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Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Der Phillishave
REKONVALESZENZ Nach einem Schlaganfall war Österreichs berühmtester Talkmaster und Kolumnist monatelang ausser Gefecht. Was passiert ist und wie es Hermes Phettberg jetzt geht, berichtet Andrea Maria Dusl.
Für Falter 14/2007
Wenn man bei Hermes Phettberg aus dem Haus tritt und sich im Augenblick der Gehsteigberühung um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn dreht, kann man ohne gröberen Richtungswechsel geradewegs bis Reggio di Calabria wandern. Vor Hermes Phettbergs Haustüre in der Grabnergasse beginnt sozusagen der Weg nach Süden. Nach Süden wandte sich Hermes am 23. Oktober letzten Jahres, bei seinem, bis dahin ersten Gang auf ein Sozialamt.
Am Weg zum Amtshaus Margareten sah Hermes Phettberg, wie er sich erinnert, alles doppelt. Zwei Tage vorher hatte das Zwiegesicht begonnen, bei einem Happening in der Wiener Sargfabrik - Phettberg musste eine Stunde regungslos in einem Sarg liegen.
Auf dem Weg zum Sozialamt sah Phettberg vier Wienzeilen, zwei Ramperstorffergassen und zwei Schönbrunnerstrassen. Jeder Wagen, der aus dem Wiental kommend, Richtung Stadt raste, war doppelt vorhanden.
Phettberg hält es nachträglich und eingesichtig betrachtet für eines der Wunder seines Lebens, dass er unbeschädigt eines der beiden gesehenen Amtshäuser erreichte und dort eine der beiden Frau Stiefsöhne sprechen konnte, denen er dort begegnete. Frau Stiefsohn, von Phettbergs Zustand besorgt, alarmierte die Rettung, der Parteienverkehrer wurde ins Spital gebracht. Dort diagnostizierten Neurologen nichts weniger als einen Schlaganfall.
Vier Wochen verbrachte Hermes Phettberg im Wilhelminenspital. Genas langsam vom Doppeltsehen. Das Predigtdienen, wie Phettberg sein Kolumnieren im Falter nennt, war ihm indes nicht mehr möglich. Nach einem Monat kam Hermes wieder nach Hause, drehte einen Film mit Kurt Palm, seinem Dompteur aus Nette-Leit-Show-Zeiten. Thema des Films: Hermes Phettberg, Hauptdarsteller: Hermes Phettberg. Die Zerwürfnisse und Dispute der Jahre nach der Trennung Palms und Phettbergs von Couch und Tisch waren überwunden.
Auf die Frage, ob sich der Schlaganfall angekündigt habe, weiss der Phettberg Eindrückliches zu berichten. Schon ein Jahr vor der Apoplexie habe er Blitze gespürt, "de facto explodierte dabei jedes mal ein kleines Blutgefäß". Es seien kleine explosionsartige Einschläge gewesen, Stiche. Kleine Schauer im Kopf. Im Jänner diesen Jahres, lange schon wieder zu Hause in seiner Wohnung in der Gumpendorfer Grabnergasse, muss in Phettbergs Gehirn ein zweites mal zu dickes Blut zu dünne Äderigen verstopft haben. Jedenfalls passierte etwas, was ihn in dreitägigen Schlaf warf, aus dem ihm erst das heftige Klopfen "der Frau Schweiger" an der Eingangstüre erweckte. Die Erinnerungen an diese drei Tage sind ausgelöscht, zwei volle Gläser mit Urin seien, so Phettberg, detektivisch gesehen, ein Indiz dafür, das er die drei Tage nicht ausschließlich mit Schlaf zugebracht haben könne.
Kurt Palm suchte mit Hermes den Neurologen Dr. Wolf auf, der diagnostizierte nach einem EEG einen neuerlichen Schlaganfall und liess Phettberg mit der Rettung ins Kaiser-Franz-Josef-Spital führen. Dort wurde Hermes, wie er berichtet, am späten Abend “wegen Geheiltheit“ entlassen. Hermes hatte aber unglücklicherweise den Haustorschlüssel vergessen. Er fuhr palmlos wieder ins Spital, und verbrachte die Nacht in der Notunterkunft. Am Morgen fuhr er mit dem Taxi nach Hause. In die Wohnung gelangte er mit einem Ersatz -Schlüssel, den Palm mitgebracht hatte.
Auf Vermittlung von Kurt Palm, Armin Thurnher und Werner Vogt kam der König von Gumpendorf schliesslich für 6 Wochen in das Rehabilitationszentrum auf der Lassnitzhöhe nahe Graz.
Wir erinnern uns: Man muss sich vor Hermes Phettbergs Haustüre nur ein einziges mal nach links drehen, um geradewegs auf fast schnurgeraden Strassen Richtung Süden zu gelangen. Konstruierte man einen Auferstehungsmythos, wäre Phettberg nach seiner öffentlichen Einsargung schon am 23. Oktober automatisch in Richtung Genesung aufgebrochen.
Auf der Lassnitzhöhe absolvierte Phettberg einen minutiös geplanten Rehabilitationsplan aus Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie und Akupunktur. Sogar Joga und die Kunst des richtigen Atmens gehörten zum Wiederherstellungsparcour.
70 Kilo hat Phettberg in den letzten 12 Monaten abgenommen. Er passt in längst archivierte Hosen aus seinem persönlichen Jeans-Museum. Seltsamerweise, so Phettberg, sei der Gewichtsverlust kein Effekt der Apoplexie gewesen, sondern sei schon vorher eingetreten. Wiewohl das Spital zur Entschlackung beigetragen habe. Wochenlang habe er keinen Bissen hinuntergebracht. 14 Tage lang konnte Phettberg nur riechen an den Speisen.
Was seine Verdünnung ausgelöst habe? Phettberg hatte sich im letzten Jahr von enormen Mengen bedruckten Papiers getrennt. Im Augenblick des grössten Loslassens von gesammeltem Material habe ihn dann buchstäblich der Befreiungsschlag getroffen. Während der Rehabilitation habe aber ein anderes Phänomen Besitz von seiner Oberfläche ergriffen. Weil Phettberg wegen der Blutverdünnung das Rasieren mit Klingen nicht wagte, hatte er sich einen elektrischen Rasierapparat zugelegt. “Der macht was er will”, berichtet Hermes, “und egal wo man ihn hinführt, ober der Lippe lässt er die Stoppel stehen.” Phettberg trägt also, wiedergenesen und predigtdienstbereit, einen Schnurrbart. “Bitte nicht Schnurrbart zu schreiben. Nenne ihn den Phillishave!”
3. April 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings
Stermann und Grissemann ::: Toughe Schlappschwänze
Dirk Stermann und Christoph Grissemann, kongeniale Radiomoderatoren, Sprechvirtuosen und Bühnen- Alleinunterhalter, haben ein neues Kabarett-Programm. Der „Falter“ traf die beiden, um über „Harte Hasen“, das Überleben diverser Katastrophen und die Tingelei zu plaudern. Ein Interview von ANDREA MARIA DUSL
Originaltext aus Falter 08/05 vom 23.02.2005
Das ungekürzte Interview gibt es hier zu lesen >>> Ehrlichkeit sells...
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Sie sind deutlich schlanker und voller Energie. „Zum ersten Mal in ihrem Leben“, heißt es im Gründungsmythos zu ihrem neuen Programm, hätten der entwurzelte Deutsche Dirk Stermann und der denaturierte Wiener Christoph Grissemann „Lust, ihr Publikum zu begeistern“. Diese Veränderung sei durch die völlige Abstinenz von Drogen möglich geworden. Auf der Bühne werde kein Alkohol mehr getrunken. So könnten die zwei Neobuddhisten für stundenlange, konzentrierteste Pointenwucht sorgen.
Stermann und Grissemann, kongeniale Sprechvirtuosen, Bühnenalleinunterhalter und Radiomoderatoren für FM4 und den Berliner Sender Radio Eins, spielen in der Königsliga der sprachlichen Equilibristik: der Doppelconference. Nach „Das Ende zweier Entertainer“, „Die Karawane des Grauens“ und „Willkommen in der Ohrfeigenanstalt“ präsentieren die beiden nun, ihr viertes Kabarettprogramm, „Harte Hasen“. Der Falter traf die Trashkomödianten in Wiens geheimer Comedy-Ausdenk-Abhänge Rüdigerhof.
Andrea Maria Dusl: Was sind harte Hasen?
Christoph GrissemannDas kann man sehen, wie man will: Einerseits sind es ausgestopfte Hasen, die auch im Bühnenbild eine Rolle spielen, andererseits ist es ein Begriff, den wir seit Jahren mit uns herumtragen. Wir wollten ja schon eine Radiosendung so nennen: „Harte Hasen“. Weil es eine so schöne doppelte Alliteration ist und weil es zwei Begriffe sind, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Der Hase ist ja an sich als weiches Tier, als Streicheltier bekannt. Davor ein „hart“ zu setzen, fand ich rein sprachlich interessant. Viele assoziieren damit Motorradbräute – was nie unser Gedanke war, was uns eigentlich auch unangenehm ist, weil man so ins Fahrwasser der Alkbottle-Comedy gerät. Was wir natürlich überhaupt nicht wollen.
Dirk Stermann: : Ganz viele haben da an was Rammiges gedacht, so was Phallisches, Hartes, an den Hasen als Phallussymbol, als erigiertes Glied. Das spielt aber überhaupt keine Rolle. Es geht eher um Schlappschwänzigkeit. Harte Schlappschwänzigkeit.
Andrea: Seid ihr eher Schlappschwänze?
>>>
>>> Grissemann: Ja.
Stermann: : Toughe Schlappschwänze. Ich glaube ja, dass der Hase grundsätzlich ein bisschen dumm ist. Dieses zickzack laufende Herumgehopple! Das aber passt wiederum ganz gut zu unserem Programm. Wir arbeiten so, darum ist der Titel auch ganz sinnvoll.
Grissemann: Wir arbeiten, im Gegensatz zu anderen Kabarettisten, ohne Überthema. Während Andrea Händler die Beziehungskiste zum großen Thema macht oder Roland Düringer Autos, haben wir ja nie ein Überthema. Bei uns hat ein Satz mit dem davor überhaupt nichts mehr zu tun.
Andrea: Haben eure Shows untereinander Ähnlichkeiten? Wird jemand in Sankt Pölten eine ähnliche „Harte Hasen“-Show sehen wie das Publikum in Berlin?
Stermann: Zu achtzig Prozent werden die Leute überall das Gleiche sehen. Die anderen zwanzig Prozent sind improvisiert. Fatalerweise. Das Anstrengende ist ja das Improvisieren.
Grissemann: Extrem anstrengend. Weil man immer Gefahr läuft, katastrophal zu improvisieren. Unter Schlagfertigkeitsdruck zu stehen ist neben der Angst, von Terroristen angegriffen zu werden, die größte Angst, die es für mich gibt. Ich habe genauso große Angst vor einem verfehlten Witz wie davor, getötet zu werden.
Andrea: Ihr seid beide Überlebende. Stermann hat gerade den Tsunami überlebt und Grissemann vor ein paar Jahren seinen Haider-Sager (1). Das war auch nicht ungefährlich.
1: In einem Interview mit der Zeitschrift „rödr@nner“ sagte Christoph Grissemann am 28. Oktober 1999 in satirischem Zusammenhang folgenden Satz: „Wenn man den Haider stoppen wollte, müsste man ihn erschießen. Irgendjemand, der nur noch zwei Monate zu leben hat.“ In der Folge wurde Grissemann unterstellt, zu einem Attentat aufzurufen.
Grissemann: Obwohl ich das bis heute nicht verstehe, was daran so wahnsinnig gefährlich war, es war ja nie ein Aufruf zum Mord, ich hab ja einfach nur so vor mich hin gebrabbelt wie wahrscheinlich Zehntausende andere an den Stammtischen dieser Republik auch. Das hat man dann doch recht glücklich überlebt.
Andrea: Was hätte passieren können?
Grissemann: Wenn es ganz blöd gekommen wäre: Aufforderung zum Mord, das ist das Gleiche wie Mord in Österreich, ein Strafmaß von zehn bis zwanzig Jahren oder so. Da schluckst du, wenn du das vom Anwalt hörst. Vom eigenen.
Stermann: Was aber nett war: Unser Fahrer, der Max, war ja schon oft im Gefängnis, und der hat gesagt: Egal, in welches Gefängnis Grissemann kommt, er kennt überall Leute, und die helfen dann. Das war schon charmant.
Andrea: Es wäre allerdings nur Grissemann ins Gefängnis gekommen.
Grissemann: Stimmt. Nur ich.
Andrea: Wie wärt ihr umgegangen mit so einer Trennung?
Stermann: Wir haben so ähnliche Situationen schon einmal gehabt. Da hat Grissemannn Zivildienst gemacht, ich habe in Hamburg gearbeitet, und wir haben die Radiosendung weitergemacht. So ähnlich wäre das im Gefängnis auch gewesen.
Andrea: Stermann hat in Sri Lanka die schlimme Welle überlebt.
Stermann: Wobei ich das nicht so erlebt habe wie die Menschen hier im Fernsehen und auch nicht wie die Betroffenen. Ich hab gar nichts erlebt, genau genommen war das, wenn ich ehrlich bin, sehr unspektakulär.
