Liebe Frau Andrea,
mir wurde von p.t. ArbeitskollegInnen zugetragen, dass der (in Wien ab 9 Uhr allgegenwärtige) Gruß „Mahlzeit“ während der NS-Zeit in Wiens Amtsstuben Popularität erlangte, um anderen Grußformen zu entgehen. Bitte hochachtungsvoll um Ihr geschätztes Fachwissen, herzlichst
Bernhard W. Litschauer-Hofer, Wien Brigittenau.
Lieber Bernhard,
in der Umgehung von Vorschriften macht den Wienern so schnell keiner was vor. Der Gruss “Mahlzeit” – eigentlich “ich wünsche Ihnen eine gesegnete Mahlzeit” – ist in Amtsstuben und Bürofluren auch heute noch populär. Er ist eine Reminiszenz an die Zeiten, in denen die Zugehörigkeit zu einem politischen Lager mit Gefahr für Leib und Leben verbunden war. Gelernte Österreicher, Katholiken und Klerikalfaschisten begegneten einander mit der Aufforderung “Grüss Gott”, Sozialisten zeigten Fahne mit dem solidarischen Gruss “Freundschaft”, oder dem agnostischen “Guten Tag” – wienerisch “Daaag”, ausgesprochen. Nationalsozialisten schliesslich wünschten einander “Heil Hitler!” Ein gedeihliches Zusammenleben auf Beamtenebene war nur mit einer unverfänglichen Begrüssung möglich. Die wenig elegante, aber ungefährliche Grussform “Mahlzeit” umschiffte die Klippe, dem Falschen zur falschen Zeit das Falsche zu wünschen. Der Gruss “Mahlzeit” ist heute ab 9:58 möglich und kann getrost bis 15:15 verwendet werden. Er wird stets “hochdeutsch” ausgesprochen, was sich in etwa wie “Maalzett” anhören sollte, um authentisch zu wirken. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne ‚Fragen sie Frau Andrea‘ in Falter 33/2006.
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