Sieben Zwerge

Napoleon war einer. Lenin auch. Die Welt der Macht ist voll kleiner
Männer. Statt sich um Schneeewittchen zu kümmern, sind sie überall.
Die Zwerge.

© Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's Sofa und den Falter


Franzjosef.jpgKaiser Franz Josef
Es war sehr schön...

Franz Josef Prohaska, wie ihn die Tschechen nannten, der längstdienende Monarch des Kontinents, der erste Beamte seines Staates, war von elfenhafter Kleinheit. Könnten wir uns nur auf zeitgenössische Berichte und geschöntes Fotomaterial verlassen, die Sache wäre höchst dubios. Kaiser werden ja nicht vermessen. Und Polizeiakten der höchst majestätischen körperlichen Daten dürften auch nie angelegt worden sein. Trotzdem wissen wir, daß Sisis Göttergatte ein Zwerg war.

In der Stoffsammlung der weltlichen Schatzkammer zu Wien befindet sich jener winzige Uniformrock, den Kaiser Franz Josef anhatte, als ihn, während eines Spaziergangs auf dem Glacis, ein eifersüchtiger junger Ungar dadurch zu ermorden trachtete, daß er ihm mit einem Messer an die Gurgel fuhr. Allein der steife Kragen des Monarchenrocks vereitelte das Attentat und führte zum Bau der Votivkirche, einer ausgewachsenen französischen Kathedrale, die Franz Josef aus Dankbarkeit am Tatort errichten ließ (der Ungar wurde trotzdem hingerichtet).

Der Grund für den Mordversuch war zutiefst bürgerlich, ja geradezu erdverbunden: Franz Josef, der gerne und begabt dem weiblichen Personal nachstellte, hatte die Schwester des Attentäters "entehrt", ohne ihr dafür die Ehe anzubieten. Daß der Kaiser ein Zwerg war, kann ich bestätigen. Der Original-Attentatsrock aus tuntigrosa Samt ist so klein und eng geschnitten, daß grade mal eine elfjährige indische Tempeltänzerin hineinpassen würde.


Bacher.jpgGerd Bacher
Der Tiger

Viele da draußen in Deutschland, wie es bei uns hier drinnen in Ösenland gerne heißt, also viele da bei Euch in Deutschland fragen sich, woher denn das kommt, daß in jedem deutschen Privatsender ein Ösi sitzt, und woher denn das kommt, daß die so verdammt erfolgreich sind mit Fernsehmachen, wo sie doch aus einem Land kommen, das mit Fernsehen, also mit richtigem Fernsehen rein gar nichts am Seppelhut hat. Nun, die ganzen dicken Ösis, die Eure Privatsender regieren, liebe Deutsche, sind allesamt durch die harte Schule eines kleinen, aber höchst durchsetzungsfähigen Mannes gegangen.

Dieser kleine und höchst durchsetzungsfähige Mann war Gerd Bacher (er ist jetzt in Pension und hat so mehr Zeit für Sex als früher). Niemand nannte Gerd Bacher zur Zeit seiner größten Wirkung Gerd Bacher. Alle nannten ihn Tiger. Tiger, weil er so viele Sommersprossen hatte, daß sie ein Tigermuster auf seiner teigigen Haut erzeugten. Der Tiger war mehrere Jahrhunderte lang der Generalintendant des Österreichischen Rundfunks, des ORF (Oahr-Er-Äff ausgesprochen), jenes Staatsfunks, der mächtiger ist, als das Pentagon und der Vatikan zusammen (mit beiden pflegte Tiger Bacher daher auch rege Kontakte). Tiger Bacher war berühmt für seine bizarren Wutanfälle, für seine gnadenlose Durchsetzungsfähigkeit und für seine beinharte konservative Note.

In Tiger Bacher wohnte aber nicht nur die Kraft einer indischen Riesenkatze, sondern auch die Bosheit des Rumpelstilzchens. Als eine Sekretärin einmal arglos ihren kleinen Fiat auf die riesige freie Fläche neben dem Hauptportal des ORF-Zentrums am Wiener Küniglberg parkte, riß dem Generalintendanten die Hutschnur: Er stach mit seinem Taschenmesser alle vier Reifen des kleinen Sekretärinnen-Fiat auf. Was aber hatte den Fernsehmogul so erzürnt? Die Alleinerzieherin hatte es gewagt, innerhalb einer fünfzig Meter breiten heiligen Fläche zu parken, die einem ungeschriebenem Gesetz zufolge alleinig dem dicken Benz des Gerd Bacher zustand. Wetten, daß die großen Fernsehbosse bei Euch alle kleine Taschenmesser am Schlüsselbund haben? >>>

>>> und weiter geht's mit klein.

Schroeder.jpgGerhard Schröder
Der Showmaster

Den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland kenne ich dafür persönlich. Das kam so:Als es in Österreich noch eine Regierung gab, die auf EU-Fotos abgebildet werden durfte, gab es ein jährlich wiederkehrendes gesellschaftliches Ereignis, das
sich „Kanzlerfest“ nannte. Zu so einem Kanzlerfest waren Krethi, Plethi und etwa 5000 Künstler und Politiker, Kaufleute und Journalisten eingeladen. Und Lisa und ich.

Lisa und ich waren einerseits aus schlichter Neugier dort und andererseits weil wir uns Einladungen zuschanzen hatten lassen, die eigentlich für wichtigeres Publikum als uns gedacht waren. Lisa und ich hatten Cocktailkleider an, die modediktatorisch nach Schuhen schrien, die für Kieswege und
Rasenziegel völlig ungeeignet sind. Lisa und ich standen daher den ganzen langen Abend mehr, als dass wir gingen, auch um in Stöckelweite der Tische mit den köstlichen Häppchen zu bleiben. Hinter den Tischen mit den köstlichen Häppchen wogte ein Fliederbusch im kühlen Frühsommerabend. Und hinter dem wogenden Fliederbusch standen große Männer mit dicken Hälsen, dunklen Sonnenbrillen und mit Kabeln im Ohr. Und hinter diesen saß der Kanzler der Republik Österreich, der Sozialdemokrat Viktor Klima, und plauschte mit Dichtern und Denkern, mit dem Mahr-Hansi, mit dem Heller-Franzi und mit einem kleinen, breiten Kerl. Viktor Klima hatte zwar oft den Mahr-Hansi bei sich, aber selten Männer mit dicken Hälsen und auch keine kleinen breiten Kerle. Während wir also so sannen, was es wohl mit diesen Männern auf sich haben mochte, ging plötzlich enorm viel Licht an, auf der Kanzlerseite unseres Fliederbusches.

