Einer von fünf Texten die ich für die Architekturtage Vorarlberg 2008 verfasst habe und vor Ort verlesen habe.
session four
Viscoseareal
Viscosestrasse, 9443 Widnau/SG (CH)
Metamorphose im Industrieareal:von der Produktionsstätte zur anarchischen Wohnoase.
Architektur: Spallo Kolb, Widnau
Die wundersamen Wohnmaschinen des Spallo Kolb
Andrea Maria Dusl
Architekurliebesbrief mit Brücke
Lieber Spallo Kolb,
während Du auf der Angewandten warst, habe ich auf der Akademie studiert. Das kann kein Zufall sein, zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein, führt gewiss zu unzufälligen Neigungen. Im Gegensatz zu den Bauten, die wir bisher gesehen haben, scheinen Deine Bauten keine Architekturen zu sein, denn sie gehorchen nicht den Gesetzen des Markts. Kein Wettbwerb wurde hier gewonnen, kein Bauherr lobte aus, kein Bauträger schoss Geld in den Finanzierungsteich. Die Spallotektur ist ganz von selber entstanden. Pures Bauen. Bauen aus dem Raum heraus. Architektur, die aus dem Selbst kommt. Für alle, die das nicht verstehen: Ich verstehe das, ich bin die Tochter eines Architekten, die Enkelin von Maschinenbauern, ich bin in Konstruktionsbüros gross geworden. Ich habe Pläne gezeichnet, bevor ich schreiben konnte.
Und ich weiss, kein gezeichnetes, kein bestelltes Haus kann je so unmittelbar und echt sein, wie ein Raum, der aus sich selbst wächst. Und das tun Deine Räume, Deine Häuser, lieber Spallo, sie wachsen aus sich selbst. Aus den Materialien wachsen die Dinge, sie nehmen neue Formen an, aber sie bleiben, was sie sind, Stahlplatten bleiben Stahlplatten, Schiefersteine Schiefersteine, Balken Balken und Seile Seile.
Und dann wohnen die, die Dinge, wohnen ganz leise, mit einer Ehrlichkeit, die man fassen muss, um sie zu begreifen. Denn genau darum geht es: Die Fähigkeiten der Dinge zu begreifen. Zu wissen, was Stahl kann und was Holz, was Glas und was Beton. Und begreifen kann man nur mit den Händen. Kein Plan kann das, kein Gedanke. Ich weiss, dass Du zeichnest, dass Du entwirfst, aber Du zeichnest und entwirfst mit Händen, denen das Gewicht des Stahls ein Begriff ist, die Textur des Steins und die Sprödigkeit von Gegossenem. Und weil Deine Hände Stahl schon geschmolzen haben, Holz gespalten und Stein gegossen, zeichnen sie die Wahrheit. Weil Deine Architektenhände die Wahrheit kennen, können sie die Dinge, die sie begriffen haben, im wahrsten Sinne des Wortes BE-GRIFFEN, ganz neu zusammenstellen. Kein Computerprogramm kann das. Das kann nur eine Hand. Die Spallohand, der Kolben.
Und jetzt zähle ich auf, was ich erst sehen musste, um es zu lieben und dann greifen geliebt habe, um es zu verstehen. Den Kulissenwagon, den Schieferwaschstein, die gefaltete Platte, das Seilbahnkabel, die gegossene Wand, das reingeschobene Zimmer. Und den goldenen Mustang habe ich auch gesehen, die lebenden Rasenmäher und den Schienenstrang, der von hier bis Shanghai führt. Wer hat das schon zu Hause? Einen Schienenstrang, der vom Wohnzimmer bis nach Shanghai führt.
Und wenn sie die Brücke bauen über die Beringstraße, die bitterkalte, einsame Meerenge zwischen der östlichsten Stelle Asiens und dem westlichsten Punkt Amerikas, wenn sich mal eine Brücke spannt von Asien zu den den Diomedes-Inseln und von denen nach Alaska, dann lässt sich denken, mit einer Draisine von Spallo Kolb nicht bloss nach Shanghai zu gondeln, sondern rüber nach Amerika bis nach Manhattan. Wie man so eine Brücke baut, zwischen Alter Welt und Neuer, gewiss begriffest Du es, Spallotekt. Du dächtest Dir das aus. Etwas Begriffenes.