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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 22.8.2015.
“Würden Wahlen etwas ändern, wären sie verboten!” Das griffige Zitat wird gerne Kurt Tucholsky zugeschrieben oder Mark Twain oder einem anderen Aphorismenschnitzer. Mit größerer Wahrscheinlichkeit stammt der demokratiepessimistische Spruch aber von der US-amerikanischen Anarchistin, Frauenrechtlerin und Aktivistin Emma Goldman (1869 – 1940). Kritiker herrschender Verhältnisse immunisieren ihre allfällige Wahlmüdigkeiten gerne mit der Floskel. Wenn sie nicht überhaupt der Befindlichkeit Raum geben, dass keine Partei und niemand von den Kandidierenden wählbar sei, und die kleineren Übel eigentlich die grösseren seien. Beweglichere unter den Verweigerern werfen zur Linderung ihrer Ohnmachtsgefühle regelmässig ungültige Stimmzettel ein. Sie tragen damit immerhin zur Wahlbeteiligung bei.
Der Rest des Volkes ist mittlerweile zu seiner Mehrheit angewachsen. Es sind die Bestrafer. Im sicheren Bewußtsein, im Alltag umfassend und nachhaltig chancenlos zu sein, benützen diese Leute ihren Stimmzettel als Waffe. Die eine Hälfte feuert dabei in die eigenen Reihen, die andere wählt Zahnmeister Bumsti oder einen ähnlichen Brandredner aus Nehmerkreisen. Eine offenherzige Wutbürgerin hat Inhalt und Perspektive dieser Bewegung erst neulich in einem Facebook-Statement auf den Punkt gebracht: Sie wähle, so die Stimme aus dem Volk, lieber eine korrupte inländerfreundliche Partei als eine korrupte inländerfeindliche Partei.
Dass hier die traditionellen Konzepte politisch sauberer Argumentation versagen müssen, hat die Think Tanks zwar als Erkenntnis erreicht, aber noch nicht als Botschaft verlasssen. Die schmutzige Arbeit verrichten ohnedies die Demoskopie-Bordelle. Hier lassen sich Spins jeder Art in Zahlen darstellen. Wahlen werden nicht an der Urne gewonnen, sondern mit der richtigen Umfrage. Auch Medien spielen dabei ihr Spiel: Sie drucken, so das Resumee, lieber eine falsche auflagensteigernde Umfrage ab, als eine falsche auflagensenkende. Faîtes votre jeu!
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 22.8.2015.