Fernsehlicht.

Lisa und ich wurden nervös wie Goldfische, wenn das Wasser knapp wird, und versuchten, ein Plätzchen an einem der weniger prominenten Fliederbüsche zu finden. Vergeblich.

Fernsehen ist schneller als Girls in Cocktailkleidern und unbeugsamen Pumps. Lisa und ich lachten in Kameras. Licht blendete, und irgendwie roch es nach glimmender Lunte. Etwas ganz, ganz Dickes lag in der Luft. Lisa und ich sahen einander an, und ein Gedanke brannte durch unsere Hirne: Nicht wir, lieber Gott, bitte nicht wir! Und während wir so beteten und Gedanken in unseren Hirnen brannten und Licht sich in unser dezentes Make-up grub, sahen wir ihn. Einen kleinen Mann, mehr breit als hoch:

Gerhard Schröder.
Lebend.
In Echtzeit.

Von Kameras beäugt, von Tausenden Kilowatt Licht bestrahlt und von Henkern mit Kabeln im Ohr beschattet. Und dann ging alles ganz schnell. Der Mittelpunkt der deutschsprachigen Politik stand vor uns. Ein kleiner Mann, mehr breit als hoch, mit einem Lächeln aus Keramik, mit einer Stimme wie der Synchronsprecher von Sean Connery. Das Lächeln kam näher, eine Hand packte zu wie ein Schraubstock, zerdrückte die meine wie ein Bündel frischgekochten Spargel, und die Synchronstimme von Sean Connery sagte:

„Gerd Schröder. Guten Abend. Wie gehts?“

So war das. Lisa und ich brauchten zwei Stunden, bis wir unsere Hände wieder verwenden konnten.


Peichl.jpgGustav Peichl
Ironimus vobiscum

Gustav Peichl ist so etwas wie eine nationale österreichische Institution. Wann immer in Österreich "Zeitgeschichte" oder "Baukunst" geschieht, wird der quirlige kleine Mann mit den runden schwarzen Brillen und dem rosaroten Schal um seine Meinung gefragt. Gustav Peichl ist "die" akademische und ästhetische Autorität in Sachen Spannbeton und Tagespolitik, denn er hat immer die gleiche Meinung: Die Baukunst liegt im Argen, weil die Architekten allesamt Nieten sind, und die Politik liegt im Argen, weil die Politiker allesamt Witzfiguren sind.

Gustav Peichl kennt sich da aus. Er ist Architekt, und er ist "Karikaturist" (er "zeichnet" täglich "Karikaturen" für "die Presse", eine regierungsfreundliche, und nicht nur deshalb völlig humorfreie und stockkonservative Tageszeitung). Sein nom du guerre als krixelndes Gewissen der Nation ist "Ironimus".


Pacino.jpgAl Pacino
Der Duft der Pfauen

Al Pacino kenne ich natürlich nicht persönlich, aber er hat eine Stimme, die bei mir südlich des Bauchnabels große Wirkung erzeugt. Strenggenommen kann Al Pacino gar kein Zwerg sein, so groß ist sein Talent als Verführer. Al Pacino verführt sogar, wenn er absolute Nobody-Idioten spielt. In einem meiner Lieblingsfilme, "Dog Day Afternoon", spielt er einen arbeitslosen Hektiker, der mit seinem besten Freund eine Bank überfällt. Dabei geht mehr schief als überhaupt schiefgehen kann, und die Sache endet ganz und gar unglücklich. Wie der kleine Italiener es schafft, auch in den allerschlimmsten Michael-J.-Fox - würde-sich-jetzt-in-die-Hose-machen - Situationen als absoluter Volksheld von der Leinwand zu strahlen, ist bis auf Clint Eastwood ganz Hollywood ein Rätsel.


Schuesselklestil.jpgWolfgang Schüssel
Yes, Sir, I can boogie...

Der Mann, den sie Kanzler nannten. Der Wendehals ist in Österreich nur bei Bademeistern, Trafikanten und Gymnasialdirektoren populär.

Menschen seines Schlages heissen in Wien "Ungustl". Mein Freund, der Dissident Doron Rabinovici, nennt Wolfgang Schüssel in Anspielung auf seine fragile Statur gar den "Millimetternich".

Die Identifikationsliteratur des machtlüsternen Krispindels an der Spitze des geächteten Staates ist Saint Exuperys "Der kleine Prinz". This is not a joke.


HaiderKlestil.jpgJörg Haider
Die Schwester

Über den Burschen vieler Aufregungen muss man nicht viel Worte verlieren. Der rechtsradikal-rechts-populistisch- revisionistisch-opportunistische Biertisch-Scientologe ist noch ein paar Zentimeter kleiner als Wolfgang Schüssel. Bei Interviews steht er auf Schemeln, und im Fernsehstudio sitzt er auf Telefonbüchern.







Kleine Bonusgeschichte:
Schüssels Wolfgang

Anfang 2000 stand die Welt Kopf in Österreich. Der Christdemokrat Wolfgang Schüssel hatte die Wahl verloren, es sich aber in den Kopf gesetzt, gegen den Willen Europas Bundeskanzler zu werden. Das wäre nur möglich, wusste man, wenn Schüssel einen Regierungspakt mit dem neopopulistischen FPÖ-Gott Jörg Haider einginge. Wenn er ein Tabu bräche, das bislang als unbrechbar gegolten hatte.

