Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 43/2018 zum 24.10.2018.
Liebe Frau Andrea,
mein >Freund erzählt, die U-Bahn-Kontrollore wäre früher alle Schaffner und Säulenflüsterer gewesen. Was bitte ist ein Säulenflüsterer?
Lisa-Marie Stotzinger-Fürnhelm, per Email
Liebe Lisa-Marie,
die Welt von Bim, Bus und U-Bahn kennt nur einen Offizial, den Fahrer. Schaffner und Schaffnerinnen sind längst ausgestorben. Als „Pendelschaffner“ hantelten sie sich einst an ledernen Klingelsignalzügen durch den Wagen, als „Sitzschaffner“ thronten sie auf erhöhtem Sitz bei der hintersten Tür. Nach der typischen Handbewegung hießen sie auch „Zettelzupfer“. Sie „zupften“ die Fahrscheine vom Fahrscheinblock, um sie mit ihrer schweren und signifikant klappernden „Makozange“ (Makierzange) zu „zwicken“ (zu markieren) und dem Fahrgast gegen Schilling- und Groschenmünzen auszuhändigen.
Mit dem Begriff des Zettelzupfers verbindet sich noch heute der Fahrscheinkontrollor, der als „Schwoadskappla“ (Schwarzkappler, wegen der Farbe der Dienstmütze) gefürchtet war, Fahrscheinkontrollen aber längst in Zivilkleidung durchführt. Erkenntlich sind Mitglieder diese Truppe, die sich ursprünglich aus ehemaligen Schaffnern rekrutierte, dennoch. Das verräterische Grußnicken beim Einfahren eines Zuges und das Mitführen der „Schwuchtelschleuder“ (Herrenhandtasche), jenes Dienst-Accessoire, aus dem sie Erlagscheine zupfen, wenn ein Schwarzfahrer die Mehrgebühr nicht bar berappen kann, weist sie als „Zivükappla“ aus.
Ein ausgestorbener Kollegenstand der Zivilkappler waren die Zugbegleiter der ehemaligen Wiener Stadtbahn, die „Säulenflüsterer“. Sie führten Durchsagen in den Haltestellen durch, indem sie eines der krächzenden Mikrophone benutzten, die an den gusseisernen Säulen der Bahnsteigdächer angebracht waren. Das sah für Beobachtende so aus, als würden sie der Säule irgendein Arkanum zuflüstern. Die Abfertigungskommandos der einsamen Nuschler waren geheimnisvoll, aber eindrücklich: „Segfedeb“ (Zug fährt ab), „Segwedebwefeed“ (Zug wird abgefertigt) und „Deensslesn, Echtengebfed“ (Türen schließen, Achtung Abfahrt).
comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina
Ich finde der erwähnte Begriff für „Herrenhandtasche“ muss nicht durch Aussendung in einem Newsletter, den sehr viele Menschen lesen, reproduziert werden. V.a. da Sie ihn ja keineswegs kritisch verwenden oder darauf hinweisen, dass es sich beim Begriff um eine abwertende Beleidigung handelt. Ich persönlich möchte diesen abfälligen Begriff – egal ob es „nur“ eine Erklärung für einen Gegenstand (wie in diesem Fall eine Tasche) ist – weder hören noch lesen. Es macht mich traurig, denn geschriebene Wörter sind keine leeren Worthülsen, sondern rufen eine Resonanz hervor. Das Wort ist homophob und unangemessen, egal in welchem Kontext. Auch ein Text, in dem es vordergründig um Begriffserklärungen geht, kann frei von Homophobie sein und wäre ohne Erwähnung dieses Wortes genauso gut lesbar.
Sehr geehrte Frau Pointner,
ich bin Kulturwissenschaftlerin. Sprachforschung ist ohne genaue Wiedergabe zirkulierender und historischer Begriffe unmöglich.
Ich verstehe Ihre Empörung. Gleichwohl ist sie ein Angriff auf wissenschaftliches Arbeiten selbst. Bitte das zu bedenken.
Ich habe den von Ihnen inkriminierten Begriff in Anführungszeichen gesetzt, was bedeuten soll, dass ich den Begriff als historisch und kulturell konnotiert ausweise.
Ich bin weder Sittenwächterin noch Moralwartin.
Ich beobachte und erkläre Sprache.
Bitte um Verständnis.
Beste Grüße,
Andrea Maria Dusl,
Lesbe