Features und Portraits
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Wann sehen wir das Meer?
Für Standard Album vom 10. Juli 2010.
Der Sommer meiner Kindheit war keine Erzählung. Er war der Erzähler. 300 Tage im Jahr schlief der Sommer, war müde vom sommern und beleidigt, saß irgendwo im Süden, hinter den Gegenden, von denen die Kinderbücher erzählten. Saß in Pernambuco und auf Funafuti, in Cartagena und in Taka-Tuka-Land. Aber an 66 Tagen war er da. Mein Sommer. Der Erzähler. Der Übertreiber, der Fortbringer. Zwei Tage lieh er sich vom Juni, zwei stahl er dem September. Der Sommer war mein Freund. Er kam immer an einem Freitag, lauerte hinter den offenen Türen der Kirche, blies seinen warmen Atem in die kalte Steingrotte, wehte uns hinüber ins Schulhaus und händigte uns Schönschriftdokumente aus, in denen die Zahlen 1 und 2 vorkamen. Und ein bleicher Adler.
Der Sommer war mein Vater, der mit dem weißen Amazon vor unserem Haus stand, die Lenkradhandschuhe hatte er schon an. Er war der prallgefüllte Kofferraum, war die Sonnenliege mit den knirschenden Gelenken, war die Flossen und der Schnorchel, war die Thermoskanne meiner Mutter, war das Sommerkleid meiner Mutter und das Rasierwasser meines Vaters. Der Sommer war das Hinauflaufen in den zweiten Stock, war das vergessene Buch, war das Geräusch des zweimal schließenden Schlosses, war das Einsteigen und das Losfahren.
Sommer war der vollgetankte Volvo, die Triester Straße, das Kurbeln der Fenster, war der Fahrtwind und die letzten Ampeln. War das Mischen der Autoquartettkarten und das erste Milchbrot mit Käse. Wie lange ist es noch, fragten wir den Sommer, und mein Vater antwortete, machts mich nicht nervös, ich muss mich konzentrieren, lauter Trotteln unterwegs, jeder muss am Schulschluss fahren, jeder blöde Trottel von ganz Wien. Wie lange ist es noch, fragten wir den Sommer, und mein Vater grub die Rennfahrerhandschuhe in das Lenkrad und sagte, jetzt kommt der Semmering, wenn wir den packen, dann ist alles gut, dann geht es nur mehr bergab. Und dann ging es bergab, an den dicken Lastwagen vorbei, dann kam der Maibaum von Kindberg und Vaters Legitimation, ein Bier zu trinken, ein Gösser, denn der Vater war ein steirischer Patriot. Jetzt ist es nicht mehr weit, sagte der Sommer zu uns, und die Mutter gab das dritte Käsemilchbrot aus.
Jetzt ist es nicht mehr weit, sagte der Sommer, er log, aber er roch nach Wald und heißem Gummi, nach fetten Wiesen und russigem Diesel. Wann sehen wir das Meer, fragten wir den Sommer, und der Vater antwortete, Tarvis. Ab Tarvis kann man es spüren. Gehen wir heute noch baden? Wir gehen heute noch baden, und dann essen wir Pastaschutta. Die Schluchten wurden enger, und der Sommer war unser Freund. Und Tarvis kam, und der Vater erzählte, dass er eine italienische Großmutter hatte, und so war das unser Land. Unser Italien. Alles war besser hier, italienisch, alles war Kultur. Und Tarvis kam, und die Pässe wurden gezeigt, die Männer mit den Mützen nickten, keine Lire mit, log der Vater, wechseln alles unten, tutto cambiare Italia, aber sicher. Und dann setzten wir uns kurz an die Bar. Der Sommer schenkte uns Fanta und der Mutter einen Caffè. Und der Vater schwieg und grinste in den Fernet.
Wann sehen wir das Meer, fragten wir, wir waren zu viert, und die Autoquartette waren fertiggespielt. Malborghetto kam, Pontebba kam, Chiusaforte und Gemona, der Vater kannte die Namen und liebte es, sie auszusprechen, ja aber, sagten wir, schon, schon, aber wann kommt das Meer? Udine sagte der Vater, dort kann man es riechen. Und so war es. Die Fenster des Volvos standen offen, und der Südwind blies uns ins Gesicht, und der Sommer hatte die prächtigsten Kulissen aufgestellt, Weingärten und Palmen und italienische Schilder, schön gemalte, Arrosto stand auf ihnen und Albergo, niemand außer dem Vater wusste, was es bedeutete, im Straßengraben floss Mineralwasser, in den Oleanderbüschen glühten die Zirpen.
Palmanova, Cervignano, Aquileia, Belvedere, der Sommer hatte sich diese Namen ausgedacht. Nur für uns, nur für mich, aus reiner Freude, um es spannend zu machen. Um Grado anzukündigen. Aperto, sagte der Sommer, pane, sagte er, latte, freschi, salumi e formaggi. Und die Alleebäume warfen dicke Schatten auf den flirrenden Asphalt der Julia Augusta. Wann sehen wir das Meer, fragten wir den Sommer, eine Kurve noch, antwortete der Vater, und es flirrte und dampfte, und der Wind blies durch unseren Volvo, an den zugekniffenen Augen vorbei direkt in unser Herz. Und dann sahen wir es, der Sommer hatte es hingelegt, wie eine glitzernde Decke, das Meer, links und rechts des Dammes lag es, und es hieß Lagune, sagte der Vater, es ist das Meer, aber noch nicht ganz, denn schon wollten wir ihn anhalten lassen und hineinspringen. Und dem Damm folgte eine Brücke, und links lagen weiße Boote. Ihre Segel stachen in den Abendhimmel, und die Salzluft kroch über unsere lachenden Gesichter.