In dieser brisanten Zeit, die von aufwühlenden Demonstrationen und gefährlichen europäischen
Warnungen begleitet wurde, war nichts mehr in Schnitzelland, wie es vorher gewesen war.

Eines jener wilden Tage Abends schickte sich die gesamte Spitze der Volkspartei um Wolfgang
Schüssel an, mit der gesamten Spitze der Freiheitlichen um Jörg Haider einen Pakt auszuhecken.
Aus ganz Europa waren Fernsehteams angereist, um live zu berichten. Sogar Alessio Vinci, der sonst
nur Bombenangriffe und Invasionen live zu reportieren pflegte, stand, für CNN entsetzt nach Worten
ringend, vor der Hofburg.

Das Parlament, wo die Zukunft des Landes verhandelt wurde, glich einem Bienenstock. Es war gerammelt voll mit internationalen Journalisten, Kameraleuten, Pressesprechern und Tontechnikern.
Nirgendwo auf der Welt befanden sich in diesen Stunden mehr Kameras als hier. Und nirgendwo
wurde die Spannung so unerträglich wie in dem langen, von Hunderten Medienvertretern belebten
Zimmer im Parlament. Lange ließen die beiden Parteichefs auf sich warten und eine Hoffnung schwitzte sich durch das wartende Journalistenvolk: „Tja, wenn das so lange dauert, dann ist das
Ding wahrscheinlich geplatzt!“

Ich hatte mich für diesen Abend des Abscheus mehr aus persönlichem denn beruflichem Interesse akkreditieren lassen und saß in der zweiten Reihe jenes mit all den Kamerateams voll gestopften Parlamentspressekonferenzzimmers. Wie all die anderen wartete ich auf die beiden Paktierer, wartete auf Wolfgang Schüssel und auf Jörg Haider. Ein kleiner Tisch war auf abgewetztem roten Teppich aufgebaut worden, dahinter spannte sich ein Transparent, auf das ein riesengroßes Bild des Parlaments gedruckt worden war. Garniert war die Szene mit den bei solchen Anlässen beliebten eingetopften immergrünen Büschen. Der Tisch selbst war spartanisch gedeckt: Zwei Mikrophone und
zwei Glas Wasser waren aufgestellt. Und zwei Schilder mit den Namen der beiden Verhandler:

„Schüssel“ stand auf dem einen. „Haider“ auf dem anderen. Ein paar Tontechnikern war inzwischen fad geworden. Sie ulkten herum, spielten „Schüssel“ und „Haider“, wie die Zwerge Schneewittchens lümmelten sie sich in Haiders Sessel, nippten von Schüssels Wasser. Das war schon sehr irreal und seltsam. Großes, Niedriges lag in der Luft. Geschichte wurde spürbar.

Nach elendsvielen Stunden rumorte es plötzlich, und in einem Blitzlichtgewitter schoben sich zwei
Trauben von Entouragen aus der Türe hinter dem Tischchen. Das Blitzlichtgewitter wurde leiser, und
es setzten sich zwei sehr kleine Männer. Man hatte gewusst, dass beide, Schüssel wie Haiders
nicht gerade das Gardemaß erreichten, aber dass sie so klein waren, schockierte richtiggehend.

SchuesselHaider.jpgDie beiden hatten gerade mal die Größe von Buben, die mit gefälschten Schülerausweisen und auf Zehenspitzen um Kinokarten für brutale Filme anstehen. Das sollten die Männer sein, derentwegen Europa rotierte? Während die beiden ihr langweiliges, aber inhaltlich doch beunruhigendes Papier verlasen, legte sich bleierne Ruhe über den Saal. Mein exklusiver Sitzort in der zweiten Reihe sollte es zulassen, nicht nur dem Gerede zu lauschen, sondern auch die Kleidung des zukünftigen Bundeskanzlers und seines neuen Freundes zu studieren.Jörg Haider, der damals noch die Rolle des gefährlichen Politdämons spielte und der es als Europas Erzbösewicht bis aufs Cover von Newsweek geschafft hatte, war geschminkt, aber unrasiert, und er trug das Zeug, das damals auch die Scientologen trugen:Werbefuzzikluft. Schwarz und teuer.

An Wolfgang Schüssel gefielen mir die dunklen Weichlederschuhe. Ihre Kreppsohle bog sich leicht nach oben, und sie waren ganz offensichtlich nicht mehr die Jüngsten. Dazu trug Schüssel kurze und von häufigem Waschen ausgeleierte Schlappsocken. Ihre Bündchen endeten kurz vor dem Hosenbein,
sodass eine handbreite blitzende Lücke entstand – „the Gap“, wie die Fachleute sagen. The Gap erlaubte einen ungeschonten Blick auf Schüssels schütter behaarte Beinchen.

Das war schon sehr intim.

Weil nun der Tisch, an dem Schüssel und Haidersaßen, keine Blende hatte, wie sie sonst bei staatstragenden Tischen üblich sind, hatte das Publikum freie Sicht auf noch Intimeres, auf die Vorgänge unter Tisch:Wolfgang Schüssel, der die Beine leger und im flachen Winkel vor sich aufgestellt hatte, hielt, wenn er gerade nichts zu sagen hatte und sein Partner Haider sprach, die Linke locker zwischen den Beinen. Und jetzt kam es:

Schüssel kratzte sich am Wolfgang!

Mehrmals und vor den Augen der Weltpresse! Seine Mundwinkel machten dabei kleine glückliche Grübchen, wie man sie von Ministranten kennt, wenn sie die Glöckchen läuten. Selten habe ich etwas gesehen, das österreichischer gewesen wäre.


all © Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's

Sofa und den Falter

8. August 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Sieben gefährliche Orte um Schwimmen zu gehen

Schwimmen ist nicht Schwimmen. Schon gar nicht dort, wo man keinesfalls schwimmen sollte.


