Wir erinnern uns alle an diesen einen Schulkollegen, der sich mit Füllfederntinte „Alice Cooper“ in den linken Unterarm stach. Oder den mit „Trixi forever“. Und vielleicht waren wir ja selbst der Schulkollege mit der Botschaft aus der Schönschreibfeder.
Die Lust an der Tätowierung greift früh nach den Österreichern. Wir sind Schmerz gewohnt, kennen ihn aber nicht. Im Kampf gegen die Verwechselbarkeit unserer Erscheinung gewinnt immer die Verwechselbarkeit. Wenn es 27 Josef im Dorf gibt (die auch alle verwandt sind mit einander), kann der Adler am Oberarm den entscheidenden Unterschied markieren. Oder das Markenzeichen vom Lieblingsmoped.
Wenn der Sommer seinen heißen Atem ausstößt, und die Temperaturen nach Abkühlung im Bad rufen, packt Österreich aus, was es hat. Längst ist es nicht mehr nur die symmetrische Arabeske im Lumbalbereich, umgangssprachlich mit dem Vulgarismus Arschgeweih bezeichnet. Familienväter zeigen die Portraits ihrer Erst- Zweit- und Drittgeborenen, dezent im Stil des Pointilismus gehalten. Jungvolk kuratiert tribale Musterästhetik (kompatibel mit allen Formen von Metallmusik) oder showcased die farbige Bilderzählung. Hier treiben Schlangen, Totenköpfe, Messer und brennende Herzen (Männer), oder Schmetterlinge, Libellen und Kolibris (Frauen) ihr polychromes Unwesen.
Bei all der Schönheit wollen wir nicht vergessen, dass es auch Österreicherinnen und Österreicher gibt, die ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Tätowierungen haben. Sie wurden ihnen in Auschwitz gestochen.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 13. Juli 2019.