Zwirn und Regenguss aber haben nur eine gemeinsame Verbindung: Die urogenitale. Der Wolkenbruch ist wohl der Durchfall oder das Miktionsereignis. Der Zwirn könnte als sexuelle Verdrillung verstanden werden.

Eine dritte Etymologie sieht lautmalerische Bezüge zum Sprichwort „Arsch und Friedrich“. Beide finden sich in einer Geschichte, die in der Zimmerischen Chronik beschrieben wird. Unser Zitat fällt in einer Audienz bei Kaiser Friedrich III. Ein gewisser „graf Hainrich von Hardek“ will „ein schöne redt thon“, vergeigt aber den deklamatorischen Auftritt und bekennt unverhohlen: „Es reimpt sich das gar nit, so wenig, als ars und Friderrich.“


comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

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