Der Wutwähler

Heinz-Christian Strache, genannt Hazeh, hat sich eine Brille zugelegt und das sardonische Lächeln der Frühpensionierten. Frank Stronach hat sich enttäuscht aus der Politik zurückgezogen, sein Fähnlein Fieselschweif hat weder Gegenwart noch Zukunft. Die NEOS geben sich staatsräsonistisch und empfehlen sich als ministrabel. Die Grünen haben diesen Schritt schon längst getan und sind zur ältlich-saturierten Mittelstandspartei mutiert. Neue Bewegungen sind nicht in Sicht, der Zornschauspieler Roland Düringer hat zwar eine halbkabarettistische Grasswurzelbewegung ins Leben gerufen, deren Zulauf hält sich aber in Grenzen. Die Wutbürgerei steht vor einem Dilemma: Wen wählen!

Sind die Zeiten der Wut vorbei? Ist der Protest als Lebensausdruck diskret verschieden? Hat Zorn als politische Leitmelodie ihren Taktstock angebaut? Was wurde aus der unstillbaren Sehnsucht nach dem Dagegensein? Was mit dem Furor der Zukurzgekommenen? Sind sie alle zu Kurz gekommen?

Das Verstummen des Unmuts hat wohl viele Gründe. Gevatter Tod räumt am Ende der Wutkette gründlich auf. Die Kriegsgeneration der Lebenszeitberaubten stirbt aus, die Alt-68er sind zu Sehr-Alt-68ern geworden. Die Sehnsucht der Verarmten nach Polter und Aufruhr wird im Bierzelt mit dem Hopfentrunk erstickt und in der Melancholie des Gabalier-Konzerts. In der Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung der FPÖ erstirbt die Wut der Hoffnungslosen. Blaubewegte fürchten nichts so sehr, wie die Erfüllung ihrer Wünsche. Das macht still und stumm. Und was ist mit den Jungen? Der Generation Praktikum, der Generation Bewerbungsschreiben? Was ist mit den Prekären, den Zukunftslosen? Sie haben den Aufstand nie gelernt.

Gehen wir also guten Zeiten entgegen? Einer Periode der Milde? Bricht das Empathozän aus? Vergutmenschen wir alle? Keine Sorge. Wir leben in Österreich. Der bipolaren Nation. Dem Land der Zwerge, missgunstreich. Volk, begnadet fürs Obszöne, vielumstürmtes Österreich. Der dicke Wind wird bald losbrechen. Aber da kennen wir uns aus.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 24.6.2017.

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