Grissemann: Du bestreitest aber nicht, dass es stattgefunden hat. Ich sage nur: Tsunamilüge!
Stermann: Ich sage nicht, dass es die Tsunamilüge gibt. Und ich will nicht am Brandenburger Tor eine Gegendemo veranstalten.
Grissemann: Aber, um ernsthaft zu reden, wie war das für dich, als FM4-Grasser nach zweiwöchigem Urlaub braun gebrannt zurückzukommen?
Andrea: Unverletzt.
Stermann: Ich war ja in einem Ort, wo nichts war. Nachdem alle, die dort waren, ihr Schicksal kundgetan haben, habe ich jetzt das Gefühl, dass jeder Halbprominente wesentlich mehr gelitten hat als die Fischer auf Sri Lanka. Das hast du ja alles in den vernewsten und verfellnerten Blättern lesen können. So war das bei mir nicht, ich hab einen schönen Brief bekommen von einem Fischer, dem wir Geld gegeben haben, wo der genau aufgelistet hat, was er mit dem Geld gemacht hat. Das war schön zu lesen, irgendwie.
Andrea: Was hat er mit dem Geld gemacht?
Stermann: Er hat zwei Fischernetze gekauft, womit vier Leute leben können. Das Problem ist nur: In Sri Lanka kann man den Fisch nicht verkaufen, weil die abergläubisch sind und glauben, dass die Fische die ganzen Leichen gegessen haben. Ich hab auch wahnsinnig viele so Dinger im Meer treiben gesehen.
Grissemann: Leichen?
Stermann: Betten, Kissen, Plastik, Spielzeug, so was halt.
Grissemann: Das hat es bei dir an die Westküste geschwemmt?
Stermann: Das zog da so am Hotel vorbei. Du saßest da beim Frühstück, und da zog das vorbei, wie am „Laufenden Band“: das Fragezeichen, der Globus ...
Grissemann: Ist das nicht zynisch?
Stermann: Aber so war’s.
Andrea: Was wäre da zynisch? Der Vergleich oder die Situation?
Grissemann: Na, Cocktail trinkend am Strand zu sitzen und Schränke, Fragezeichen und Perücken vorbeischwimmen zu sehen, und das mit einer „Am laufenden Band“-Situation zu vergleichen, das sehe ich höchst zynisch.
Stermann: Aber es war exakt so, weil das Fenster exakt den Ausschnitt eines Fernsehers hatte.
Andrea: Rudi Carrell, weil wir gerade davon sprechen, soll ja privat auch eine zynische Person sein.
Stermann: Heißt es, ja.
Grissemann: Ein Sexist.
Andrea: Ihr seid vom großen Showbusiness noch nicht ganz verdorben.
Stermann: Wir sind aber auch nicht so erfolgreich wie Rudi Carrell. Ich glaube, um ein totales Arschloch zu werden, musst du so richtig erfolgreich gewesen sein. Solange du mit der U-Bahn zu FM4 fährst, kannst du dir nicht einreden, dass du ein Weltstar bist.
Andrea: Zurück zu den Hasen. Wir wisssen also, da wird improvisiert. Was unterscheidet eine „Harte Hasen“-Vorführung von anderen Grissemann-und-Stermann-Alleinunterhaltungs-Entertainment-Events?
Stermann: Schön formuliert.
Grissemann: Durch die Erfahrung am Theater, die wir im letzten Jahr gemacht haben, die Werner-Schwab-Lesung mit Hilde Sochor zum Beispiel, haben wir ein bisschen die Lust am Schauspielen entdeckt. Es wird also weniger Stand-up-Comedy sein als szenisches absurdes Theater, wo ich eher den Geisteskranken spielen werde, was ja meine Paraderolle ist, und Stermann den Märchenerzähler mit tiefem Bass, oder? Es wird eher ein Theaterstück als die letzten Programme.
Andrea: Aber Theaterstücke sind doch gemeinhin Geschriebenes.
Stermann: Es gibt ja auch Sachen, die geschrieben sind, Geschichten, die wir vorlesen. In Berlin ist es zum Beispiel seit fünf Jahren so, dass die Leute nach unseren Auftritten fragen: „Wann ist denn die nächste Lesung?“ Obwohl wir da teilweise überhaupt nichts gelesen haben.
Grissemann: In Berlin wirst du eher als Autor wahrgenommen, in Österreich als Kabarettist. Wir wollen in „Harte Hasen“ aber weder Vorlesende sein noch als Kabarettisten vorkommen, sondern in Wahrheit als Schauspieler.
Andrea: Wärt ihr gerne Schauspieler?
Grissemann: Ich wäre schon gerne Schauspieler, ja.
Stermann: Ich finde das auch gut.
Grissemann: Wenn du Schauspieler bist und fremde Stücke spielst, fehlt dieser enorme Druck, von dir selbst was geben zu müssen, von dem du eventuell auch nicht überzeugt bist. Kein Mensch kann dich verantwortlich machen für die Sätze, die du sagst. Nur für die Interpretation.
Stermann: Ich bin ganz zufrieden damit, immer unterschiedliche Sachen zu machen. Ich möchte weiterhin überraschende Anrufe kriegen.
Grissemann: Das stimmt schon, dass wir Gott sei Dank in der Lage sind, die verschiedensten Angebote anzunehmen. Also zwischen Miss-Wet-T-Shirt-Wahl moderieren und ein Engagement beim steirischen herbst ist alles möglich.
Andrea: Badet ihr in Geld?
Grissemann: Wenn ich gut mit Geld umgehen könnte, würde ich in Geld baden, so ist es nur Duschen.
Stermann: Ich kann das besser, finde das aber gar nicht wichtig. Geld ist mir nicht wichtig, mir war immer nur wichtig, auf niemand angewiesen zu sein. Um richtig reich zu sein, machen wir auch zu viel gratis.
Andrea: Ihr seid die Barbara Stöckl und die Vera Russwurm für die wirklich harten Fälle. Es gibt ja in Österreich nicht allzu viele Leute, die man zu jedem Anlass auf die Bühne stellen kann. Hermes Phettberg, Peter Rapp und euch.
Grissemann: Gebrauchsmoderatoren.
Stermann: Peter Rapp ist ein Vollprofi. Ich schau ja „Glücksrad“ oder wie das heißt.
Grissemann: „Millionenrad.“
Stermann: Ich sehe das wirklich gerne, weil Peter Rapp der Einzige ist, dem alles egal ist, der das so professionell macht, dass du auch siehst: Der ruht in sich. Ich kenne im deutschsprachigen Raum überhaupt niemanden, der dermaßen professionell ist, das find ich schon auch faszinierend.
Andrea: Gibt’s da so was wie ein Kollegengefühl? Kann man von Rapp lernen?
Stermann: Nur die Ruhe von dem, das ist faszinierend. Außerdem: Man kann nichts lernen durchs Ankucken.
Andrea: Ihr seid doch auch ganz schön ruhig.
Grissemann: Das haben wir durch das jahrelange Tingeln gelernt. Wir haben ja alles gemacht, von der Apothekermesse bis zur Flex-Zehnjahresparty. Das einzig Wichtige ist, ruhig zu bleiben, auch wenn du gar keine Ahnung hast, wen du da jetzt ansagst. Man lernt das. Außerdem: Wir bluffen auch total viel. Es reicht, wenn du da oben stehst und mit sonorer Stimme Ruhe verströmst.
Stermann: Wir werden auch gerne für ganz technische Sachen gebucht, weil wir uns da gar nicht auskennen, und die sagen dann: Ja, genau deswegen!
Grissemann: Für die wird’s lustiger, wenn etwas nicht der Broukal moderiert, sondern Stermann und Grissemann.
Andrea: Was war da in letzter Zeit besonders absurd?
Grissemann: „Die Nacht des schönsten Lächelns“ von Wrigley.
Andrea: Wrigley, die Kaugummifirma?
Grissemann: Genau. Das war der absolute Wahnsinn, wo auch die Sugababes aufgetreten sind. Totale Zicken. Die haben einen ungeheuer langen Soundcheck gemacht, obwohl sie einen Vollplaybackauftritt hatten. Ihr Manager hat uns signalisiert: Reden, reden, reden, sie kommen erst in 15 Minuten. Und das ist der Wahnsinn: 15 Minuten Sugababes ansagen. Wenn du nicht einmal weißt, wie das Lied heißt, das die da singen werden.
Andrea: Wie lange tingelt ihr schon mit solchen Leuten?
Grissemann: Seit 1993 wird getingelt. Zwölf Jahre.
Andrea: Was ist das magische Datum?
Stermann: Es gibt kein Datum, aber eine magische Erinnerung: Da war so eine Computermesse in Wien, wo wir dreimal am Tag für irgendeine Gesellschaft eine Show auf der Bühne machen mussten, vor uns Menschen mit halb offenem Mund, meterdicken Brillen, alle so um die siebzig. Sie haben uns angestarrt wie kranke Tiere, das war für mich ein ganz legendärer Moment. Nebenan machte Fifi Pissecker sein Ding.
Grissemann: Er drehte das Glücksrad.
Stermann: Während auf dem Noch-nebenan-Stand ein Spot lief, den wir irgendwann aufgenommen haben, für ein ganz anderes Produkt.
Andrea: Das war die Geburt von Stermann und Grissemann?
Stermann: Das war schon der Endpunkt.
Grissemann: Der Niedergang. Gut war auch die Moderation am Silvesterpfad, wo einer aus dem Publikum schrie: „Euch sollte man aus der Stadt jagen!“ Obwohl wir ganz friedlich moderiert haben.
Stermann: Der stand ganz vorne. Wir haben, glaube ich, das Runterzählen falsch gemacht. Ich glaube, bewusst sogar. Wir haben das Runterzählen vorher gemacht. Und dann waren die alle sauer, weil wir dieses „Und zehn, neun, acht ... Prosit Neujahr!“, weil wir das eine halbe Minute nach vorne verschoben hatten. Da war der halt sauer und schrie. Dann kam noch einer und sagte: „Und übrigens, wisst ihr, dass die Elvis-Imitatoren auf der Bühne neben euch das Doppelte verdienen?“
Grissemann: Das war hart.
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„Harte Hasen“: am 1. und 2. sowie vom 8. bis 12.3., 20 Uhr, im Rabenhof (Tel. 712 82 82); am 13. und 14.5., 20 Uhr, im Vindobona (Tel. 332 42 31).
23. Februar 2005 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Stermann und Grissemann ::: Ehrlichkeit sells

Kaum war ich mit ihnen am Protestsongcontest, habe ich mit meinen Uralt-Buddies Stermann und Grissemann auch schon ein Falter-Interview gemacht. Über Leben und Überleben, über Gefängnis und Tsunami, übers Tingeln mit Fifi Pissecker und den Sugarbabes und über ihr neues Programm "Harte Hasen".
Dirk Stermann und Christoph Grissemann, kongeniale Radiomoderatoren, Sprechvirtuosen und Bühnen-Alleinunterhalter spielen in der Königsliga der sprachlichen Equilibristik: Der Doppelconferençe. Andrea Maria Dusl traf die beiden am 15.2.2005 in Wiens geheimer Comedy-Ausdenk-Abhänge Rüdigerhof um über ihr neues Kabarettprogramm zu plaudern.
Sie sind deutlich schlanker und voller Energie. "Zum ersten Mal in ihrem Leben", heisst es im Gründungsmythos zu ihrem neuen Programm, hätten der entwurzelte Deutsche Stermann und der denaturierte Wiener Grissemann "Lust ihr Publikum zu begeistern". Diese Veränderung sei durch das völlige Weglassen von Drogen möglich geworden. Auf der Bühne werde kein Alkohol mehr getrunken. So könnten die zwei Neo-Buddhisten für stundenlange, konzentrierteste Pointenwucht sorgen.
"Der Hase gilt in China als Symbol für Schlagfertigkeit und Elektrizität. Spannung und Witz also. Der „harte Hase“ ist ein südchinesischer Mythos. Der Legende nach gibt es nur zwei harte Hasen auf der Welt. Wird man von einem der harten Hasen mit der Nasenspitze berührt, geht die Kraft der harten Hasen auf diesen Menschen über. Stermann und Grissemann wurden am 13.1.2005 um 17.39 Uhr asiatischer Zeit in den hängenden Gärten von Nangking mehrere Minuten lang von beiden harten Hasen mit der Nasenspitze berührt..."
Nach „Das Ende zweier Entertainer“, „Die Karawane des Grauens“ und "Willkommen in der Ohrfeigenanstalt“ präsentieren die beiden Trash-Komödianten im Jahr des Hasen ihr viertes Kabarettprogramm „Harte Hasen“.
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Ungekürzte Version eines Interviews für den Falter 08/2005.
Alle Bilder © Andrea Maria Dusl 2005
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Andrea Maria Dusl: Was sind harte Hasen?
Christoph Grissemann: Das kann man sehen, wie man will, einerseits sind es ausgestopfte Hasen, die auch im Bühnenbild eine Rolle spielen, andererseits ist ein Begriff, den wir seit Jahren herumtragen. Wir wollten ja schon eine Radiosendung so nennen: Harte Hasen. Einerseits, weil es eine so schöne doppelte Alliteration ist und weil es zwei Begriffe sind, die überhaupt nichts mit einander zu tun haben, weil der Hase an sich als weiches Tier, als Streicheltier bekannt ist. Davor ein "hart" zu setzen, fand ich rein sprachlich interessant. Viele assoziieren damit Motoradbräute - was nie unser Gedanke war, was uns eigentlich auch unangenehm ist, weil man so ins Fahrwasser der Alkbottle-Comedy gerät. Was wir natürlich überhaupt nicht wollen.
