Für meine Kolumne ‚Fragen sie Frau Andrea‘ in Falter 35/2006.
Liebe Frau Andrea,
in Wien (und Teilen Österreichs) scheint es notwendig zu sein, sich beim Eintritt in ein Geschäft, bzw. beim Aussprechen eines Wunsches in einem Laden oder einer Gaststätte zu entschuldigen. Müssen wir das? Und wenn ja, wofür? Was ist das für eine seltsame Sitte? Der oder die Kunde ist doch König! Oder etwa nicht? Bitte um Aufklärung,
Claudia Becker, Wieden.
Liebe Claudia,
wie viele österreichische Üblichkeiten ist auch diese so alt wie unausrottbar. Sie stammt aus den gar nicht so guten Zeiten der Monarchie, wo einander in Geschäften Dienende verschiedener Herkunft begegneten. Bürgertum und Aristokratie ging damals nicht selbst einkaufen, sondern liess das von geknechteten und entrechteten Menschen, dem damals so genannten “Personal” durchführen. Das “Personal” traf in einem Geschäft auf standesmässig höherstehende Verkäufer oder gar den Geschäftsinhaber, der meist auch dem Bürgertum angehörte. Eine Entschuldigung für die “Störung” und das höfliche Vortragen der Einkaufsliste gehörte zum üblichen Ton in einem Geschäft. Anders der Umgang mit der Kunde (der bürgerlichen Bekanntschaft) eines Geschäftes. Die begegnete ohne Entschuldigung. Auf Augenhöhe einzukaufen war Nichtbürgerlichen und Nichtaristokraten nur am Markt möglich. Hier entschuldigte sich niemand für Störungen. Hier wird auch heute noch saftig mit einander geschrien und weder gebeten noch gebuckelt. Hier ist die Verkaufswelt aufgeklärt und psychosozial entösterreicht.
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