Im Narrensaum

„In wahrscheinlich jeder Reformbewegung, jeder fortschrittlichen Bewegung, ja in jedem Lebensbereich ist der Preis für die Vermeidung des Durchschnittlichen ein Inkaufnehmen des Extravaganten. Fortschritt ist dringend notwendig, dabei gilt es, die tote Hand, ja die versteinerte tote Hand der Reaktionäre abzuschütteln. Dabei müssen wir uns der Tatsache stellen, dass es unter den Proponenten einer Vorwärtsbewegung einen Narrensaum geben kann.“

Der Begriff des „Narrensaums“ wird gerne ins Treffen geführt, wenn es gilt, politische Entgleisungen am rechten Rand zu entschuldigen. Trotz oftmaligen Gebrauchs hat die Wendung ihren Ursprung nicht im Dritten Lager, sprich: Der FPÖ und allfällig mit ihr assoziierten Organisationen. Der Begriff kommt nicht einmal aus der Deutschen Sprache, sondern ist eine Übersetzung des englischen „lunatic fringe“. Sein literarischer Urheber ist der US-Präsident Theodore Roosevelt, Jr., er prägte den Begriff in einer Rezension über eine Ausstellung moderner Kunst in New York, die 1913 unter dem Titel „An Art Exhibition“ in seine Aufsatzsammlung „History as Literature“ aufgenommen wurde. In besagter Kunstausstellung sei dieser wahnsinnige Rand, so Roosevelt, voll sichtbar gewesen, besonders in den Räumen, die den Kubisten und Futuristen oder den Beinahe-Impressionisten gewidmet waren.

Der Ausdruck, ursprünglich als polemische Bezeichnung für eine modische Ponyfrisur in Zirkulation, ist im Englischen sprichwörtlich geworden. Für die Osmose des Begriffs im Dritten Lager sorgte 1992  Rolf Schlierer, Arzt, Jurist und Politiker der rechtskonservativen bundesdeutschen Kleinpartei der Republikaner. Der verwendete den Begriff schon damals als taktische Distanzierung der eigene Position (am rechten Rand) gegenüber extreme(re)n Strömungen. Implizit dient der Hinweis auf einen Narrensaum der Verharmlosung und Legitimierung des eigenen politischen Standpunkts. Kubismus, Futurismus oder doch schon Beinahe-Impressionismus? Oder nur die tote Hand?

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 10.2.2018.

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