Dirk Stermann: Ganz viele haben da an was rammiges gedacht, sowas phallisches, hartes, an den Hasen als Phallussymbol, als erigiertes Glied. Das erigierte Glied spielt aber überhaupt keine Rolle dabei. Es geht eher um Schlappschwänzigkeit. Harte Schlappschwänzigkeit.
Andrea Maria Dusl: Seid ihr eher Schlappschwänze? >>>
>>> Christoph Grissemann: Ja.
Dirk Stermann: Toughe Schlappschwänze.
Andrea Maria Dusl: Beim Hasen denke ich an den Hasen, aus dem Märchen "Der Hase und der Swinigel".
Christoph Grissemann: Wer?
Dirk Stermann: Der Hase und der Igel. Die mit dem Wettrennen.
Andrea Maria Dusl: Da ist der Hase eher der Idiot. Wenn ihr wollt, streichen wir die Frage,
Christoph Grissemann: Nein nein, lass doch drin!
Dirk Stermann: Bitte drinlassen!
Andrea Maria Dusl: Da läuft der Hase wie ein Idiot, während der Swinigel mit seiner Frau gemeinsame Sache macht. Immer dann, wenn der Hase an einer Kehre ankommt, ist er entweder selbst oder seine Doppelgängerin, die Igelin schon da.
Dirk Stermann: Ich glaube, dass der Hase grundsätzlich ein bisschen dumm ist. Dieses Zick-Zack-laufende Herumgehopple! Das aber passt wiederum ganz gut zu unserem Programm. Wir arbeiten so, darum ist der Titel auch ganz sinnvoll.
Christoph Grissemann: Wir arbeiten, im Gegensatz zu anderen Kabarettisten ohne Überthema. Während Andrea Händler die Beziehungskiste zum grossen Thema macht oder Roland Düringer Autos, haben wir ja nie ein Überthema. Bei uns hat ein Satz hat mit dem davor überhaupt nichts mehr zu tun.
Andrea Maria Dusl: Haben eure Shows untereinander Ähnlichkeiten? Wird jemand in Sankt Pölten eine ähnliche Harte-Hasen-Show sehen wie das Publikum in Berlin?
Dirk Stermann: Zu achtzig Prozent werden die Leute überall das Gleiche sehen. Die anderen zwanzig Prozent sind Improvisiertes. Fatalerweise. Das Anstrengende ist ja das improvisieren.
Christoph Grissemann: Extrem anstrengend. Weil man immer in Gefahr läuft, katastrophal zu improvisieren. Unter Schlagfertigungsdruck zu stehen ist neben der Angst, von Terroristen in Angriff genommen zu werden, die grösste Angst, die es für mich gibt. Ich habe genauso grosse Angst vor einem verfehlten Witz, wie davor, getötet zu werden.
Dirk Stermann: Ich war gestern bei Thomas Maurers "Kameramörder", im Rabenhof und da war der Kralicek auch an der Bar, und der kuckt mich so an, und ich dachte, der kuckt mich an, um mir zu signalisieren, dass man jetzt auch Angst haben muss.
Andrea Maria Dusl: Angst vor Kralicek?
Dirk Stermann: Angst davor, dass Kralickek dann schreibt: "Dümmeres noch nie gesehen auf einer Bühne". Oder sowas. Dass ich gestern auf dieser Premiere war, das war schlecht.
Christoph Grissemann: Wieso war das schlecht, "Kameramörder"?
Dirk Stermann: Nein, nein, schlecht, weil ich gesehen habe, dass das dort auch eine Premiere war, und das auch noch im gleichen Haus, und da hab ich uns dort gesehen. Echt unangenehm, wenn du denkst, dass Leute extra kommen.
Christoph Grissemann: Du merkst, wir haben keine Sicherheit. Wir sind uns unserer Sache nicht sicher. Aber das waren wir auch nie.
Anmerkung: In einer Interview mit einer oberösterreichischen Zeitung hatte C.G in Zusammenhang mit den Wirren der ersten schwarzblauen Regierungsbildung und dem damals medial dämonisierten FPÖ-Zampano gemeint, um Haider zu stoppen, müsste man ihn erschiessen... ...irgendjemand, der nur mehr zwei Monate zu leben hätte... In der Folge wurde Grissemann unterstellt, zu einem Attentat aufzurufen.
Andrea Maria Dusl: Ihr seid beide Überlebende. Grissemann hat Haider überlebt und Stermann den Tsunami. Wobei Grissemanns Haider-Sager nicht ungefährlich war.
Christoph Grissemann:
Obwohl ich das bis heute nicht verstehe, was daran so wahnsinnig gefährlich war, es war ja nie ein Aufruf zum Mord, ich hab ja einfach nur so vor mich hingebrabbelt, wie wahrscheinlich zehntausende andere an den Stammtischen dieser Republik auch. Das hat man dann doch recht glücklich überlebt.
Andrea Maria Dusl: Was hätte passieren können?
Christoph Grissemann: Da hätte schon was passieren können. Wenn es ganz blöd gekommen wäre. Was hat er da mal geschrieben der Anwalt? Also wenn es hart gekommen wäre: Aufforderung zum Mord ist das Gleiche wie Mord in Österreich, ein Strafmass von zehn bis zwanzig Jahren oder so. Da schluckst du, wenn du das vom Anwalt hörst, vom eigenen.
Dirk Stermann: Was aber nett war: Unser Fahrer, der Max, war ja schon oft im Gefängnis, und der hat gesagt: egal in welches Gefängnis Grissemann kommt, egal wohin, er kennt überall Leute, und die helfen dann. Das war schon charmant.
Andrea Maria Dusl: Es wäre allerdings nur Grissemann in Gefängnis gekommen.
Christoph Grissemann: Stimmt. Nur ich.
Andrea Maria Dusl: Wie wärt ihr umgegangen mit so einer Trennung?
Dirk Stermann: Wir haben so ähnliche Situationen schon einmal gehabt. Da hat Grissemannn Zivildienst gemacht, ich habe in Hamburg gearbeitet und wir haben die Radiosendung weitergemacht. So ähnlich wäre das im Gefängnis auch gewesen.
Andrea Maria Dusl: Stermann hat in Sri Lanka die schlimme Welle überlebt.
Dirk Stermann: Wobei ich hab das nicht so erlebt habe, wie die Menschen hier im Fernsehen, und auch nicht wie die Betroffenen. Ich hab gar nichts erlebt, genau genommen war das, wenn ich ehrlich bin, sehr unspektakulär,
Andrea Maria Dusl: Wie? Du warst doch dort.
Dirk Stermann: Ich war dort, aber hab nichts mitbekommen...
Christoph Grissemann: Du bestreitest aber nicht, dass es stattgefunden hat. Ich sage nur: Tsunamilüge!
Dirk Stermann: Ich sage nicht, dass es die Tsunamilüge gibt. Und ich will nicht am Brandenburgertor eine Gegendemo veranstalten.
Christoph Grissemann: Aber um ernsthaft zu reden, wie war das für dich, als fm4-Grasser dann nach zweiwöchigem Urlaub braungebrannt zurückzukommmen?
Andrea Maria Dusl: Unverletzt.
Dirk Stermann: Ich war ja in einem Ort, wo nichts war. Ich habe jetzt, nachdem alle ihr Schicksal kundgetan haben, jeder der da war, und wenn wer prominent war, dann noch mehr, das Gefühl, dass jeder Halbprominente wesentlich mehr gelitten hat als ein Fischer auf Sri Lanka. Du hast du ja alles in den vernewsten und verfellnerten Blättern lesen können. So war das bei mir nicht, ich hab einen total schönen Brief bekommen von einem singhalesischen Fischer, dem wir Geld gegeben haben, und wo der genau aufgelistet hat, was er mit dem Geld gemacht hat. Das war schön zu lesen, irgendwie.
Andrea Maria Dusl: Was hat er gemacht mit dem Geld?
Dirk Stermann: Er hat zwei Fischernetze gekauft mit dem Geld, womit vier Leute leben können. Das Problem ist nur: in Sri Lanka kann man den Fisch nicht verkaufen, weil die abergläubisch sind und glauben, dass die Fische die ganzen Leichen gegessen haben. Ich hab auch wahnsinnig viele so Dinger im Meer treiben gesehen.
Christoph Grissemann: Leichen?
Dirk Stermann: Betten, Kissen, Plastik, Spielzeug, sowas halt.
Christoph Grissemann: Das hat es bei Dir an die Westküste geschwemmt?
Dirk Stermann: Das zog da so am Hotel vorbei. Du sasst da beim Frühstück, und da zog das vorbei, wie am "Laufenden Band": Das Fragezeichen, der Globus...
Christoph Grissemann: Ist das nicht zynisch?
Dirk Stermann: Aber so war's.
Andrea Maria Dusl: Was wär da jetzt zynisch? Der Vergleich oder die Situation?
Christoph Grissemann: Na, Cocktail trinkend am Strand zu sitzen und Schränke, Fragezeichen und Perrücken vorbei schwimmen zu sehen, und das mit einer Am-Laufenden-Band-Situation zu vergleichen, das sehe ich höchst zynisch.
Dirk Stermann: Aber es war exakt so, weil das Fenster exakt den Ausschnitt eines Fernsehers hatte.
Andrea Maria Dusl: Rudi Carrell, weil wir gerade davon sprechen, soll ja privat auch eine zynisch Person sein,
Dirk Stermann: Heisst es, ja.
Christoph Grissemann: Ein Sexist.
Andrea Maria Dusl: Ihr seid aber privat eher Zucker, ihr seid vom grossen Showbusiness noch nicht ganz verderbt.
Dirk Stermann: Weil wir aber auch nicht so erfolgreich wie Rudi Carrell sind. Ich glaube, du musst, um ein totales Arschloch zu werden, so richtig erfolgreich gewesen sein. Dann ist die Gefahr, glaub ich, gross. Solange du mit der U-Bahn zu fm4 fahrst, kannst du dir nicht einreden, dass du ein Weltstar bist.
Andrea Maria Dusl: Ist das eine gute Erdung? wie oft macht ihr das einmal in der Woche oder zweimal?
Christoph Grissemann: Bei fm4? Einmal in der Woche. Wobei wir auch noch eine andere Sendung haben, am Sonntag, die wir auch sporadisch moderieren, "Das Doppelzimmer".
Andrea Maria Dusl: Und eure Berliner Sendung? Da fliegt ihr, nehm ich mal an.
Christoph Grissemann: Da fliegen wir hin, einmal im Monat, da machen wir eine live und zeichnen drei auf.
Andrea Maria Dusl: Einmal im Monat fliegen also. In der Achtuhrmaschinen mit den ganzen Bussiness-Karlis.
Dirk Stermann: 8 Uhr 40, um genau zu sein. Wien-Berlin sind immer eher so Kulturtypen.
Andrea Maria Dusl: Stimmt, wir sind auch schon mal geflogen gemeinsam.
Christoph Grissemann: Wir drei und Gustav Peichl.
Dirk Stermann: Wenn Kulturleute an Bord sind, überlegen wir uns jedesmal, wenn abgestürzt wird, ob, wir dann auch in der Zeitung stehen.
Christoph Grissemann: Oder im Teletext, und dann steht: Maschine abgestürzt, Rudi Klausnitzer tot, vielleicht dabei: auch zwei ORF-Mitarbeiter. Wahrscheinlich wird man namentlich gar nicht genannt.
Dirk Stermann: wahrscheinlich ist man "u.a.".
Andrea Maria Dusl: Wer wäre den schon auf dieser Liste gewesen?
Christoph Grissemann: Rainhard Fendrich, Markus Spiegel, immer wieder,
Dirk Stermann: Das Demütigendste, was ich mir ausgemalt habe, wäre: Abgestürzt sind: Gustav Peichl und Christoph Grissemann. Das wäre das Allerdemütigendste. Wenn ich nicht einmal erwähnt würde. Und noch 198 andere Passagiere.
Christoph Grissemann: Und bei mir auch nicht der Name ausgesprochen, sondern "der Sohn des ehehemaligen Hörfunkintendanten Ernst Grissemann". (lachen).... Wir sind also immer sehr erleichtert, wenn wir die Prominentesten im Flugzeug sind.
Andrea Maria Dusl: Gibt es für euch sowas wie ein Zuhause-Gefühl in dieser Maschine?
Dirk Stermann: Eigentlich schon. Es sind ja auch immer so kleine Maschinen. Da fühlst du dich ja immer sehr wohl.
Andrea Maria Dusl: Was habt ihr da so mit an Gepäck?
Dirk Stermann: Nichts.
Christoph Grissemann: Eine ganz kleine Reisetasche.
Andrea Maria Dusl: Übernachtet ihr?
Dirk Stermann: Immer im Hotel Henriette. "Living Henriette" heisst das.
Christoph Grissemann: Fischerinsel. Die mögen uns sehr gerne, die verabschieden sich immer schon und sagen "Alles Gute für die Show". Die
haben schon rausgekriegt, was wir machen. "Alles Gute für die Show!"
