Fast alles über Man Bumping

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2019 zum 17. Juli 2019.

Liebe Frau Andrea,
Sie kennen das sicher auch. Alle Frauen kennen es. Man geht gemütlich am Gehsteig, es ist viel Platz, es kommt ein Mann und man weicht aus. Seit ich mir das bewusst gemacht habe, stelle ich fest: Es passiert immer. Es ist so würdelos. Große, Kleine, Alte, Junge, Machos, Nerds, alle erzwingen es. Wie kann man das ändern?
Liebe Grüße,
Stina Hamilton, Leopoldstadt, per Twitter-Direktnachricht

Liebe Stina,

die angesprochene Situation ist alltäglich und typisch für die Begegnungskultur der Geschlechter im öffentlichen Raum. Sie hat kulturelle Gründe und spiegelt das Revierverhalten männlicher Individuen wieder. Die britische Historikerin Dr. Charlotte Riley, Lektorin an der Universität Southampton forscht darüber und nennt die feministische Gegenstrategie „Patriarchy Chicken“. Andere kennen die sehr einfache Verfahrensweise, dem demütigenden Ritual des Ausweichens vor Männern zu entgehen, als „Man Bumping“. Wie funktioniert es? Ganz einfach: Bleiben sie bei der Begegnung mit einem Mann auf ihrer Bahn. Weichen sie nicht aus. Es wird nicht zu einem Zusammenstoß kommen. Kluge und höfliche Männer werden ihnen ausweichen, alle anderen werden vor ihnen stehenbleiben. Keine Angst, das Programm, das im revierbehauptenden Gegenüber abläuft, sieht keinen physischen Konflikt vor. Frauen, die diese Technik der Selbstbehauptung erfolgreich anwenden, berichten von spannenden Erfahrungen. Die Männer bleiben in der Regel wortlos stehen und warten ab. Das kann sich bis in Minutenlänge hinziehen. Falls Ihnen nach Kommunikation ist, sagen Sie sowas: „Hallo, Herr Mann. Sie wollen, dass ich ausweiche. Da wir die Hälfte der Bevölkerung stellen, weiche ich nur bei jedem zweiten Mann aus. Sie sind gerade ein zweiter Mann. Ich bleibe hier stehen, bis Sie ausweichen!“ Jetzt heißt es standhaft bleiben. Nach einiger Zeit wird der stehende Mann seinen ungleichen Kampf aufgeben und fluchend und Sie beschimpfend eine sehr große Kurve um Sie machen. Dann haben sie gewonnen. Falls sie tourettebegabt sind, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt für ausladene Kommentare. Introvertierte Frauen werden sich stiller freuen.
comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

4 Gedanken zu „Fast alles über Man Bumping“

  1. Sehr geehrte Frau Andrea Maria Dusl,

    zu Ihrer Glosse zu „Man Bumping“ habe ich etwas hinzuzufügen. Ein Lehrer lehrte mir einmal, es gebe zwei Wege, dagegen vorzugehen. Einmal, sich mit größerer Geschwindigkeit dem Gegenüber mit gesenktem Blick zu nähern (laufen, rascher gehen) – da fürchtet der oder auch die den Zusammenstoß – oder noch wirkungsvoller, einfach stehen bleiben (und sich laut schnäuzen, eventuell ausspucken). Kaum jemand bleibt dann auch stehen sondern weicht aus, fast alle haben es eilig. Sollte der Gegenüber trotzdem stehen bleiben, verwende ich eine einfache Ansage: „bei uns ist es üblich rechts zu gehen – das steht sogar in der Straßenverkehrsordnung“. Nach § 76 (2) der StVO gibt es im Bedarfsfall ein Rechtsgehgebot: „Fußgänger haben, wenn es die Umstände erfordern, rechts auszuweichen und links vorzugehen.“ Das ist zu wenig bekannt. Passiert selten, einmal wollte eine jüngere Frau unbedingt im Schatten gehen – ich aber auch. Letztlich gibt der Klügere nach.

    Ärgerlich finde ich, wenn ich bei einem Läufer von vorne oder hinten kommend oder beispielsweise einer Person mit Kinderwagen sogar auf die Fahrbahn ausweiche und es kein Wort des Dankes gibt. Ich bedanke mich immer, wenn mir jemand ausweicht. Einmal ist es mir passiert, dass mir an einem Tag zwei Läufer hier auf der Wilhelminenstraße und in der Braungasse für das jeweilige zur Seite treten gedankt hatten. Was ist heute los? hatte ich mich gefragt.

  2. Gegen „Man Bumping“ weitere Methoden bzw. Hilfsmittel, die ich empfehlen kann:

    1) Verwendung eines Stocks. Beispielsweise einen kräftigen Stock, wie ihn früher die Wandergesellen verwendet hatten, einen sogenannten Stenz. Diesen Stock beim Gehen kräftig und laut aufsetzen, so etwas hat niemand gerne im Mittelfuß und der Kontrahent weicht aus.