Pribaltiskaya.jpgFinnischer Meerbusen
Sankt Petersburg, Russland

St. Petersburg ist berühmt für seine weißen Nächte. Die heißen so, weil dort im Sommer die Sonne erst gegen elf, halb zwölf Uhr abends untergeht. Das Gefühl von so einer weißen Nacht ist wie ein Turbo-Jetlag ohne anstrengendes Reiseerlebnis. Und die passende Droge für so eine weiße Nacht ist Wodka. Während einer weißen Nacht in St. Petersburg ist Wodka Pflicht.

Also dachten wir uns, gehen wir runter zum Strand, denken daran, daß sie in Kalifornien alle schon Taschenlampen brauchen um diese Zeit und trinken ein bißchen von dem netten Wodka, Pflicht ist schließlich Pflicht. Vom Hotel Pribaltiskaja, wo wir wohnten, ist es nicht weit zum Strand, denn das Hotel Pribaltiskaja liegt direkt am Industriehafen. Und der Industriehafen ist ja sowas wie ein Strand.

Die Droge Wodka hat nun wiederum den Nachteil, daß sie ungeheuer schnell wirkt. Wir waren also schon sehr betrunken, als wir die 50 Meter zum "Strand" hinter uns gebracht hatten. Wir, das waren ein paar Tiroler, zwei ereignisscheue deutsche Pärchen und ein karfunkeläugiger Korse. Weil Wodka sehr von innen wärmt, wollte ich unbedingt schwimmen gehen. Wo doch da ein Meer war. Also zog ich mich aus, >>>

>>> bestieg ein rostiges Ladawrack und sprang nixenhaft in den finnischen Meerbusen. Nach dem Auftauchen warf ich den Tirolern Feigheit vor dem Wasser vor. Und daß sie keine Tiroler wären. Mit nichts kannst du Tiroler mehr ärgern, als wenn du ihnen ihre Tirolerischkeit absprichst. "Bisch a Tiroler?" sagst du, und schon hüpfen sie. Die Tiroler. Mehr brauchen sie nicht, als "bisch a Tiroler?"

Normalerweise. Aber heute war nicht normalerweise. Die Tiroler standen bis zu den dürren Unterschenkeln im Wasser und grinsten alpin. Denn mehr noch als stolz sind die Tiroler vorsichtig. Da war der Korse aus anderem Holz. Seltsam warm war es, das Schwimmen im finnischen Meerbusen, und seltsam fluoreszierend war sein Wasser. Am Strand, der im wesentlichen aus Beton gegossen war, tanzten wir dann auf Glasscherben bis in den sehr sehr frühen Morgen. Und seither weiß ich, daß es richtige Männer nur in Korsika gibt.






Ismailia.jpgSuezkanal
Ismailiya, Ägypten.

Ich glaube nicht, daß es viele Menschen gibt, die schon einmal im Suezkanal gebadet haben. 1997 im Februar war das, und es war ein kaurismeskes Erlebnis, wie Queen Cleopatra im Brackwasser zu treiben und alle zwei Minuten einen anderen rostigen Öltanker, Bananendampfer oder Mitsubishi-Frachter passieren zu sehen. Erstaunlicherweise schlagen die dicken Pötte kaum Wellen. Die Krokodile allerdings auch nicht.












Aberdeen.jpgNordsee
Aberdeen, Schottland.

1976 hatte ich mir eingebildet, die obligate Sprachreise in Schottland zu verbringen. Daß Sprachreisen in einer Region angeboten werden, die Englisch schlechter spricht als Wiener Hausmeister, ist an sich schon ein Rätsel.

Noch rätselhafter war das Pärchen, in dessen Einfamilienhaus mich das Sprachinstitut einquartiert hatte. Bruce war trotz meiner Mädchenhaftigkeit einen Kopf kleiner als ich, studierte Pornohefte im achten Semester und war Schweißer in einer Ölplattform-Zusammenbau-Fabrik (wie sowas genau heißt, wußte ich schon damals nicht).

Weil er in seinem früheren Leben Soldat gewesen war (mit 17 in Nordirland, bei den gefährlichen Katholiken, wie er heldenhaft erzählte, in Nordirland, wo die Kugeln "nur so pfiffen"), weil Bruce also ein ganzer Bursch war, nahm er mich unter Zurücklassung seiner teigigen Frau Janice einmal nach Aberdeen. Zum Schwimmen.

4° Grad (vier Grad!) hatte das Wasser, und ich solle nicht länger als zwei Minuten drinnenbleiben, sonst würde ich s t e r b e n , warnte Bruce. In Aberdeen habe ich zum ersten Mal lebende Robben gesehen. Und verstanden, warum sie im Wasser Pelz tragen.




Donaukanal.jpgDonaukanal
Wien.

Nichtwiener müssen wissen, daß der Donaukanal kein Kanal ist, sondern ein alter, aber dünner Seitenarm der Donau. Nichtwiener müssen weiter wissen, daß die Donau bei Wien nicht fließt wie die Moldau, nicht fließt wie die Seine, nicht fließt wie die Elbe oder der Rhein oder wie andere Flüsse, die fließen, sondern daß sie schießt. Sie schießt dahin. Und ebenso tut das der Donaukanal. Wo er doch eigentlich die Donau ist. In diesem schießenden Gewässer gibt es kein Leben. Es ist tot und braun.

Das einzige Leben, von dem ich weiß, sprang an einem heißen Junimorgen, nach einer heißen Nacht im Underground-Club "Flex" von der Kaimauer vor dem Lokal aus in den Donaukanal. Sein G'wand gab er einer verdatterten Tanzpartnerin mit den Worten: "Du, mir is haas, I schwimm jetzt zaus, a bißl schlafen."

"Zaus."

"Zaus" war drei Brücken weiter flußabwärts, gegenüber der Urania. Wienkenner brauchen dafür mit dem Auto zehn Minuten. Gernot Mooshammer war in zwei dort. Er hat überlebt. Und er würde es nie wieder tun. Denn das Duschen dauerte Tage.