Dirk Stermann: Wir sind da sehr froh, weil wir früher in einem anderen Hotel waren, im Hotel Taunus,
Andrea Maria Dusl: Wie der Berg oder wie der Wagen?
Dirk Stermann: Nach dem Berg, glaub ich, benannt. Das war ein ganz unheimliches Hotel, ein altes Stundenhotel, wo ein ganz kleiner Dicker Hoteldirektor war. Der hat dann so unheimliche Sachen zu einem gesagt.
Christoph Grissemann: "Darf ich mal ihre Tasche anfasssen". Im Lift.
Dirk Stermann: Nee: "Ich habe ihre Tasche angefasst, als sie nicht da waren..."
Christoph Grissemann: Und dann so diabolisch gelacht dazu.
Dirk Stermann: Das war sehr unheimlich.
Andrea Maria Dusl: Was wollte der von euch?
Christoph Grissemann: Wissen wir bis heute nicht genau.
Dirk Stermann: Der wusste auch nicht, wer wir sind. Unsere Produktionsfirma in Berlin heisst "Raumstation", von denen wurden wir immer gebucht, damals hatten wir auch eine andere Sendung, da kamen dann oft so Listen mit Requisiten: "Ein Schweinskopf..."
Christoph Grissemann: "...Ein Schlachterkittel..."
Dirk Stermann: Die wussten nicht wer wir sind, die dachten, wir sind Astronauten.
Andrea Maria Dusl: Wofür habt ihr in einer Radiosendung einen Schweinskopf gebraucht?
Christoph Grissemann: Das war für unsere Fernsehsendung in Wien. Für die Radiosendung einen Schweinskopf! (lacht)
Dirk Stermann: Um in Stimmung zu kommen, für die Radiosendung.
Andrea Maria Dusl: Ihr seid Alleinunterhalter, zu zweit.
Christoph Grissemann: Im wahrsten Sinne des Wortes. Nichts ist trauriger, als so eine zweistündige Radiosendung. Noch dazu in Berlin, wo man die Leute nicht so kennt, und ohne Vorbereitung so drauflos reden muss.
Andrea Maria Dusl: Kann man sich da an einander festhalten? Im bühnentechnischen Sinn, nicht im haptischen, im emotionellen Sinn.
Dirk Stermann: In Wien ja, in Berlin weniger, weil das verlangt zuviel von einem, man fängt mit so einem negativen Gefühl an und spricht währenddessen auch mit einem negativen Gefühl. Acht Stunden in zwei Tagen. Ohne Vorbereitung ehrlich sein. Es geht ununterbrochen das Rotlicht an und es wird dir signalisiert: "noch acht Minuten!"
Christoph Grissemann: "Reden, reden reden".
Andrea Maria Dusl: Ehrlichkeit sells.
Dirk Stermann: Mach das mal. Morgens um elf, nachdem du eh, ohne geschlafen zu haben, in Berlin angekommen bist, noch betrunken und krank, es ist sehr unangenehm.
Andrea Maria Dusl: Ist das eine Improvisiationssendung?
Christoph Grissemann: In Berlin ja.
Andrea Maria Dusl: Mit Anrufern? Und ihr schaukelt euch so durch diese Zeit.
Dirk Stermann: Wir schaukeln uns runter.
Christoph Grissemann: Das ist in Wahrheit auch das Erfolgsrezept dieser Sendung. Wer die Radioszene in Berlin kennt, da wirst du ja zugeballert von vorne bis hinten im Radio-Energy-Style. Wir sind, glaube ich, die einzige Sendung, die genau nach anderen Regeln gemacht wird - nämlich zwei traurige Stimmen, die sich im Äther verlieren. Wir haben oft so Schweigepausen, in Berlin oft so sechs, sieben Sekunden. Das kann verdammt lange sein, wo geschwiegen wird, von uns beiden.
Andrea Maria Dusl: Da hätte ich gar nichts dagegen, das zum Standard zu machen.
Christoph Grissemann: Es gibt genug Leute, die das schätzen. Gottseidank
Andrea Maria Dusl: Auch Musiklosigkeit kann etwas sehr schönes sein.
Dirk Stermann: In Berlin ist es dann so, dass bei einer sehr langen Schweigepause der Techniker, den wir sehr mögen, dann irgendwann einfach eine sehr traurige, sentimentale Musik einspielt. Um uns zu unterstützen, um uns in eine Stimmung zu bringen. Wenn wir nachdenklich werden, schweigen wir uns an, weil keinem mehr was einfällt. Dann kommt diese traurige Musik, von der lassen wir uns tragen und geben traurigen Irrsinn von uns.
Andrea Maria Dusl: Zurück zu den Hasen. Wir wisssen also, da wird improvisiert. Was unterscheidet eine Harte-Hasen-Vorführung von anderen Grisssemann-und-Stermann-Allleinunterhaltungs-Entertainment-Events?
Dirk Stermann: Schön formuliert.
Christoph Grissemann: Was man sagen kann: Durch die Erfahrung am Theater, die wir im letzten Jahr gemacht haben, die Aufführung mit Hilde Sochor zum beispiel, haben wir ein bisschen die Lust am Schauspielen entdeckt. Es wird also weniger Stand-up-Comedy sein, als szenisches absurdes Theater, wo ich eher den Geisteskranken spielen werde, was ja meine Paraderolle ist und Stermann den Märchenerzähler mit tiefem Bass, so, oder? Es wird eher ein Theaterstück als die letzten Programme.
Andrea Maria Dusl: Aber Theaterstücke sind doch gemeinhin Geschriebenes.
Dirk Stermann: Es gibt ja auch Sachen, die geschrieben sind, Geschichten, die wir vorlesen. In Berlin ist es zum Beispiel seit 5 Jahren so, dass die Leute nach unseren Auftritten fragen: "Wann ist denn die nächste Lesung?" Obwohl wir da teilweise überhaupt nichts gelesen haben.
Christoph Grissemann: In Berlin wirst du eher als Autor wahrgenommen,in Österreich als Kabarettist, oder? Wir wollen aber weder Vorlesende sein, noch als Kabarettisten vorkommen in "Harte Hasen", sondern in Wahrheit als Schauspieler.
Andrea Maria Dusl: Wärt Ihr gerne Schauspieler?
Christoph Grissemann: Ich wäre gerne Schauspieler, ja.
Dirk Stermann: Ich finde das auch gut.
Christoph Grissemann: Wenn du Schauspieler bist und fremde Stücke spielst, fehlt dieser enorme Druck, von dir selbst was geben zu müssen, von dem du eventuell auch nicht überzeugt bist.
Christoph Grissemann: Kein Mensch kann mich verantwortlich machen für die Sätze, die ich sage. Nur für die Interpretation.
Andrea Maria Dusl: Also Grissemann möchte schauspielen, und wie ist es mit ihnen, Herr Stermann?
Christoph Grissemann: Stermann möchte auf Kältetechniker umschulen.
Dirk Stermann: Nee. ich bin ganz zufrieden damit, immer unterschiedeliche Sachen zu machen. Ich möchte weiterhin überraschende Anrufe kriegen.
Grissemanns Handy läutet
Christoph Grissemann: flüsternd: Meine Mutter. laut: Hallo, ich bin gerade in einem Interview...
ja...
ja...
Dirk Stermann: Ulrich Seidl hat mich neulich angerufen.
Andrea Maria Dusl: Was wäre das gewesen?
Dirk Stermann: Sein neues Projekt: "Arbeitsding."
Andrea Maria Dusl: "Import-Export?"
Dirk Stermann: Genau.
Christoph Grissemann: Das stimmt schon, dass wir, gottseidank in der Lage sind, die verschiedensten Angebote anzunehmen, also zwischen Miss-Wet-T-Shirt-Wahl moderieren und ein Engagement beim Steirischen Herbst ist alles möglich.
Andrea Maria Dusl: Badet ihr in Geld?
Christoph Grissemann: Wenn ich gut mit Geld umgehen könnte, würde ich in Geld baden, so ist es nur Duschen.
Dirk Stermann: Da gibt es diesen super Karl-Lagerfeld-Satz. Der trifft ein bischen auf den Christoph zu, nein trifft eben nicht zu. Karl Lagerfeld hat gesagt: "Er ist schon jemand, der das Geld beim Fenster hinauswirft."
Andrea Maria Dusl: Zu Grissemann hat er das gesagt?
Dirk Stermann: Hätt er mal sagen sollen, Karl Lagerfeld zu Christoph Grissemann. Hätte er das gesagt, stünde er jetzt besser da: "Ich schmeisse das Geld beim Fenster raus, aber ich schau wo's hinfällt." Das hat der Christoph eben nicht gemacht, deswegen badet er nicht in Geld.
Christoph Grissemann: Wie jeder gute Poet, kein gutes Händchen, was das Geld betrifft.
Andrea Maria Dusl: Wir bräuchten Assistenten, die mit grossen Planen unter unseren Fenstern stehen und das Geld auffangen und wieder raufbringen.
Dirk Stermann: Ich kann das besser, finde das aber gar nicht wichtig. Geld ist mir nicht wichtig, mir war immer nur wichtig, auf niemand angewiesen zu sein. Um richtig reich zu sein, machen wir auch zuviel gratis.
Andrea Maria Dusl: Ihr seid die Barbara Stöckl und die Vera Russwurm für die wirklich harte Fälle. Es gibt ja in Österreich nicht allzuviele Leute, die man zu jedem Anlass auf die Bühne stellen kann. Hermes Phettberg, Peter Rapp und euch.
Christoph Grissemann: Gebrauchsmoderatoren.
Dirk Stermann: Peter Papp ist ein Vollprofi. Ich schau ja Glücksrad, oder wie das heisst.
Christoph Grissemann: Millionenrad.
Dirk Stermann: Ich sehe das wirklich gerne, weil Peter Rapp der einzige ist, dem alles egal ist, der das so professionell macht, wo du auch siehst: der ruht so in sich. Ich kenne im deutschsprachigen Raum überhaupt niemand, der dermassen professionell ist, das find ich schon auch faszinierend.
Andrea Maria Dusl: Gibts da sowas wie ein Kollegengefühl? Kann man von Rapp lernen?
Dirk Stermann: Nur die Ruhe von dem, das ist faszineirend. Ausserdem: man kann nichts Lernen durchs ankucken,
Andrea Maria Dusl: Ich finde, dass ihr auch ganz schön ruhig seid.
Christoph Grissemann: Das haben wir gelernt, durch das jahrelange Tingeln. Wir haben ja alles gemacht, von der Apothekermesse bis zur Flex-Zehn-Jahres-Party. Das einzig wichtige ist, ruhig zu bleiben, auch wenn du gar keine Ahnung hast, wen du da jetzt ansagst, Man lernt das. Ausserdem: Wir bluffen ja auch total viel. Es reicht ja, wenn du da oben stehst und mit sonorer Stimme Ruhe verströmst.
Dirk Stermann: Wir werden ja auch gerne für Sachen gebucht, die so technisch sind, weil wir kennen uns gar nicht aus und die sagen dann: ja genau deswegen ja!
Christoph Grissemann: Für die wird's lustiger, wenn etwas nicht der Broukal moderiert, sondern Stermann und Grissemann.
Andrea Maria Dusl: Was war da besonders absurd in letzter Zeit?
Christoph Grissemann: "Die Nacht des schönsten Lächelns" von Wrigley.
Andrea Maria Dusl: Wrigley, die Kaugummifirma?
Christoph Grissemann: Das war der absolute Wahnsinn, wo auch die Sugar-babes aufgetreten sind. Wo die einen ungeheuer langen Soundcheck gemacht haben, obwohl sie einen Vollplayback-Auftritt gemacht haben und totale Zicken waren, und uns der Manger signalisiert hat: Reden, Reden, Reden, sie kommen erst in 15 Minuten. Und das ist der Wahnsinn: 15 Minuten Sugarbabes ansagen. Wenn du nicht einmal weisst, wie das Lied heisst, das die da singen werden.
Andrea Maria Dusl: Wie lange tingelt ihr schon, mit so Leuten wie den Sugarbabes?
Christoph Grissemann: Seit 1993 wird getingelt. 12 Jahre.
Andrea Maria Dusl: Was ist das magische Datum?
Dirk Stermann: Es gibt kein Datum , aber eine magische Erinnerung: Da war so eine Computermesse, in Wien, wo wir dreimal am Tag für irgend eine Gesellschaft eine Show auf der Bühne machen mussten, vor uns Menschen mit halb offenem Mund, meterdicken Brillen, alle so um die Siebzig. Sie haben uns angestarr wie kranke Tiere, das war für mich ein ganz legendärer Moment. Nebenan machte Fifi Pissecker sein Ding.
Christoph Grissemann: ...drehte das Glücksrad.
Dirk Stermann: Während auf dem noch-nebenan-Stand ein Spot lief, den wir irgendwann aufgenommen haben, für ein ganz anderes Produkt.
Andrea Maria Dusl: Das war die Geburt von Stermann und Grisemann?
Dirk Stermann: Das war schon der Endpunkt.
Christoph Grissemann: Der Niedergang. Gut war auch die Moderation am Silvesterpfad, wo einer aus dem Publikum schrie: "Euch sollte man aus der Stadt jagen!" Obwohl wir ganz friedlich moderiert haben.