    Ich habe bei meinem Stock zusätzlich eine Fahrradklingel montiert, da glaubt jeder, das ist ein Verrückter, da halte ich Abstand. Die Klingel nützt auch beim Überholen. Beispielsweise werden zwei Kinderwagen nebeneinander geschoben, einer davon ist vielleicht ein „Doppeldecker“, daneben gehen gemächlich noch weitere Kinder und ein Hund. Da kommst du normal nicht vorbei. Dann gibt es noch die Touristen-Wackler, die verträumt in der Gegend herum schauen und die Pensionisten-Wackler, die meist mit einem größerem BMI (Body Mass Index) ausgestattet, ebenfalls formatfüllend zu zweit den Gehsteig entlang wackeln. Kurz geklingelt und sie streben auseinander, dann kann man den Überraschungsmoment nutzen und vorbei huschen.

    Mit dieser Ausstattung ist der Stock ein multifunktionales Produkt und mehrfach verwendbar. Beispielsweise in einem Lokal um die Bedienung auf sich aufmerksam zu machen. Analog ist besser als digital.

    2) Walking Sticks können ebenfalls hilfreich sein. So etwas hat niemand gerne auf seiner Zehe.

    3) Zwei Krückstöcke sind überhaupt unschlagbar. Ein Krückstock nützt nicht immer. Als ich nach einer Knieoperation mit zwei Krücken unterwegs war, wurde mir in den Öffis immer ein Sitzplatz angeboten. Später, mit nur einem Krückstock, dann nicht mehr. So ein Krückstock kann im Bedarfsfall auch bedrohlich noch vorne gerichtet werden.

    4) Hat man keine Stöcke jeglicher Art mit sich, hilft stehen bleiben, sich leicht bücken, an den Hintern greifen und so tun, als ob man einen Furz lassen wollte und mit den Lippen dazu blubbern. Oder gleich ein Furzkissen eingesteckt haben. Größere Ausweichmanöver kann man erwarten.

    Hoffe, das hilft.

  3. Ich muss noch etwas anmerken. Sicher sind die Frauen von dem Problem mehr betroffen als die Männer. Jedoch die Männer sind ebenfalls nicht davor gefeit. Ich mag aufgrund meiner Körpergröße beeindruckend wirken, aber nicht vom Körperumfang her und das ist mein Problem. Hilfreich ist für mich auch, wenn ich mir meinen weiß durchsetzten Bart wachsen lasse (ich bin 76), damit wird mir ab und zu auch ein Sitzplatz in den Öffis angeboten. Ohne Bart geht nichts. Auch ein Handikap der Frauen.

    Wenn ich jemand mit dem Stock am Fuß treffe, sage ich schon „Oh, pardon“. Entschuldigen muss man sich, das gehört sich so. Da ist die Furz-Simulation schonungsvoller.

  4. Nach einer Umfrage per E-Mail bei Freunden wurde mir noch genannt:

    „Zähne fletschen“, „Starr blicken“ (wirkt nicht immer)
    oder das Gegenteil, das Gesicht zuckend verziehen und/oder mit den Armen abrupte Bewegungen ausführen, wie ein humanoider Roboter bzw. wie ein Epileptiker.

    Ein Kollege aus Linz hat als problematisch erkannt, wenn man sich auf einem Weg mit einem trockenen Mittelstreifen bewegt und rechts und links ist nur Gatsch. Wenn dann noch eine höher gestellte Person (z.B. bei Militärangehörigen) entgegen kommt, dann wir das Behaupten der Position zur Mutprobe.

    Falls es angebracht ist, weiche ich natürlich auch entgegen der StVO nach links aus, bei Blinden, sehr Älteren, anderweitig Behinderten, Rollatoren, Kinderwagen, Kleinkindern und vor allem bei Hunden. Wenn ein entgegen kommender Hund links gehen will, so soll er das tun. Hierorts gibt es viele Hunde, nur zwei von unterschiedlichen Besitzerinnen (warum nur von Frauen?) finde ich ganz toll, die bleiben an den Gehsteigkanten von selbst stehen und gehen nur nach Kommando weiter. Die meisten anderen hingegen sind unerzogene Kläffer. Deren Besitzer(innen) haben bei einem Aufeinandertreffen das Problem zu lösen, wer wechselt zuerst die Straßenseite? Manche Hundeführer(innen) gehen im Zickzack die Straßen entlang. Unlängst wollte ein Herr mit Hund in die Baumeistergasse abbiegen. Der Herr wollte rechts abbiegen, der Hund links. Dann sind sie links abgebogen. Da ist man machtlos.

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