Augstsee.jpgAugstsee
Altaussee, Steiermark

Der kleine Bergsee auf dem Loser (einem hoch- aufragenden karstigen Kalkstock) liegt auf etwa 1500 m Seehöhe und ist nur vier Monate im Jahr ein See. Normalerweise ist er bis zum Grund eingefroren und mit acht Metern Schnee bedeckt (der Loser gilt als Schneeloch).

Hier schwamm ich an einem heißen Samstagmorgen im September 19irgendwannundneunzig, nach einem komplizierten Aufstieg von der legendären Loserhütte und seinen gefährlichen Zirbenschnapsnächten. Es gehört nicht viel Mut, dort zu baden, aber viel Lust..










Stockholm.jpgRiddarfjärden, Strömmen, Saltsjön
Stockholm, Schweden.

Jedes Jahr fahren meine Zeichnerfreunde Tex Rubinowitz und Tom Kussin nach Stockholm und schreiben sich in die Teilnehmerliste des Stockholmer Schwimm-Marathon ein.

Der Schwimm-Marathon führt durch ganz Stockholm, das im Grunde nur aus Inseln besteht und nicht umsonst das Venedig des Nordens genannt wird. Tex, der ein ausgesprochenes Schwimmtalent ist, wurde letztes Jahr Siebenunddneunzigster, Tom Vorletzter. Mitschwimmen tun 3268. Ungefähr. Und Dabeisein ist alles. Für Tex und Tom.










Kohl.jpgIschlbach, Helmut Kohl
Bad Ischl, Oberösterreich.

Die Ischl ist ein reißender Bach, der das Wasser des Wolfgangsees führt und bei Bad Ischl (dort wo die Sisi-Filme spielen) in die Traun fließt. Am Wolfgangsee urlaubt der frühere deutsche Helmut Kohl. Seit 45 Jahren.

Und dort badet er natürlich auch. Helmut Kohl. Wie Gott ihn schuf, mit einer grossen Badehose drum herum.

Man könnte also sagen, daß wenn Helmut Kohl im Wolfgangsee badet, sich Moleküle vom Exkanzler lösen und im Wolfgangsee umhertreiben, und selbst dann, wenn Helmut Kohl längst wieder in Berlin weilt, noch immer im Wolfgangsee treiben. Bis sie dann irgendwann in die Ischl treiben und in die Traun gespült werden.

In der Ischl habe ich einmal an einem nebeligen Oktobernachmittag, wo es vom Garten der Dirndlmacherin Hanni Zauner aus prima ins Wasser geht, gebadet. Obwohl es dabei sehr kalt war, ist es nicht unwahrscheinlich, daß dabei auch Moleküle Helmut Kohls an mir vorbeigeschwommen sind und ich daher taxfrei behaupten kann: An einem nebeligen Oktobernachmittag bin ich in Helmut Kohl geschwommen.




© Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's

Sofa

5. August 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (2) Comments (0) Pings




Sieben Türme

Als die Babylonier damit begannen, aus Lehmziegeln und Erdpech ihren Turm zu errichten, hatten sie – so Moses in der Genesis – noch eine gemeinsame Sprache. Aber Gott beschloß, die Himmelsstürmer, die sich an das Unerreichbare heranwagten, wieder auf die Erde zu holen. „Er verwirrte ihre Sprache, sodaß keiner mehr die des anderen verstand.“

Text und Illustrationen © ANDREA MARIA DUSL
except 7: © FRANK LLOYD-WRIGHT

Erscheinungsdatum unklar


Daß der Turmbau vor allem mit dem lieben Gott zu tun hat, beweisen die Kirchtürme des Abendlandes genauso wie die Minarette der Mohammedaner oder die über Knochenfragmenten des Buddha aufgetürmten Stupas. Die Frage, ob denn Türme und Menhire, die phallischen Obelisken und Siegessäulen nicht bloß Männlichkeitssymbole eines Kulturgrenzen überspringenden Weltpatriarchats seien, muß nicht gestellt werden: Natürlich sind sie es. Türme werden zwar nicht explizit für, aber ausnahmslos von Männern errichtet.


pisa.jpegDer Berühmteste

Der schiefe Turm von Pisa


Der wohl bekannteste Turm aller Zeiten ist auch einer der schönsten. Daß nicht alleine seine aberwitzige und gefährliche Neigung für seinen Ruhm verantwortlich ist, zeigt ein Vergleich mit anderen « schiefen Türmen ». Die « Torre degli Asinelli » und die « Torre Garisenda », zwei Bologneser Geschlechtertürme, haben kaum lokale Bedeutung.

« Piazza dei Miracoli », Platz der Wunder, heißt die noch heute am Rande Pisas gelegene Wiese des Dombezirks. Wenn das Meer (das heute nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Stadt liegt, wie noch zu Zeiten der Seerepublik) Pisa in einen zartschwebenden weißen Morgenschleier hüllt, mag man sich in ein orientalisches Märchen versetzt vorkommen. Gäbe es die berühmte « Torre Pendente », den schiefen Turm, nicht, wäre Pisa schon für seinen weißmarmornen Dom und das Spitzengeflecht des Baptisteriums vom Nimbus der Einzigartigkeit bestrahlt.

Drei Millionen Besucher jährlich waren es, die den nicht ungefährlichen Aufstieg auf den stark geneigten Turm wagten, mehr als zehn immerhin, die von einer der sechs ungesicherten Gallerien in den >>>

>>> Tod springen. Heute ist der Turm mit tonnenschweren Bleiplatten ummantelt und mit armdicken Stahltrossen verspannt. Ein Besteigen ist aus Sicherheitsgründen verboten.