Dirk Stermann: Der stand ganz vorne. Wir haben, glaube ich, das Runterzählen falsch gemacht. Ich glaube, bewusst sogar. Wir haben das Runterzählen vorher gemacht. Und dann waren die dann alle sauer, weil wir dieses "und zehn, neun, acht, ... Prosit Neujahr!", weil wir das eine halbe Minute nach vorne verschoben hatten. Da war der halt sauer, und der stand dann da und schrie: "Man sollte euch aus der Stadt jagen." Und dann kam einer und sagte: "Und übrigens, wisst ihr, dass die Elvis-Imitatoren, auf der Bühne neben euch das Doppelte verdienen?"
Christoph Grissemann: Das war hart.
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© Udo Leitner 2005
17. Februar 2005 © Andrea Maria Dusl # Permalink (3) Comments (0) Pings
Willi Resetarits und Gerald Votava ::: Die Hornisse ist der Star
WILLI RESETARITS und GERALD VOTAVA im Interview mit ANDREA MARIA DUSL und WOLFGANG KRALICEK.
Die Hornisse ist der Star"
Willi Resetarits und Gerald Votava machen gemeinsame Sache: Im Orpheum werden die beiden Künstler ab sofort jeden Sonntagmittag zusammen plaudern und musizieren. Mit dem "Falter" sprachen sie über Menschen und Tiere, Udo Jürgens und Arik Brauer.
Nach zwanzig aufopfernden Jahren im Dienste des Rock 'n' Roll ist Willi Resetarits als Ostbahn-Kurti Ende des Vorjahres in Pension gegangen. Auch um Gerald Votava war es zuletzt eher ruhig geworden: Der FM4-Moderator, Hauptprojektleiter der Comedyserie "Projekt X" und Freizeitgitarrist (Jolly Friends) hat sich hauptsächlich um seinen neugeborenen Sohn Wenzel gekümmert. Jetzt kehren beide Herren im Doppelpack zurück ins Rampenlicht: Im Kagraner Etablissement Orpheum hat am 10. Oktober ihre erste gemeinsame Show "Weil, warum?" Premiere.
Resetarits, 55, und Votava, 33, treffen nicht zum ersten Mal zusammen: Bei den traditionellen "Krampusrummel"-Konzerten des Ostbahn-Kurti absolvierte Votava mehrmals Gastauftritte in verschiedenen Rollen (Nikolo, Osterhase ...); umgekehrt war Resetarits am Heiligen Abend zweimal FM4-Studiogast bei Votava. "Da haben wir uns einfach ohne Vorbereitung hingesetzt und geredet", erinnert sich Willi Resetarits. "Viele Menschen waren davon tief beeindruckt. Da hat man gesehen: Wir zwei zusammen, das hat was."
Wenn es nach den Künstlern geht, soll "Weil, warum?" zur Dauereinrichtung werden; geplant sind eine Herbst- und eine Frühjahrssaison mit langen Pausen dazwischen, damit's nicht fad wird. Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Roland Guggenbichler, dem Pianisten aus Ostbahn-Kurtis Kombo; als wissenschaftlicher Berater wurde Falter-Kolumnist Peter Iwaniewicz ("Tier der Woche") engagiert. Das Gespräch fand im Gasthaus Birner an der Alten Donau statt.
Falter: Am Sonntag hat "Weil, warum?", die erste gemeinsame Show von Willi Resetarits und Gerald Votava, Premiere. Was darf sich das Publikum erwarten?
Willi Resetarits: Ich glaub, dass das eine Sensation wird, wenn wir zu zweit a Show machen. Nicht beim ersten Mal vielleicht, das muss sich entwickeln.
Gerald Votava: Die Show ist ja für mehrere Jahrzehnte angedacht.
Resetarits: Ja, sie ist als Altersversorgung geplant.
Das heißt, dass man nicht unbedingt zur Premiere kommen soll?
Resetarits: Man muss zur Premiere kommen, weil da wollen wir uns ja vorstellen. Aber beim sechsten, siebenten Mal werden wir erst gut sein! Weil ja viele Jazzanteile dabei sind, sprich: Sachen, die man vorher nicht weiß.
Votava: Improvisation, nicht nur musikalisch.
Gibt es überhaupt einen vorbereiteten Text?
Resetarits: Es gibt Themen. Wir interessieren uns für schwierige Sachen, die wir selber nicht so genau wissen. Denen wollen wir nachgehen. Wir arbeiten permanent an der Welterklärung, und auf der Basis kann das Publikum dann zu Hause an der Weltverbesserung weiterarbeiten.
Die Show findet zu einem ungewöhnlichen Termin statt: Sonntag um ein Uhr mittags. Warum?
Votava: Das ist ein Termin, der in den letzten Jahren wieder frei geworden ist.
Resetarits: Ich hab im Radio um dieselbe Zeit drei Jahr lang "Trost und Rat" gemacht. Und ich bin draufgekommen, dass der große Erfolg dieser Sendung möglicherweise auch mit dem Termin zu tun gehabt hat.
Und was machen Sie normalerweise am Sonntag zu Mittag?
Resetarits: Nix. Wenn ich im Dienst bin, sprich: Konzerte spiele, sind die Samstage die Termine, die am ersten weg sind. Jetzt musste ich einmal allen sagen, dass die Samstage nicht mehr zu buchen sind - damit ich am Sonntag halbwegs fit bin.
Das würden Sie körperlich nicht schaffen?
Resetarits: Da hab ich schon damals sehr gelitten, wie ich "Trost und Rat" gemacht hab. Wenn du in der Nacht von Innsbruck heimfahrst ...
Votava: Du betreibst ja auch eine sehr intensive Konzertnachbereitung. Dabei geht dann natürlich Energie für den nächsten Tag verloren.
Resetarits: Sagen wir so: Gleich nach dem Konzert z'sammpacken, schlafen gehen und heimfahren - dann scheiß i drauf, da hab i nix davon.
Votava: Ich glaub, dass die Mittagszeit eine sehr schöne Zeit ist. Es gibt ja die Tradition des Frühschoppens, nach der Kirche.
Und dann zur Mama an den Mittagstisch!
Resetarits: Ich kann mich noch an den Klassiker erinnern, dass die Kinder von der Mama geschickt werden, den Papa vom Frühschoppen zu holen. Und der Papa hat dann die Kinder mit Kracherl bestochen.
Welche Themen werden in der Show behandelt?
Resetarits: Wir beschäftigen uns zum Beispiel sehr stark mit Tieren. Insekten, die Schwarmforschung ...
Votava: ... Tiere, die jetzt an und für sich nicht so geschätzt werden. Um die Gelse oder die Zecke kümmert man sich ja viel weniger als zum Beispiel um das Meerschweinchen.
Resetarits: Ein Thema könnte zum Beispiel sein: die Zecke als Cashcow der Pharmaindustrie.
Und welche Rolle spielt "Falter"-Kolumnist Peter Iwaniewicz dabei?
Resetarits: Der hat einen kleinen Diensttisch mit einem Dienstsesserl. Und weil wir goschnmäßig ja nicht zu bremsen sind, kriegt er eine Glocke, mit der er Einhalt gebieten kann, wenn wir zu stark in die Spekulation reinkommen, wie das mit den Tieren sein könnte.
Votava: Er hat, soweit ich informiert bin, ein Mittelquartheft, in dem das gesammelte Wissen drinnen steht, zumindest was Tiere betrifft. Das dürfte so ein schlaues Buch sein, wie es Tick, Trick und Track gehabt haben. Oder glaubst, der weiß das alles von selber?
Resetarits: Wir werden auch Tiere auf der Bühne haben. Aber in Transportkisten, in die man nicht reinsieht.
Der letzte große Sonntagsentertainer war Heinz Conrads mit seiner Radiosendung "Was gibt es Neues?" - ein Vorbild?
Resetarits: Das ist aus einer anderen Zeit. Das war von einer Harmlosigkeit, die man sich heute so nicht vorstellen kann. Trotzdem ist es als angenehm empfunden worden.
Sie sind schon oft in Rollen aufgetreten. Wird das auch bei "Weil, warum?" ein Element sein?
Votava: Es kann sein, dass wir uns dieses Stilmittels bedienen, wenn es die Show verlangt. Und das wird sie.
Resetarits: Der Gerald wird sich zum Beispiel als Hornisse verkleiden, eine sprechende Hornisse darstellen. Und ich werde das natürlich nicht glauben, weil a Hornisse ja ned sprechen kann!
Was haben Sie für Erfahrungen mit Hornissen gemacht?
Resetarits: Der Sound ist so arg! Ich hab in einem Haus im Waldviertel gewohnt, wo es ein sehr reiches Insektenleben gab. Da hast du die einzelnen Insekten dann schon akustisch auseisnander halten können. Und der absolute Star war die Hornisse.
Votava: Die Hornisse ist quasi der Porsche in der Insektenwelt.
Sind Hornissen nicht eine Bedrohung für den Menschen?
Resetarits: Wenn wir Hornissen im Haus gehabt haben, haben wir natürlich geschaut, dass wir mit ihnen auskommen. Man macht sich ja Sorgen wegen der Kinder. Natürlich ist jeder einmal bissen worden, und da gibt's ja verschiedene Meinungen: Die einen sagen, wenn dich drei stechen, bist hin. Die anderen sagen: Bledsinn. Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die von mehr als drei Hornissen gleichzeitig gestochen worden sind. Und ich lebe!
Und wie hat es sich angefühlt?
Resetarits: Des tuat weh! Das ist ein Schmerz, wie wenn dir jemand mit einem Holzprügel stark draufhaut.
Das wäre doch ein Thema.
Votava: Zum Beispiel. Wir werden übrigens auch verschiedene Tricks nützen, etwa das dramaturgische Mittel der Zeitüberblendung.
Resetarits: Zum Beispiel bringen wir Interviews, die vor zwei Tagen stattgefunden haben!
Votava: Das Leiwande daran ist, dass wir die Interviews dann schneiden können, Stellen rausnehmen, die fad sind. Das ist schwierig, weil solche Sachen hat kaum noch wer gemacht auf einer Bühne. Aber die Leute sind durch die Medienentwicklung der letzten Jahre so geschult, dass man wirklich sehr dynamisch arbeiten muss.
Resetarits: Wir bewegen uns da auf dünnem Eis. Wir müssen aber auch nicht immer alles selber genau wissen, dafür haben wir ja Experten.
Votava: Ein Anliegen ist uns auch, zwischen dem Publikum und den Wissenschaftlern zu vermitteln.
Resetarits: Er ist ja so begeistert von der Heisenberg'schen Unschärferelation!
Der Titel "Weil, warum?" ist eine Referenz an Ostbahn-Kurti. Ist die Show so was wie ein Comeback?
Resetarits: Es ist der wesentlichste Teil von dem, was der Willi Resetarits jetzt "Neues" probiert. Neu ist es insofern nicht, weil wir ja schon fertige Unterhaltungskünstler sind und uns aus dem Fundus an Fertigkeiten halt die aussuchen, die uns gut passen. Der Willi Resetarits will sich jetzt wichtig machen, nachdem er den Ostbahn abgelegt hat.
Sie kommen beide vom Rock 'n' Roll, sind aber durch Ihren Schmäh berühmt geworden. Wär's Ihnen lieber umgekehrt?
Resetarits: Wenn man mir versprechen würde: Du darfst ein ganz wilder Rock 'n' Roller werden, musst aber schmähfrei sein, würde ich das nie akzeptieren.
Votava: Mir war das so und so immer eher wurscht, in welchem Medium man das transportiert, was man machen will. Wir singen auch Lieder, wobei das keine Rock-'n'-Roll-Lieder sein werden.
Resetarits: I brauch' des Laute nimmer. Das hab ich mir abgearbeitet. Es tut mir jetzt weh, wenn wer so laut spielt.
Singen Sie deutsch oder englisch?
Resetarits: Der Gerald hat gesagt deutsch, und es hat nicht so geklungen, als ob er die Frage diskutieren wollte. Wir haben zum Beispiel ein Lied von Arik Brauer gefunden, das wieder mit einer großen Ernsthaftigkeit gespielt werden will: "Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts gült's nix, ober meiner, unter meiner siach i nix. Spür nix, hea nix und i riach nix, denk i nix und red i nix und tua i nix ..."
Votava: Das ist ein Lied, das die Menschen kaum mehr kennen!
Resetarits: Ich finde die Einleitung ganz toll. Der Arik Brauer hat ja so eine hohe Stimme, und mit der sagt er: "Das ist ein beinhartes Protestlied! Der Protest richtet sich aber nicht gegen jemand Bestimmten, sondern an jeden, der sich betroffen fühlt. Auch gegen mich!"
Ist das bei Brauer Ironie?
Resetarits: Na. Wir werden die Vorrede auch weglassen. Wir wollen das Lied ernst nehmen, und wenn's dann jemand lustig findet, soll er. Wir wollen, dass das eine Würde und Ernsthaftigkeit hat und trotzdem zum Lachen ist.
Votava: Im Kino oder im Theater regt man sich oft über Leute auf, die an den falschen Stellen lachen. Aber ich find, das ist halt so.
Welche Songs stehen noch auf dem Programm?
