Erbsenzählen / Geheimdienst Post, Teil 3

Falter 16/99 vom 21.04.1999.

Erbsenzählen. Das ist es was sie tun“, raunte mein Informant. „Zwischen zwölf und zwei. Alle. Sie zählen Erbsen, da unten in ihren Bunkern. Die Postler, die Gfraster.“ Erbsenzählen? In geheimen Bunkern unter friedlichen Postämtern? Konnte das stimmen, war es wahr, was mein Zuträger mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, in seinem kleinen Fiat, an einem unbeschrankten Bahnübergang, während des Vorbeirausches des Inter-City-Schnellzugs „Ivan Rebroff“ mitteilte? War das Unfaßbare denkbar? War es möglich, daß Abertausende von ihnen, Abertausende von braven, unauffäligen Postbediensteten ihre wohlverdienten Mittagspausen dazu verwendeten, in hermetisch abgeschotteten, nervös beleuchteten und sparsam beheizten Räumen zu sitzen? Vierzehn Meter unter dem Straßenniveau? Jeden Werktag, von 12 bis zwei? Statt im Gasthaus zu rasten wie Otto Normalbediensteter, und ein Schnitzel zu schneiden, vom Kalb, wenn’s gut ging, mit Kartoffelsalat? Ein wohlverdientes Pils dazu? Nach harter Arbeit, nach Stunden des Streß? Nach einem langen, brutalen Vormittag im hektischenAmt? In Bunkern sollten sie sitzen und weitermachen? Weitermachen und arbeiten? Arbeiten, wo andere faulenzten? Und zählten sie Erbsen? War so etwas denkbar?

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