Den Dom und den Campanile finanzierte das mächtige Pisa einst mit der reichen Beute, die seine Flotte 1063 den Sarazenen Palermos abnahm. Mit dem Bau des Turms beginnt Bonanno Pisano 1731, aber schon nach fünf Jahren - drei Geschosse waren bereits ausgeführt - erzwangen Bodensetzungen eine Einstellung des Baus. Erst ein.Jahrhundert später, die geplante Höhe von 100 Metern konnte nicht mehr angestrebt werden, führte Glovanni di Simone die Arbeit weiter, die Neigung des - heute 56 m hohen - Turms glich er durch eine Krümmung in die Gegenrichtung aus, weswegen der Turm oft respektlos « die Bohne » genannt wird. 1,5 mm wanderte der weiße Turm jährlich dem Abgrund seines Umsturzes entgegen. Dieser « point of no return » wird in allernächster Zukunft nicht erreicht werden, dafür sorgen massive Gegenmassnahmen, von Betonspritzen bis hin zu kollektivem Beten. Trotzdem leben die Pisaner in ständiger Angst, eines Tages zur Stadt der « torre caduta », des gefallenen Turms, zu werden. Das Unaussprechliche einmal angenommen : Die Pisaner würden es wohl den gleichtun, deren Campanile 1902 eines frühen Morgens ohne jegliche Vorankündigung einstürzte. Sie würden ihn ebenfalls wieder aufbauen, “com‘era e dov’era”, wie er war und wo er war.


alexandria.jpegDer Biblische

Der Turm von Babylon


“Auf, sagten sie, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel...” (Moses, Genesis 1 1 13) - Aber der Herr verwirrte ihre Sprache und sie zerstreuten sich über die ganze Erde und Gründeten Dolmetschinstitute und Sprachschulen.

Als Herodot, ein griechischer Reiselüstling 460 v. Chr. das von Perserkönig King Xerxes zerstörte Babylon besuchte, konnte er nur mehr von den Ruinen des gewaltigen Kultbergs berichten. Seit biblischen Zeiten umgibt den Turm von Babel der Mythos der Einzigartigkeit. In Wahrheit war er jedoch kein außergewöhnliches oder einmaliges Bauwerk.

Die ersten Zikkurate (was auf semitisch etwas einfallslos die "Hochragenden' heißt) entstanden 2000 Jahre vor unserem "babylonischen Turm”; Speziualisten der Ziegelkunde sind die von Ur, Uruk und Nippur bekannt Als deren Provinz-Imitation wurde der Turm zu Babel zwischen 2057 und 1753 v. Chr. (vorerst in bescheidenen Dimensionen) errichtet, mehrmals von ausländischen Ziegeldieben zerstört, aber immer wieder am selben Ort aufgebaut.

Nebukadnezar II. (605 562 v. Chr.), ein Mann mit einem verschwenderisch gestylten Bart baute Babylon zur größten und prächtigsten Stadt der Welt aus. Von den sieben Stufen des Turms entsprachen die gewaltigen beiden untersten der Sonne und dem Mond, die nachfolgenden vier und der Tempel Marduks, den damals bekannten Planeten. In Marduks Tempel lebten eine Reihe von Comandantinas, die ihr Lebtag keiner anderen Arbeit nachgingen, als es mit Mardukpriestern ausgiebig zu treiben.


wien.jpegDer Schönste

Der Südturm von St. Stephan in Wien


Als die Türken 1529 Wien belagerten, ging es nicht nur darum, das Abendland im heiligen Krieg zu erobern, sondern vorrangig darum, ein Bauwerk in ihren Besitz zu bringen, das das Maß ihrer Vorstellungen sprengente: Das höchste und prächtigste Minarett der Christenheit, gekrönt von einem gewaltigen goldeneu Apfel. Auf diesen apfel hatten die Orientalen einen besonderen “Gusto”.

Heinrich II. Jasomirgott, der seine Residenz einst vom zugigen Klosterneuburg nach Wien verlegt hatte, ließ eine hier bereits bestehende Kapelle zur Kirche umgestalten. (An der Stelle des Doms war immer schon ein Heiligtum gestanden, erst ein keltischer, später ein römischer Tempel.) 1359 legte der Habsburger Rudolf der Stifter, (auch genannt Rudolf der Maurer), die Grundsteine zu Langhaus und Südtürm. Trotzdem sollte es bis 1433 dauern, bis Hans von Prachatitz, ein bekennender Satanist, den zu seiner Zeit höchsten Turm der Welt vollendete.

Rätselhaft ist der Umstand, daß er mit 137 Metern exakt die Höhe des seit ewigen Zeiten höchsten Bauwerks, der Cheopspyramide, erreichte. Zum Leidwesen der stolzen Wiener löste ihn 1439 der ausgebaute Straßburger Münsterturm mit 143 Metern als höchsten Turm ab. Die Vierungstürme von Rouen (150 m) und Beauvais (153 m), ein Jahrhundert später erbaut, übertrafen zwar Wien und Straßburg, stürzten aber bald ein oder brannten ab. (Die Höhe, die der hölzerne Spitzturm der alten St. Paul's Kirche in London mit 149 Metern gehabt haben soll, wird von nichtenglischen Experten stark angezweifelt.)

Siebzehn Jahre nach Vollendung des Südturms schritt das abendländische Wien an die Erbauung eines zweiten, noch höheren Turms, der jedoch später das Schicksal des Prager Veitsturms teilen sollte: Beide blieben Turmstümpfe. (Der Veitstürm war schon über 140 in hoch, als er einstürzte.) Der "Steffl", wie ihn die Wiener liebevoll nennen, entging nicht nur der Zerstörung durch türkisches und napoleonisches Geschützfeuer, sondern auch; dem satanischen Plan einer SS-Einheit, den Dom und seinen Turm eher in die Luft zu sprengen, als ihn dem anrückenden Befreiern zu “überlassen” Als die Bombenangriffe auf Wien zunahmen, hatten sich regelmäßig tausende Wiener Frauen statt in den Luftschutzkellern im Dom versammelt, um die Bombenschauer regelrecht "abzubeten".