Votava: Im zweiten Teil wollen wir uns ein bisschen mit Zeit und Raum auseinander setzen. Da ist mir ein altes Lied aus meiner Kindheit eingefallen: "Tausend Jahre sind ein Tag" vom Udo Jürgens, das Titellied zur Fernsehserie "Es war einmal der Mensch". Das wollte ich immer schon singen.
Gibt's das auch auf Platte?
Votava: Das ist auf der Platte "Udo 80" erschienen. Ich hab einmal bei einem Clubbing eine Viertelstunde mit ihm gesprochen. Er hat ein bissl was trunken gehabt und mir, wie sich später herausgestellt hat, eine Passage aus seinen Memoiren erzählt: Wie er auf der Donauinsel vor vier Millionen Leuten gespielt hat. Das ist mir schon ein bissl viel vorgekommen. Aber er hat viele schöne Lieder geschrieben, da kann man einen Respekt davor haben.
Resetarits (verzieht respektlos das Gesicht): In den Siebzigerjahren hab ich in einer WG gewohnt, und die Nachbarin hat einen Mann im Rollstuhl gehabt, den sie den ganzen Tag geschimpft hat. Die hat uns dann einmal eine Kassette mit Udo-Jürgens-Liedern aufgenommen und gesagt, das sollen wir uns anhören, weil: "Das ist alles wahr!"
Was verbindet Willi Resetarits und Gerald Votava?
Resetarits: Sympathie.
Votava: Die Fähigkeit, mitzufühlen, ja.
Resetarits: Du meinst Empathie!
Votava: Nein, das ist die Fähigkeit, sich einzufühlen.
Resetarits: Dazöhl ma nix, heast!
Herr Resetarits wirkt extrovertierter als Herr Votava. Stimmt's?
Resetarits: Privat bin ich relativ zurückhaltend. Aber auf der Bühne hab ich das Gefühl, da muss jetzt was passieren, die Leut ham zahlt.
Votava: Bei ist es auf der Bühne so, dass von selber Sachen passieren. Da wehre ich mich nicht dagegen. Im normalen Leben hat man ja nicht ständig das Bedürfnis, laut zu sein. Die Bühne ist ein optimaler Raum dafür.
Wobei Willi Resetarits natürlich wesentlich mehr Bühnenerfahrung hat.
Resetarits: Ich bin ja auch älter.
Merkt man das gruppendynamisch?
Votava: Es ist so, dass der Willi jemand ist, dem man eh nix erzählen braucht.
Resetarits: Im Ins-Wort-Fallen bin ich super. Da kann mir keiner was erzählen.
Votava: Wenn er glaubt, es g'hört was g'sagt, dann sagt er's auch.
Man hat das Gefühl, dass es Sie überhaupt nicht so sehr ins Rampenlicht drängt.
Votava: Ich mach schon gern leiwande Sachen. Ich hab vieles probiert, aber ich führe das dann nicht so karrieremäßig weiter. Radiomachen ist halt das, was ich immer mache.
Resetarits: Da hast du ja schon ganz jung angefangen.
Votava: Na ja, mit 23. Die Projekt-X-Sendung machen wir jetzt zehn Jahre. Im Jänner wird FM4 zehn, dann haben wir's zehn Mal 52 Mal im Jahr gemacht. Ganz wenige Wiederholungen.
"Projekt X" ist Ihr Brotberuf?
Votava: Das Radio. "Projekt X" ist die Torte.
Was ist bei Willi Resetarits Brot?
Resetarits: Bei mir ist nix Brot, alles Torte. Ich hab alles ausgeschieden, was in irgendeiner Weise nicht dem entspricht, was ich mir wünsch. Ich such mir alles selber aus. Das Einzige, was mich hemmt, sind eigene Unzulänglichkeiten. Aber ich bin draufgekommen, dass ich eigentlich ziemlich viel los hab. Ihr könnts so froh sein!
Votava: Ich muss mich jetzt entschuldigen.
Resetarits: Aber wenn ich dich nicht unterbrechen kann, fallt mir nix zum Reden ein.
"Weil, warum?": von 10.10. bis 19.12. jeden So (außer 21.11.), 13 Uhr, im Orpheum (22., Steigenteschgasse 94b). Karten: Tel. 481 17 17 bzw. http://www.orpheum.at
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Erschienen in "Falter" Nr. 41/04 vom 06.10.2004 Seite: 22
6. Oktober 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings
Maschek ::: Reden wir drüber
Mit seinen Livesynchronisationen des österreichischen Fernsehalltags hat das Trio maschek ein neues Genre etabliert: das Drüberreden. Geschichte und Analyse eines Phänomens. ANDREA MARIA DUSL
Originaltext aus Falter 44/03 vom 29.10.2003
Die Quantentheorie beschreibt die grundlegenden Bausteine der Materie. Sie hat nicht nur zu Lasern, Atomreaktoren und simplen Alltagsgegenständen wie Handys und Fernsehen geführt, sondern auch zu höchst komplexen, den Rahmen jeglicher Vorstellung sprengenden Ansichten, wonach zum Beispiel ein Teilchen, von dem man weiß, wo es ist, die Auskunft darüber verweigere, wie es ist. Eine Weiterentwicklung der Quantentheorie meint überhaupt, dass das, was wir sehen, nicht nur das ist, was wir sehen, sondern gleichzeitig auch etwas ganz anderes.
Einfacher gesagt: Die Wahrheit existiert in vielen Versionen. Eine davon nennt sich maschek. Eine Beobachtung des Quantenphänomens maschek ließe sich so beschreiben: Die Bühne ist in Dunkel getaucht, ihren linken Teil nimmt eine Leinwand ein, rechts sind ein Sofa und ein Fauteuil zu einer gemütlichen Sitzgruppe zusammengestellt. Auf einem Teetischchen stehen eine Lampe und Gläser mit Leitungswasser, auf einem Fernsehtischchen, der Sitzgruppe zugewandt: erraten, ein Fernsehapparat. Auch der Bühnenrand wird von Monitoren eingenommen. Manche davon sind taub, einige zeigen einzelne Silben, die sich zum Wort ma-sch-ek zusammensetzen lassen, auf einem vierten läuft ein simples Farbstreifen-Testbild.
Auf der großen Leinwand erscheint Thomas Klestil: "Meine Damen und Herren, liebe Österreicher-Rinnen und Öster-Reicher, liebe Lands-Leute ..." Was wir sehen, ist das Fernsehbild des Bundespräsidenten; was wir hören, ist die Stimme des Bundespräsidenten; was das Staatsoberhaupt sagt ... wird ihm von einem der drei jungen Herren in den Mund gelegt, die unbemerkt in der gemütlichen Sitzgruppe Platz genommen haben und uns auf die andere Seite des Fernsehens entführen - auf die Maschekseite.
Unbeirrt spricht Thomas Klestil geordneten Unsinn zu uns, und er ist nur der Erste in einem unheimlichen Reigen von Fernsehgrößen, denen maschek auf ihre Art Gehör verschaffen. Helmut Zilk und Dagmar Koller werden in "Willkommen Österreich" auftreten und ein selbst verfasstes Lied zum Vortrag bringen, DJ Ötzi wird über Häkelhüte plaudern und sein Bundespräsidentenwahlkampfprogramm vorstellen, und das Detektiv/Rechtsanwalt-Duo Matula und Frank wird auf die obskure Geschäftsidee kommen, sich als Heiratsschwindler zu verdingen. Die Stimmen (und Texte) werden den Showstars und Serienhelden von den drei "Rappern" in den Mund gelegt, die in einer Mischung aus professioneller Coolness und lässiger Eleganz in der Sofaecke liegen und lippensynchron in ihre Wangenmikrophone sprechen.
"Seit zwanzig Jahren habe ich nicht mehr so gelacht", meint eine atemlose maschek-Novizin nach ihrer "Fernseh-Karaoke"-Initiation. "Ich dachte, Theater, Lachen und ich, das geht sich in diesem Leben nicht mehr aus. Irrtum." - "Es sieht nach Routine aus", erklärt ein erfahrener maschek-Aficionado. "Aber jedes Programm ist anders, und jedes Mal sterbe ich tausend neue Lachtode!"
Ein Geheimnis der Show liegt in der Fernseh-Allgegenwärtigkeit der von maschek Porträtierten: Thomas Klestil, Vera Russwurm, Elmar Oberhauser, DJ Ötzi, Jörg Haider, Wolfgang Schüssel, die Singdrosseln von "Starmania" und die seitenblickegierigen Besucher des Opernballs sind Teil der kollektiven Wahrnehmung. Ein zweites Ingrediens ist die stimmenimitatorische Akkuratesse, mit der das Trio arbeitet. Bisweilen bedienen sie sich auch des gegenteiligen Effekts und reduzieren die Dargestellten auf ihre Dialektfärbung (Freiheitliche kommen etwa stets aus Kärnten) oder geben ihnen gar ganz andere Stimmen. Auch das ist zum Schreien komisch.
Und immer sind es saubere Plots, clever gesetzte Gags und die ungeheuerliche Absurdität des Original-Bildmaterials, die nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich auf die andere, die Maschekseite führen. So wird der österreichische Fernsehclown der Siebziger, der Moralklamaukhippie Habakuk, bei maschek zum Host einer Schulfernsehsendung, die auf eindrucksvolle und effiziente Weise veranschaulichen soll, welche Gefahren die Einnahme bewusstseinserweiternder Substanzen mit sich bringt.
Aus der Cliffhanger-Fernsehserie "24" schnippselten maschek die Szene, in der Kiefer Sutherland alias Jack Bauer vom Jugo-Paten Dennis Hopper gerade in einem unterirdischen Militärgefängnis malträtiert wird, zu einem Minidrama in einem Wiener U-Bahn-Tunnel um, in dem Meister und Geselle den Lehrbuben und HTL-Schüler Bauer wegen einer verpfuschten Schweißnaht zur Sau machen.
Angefangen hat alles mit einem Zufall. Am 26. Oktober 1998 sitzen Peter Hörmanseder, Ulrich Salamun und Robert Stachel auf einem zerschlissenen Sofa und sehen fern. Der österreichische Staatsfunk sendet die bekannte Nationalfeiertags-Soap: UHBP Thomas Klestil am blank polierten Barocktischchen, die österreichische Nationalflagge im Nacken, sympathisch beleuchtet von einer Nachtkastel-Lampe aus dem Hotel Sacher. Der Bundespräsident richtet sich in staatstragendem Erdbergerisch an die "Östereicher-Rinnen und Öster-Reicher vor den Bildschirmen und Rundfunkgeräten". Und dann passiert im maschek'schen Mikrokosmos der kleine, den Karriere-Tsunami auslösende Schmetterlingsflügelschlag: Der Ton fällt aus. Robert Stachel beginnt, die Rede Klestils aus dem Extempore zu synchronisieren. Die erste Live-Karaoke-Sendung des Medien-Künstler-Trios findet statt; der Synchron-Klestil fantasiert die Bildung eines schwarz-blauen Kabinetts unter einem Bundeskanzler Schüssel, die Demission von Viktor Klima und anderen von der Wirklichkeit längst eingeholten Unsinn herbei. maschek nehmen den Lauf der Geschichte vorweg. "Wir wissen bis heute nicht, was Klestil damals wirklich geredet hat", erinnert sich Peter Hörmanseder an den legendären Abend vor dem Fernseher. "Wie der Klestil dann aufgehört hat, haben wir das folgende Programm einfach weitersynchronisiert."
Ein anderer Gründungsmythos von maschek geht so: Anlässlich einer Performance in der Galerie Christine König bitten maschek die Galeristin und den Kunstmailer und Kurator Lorenz Seidler alias eSeL, einen Vortrag zu halten, bei dem sie nur die Lippen bewegen sollten. maschek stellen sich hinter König und eSeL und synchronisieren live. Dann bitten sie einen Gast aus dem Publikum zu sich, der ebenfalls live synchronisiert wird. "Auf die Frage, wie er denn heiße, haben wir dem dann den Namen Maschek in den Mund gelegt", so Hörmanseder. Und dieser Herr Maschek habe dann seine Version von der Erfindung des Live-Sprech-Karaokes erzählt: Seinem Uropa, einem gewissen Hofrat Vladimir Maschek, sei vor der Rede Klestils an die Nation der Fernsehton ausgefallen. Urenkel Maschek, ein gelernter Elektrotechniker, habe beim Versuch, das urgroßväterliche Fernsehgerät zu reparieren, dieses endgültig ruiniert und die gegenständliche Rede, hinter dem Fernsehapparat sitzend, synchronisiert. Dem Uropa sei die getürkte Ansprache gar nicht aufgefallen.
Geschichten wie diese sind typisch für das Universum an Parallelwahrheiten, in dem sich die Medienpiraten Peter Hörmanseder, Ulrich Salamun und Robert Stachel bewegen. Ein Filmemacher aus Wels, ein angehender Jurist und ein Publizistikstudent aus Wiener Neustadt laufen einander 1996 auf der Uni Wien über den Weg, finden Gemeinsamkeiten in der Rezeption der Welt und basteln zunächst an einer Internet-Seite, die abseitige Texte und seltsame Videoclips online stellt. Der Name der Homepage: maschek.seite. Die gerne verwendete Erklärung dafür: maschek komme vom ungarischen másik, "das andere", und bezeichne die entgegengesetzte Seite, die Rückseite. Etwas von der "Maschekseite", also von der verkehrten Seite, zu machen oder zu nehmen, gilt seit den Zeiten der Monarchie als Synonym für jegliche Form des alternativen Zugangs.
