![]()
Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.7.2015.
Die Medizin ist verordnet, die Tabletten sind eingeschachtelt, der Cocktail muss nun eingenommen werden. Dr. Seltsam hat im Rahmen einer Therapieverschärfung eine Erhöhung der Medikation vorgeschlagen. Tagschwester Angie hat dazu erwartungsgemäss zustimmend genickt. Auch Assistenzarzt Tusk, Oberarzt Holland und Pfleger Schulz befürworten die Therapie.
Der griechische Patient, nach einer Serie von Behandlungsirrtümern fortgeschritten an Hospitalismus erkrankt, ergibt sich schliesslich dem Diktat des Primars. Schwester Angie leitet und überwacht die orale Einnahme der verschriebenen Pillen und Kapseln solcherart, dass sie dem Patienten, sobald er die Genesungsmixtur aufgenommen hat, die Nase zuhält. Gewusst wie! Gelernt ist gelernt! Der Hellene, geschwächt von zermürbender Anamnese und langwierigen Voruntersuchungen, entscheidet sich fürs Schlucken.
Einen Patienten Athener Herkunft haben die Doktoren in der Klinik Juncker bereits verloren. Professor Yanis Varoufakis, selbst vom Fach, hatte sich geweigert, die bitteren Pillen von Oberärztin Lagarde zu schlucken. Sämtliche Vorschläge alternative Therapien betreffend, waren unerhört geblieben und dem Leidenden als Renitenz und Krankheitsuneinsicht ausgelegt worden. Zudem hatte sich herausgestellt, dass der Patient selbstverschuldet unterversichert war. Typisch für Kranke aus diesen Gegenden, so Bettenwart Schelling, fahrlässig und gemeingefährdend.
Dr. Seltsam indes, von schwäbischer Genauigkeit mehr getrieben denn geleitet, ist sich der Behandlungssache sicher. Dass der Klinikleiter die Expertise weniger im Studium erlangt hat als in der oberflächlichen Lektüre dubioser Arztromane, kümmert nur den Leidenden. Der ist aber jetzt eingestellt, wie man so schön sagt, und laboriert nicht mehr ausschliesslich an der Krankheit, sondern auch an Wirkungen und Nebenwirkungen der verabreichten Präparate. Doktor Seltsam lächelt. Schwester Angie bereitet den Einlauf vor. Auch die alten Methoden werden hier noch geschätzt.
Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.7.2015.