Wie erfolgreich ihnen das gelang, zeigt eine Karte der Bombentreffer der Inneren Stadt: Rund um den Dom liegt eine Perlenkette von Einschlägen. Den Dom selbst traf keine einzige Bombe. (Den Brand des riesigen Dachs, eines Meisterwerks gotischer Zimmermannskunst, löste der Funkenflug von den brennenden Grabenkaufhäusem aus.) Der Turm aber blieb unversehrt und gilt bei Kebap-Fans nach wie vor als das "schönste Minarett der Christenheit.


siena.jpegDie Stolzeste

Die "Torre del Mangia" in Siena


Von den Türmen der Toskana ist "sie" die stolzeste; Obwohl sie an einer der niedrigsten Stellen der Stadt errichtet wurde, überragt sie alle anderen Türme der Stadt. Die Ähnlichkeit mit dem Turm des Palazzo Vecchio in Florenz ist kein Zufall: Bis in die Antike zurück führt die Rivalität zwischen Florenz und Siena, dem etruskischen Saiena. Ihren Höhepunkt erreichte diese komplizierte Erbfeindschaft in den fortwährenden Fehden gilbellinischer Sienesen und guelfischer Florentiner. (Die heute wohl Welfen- (Guelfen-) Prinz “Haugust” von Hannover huldigen müssten).

1314 krönten die Bürger der Arnostadt den monolithischen Block ihrer Rathausfestung mit einem zinnenbewehrten, 300 Fuß hohen Turm. So weit waren die stolzen Sienesen noch nicht. Dreizehn Jahre hatten sie zwar an ihrem um Eckhäuser eleganteren Palazzo Publico gebaut, aber weitere 24 sollten vergehen, bis den Florentinern mit einem ungeheuren Turmprojekt geantwortet wurde: ein 333 Fuß (102 m) hoher Turm, höher und schlanker als der der Florentiner. Nicht weniger als acht Architekten planten an dem gigantischen Menhir. Als die Stadtregierung das kühne Projekt zum ersten Mal sah, wollte sie - schon damals waren Kommunalpolitikern furchtsam wie Klosterschülerinnen - nicht glauben, daß ein Bauwerk dieser Höhe werde halten können, die Künstler mußten beteuern, daß er in Ewigkeit stehen werde. Erst unter der Abgabe schriftlicher Ehrenworte, der Turm werde nicht einstürzen, wurden die Baumeister mit der Errichtung der Torre beauftragt. Das Ehrenwort wurde nicht gebrochen, der Turm, in elf Jahren hochgezogen, ist inzwischen 640 Jahre alt und denkt nicht daran einzustürzen.

Ihren Namen verdankt die Torre dem taubstummen Glöckner "Mangiaguadagni", der auf ihr mit einem riesigen Hammer die Stunden schlug. Die große Glocke von 1666 ist der Maria Assunta geweiht und wird im Volksmund "Sunto" genannt. Zweimal im Jahr bewacht der Mangiaturm das wohl berühmteste Pferderennen der Welt, den Palio, der im Schatten der Torre auf der muschelförinigen Plazza del Campo ausgetragen wird.


aussee.jpegDer Wahnsinnigste

Der Salzturm von Aussee


Man schreibt das Jahr 1495, Christoforo Colombos Entdeckung des (falschen) Indiens liegt erst drei Winter zurück. Maximilian I. ist zwar deutscher König, aber noch nicht Kaiser, da stoßen die Spaten dreier Salinenarbeiter auf eine versunkene Welt: An der uralten Paßstraße, die vom Pötschen, einem kleinen Sattel zwischen Oberösterreich und der Steiermark, nach der prosperierenden Salzstadt Aussee führt, läßt Hans Herzheimer die Fundamente für einen Stadel ausheben. Herzheimer ist Salzverweser, im besten Mannesalter, der mächtigste und ideenreichste Mann des Salzkammergutes.

Der von seinen Arbeitern herbeigerufene Herzheimer merkt schnell, daß die Steinmauern, die sechzehn Fuß in die Tiefe führen, mehr getragen haben müssen als ein schlichtes Bauernhaus. Die Inschriften und einige Reliefsteine sind in einer Sprache geschrieben, die selbst dem des Lateinische kundigen Herzheimer unverständlich bleiben. Die geheimnisvolle Entdeckung soll sein ganzes Leben verändern. Die Ausgrabung wird vorerst mit einem riesigen Stadeldach überdeckt, als Schweinestall getarnt und geheimgehalten. Obwohl ihn seine Geschäfte als Berater von Friedrich III. und als Kriegsgefährte des jungen Maximilian mehr als beanspruchen, keimt, ein Plan von utopischen Dimensionen. Bei den auf seinen Gründen ausgegrabenen Mauern so schließt er nach ausgiebigen Gesprächen mit Dombaumeistern, Ingenieuren und humanistischen Gelehrten, müsse es sich um die Fundamente eines gewaltigen - aus welchen Gründen auch immer - nicht gebauten keltisch/römischen Turms handeln.

Seine Frau Margarethe hat ihm statt eines Stammhalters elf Töchter geboren, die Herzheimer - der inzwischen zu einem frühkapitalistischen Finanzmagnaten fuggerschen Ausmaßes geworden ist- in die “besten” Häuser Mitteleuropas vermählt. (Töchter galten zu damalige Zeiten als politisches Spielgeld). Herzheimer, ein Bill Gates der Salzindustrie, finanziert mit den Erträgen seiner Bergwerke vorerst die erfolglosen Kriegsunternehmünzen seines Ritterfreundes Maximilian. Der, für mittelalterliche Machos überaus schauerliche Gedanke aber, keinen Sohn in die Welt gesetzt zu haben, läßt den, längst schrulligen und menschenscheuen Eremiten immer mehr Geldmittel in sein Turmprojekt umleiten. Immer neue Entwürfe eines 150 Meter hohen, das gesamte Wissen seiner Zeit enthaltenden Turms fertigt er an.

Bei Kepler in Prag gibt er eine astronomische Uhr in Auftrag, er bunkert in seiner kleinen Stadtburg riesige Mengen erlesener Marmorsäulen, füllt Zimmer voller Bernstein und Elfenbein, lagert edelstes Zirbenholz von den höchsten Almen, ja selbst Gold soll er mehr gehabt haben, als sein ärgster Feind, der Fugger.