Im Sommer 1998 machen Hörmanseder, Salamun und Stachel Ernst mit Lustig und gehen mit einer regelmäßigen Sendung im Wiener Sender Radio Orange on air. Im breitesten DJ-Wienerisch geben maschek Jean-Luc Queltruc und Laurent Anhalter, zwei Proponenten der jungen Pariser Musikszene, die sich - zwischen strapaziösen Passagen nervenzerfetzenden House-Trip-HipHop-Elektro-Chanson-Crossovers - in nicht minder anstrengenden Dialogen über ihr musikalisches Schaffen ergehen. Zitat Anhalter: "Man geht ja nicht hin und sagt: ,Ich mach jetzt was.' Es ist ja meistens ... dass d' irgendwie ... Ich mein, man sagt schon: ,Ich mach jetzt was.' Aber man sagt irgendwie nicht ... nicht genau: ,Ich mach was.'"
Ihre erste Bühnenshow absolvieren maschek im Dezember 1998 im legendären Wiener Wohnzimmerclub "Hobbythek". Auf der Suche nach Bildern zu ihren Texten sind die drei regelmäßig bei Altwarentandlern und auf dem Flohmarkt unterwegs. Bei einem Second-Hand-Fotohändler fragen sie nach Diamagazinen. "Nur, wenn Sie die Diarahmerl auch nehmen." Was der Händler nicht wusste: In den "Rahmerln" steckten noch Originalbilder, Found Footage von anonymen Familienfeiern, Abbilder österreichischer Wirklichkeiten. Ein Glücksgriff: maschek erfinden Geschichten zu den gefundenen Schicksalen, projizieren die Dias und verlesen Texte. Fundbilder und die Sprache der Maschekseitler verschmelzen zum ersten Mal live. Im Club entdeckt der Filmwissenschaftler, Off-Szene-DJ und Falter-Autor Drehli Robnik das Trio und bietet ihnen einen Auftritt vor noch mehr Publikum in seinem im Flex veranstalteten "Soft Egg Café" an. Robnik verortet das Phänomen erst mal in der "Spaßfraktion der Found-Footage-Avantgarde, dem Bildungsflügel der Retro-Kultur"; für maschek sei wichtig, "dass man über alles reden kann". Über alles. "Was maschek tun", schreibt Robnik im Katalogtext anlässlich ihres legendären Grazer Auftritts bei der Diagonale 2001, sei "nur insofern Videokunst, Kabarett oder Politsatire", als man das zum Glück nicht merke. maschek selbst nennen ihre Arbeit nicht weniger unklar, aber selbstimmunisierend "pensionäres Infotainment", off records präzisiert Hörmanseder den Ansatz zur Genrebestimmung: "Wenn Virgil Widrich behauptet, der Hermann Maier des österreichischen Kurzfilms zu sein, dann wäre es nicht falsch, in uns den Leonhard Stock der österreichischen Lustigkeit zu sehen."
Technisch begegnen maschek tatsächlich allem, indem sie drüber reden: live oder auf Video, in Diskussionsrunden oder durch Nachvertonung von Bildmaterial, das aus der Gegenwart des staatlichen Fernsehens und aus den meist anonymen Film- und Foto-Archiven der Flohmärkte und Altwarenhändler stammt.
Die Kurzfilmreihe "maschek.in .ruhe" etwa handelt von den Pensionisten Hofrat Maschek und Kanzleirat Dworschak und einer verwitweten Dame namens Lirsch, von denen man nur die "Subjektive" - zittrige Füße oder Hände - sieht. Die Kommentarstimme begleiten sie beim Rolltreppenfahren, Taubenfüttern oder Hundstrümmerlwegputzen und enthüllt ihre Biografien: Kindheiten im goldenen Dunkel der guten alten Kaiserzeit, Beamtenkarrieren und Liebschaften auf Tanzbällen und im Austrofaschismus, die "lichten" Nebel der Nazizeit.
1999 stellen maschek den Kurzfilm "Der graue Star 2 - die Wehrmacht" zusammen. Anonymes Material, das ursprünglich vom harmlosen Ausbildungsalltag Essener Polizeischüler und dem Griechenlandurlaub pensionierter österreichischer Gendarmeriebeamter erzählte, verdichteten maschek zu den Nachkriegserinnerungen ehemaliger SS-Offiziere. Für Medientheoretiker Vrääth Öhner "trifft das die Sache in ihrer Substanz. Von Ordnung, Sauberkeit, Männerbündelei, Kameradschaft et cetera hätten auch ,echte' Dokumente zu berichten gewusst. Und lustig ist es auch!" Mittlerweile vom Wiener Filmlabel Sixpack vertrieben, wurde der seltsame Streifen auf der letztjährigen Viennale-Eröffnungs-Gala aufgeführt - vor den staunenden Augen der im Publikum sitzenden Medienartistin Yoko Ono. Der Film reist inzwischen von einem internationalen Kurzfilmfestival zum nächsten.
Wenn maschek Diskussionen ("Retro: Schicker Anachronismus oder postmoderner Kokolores?") inszenieren, tangiert ihre Kunst ähnliche Ansätze von Kollegen wie Stermann und Grissemann oder "Projekt X". Die gefaketen Talkshows firmieren unter dem Label "maschek.cirquel" und persiflieren in atemberaubender Plausibilität das Genre der Hirnwichserei. Das Trio schlüpft in die Rollen und Rhetoriken von Personen wie Bela Sathelynagy, einem frei erfundenen Professor für Medikomediatik an der (tatsächlich existierenden) Universität Szeged, des Soziologen Klausrezzo Klöppke oder des Studenten Bertram Gaschler, der an der TU Graz das Clubbing "Heidi und die Starken Männer" veranstaltet. maschek persiflieren Bildungsanspruch und Geltungsdrang der Fernseh-Intelligentsija. Ihr Hang zur Fälschung kennt keine Trennschärfe zum Ernstgemeinten. Und stets schrammt ihre Hassliebe zum Österreichertum hart an der Kaimauer zum Pathos.
Ihr Talent zum Drüberreden spulten maschek bisher in über hundert Shows ab. Zwanzig Stunden einstudiertes Material umfasst ihr Repertoire. Sie treten in Kinos und bei Filmfestivals auf, in Grungetempeln wie in Szenecafés, in Stadtwerkstätten wie in Loungeclubs - sogar in österreichischem Humor sonst hermetisch verschlossenen deutschen Städten wie Hamburg, Hannover oder Berlin. Vielleicht liegt ihr Erfolg jenseits des Weißwurstäquators auch darin, dass den Auftritten der drei Medienamalgamisten bei aller urbanen Tagesaktualität jene übersalzene Vorstadt-Patzigkeit fehlt, wie sie für das heimische Kabarett so typisch ist.
Die Königsdisziplin, bei der das Drüberreden die größte Magie entfaltet, heißt "maschek.redt.drüber": Die drei Mascheks stehen oder sitzen und synchronisieren mit verstellten Stimmen und unbeirrbarer Genauigkeit Cut-ups, die gerade live auf eine Leinwand gebeamt werden. Im Wiener Rabenhof, im Grazer Theater im Bahnhof und in der Linzer Stadtwerkstatt präsentieren Hörmanseder, Salamun und Stachel einmal im Monat den televisionären Rückblick. Weil es ganz sicher nicht Kabarett ist, woran sich die drei Herren von der anderen Seite abarbeiten, darf mit einiger Sicherheit die These aufgestellt werden, maschek habe mit dem Drüberreden überhaupt ein neues Genre entwickelt. Wenn Fernsehen die Frage war, dann sind maschek die Antwort.
Die nächsten Auftritte:
"maschek-60ies-special-revival", am 1.11., 22 Uhr, in der Beat Zentrale (Mezzanin, 16., Lerchenfelder Gürtel 43); "maschek.redt.drüber", am 4.11. und am 4.12., 20 Uhr, im Rabenhof (3., Rabengasse 3, Tel. 712 82 82). Information: www.maschek.org
29. Oktober 2003 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Kurt Ostbahn ::: Waun de Musik vuabei is
ANDREA MARIA DUSL traf Willi Resetarits und sprach mit ihm über den Frühpensionisten Kurt Ostbahn, Kicken im Beserlpark, lange Haare hinterm Ohr und warum er früher singen wollte wie Ray Charles.
Kurt und Comandantina trafen einander an einem heissen 9ten-Mai-Mittag im Gasthof Quell im 15ten, in der Reindorfgasse.
Das Interview erschien in Falter 27/03
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Das Phänomen Ostbahn, der Erfolg jener Kunst- und Kultfigur, die aus Versatzstücken vorstädtischen Wiener Rockertums und den persönlichen Biographien des Musikers Willi Resetarits und des Autors Günter Brödl zusammengeleimt war, geht in die Abschlussrunde. Mehr als 20 Jahre lang hat Resetarits den weisen und grundgütigen Vorstadtproleten Kurt Ostbahn gegeben, begleitet von den Bands „Chefpartie“ und „Kombo“, für deren wechselnde Besetzungen die Spitzenkräfte der österreichischen Rockszene lukriert wurden. Vier Brödl-Romane und ungezählte Comics handeln von den Abenteuern des Simmeringer Lederjackenbesitzers, dutzende, meist vergoldete oder platinierte Alben wurden eingespielt, die legendäre Radiosendung „Trost & Rat mit Dr. Kurt Ostbahn“ war jahrelang im Äther. Nicht zuletzt war der Ostbahn-Kurti aber auch ein Bühnenphänomen, das untrennbar mit dem charismatischen Kommunikations-Talent des Willi Resetarits verschmolzen war.
Willli Resetarits kommt vom Bus, es ist heiss, er trägt ein dunkelblaues T-Shirt und petrolfarbene Bermudas. Wir treffen uns im Gasthaus Quell, jenem legendären Altwiener Wirtshaus, das Schauplatz vieler Ostbahn-Songtexte ist und als verlängertes Wohnzimmer des verstorbenen Ostbahn-Alter-Egos Günter Brödl galt.
Andrea Maria Dusl: Du hast vor kurzem als grossen letzten Paukenschlag gleich zwei neue Alben veröffentlicht, zwei halbe Doppelalben sozusagen, , „Wann de Musik…“ und „…vuabei is“. Die zweite der beiden Platten ist die logische Fortsetzung des Ostbahn-Projekts, bewährte amerikanische Gitarrenmusik aus den 60er und 70ern, während die erste CD erdigere, musikalisch ehrlichere Töne zum Klingen bringt. Darf ein Ostbahn, der so über seine Grenzen gehen kann, überhaupt in Pension gehen?
Willi Resetarits: Da ist schon lange eine andere Entwicklung im Gange (er schiebt langsam die flachen Hände in der Luft übereinander), Musik die ich etwa mit dem Wolfgang-Puschnig-Jazzmusikensemble mache, obwohl wir nicht Jazz sondern nur Musik dazu sagen, ja eigentlich gar keinen Begriff dafür haben.
Die Lieder auf „Wann de Musik…“ klingen sentimental, ja fast traurig, aber auch befreit, obwohl doch der Tod des Trainers (Günter Brödl starb am 10.Oktober 2000 völlig überraschend an Herzversagen) für die Figur des Ostbahn weniger Befreiung als Verlust gewesen sein muss. Muss der Ostbahn in Pension, weil einer seiner Schöpfer tot ist?
Der Ostbahn muss in Würde abtreten, erledigt werden sozusagen, und weil wir das laut und nicht still und heimlich machen wollten, habe ich zu dem Marketingschmäh mit der Pension gegriffen, der aber so gar nicht stimmt. Es muss das Projekt insoferne erledigt werden, als die Texte, die wir auf einem Laptop von Günter Brödl gefunden haben und die alle sehr sehr gut sind, noch veröffentlicht werden müssen..
Ich finde das schön, wenn das so wahrgenommen wird, dass da Klänge dabei sind, die bei Ostbahn nicht üblich waren, Warum soll man immer das selbe machen? Und dann bin ja auch ich der Ostbahn, und als solcher auch interessiert an anderen Klängen, als an wilden Gitarren.
Wie lange hast Du das jetzt gemacht?
Es wird am 31. Dezember 2003 ziemlich genau zwanzig Jahre gewesen sein. Das ist super für eine Ära, das ist okay, wie sagt man… das passt.
Hier im Gasthaus Quell bin ich vor etwa 5 Jahren mit Günter Brödl gesessen, für eine Geschichte über ihn, den „Trainer vom Ostbahn“. An genau diesem Tisch sassen wir, nach dem Gespräch bin ich mit ihm seinen Fünfhausner Kosmos abgegangen. Er hat mir seine Plattensammlung gezeigt und seinen Vater im Wäschegeschäft, das ganze Brödl-Dorf haben wir besucht. Auch in seiner kleinen Wohnung waren wir, in dem Haus schräg gegenüber.
Das ist die „offizielle“ Ostbahn-Wohnung gewesen... und die Frau Mutter hat unten das Bettfedergeschäft gehabt. Da sind dann oftmals die Leute gekommen, fragen, ob da der Ostbahn wohnt, „ja“ hat sie gesagt, „aber der ist auf Dienstreise…“, seitdem haben die Tourneen bei uns gerne das Synonym „Dienstreise“ gehabt.
