Halloween

Das Fest der lebenden Toten, ein Importbrauch aus dem Irokeltisch-Anglosächsischen, modifiziert und perfektioniert im umsatzsüchtigen Amerika, dient als ideale Projektionsfläche für Übertreibungsphantasien. Auf diesem Feld kennen wir uns aus.

Als zentrales Symbol des Herbstfaschings gelten die schaurig-lustigen Kürbisköpfe. Überall liegen sie herum, überall werden sie ausgestellt. Sie wollen mit Größe imponieren, wenn das nicht geht, mit schierer Anzahl, und wenn auch das misslingt, wollen sie den Nachbarkürbis mit der Originalität des eingeschnitzen Gesichtes übertreffen.

Halloween hat zu Österreich gefunden und Österreich zu Halloween. Der Kürbis ist das Osterei des Herbstes, übertroffen nur vom Weihnachtsbaum. Konnten die einheimischen Feste Allerseelen und Allerheiligen nur die Friedhofsblümchenindustrie beglücken, gilt Halloween als Freudenfest für den Handel. Es vereinigt Erntedank mit Horror, Spiritualität mit Ökonomie. Damit ist es ein zutiefst österreichisches Fest. Bataillone von schaurig Verkleideten ziehen von Tür zu Tür und betteln um Süßigkeiten. Werden diese verweigert, setzt es Bosheiten. Es begegnen einander lebende Tote und tote Lebende. Alt und neu, neu und alt.

Wir sind direkt im Eingemachten gelandet, bei der österreichischen Parteipolitik. Juvenile Erweckte mit alten Genen (Türkise) treffen auf auferstandene Dauerjunge (Grüne), ewiggestrig Dahinmodernde (Blaue) auf Dahinscheidende mit Wiederauferstehungsphantasien (Rote). Fehlt noch wer? Altkluge Frischlinge (Pinke) stehen ratvoll herum und verkünden mit heiterem Gesicht dunkle Warnungen.

Halloween.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 2. November 2019.

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