Als Herzheimer 1532 als verarmter Greis stirbt, hinterläßt der “Howard Hughes" der beginnenden Neuzeit ein unzugängliches Chaos an Entwürfen und Berechnungen. Sein Erbe wird in alle Winde zerstreut. Der Turmstumpf, von dem schon sieben Meter stehen, wird im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte als Steinbruch verwendet und fast ganz abgetragen. Auf dem Hügel, den es heute noch gibt, wird später der Dichter Nikolaus Lenau sitzen, und ihn, ohne den Grund zu kennen, als bevorzugten Ort aufsuchen, um seinen Weltschmerz zu kurieren.

Das Blut Herzheimers, der so gerne einen Sohn gehabt hätte und aus Verbitterund zum Turmbauer wurde, trugen seine elf Töchter indes in die vornehmsten Familien. Es rauscht in den Adern der Wittelsbacher, der Bourbonen, der Welfen und der Habsburger.


alexandria.jpegDas Weltwunder

Der Pharos von Alexandria


Für die Griechen und Römer der Antike war der Turmbau kein Thema von besonderem architektonischer Pep. Ihre Türme waren Wachtürme, die, wenn überhaupt, kaum die Höhe der Festungsmauern überstiegen. Mit der Idee des Turms wurde ein Grieche allerdings im biblischen Babylon infiziert. Alexander der Große, ein unruhiger Reitersmann wollte rund um den neuerrichteten babylonische Turm seine neue Reichshauptstadt errichten und per Dekret zum Mittelpunkt der Welt erklären.

Den Plan, den Alexander aus Termingründen nicht auf die Reihe brachte, trug Sostratos, Alexanders Generaladjutant und nach dessen Tod Ersatzalexander, nach Ägypten: Auf der kleinen Insel Pharos, die Alexandria, der ersten Gründung Alexanders vorgelagert ist, ließen Ptolmäus I. und sein Nachfolger Ptolmäus II. eines der Weltwunder der Antike errichten. Eine 340 Meter im Quadrat messende Terrasse sollte das ungeheure Gewicht aufnehmen und darauf dann eine gigantische Kaskade von drei übereinander stehenden Türmen gebaut werden. Ein viereckiges, 70 Meter hohes Grundgeschoß trug einen 38 Meter hohen zweiten Turm, dem eine runde Spitze aufgesetzt war: Dessen kegelförmiges Dach trug eine Statue des Meeresgottes Poseidon, nach anderen Berichten eine des wasserscheuen Zeus.

Die Fassade des Pharos war mit blendend weißen Marmorplatten verkleidet, seine Höhe überstieg mit mehr als 140 Metern die eines anderen Weltwunders in nächster Nähe: der Pyramiden von Gizeh, mehr als 2000 Jahre vor ihm von ägyptischen Steinmetzen errichtet. Das Leuchtfeuer in seiner Spitze ist vermutlich erst 400 Jahre nach seiner Erbauung eingerichtet worden. Nach neuesten Forschungsergebnissen soll ein riesiger drehbarer Spiegel das Licht eines, im Erdgeschoß des Turmes lodernden Feuers gebündelt und 180km weit reflektiert haben.

Als der Wunderturm 1326 bei einem Erdbeben einstürzte, hatte er 1606 Jahre gestanden und war nicht nur Vorbild der islamischen Minarette: Die Dornbaumeister des christlichen Abend-Landes, die heute zu Schrullis verkommenden Freimaurer hatten das Wissen der Alexandriner Bauhütte in ihren geheimen Logen über Jahrhunderte weitergegeben.

Ein Beweis dafür ist der Gipfel gotischer Turmbaukunst, der Wiener Stephansturm. Er ist bis in kleine Details der mit gotischem Formen-Vokabular neuerbaute Pharos.

Aus den Resten des eingestürzten Leuchtturms wurde 1480 ein Kastell gebaut, das im Laufe der Zeit zu einer lächerlichen Ruine verkam und in der Zeit des British Empire im Playmobil-Stil als “Fort Bey” wiederaufgebaut wurde


illinois.jpeg"Der Utopische

Frank Lloyd Wright's “Illinois One Mile High Tower"


Ein Schwert mit einem Griff, so breit wie die Hand, fest im Boden verankert, mit der Klinge nach oben gerichtet… Würde mein Entwurf kunstgerecht ausgeführt, Stünde das Gebäude länger als die Pyramiden."

Als der erklärte Hochhausphobiker Frank Lloyd Wright 1956 seine spektakuläre Utopie eines über 1600 (!!!) - in Worten: eintausendsechshundert Meter hohen und außerordentlich spitz zusammenlaufenden Turms vorstellte, befand er sich selbst schon längst im Olymp der Architektur. Warum das Projekt nicht verwirklicht wurde (technisch war es durchaus möglich) bleibt ebenso rätselhaft wie die Tatsache, daß einer der schärfsten Kritiker von Hochhäusern eine Nadel von solch gewaltiger Höhe geplant hatte. Die aufgetürmte Kleinstadt, die mehr als viermal so hoch gewesen wäre wie das zu seiner Zeit absolut höchste, das berühmte Empire State Building. hätte nach den Vorstellungen seines Schöpfers vorwiegend Wohnzwecken dienen sollen.

Eines ist sicher: Wäre er gebaut worden, der "lllinois Mile High” wäre auf jeden Fall von allen Türmen der schönste geworden. Und viele hätten ihn sehen können: Der (im wahrsten Sinn dieses inflationär gebrauchten Wortes) Wolkenkratzer wäre noch in unglaublichen 173 km Entfernung sichtbar gewesen. Den noch immer offenen Wettstreit um der Welt höchstes Gebäude hätte Chicago damals wohl für ewige Zeiten für sich entschieden.

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7tuerme.jpeg

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4. August 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




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