Wie sehr fehlt die andere Hälfte des Ostbahn, Günter Brödl ?
Für uns lebt er insoferne, als, wenn wir im Studio sind und Platten aufnehmen, wir dauernd mit seinen Texten, mit seiner Sprache, mit seinem Schmäh zu tun haben. Da ist er dann auch dauernd da, da lassen wir ihn dann auch Türen zuhauen (wenn eine zufällt) und fragen uns: „Was wollt er uns jetzt sagen, was ist jetzt los?“
Wie wird es nach Ostbahn weitergehen? Hast Du ein neues musikalisches Projekt?
Stubn-Blues ist ein Projekt, das ich mit meinen Salzburger Freunden erfunden hab, wo wir Wanderungen machen und auf den Hütten spielen und Eintritt kassieren. Wir spielen vermischtes, aber meistens Sachen die uns gut gefallen. Ein eigenes Van-Morrison-Programm ist da zusammen gekommen. Stefan Schubert singt und spielt Gitarre und ist sozusagen der Bandleader, Peter Angerer ist Perkussionist, Klaus Kircher am Bass und mein alter Compañero, Roland Guggenbichler spielt Akkordeon. Und dann haben wir natürlich auch Bläser dabei, wenn wir Van Morrison spielen.
Wohin geht ihr da?
In den Raum Salzburg geht der eine Teil der Reise, der andere nach Südtirol, wo wir in einem Gasthaus Basisstation haben, wo wir ganz fein essen, dann zahma die Instrumente aussa, tan die Teller weg und spüln schon...
Wo bist Du eigentlich zuhause, wo ist Dein Dorf?
Das ist schwer zu sagen, weil es mehrere sind. Der literarische Ostbahn-Kurti ist in Simmering angesiedelt gewesen, nahe der Ostbahn, und der kleine Willi Restarits ist auch nahe der Ostbahn, auf der Favoritner Seite gross geworden, als Kind. So war naturgemäss die Willi-Resetarits-Seite des Ostbahnprojekts der Experte für die Ostbahngegend, für den Kanal, für Simmering, die Hasenleiten, für all die Geschichten am Laaerberg. Später haben wir den Ostbahn hierher in den 15ten ziehen lassen, ganz einfach, weil sich die andere Hälfte vom Ostbahn hier gut ausgekannt hat. Selber bin nach Floridsdorf gezogen, also ich selber, der Willi Resetarits. Die Stationen waren also Favoriten, mein Dorf war Floridsdorf, Bruckhaufen und als junger Erwachsener bin ich dann in den 18ten gezogen.
Wohnst Du dort noch?
Jetzt bin ich wieder auf den Bruckhaufen zurückgezogen. Der Anlass ist nicht so lustig gewesen. Meine Mutter hat in dem Haus gelebt und ist dort gestorben, und so ist dann das Haus auf (SIC!) mich gefallen.
Das ganze Haus?
Ein Einfamilienhaus, mit Garten. Wir haben, wie es sich gehört, ein Einfamilienhaus gebaut, alle, damals mit dem Papa, als die Kinder noch ordentlich Scheibtruhen fahren haben können mit Vollbeton. Ich hab das Haus geliebt, frage nicht.... die andern haben ’kickt und wir haben Beton gemischt.
Warst Du als Kind in der Kreta, der berüchtigten wilden Favoritner Gegend?
Ja, ja die Kreta, nicht zu verwechseln mit der Krim in Döbling. Die Kreta, da ist nicht drüber geredet worden, und ausserdem war die zu weit weg für unsere Exkursionen, die sind ja meist nur um ein paar Häuserblöcke gegangen. Wir Kinder waren am Humboldtplatz, die Humboldtbande. Die vom Wielandplatz waren die Wielandbande. Damals hat man eine Bande sein müssen.
Wieviel sei ihr damals gewesen?
Wer kommen ist… mindestens vier. Damals hat’s noch keine Gitterkäfige gegeben, da hat man Fussball immer über den Park gespielt, in den Beserlparks, wo die Eingänge die Tore waren. Die älteren Damen, beziehungsweise die Mütter mit Kindern haben natürlich geschimpft und gedroht „jetzt geh ich aber auf die Wachstuben“, also… eigentlich haben’s ja gesagt: „jeds geri owa auf di Wochstuum“, die jungen Mütter haben ja schirch gesprochen damals, nicht so schön wie die jungen Mütter heute. Die Matches im Park waren grosse Auseinandersetzungen, das Hinspiel im Humboldtpark, das Rückspiel im Wielandpark.
Habt ihr Blödsinn auch gemacht?
Jaja ja, Mutproben, in den G‘stetten, die die Bomben hinterlassen haben, die die Ostbahn nicht getroffen haben. Aber wir waren nie so weit weg, dass nicht, die Mutter zu hören gewesen wäre. Die hat sich, wenn das Essen fertig war, aus dem Fenster gelahnt und gellend „Erich, Willi!“ geschrien (Erich ist der Taufname von Resetarits-Bruder Lukas, Anm.) Uns war das natürlich wahnsinnig peinlich, weil dann die ganze Gegend gewusst hat, dass wir jetzt abziehen müssen, denn damit das die vier kleinen Kinderohren hören, hat es so laut sein müssen, das es der halbe Bezirk hörte. Sehr unsensibel hab ich das damals empfunden.
Wie weit seid ihr beide, Lukas und Du auseinander?
14 Monate. Wir haben alles gemeinsam gemacht, sehr symbiotisch, Aber dadurch dass wir doch ein bissl auseinander waren, war immer einer der Chef. Er war der Kapitän, ich war die Mannschaft.
Wann ist aus dem Beserlparkbanditen ein Musiker geworden?
Ich habe viel gesungen, hab gerne im Radio die schönen Lieder angehört, aber ganz banalerweise ist mir das selbe passiert, wie einigen Millionen Altersgenossen: Ich hab das erste Lied von den Beatles gehört, ich weiss nicht mehr welches, ich glaube es war „I Wanna Hold Your Hand...“. Das hat so wild geklungen! Heute klingt das ja nicht mehr wild, aber damals! „Die scheissen sich überhaupt nichts“, hast’s geheissen und dann hat man auch schon die wilden Geschichten gehört, dass die sich die Haare in die Stirne kämmen und über die Ohren. Wegen sowas hat man bei uns von der Schule fliegen können!
Hast Du lange Haare gehabt?
Natürlich. In der Schule war das ja strengstens verboten, deswegen war der Trick mit den Haaren folgender: Man hat sichs ein bisschen hinter die Ohren gelegt und aus der Stirne frisiert, aber trotzdem soviel sich angespart, dass sie, wenn man mit der Schülerband gespielt hat, ein bissl übers Ohr und ein bissl in die Stirne gegangen sind. Aber schon damals hat’s Leute gegeben wie den Karl Ratzer, der hat sie bis über die Schulter runter gehabt. Ich weiss nicht, wann der zu sparen angefangen hat, mit den Federn.
Du hast Karl Ratzer (legendärer Wiener Jazzgitarrist, Anm.) erwähnt. Wen hat es damals noch an Helden gegeben in Wien?
Die wirklich einzige Band, auf die sich alle beziehen, waren die.... also ich muss so anfangen: Da waren ein paar ältere Kollegen, die Kontakte nach London gehabt haben, um von dort Platten zu beziehen, die’s bei uns nicht gegeben hat. Von denen hab ich die ersten Soul-Platten gehabt. Also in Wahrheit habe ich von den Rolling Stones die ersten Soul-Tunes gehört, nur habe ich nicht gewusst dass das Soul ist, weil die Rolling Stones sehr klug und selektiv ihre ersten zwei Platten mit Originalmaterial aus den US-Stax bestückt haben.
Hast Du je einen Beatle getroffen oder einen Rolling Stone?
Im Funkhausgang, also im zweiten Stock, wo ich das Studio gehabt habe, wo ich „Trost und Rat“ gemacht hab’, ist aus dem Nachbarstudio der Eric Burdon herausgekommen und da haben wir dann fünf Minuten geplaudert. Aber: Das ist so ein Problem, mir steht das Hirn in so einer Situation, so plötzlich stehst du vorm Eric Burdon! Das war ja einer von diesen Helden aus der Ära, wie ich sie einteile vor „My Generation“ von den Who, was im Herbst ‘65 war. Na was hat’s damals gegeben an Helden? 5 Bands hat‘s gegeben, die wichtig waren, in der Reihefolge: Beatles, Stones, Kinks, Animals .... Aus. Spencer Davis Group und The Who und dann... unübersichtlich.
Erinnerst Du Dich an Dein erstes Konzert?
Das war im – Namen sind mein Problem – Vorläufer der Camera. Barracuda-Dancing, oder Monte-Carlo-Club, wie sie halt geheissen haben die Lokale. Dort, in der Neubaugasse im Keller hab ich zum ersten mal „The Slaves“ gesehen mit dem Ratzer an der Gitarre. Dort durfte ich zum erstenmal spielen – zum 5-Uhr-Tee – später nicht, weil ich noch zu jung war für einen Abendauftritt. Obwohl der Ratzer-Karl genau so alt war, hat er dürfen, warum weiss man nicht. Ich weiss nur, dass ich keine Tonanlage gehabt habe und mein Gesangsmikrophon beim Bassverstärker dazugesteckt habe, und das hat nicht so gut geklungen, ein zweites mal hab ich nimmer spielen dürfen.
Wieviel seid ihr damals gewesen?
Normale Besetzung. Also normal war damals zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gesang. Ein bissl was von den Kinks haben wir gespielt, einiges von den Stones, sicher ein zwei Beatlesnummern. Wir haben nur nachgespielt, natürlich. Das war ‘65.
Wer wärst Du damals gerne gewesen?
Allein die Demütigung, keine eigene Gesangsanlage zu haben und dass die Stimme ganz dumpf aus dem Bassverstärker kam liess keine Phantasien aufkommen. Der Wunsch, das überhaupt zu machen, war aber so gross, dass ich das Demütigende an der Situation in Kauf genommen habe. Lange hat das angedauert. Erst viel später bin ich auf mein gesangsmässiges Vorbild gekommen, Ray Charles. Aber auch da war‘s so: Wann immer ich eine neue Nummer von ihm gehört habe, habe ich mir gedacht, „eigentlich könnte ich sofort zu Singen aufhören... So wie der Ray Charles werd’ ich eh nie singen.“
Zu Deiner Identität. Bist Du Wiener, Burgenländer oder Kroate?
Erst vorgestern ist mir das durch den Kopf gegangen, dass man ja eigentlich viele Identitäten haben kann. Ich bin 100prozentiger Wiener mit hoher Dialektkompetenz, und natürlich Kroate, weil meine erste Sprache kroatisch war, und Burgenländer auch, wenn Du’s noch genauer willst, Südburgenländer. Und Stinatzer bin ich auch noch, so heisst die Ortschaft, wo die Resetarits hersind. Ich hab‘ ja auch musikalisch kein Problem gehabt, einerseits bei den Schmetterlingen Musiktheater mit politischem Engagemnent zu machen und andererseits den Ostbahn zu spielen. Das ist etliche Jahre parallel gelaufen. Man hat mich gefagt, „geh’n Dir die Schmetterlinge so am Hammer, weilst jetzt Ostbahn spielst?“ Aber so war das nicht. Ich wollte damals beides und habe eigentlich auch beides gebraucht. Das wär ja so, als ob man sagen würde: „So, du isst eine Suppen? Wahrscheinlich magst ka Hauptspeis!“
Das Kapitel Schmetterlinge, ist das abgeschlossen?
Ja, es war eine schöne, zwanzig Jahre dauernde Ära, und die ist in sich geschlossen, abgeschlossen, so wie auch das Kapitel Ostbahn jetzt, nach bald ebenfalls zwanzig Jahren – um das futurum exactum zu verwenden – abgeschlossen sein wird.
Hast Du auch eine verborgene Leidenschaft, so wie dein Bruder Lukas (Lukas Resetarits, legendärer Kabarettist, Anm.), der leidenschaftlich Hubschrauber pilotiert?
Wobei seine Leidenschaft darüber zu reden, ja die noch viel grösse ist. Oder über sein anderes Hobby, die Operationen: Soviel operieren (hält eine unsichtbare Erbse zwischen den Fingern) und (sein Arm beschreibt einen riesigen Bogen) soviel drüber reden, was in dem Fall gscheiter ist als umgekehrt. Ich hingegen mache mir zuviel auf einmal aus. Letztens habe ich gedreht und in den Drehpausen hab I heimlich ums Eck Interviewtermine absolviert, immer mit einem Aug rüberscheangelnd, ob I wieder dran bin...
Bist Du eigentlich ein guter Geschäftsmann?
Ich kann das nicht gut, mir ist das peinlich, Geld zu verlangen. Ich hab da jemand, der das für mich macht. Wenn jemand wegen eines Konzertes zu mir kommt, sag‘ ich, sie sollen den Günther Grosslercher anrufen. Wär das nicht so, ich hätte mich schon längst entmündigen lassen müssen. Bei Gagenverhandlungen würde ich vor lauter Rührung meinen Bausparvertrag auflösen und noch was einzahlen für’s Spielen….
© Andrea Maria Dusl


