Distinktionstextil Hubertusmantel

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 38/2018 zum 19.9.2018.

Liebe Frau Andrea,
Lukas Resetarits hat sich in seinem neuen Programm über die 70erjahre an ein vergessenes Kleidungsstück erinnert. Den Hubertusmantel! Wieso hieß der so?
Besten Dank!
Ernst Fröhlich, Lerchenfeld, per Email

Lieber Ernst,

die ungeschriebenen Bekleidungsvorschriften für bürgerliche Wiener Kreise sehen für die übergangszeitlichen Monate eine enge Auswahl an Mänteln vor: Die gürtellosen Trenchcoat-Varianten der britischen Marken Burberry und Aquascutum, den ruralen Dufflecoat und den König der Innenstadtmantillen, den hochgepriesenen Hubertusmantel. Er wird von Grafen und Comtesserln so gerne getragen wie von Antiquitätenhändlern und Hochstaplern. Der Lodenmantel in gedeckten Farben (Waldgrün, Moorblau, Schlossgrau) stammt vom langen Überrock des 17. Jahrhunderts ab und zeigt jagdliche Überreste wie den „Schießärmel“ samt Öffnung unter der Achsel und leicht vorstehendem Schultersaum, dem so genannten „Dacherl“. Weiteres Detail des echten Hubertusmantels ist die an der Kragenunterseite angeknöpfte Lasche oder „Mundspange“, die bei aufgestelltem Kragen Hals und Kinn abdichtet. Die drei prominenten Mantelknöpfe sind aus Leder geflochten. Hochgeschätzt ist die lange, hoch oben angesetzte Rückenfalte. Der Name des Mantels soll auf einen kolorierten niederländischen Schrotschnitt aus dem Jahre 1460 zurückgehen, der den knienden Sankt Hubertus in einem Textil zeigt, das just jene Faltenbildung aufweist, die dem heutigen Hubertusmantel eigen ist. Wahrscheinlicher ist der allgemeine Bezug auf den Jagd-Heiligen Hubertus von Lüttich (656-727), fürsorglichen Pfalzgraf am Merowinger-Hof und späteren Bischof von Masstricht, bekehrt an einem Karfreitag auf der Jagd, während der psychotischen Wahrnehmung eines prächtigen Hirsches mit einem Kruzifix zwischen den Geweihenden. Hubertus ist Schutzpatron der Jäger und Waldarbeiter, der Fallensteller und Büchsenmacher, Patron der Hunde und Helfer gegen Tollwut. Massanfertigungen des Hubertusmantel haben eine Innentasche zur Aufnahme eines Flachmanns, der je nach bürgerlicher Orientierung Weihwasser, Gin, oder Jägermeister spendet.

comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

Ein Gedanke zu „Distinktionstextil Hubertusmantel“

  1. Verehrte Frau Andrea,

    die üppig belegte Beschreibung des Hubertusmantels als klassisch bürgerliches oder pseudo-adeliges Kleidungsstück erfasst nur einen Teil des Phänomens. Ich erinnere mich an meine Jugend im Ottakringer Gemeindebau, da trug mein Vater im winterlichen Alltag meistens seinen Hubertusmantel, weil der offenbar warm und praktisch war; sich höheren Ständen anzubiedern, wäre meinem Vater garantiert nie in den Sinn gekommen. Mir gefiel er in dem grünen Mantel nicht, weil der eher bäuerlich wirkte, doch er war damit nicht alleine.

    Das belegt auch ein Blick ins übrigens wieder neu eröffnete Archiv der Arbeiter Zeitung, wo einige Inserate Hubertusmäntel bewerben, auch eines des durch und durch Kaufhauses Stafa, das damals zum sozialdemokratischen, und noch nicht heruntergewirtschafteten „Konsum“ gehörte: https://www.arbeiterzeitung.at/ausgabe/19590405a/23

    Mit freundlichem Gruß
    Robert W.

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