Für die Weihachtsausgabe der Salzburger Nachrichten vom 24.12.2015.
Es gab eine Zeit vor dieser und das war eine gute Zeit. Es kam der Sommer und mit ihm kam die Sehnsucht nach dem Meer. Der Lehrer teilte die Zeugnisse aus, die Mutter packte die Koffer, der Vater packte den Wagen, dann stiegen wir alle ein. Vater, Mutter, Kinder, Kegel.
Als wir ankamen, war es finster, aber es roch nach Meer und es hörte sich fremd an. Albergo hieß es hier. Albergo, das war das Wort für Freiheit, das Wort für ein besseres Leben. Der Vater parkte den Wagen und ging in den Albergo. Wie sah sein Gesicht aus, wenn er wiederkam? Verzog er keine Miene, stieg er wieder ein. Nichts frei, sagte der Vater dann. Nächste Woche, sagte er, oder Scheissbude, verwanzte, oder zu teuer, der Palast. Typisch, sagte der Vater dann, Grant lag in seiner Stimme, da waren wir schon wieder gefahren. Zum nächsten Albergo. Auch der war verwanzt, oder zu teuer, oder ideal, und das hieß dann: nicht frei. So ging das. Der Vater hinein, der Vater heraus und wir alle wieder weiter. Vom einen Wanzenalbergo zum nächsten. Von einer Teuerbude zur nächste. Und wenn etwas ideal war, dann war es belegt. So ging das und wir fuhren weiter. Wenn wir durstig waren, tranken wir kalten Tee aus Mamas Thermoskanne. Wenn wir müde waren, fielen uns die Autoquartettkarten aus der Hand und die Augen zu. Bis der Vater in den nächsten Albergo sprang. Und irgendwann war es soweit. Der Vater kam wieder und strahlte. Seine Augen lachten. Sein Atem roch nach Fernets Kräutern, er hatte die Pässe schon deponiert. In seiner Rocktasche klingelten die Zimmerschlüssel. Das war in der Zeit vor dieser, in einer Zeit, die eine gute war. Albergosuchen hieß das beim Vater und so hieß es auch bei uns und es machte ihm Spaß. Wieso macht es Spaß, fragten wir den Vater, wir sind müde, wir wollen ein Eis, wie wollen ein Fanta, wir wollen Baschgetti. Und wo ist das Meer? Das Meer ist hinter den Pinien, sagt der Vater. Und dann gingen wir rein in den Albergo. Unser Zuhause hier. Unsere neue Heimat. Vater, Mutter, Kinder und alle hatten Kegel in der Hand. So war das, in der Zeit vor dieser, in einer Zeit, die eine gute war. Es war eine schöne Zeit.
Nicht jede Zeit ist eine schöne Zeit, sagte der Vater. Aber das viele Suchen! Es sind schöne Zimmer, sagte der Vater, die Betten sind gut, das Bettzeug ist sauber. Keine Wanzen, und sie wollen uns hier. Sie nehmen unser Geld. Sie haben nichts gegen Kinder. So war das im ersten Jahr dieser Zeit, und so war es in den anderen. Kamen wir an, im Albergoland am Pinienmeer, suchte der Vater nach der Herberge. Sollten es Stunden sein, dann waren es Stunden. Es zählte: wir waren da. Die Müdigkeit und der Durst waren der Preis für ein besseres Leben. Nie sprach der Vater, wo er gelernt hatte, die Hoffnung niemals aufzugeben. In der Zeit vor dieser. In einer Zeit die eine schlechtere war. In der Zeit, die man den Krieg nannte. Die Zeit, über die der Vater nicht sprach, die Zeit, die in seinem Herzen lag, wie ein schwerer Stein.
Es gab eine Zeit vor dieser und das war eine gute Zeit. Aber dann kam der Krieg und mit ihm kam die Flucht. Der Lehrer teilte keine Zeugnisse aus, der Lehrer war tot. Die Mutter packte eine Tasche, der Vater packte eine andere, dann gingen wir los. Vater, Mutter, Kinder. Kegel? Nein. Als wir ankamen, war es finster, aber es roch nach Meer und es hörte sich fremd an. Europa hieß es hier. Europa, das war das Wort für Freiheit, das Wort für ein besseres Leben. Der Vater ging vor ins Lager. Wie sah sein Gesicht aus, wenn er wiederkam? Verzog er keine Miene, gingen wir weiter. Nichts frei, sagte der Vater dann. Nicht hier, sagte er, oder Scheisslager, kein Dach, oder zu hoch, der Zaun. Typisch, sagte der Vater dann, ein Kloß lag in seiner Stimme, da waren wir schon längst wieder gegangen. Oder in den Bus gestiegen. Oder in den Zug. Ins nächste Land gefahren. Zum nächsten Lager. Auch das war verwanzt, oder hatte kein Dach. Und wenn es gut war, hieß es: Hier nehmen sie uns nicht. So ging das: Der Vater hinein, der Vater heraus und wir alle wieder weiter. Vom einen Lager zum nächsten. Von einem Zaun zum nächsten. Und wenn etwas ideal war, dann war es belegt. Oder man durfte nicht rein. So ging das und wir zogen weiter. Wenn wir durstig waren, tranken wir kalten Tee aus irgendeiner Flasche. Wenn wir müde waren, fielen uns die Taschen aus der Hand und die Augen zu. Bis der Vater vom nächsten Land erzählte. Und irgendwann war es dann soweit. Der Vater strahlte. Seine Augen lachten. Sein Atem roch nach warmem Tee, er hatte die Pässe schon deponiert. In seiner Rocktasche klingelte der Schlüssel zu unserem Spind. Das war jetzt, in einer Zeit, die eine bessere war. Das Parkhaus war jetzt unser Zuhause. Unsere neue Heimat. Vater, Mutter, Kinder. Und alle hatten Tränen in der Hand.