Wie lange noch, fragten wir den Sommer. 65 Tage noch. Gehen wir jetzt baden? Klar, sagte der Vater. Und dann essen wir Pastaschutta. Die Badesachen könnt ihr anlassen.
Für Standard Album vom 10. Juli 2010.
Ins Bild klicken für grosse Version.
iPad, youPad, we allPad for iPad
Wer das iPad hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Andrea Maria Dusl hat sich die iPad-Parodien auf Youtube angesehen und weiß jetzt, wie der Schmäh rennt. Für Standard-RONDO vom 12. Februar 2010. Das Cover des Rondo (siehe Bild unten) hat sie auch gleich gemacht.
Monatelang hatte die Gerüchteküche gebrodelt. Computer-Sterndeuter und Gadget-Propheten hatten auf ihren Blogs mit Namen und Aussehen des neuen Geräts gedealt. Nicht irgendeines neuen Geräts. Eines neuen Apple-Geräts. Nach iMac, iPod und iPhone schlug bald die Stunde des neuen iJawasdennjetzt. Die einen wussten, es würde iSlate heißen, die anderen tippten auf iTablet. Photogeshoppte Schnappschüsse und 3-D-Entwürfe des geheimen Projekts zirkulierten durch die Geekforen. Einmal sah das Ding aus der nächsten Welt aus wie der abgeschraubte Bildschirm eines Notebooks, dann wieder wie ein aufgeblasenes iPhone. Analysten hörten das Gras wachsen und gaben im Tagestakt neue Visionen über Cupertinos kommenden Geniestreich bekannt.
Die Einzigen, die schwiegen, waren die Jungs und Mädchen im Infinite Loop, dem Silicon-Valley-Hauptquartier von Apple. Als der Hohepriester des Appleismus am 27. Jänner um 10 Uhr pazifischer Zeit die Bühne des Yerba Buena Center for the Arts in San Francisco betrat, durfte er sicher sein, einen größeren Krater in die Medienwelt zu schlagen. Steve Jobs, Computerguru, nach einer Lebertransplantation zu einer hageren Gestalt mit hohlen Wangen mutiert, überraschte die Welt mit genau dem, was sie sich vom Gadget-Imperium Apple erwartet hatte. Die eierlegende Wollmilchsau, das Gerät, das alles kann und das jeder braucht. Na ja, fast. Mit der Präsentation des iPad öffnete Apple nicht nur neue Tore für die Consumer-Elektronik, der Computerkonzern setzte auch eine ganz andere Maschinerie in Gang. Die große, weite Welt der Apple-Parodie bekam neues Futter. Und was für welches! Ein Gerät mit dem Aussehen, nun ja, eines Elektrobilderrahmens aus der Ramschecke, mit einem Namen aus dem Herrenwitze-Himmel. Heißt der neue Geniestreich Steve Jobs' doch, ähem, Slipeinlage. Monatsbinde.
Der erste iPad-Witz-Clip, der auf Youtube durch die Decke ging, musste gar nicht einmal neu produziert werden. Er war schon 2005 gedreht worden. Von der Parodistentruppe MADtv. Alfred E. Neumanns Kollegen vom Fernsehsketch hatten in prophetischer Voraussicht ein präsumtives Hygieneprodukt aus dem Hause Apple durch den Kakao gezogen. Auf --> www.youtube.com/watch?v=lsjU0K8QPhs vertiefen sich zwei affektierte amerikanische Bürotussis in der Parodie eines Werbespots in explizitem Talk über Strategien und Produkte zur persönlichen Monatshygiene. Die Dialoge schürfen ihr Comedy-Gold aus der Zweitbedeutung des Wortes Pad, das im Amerikanischen so viel wie Slipeinlage bedeutet. Im Finale des Clips tanzen überfröhliche Hippiemädchen in einer Parodie der legendären Apple-iPod-Spots: schwarze Silhouetten vor buntem Hintergrund - das weiße Kultgerät zwischen den Beinen.
In einem CNN-Bericht --> http://www.youtube.com/watch?v=Ox6dzkXZOLw stellen sich zwei der Original-Akteure, Schauspielerin Arden Myrin und Gagschreiber Bruce McCoy, die durchaus berechtigte Frage, ob bei Apple womöglich keine Frauen arbeiten. Und selbst wenn dem so wäre, wie könnte man so lange an einem Produkt und seinem Marketing forschen, ohne auf die Doppelbedeutung des Wortes Pad zu stoßen?
Ebenfalls aus den Tiefen der Hygienefaktor-Archive kommt der National-Lampoon-Sketch "TamPod" --> http://www.youtube.com/watch?v=ykwaV1vSECI.Zwei Freundinnen stehen am Rand einer College-Sportbahn und stretchen ihre trainierten Körper. Im Stil einer Tampon-Werbung diskutieren sie die Absorptionsqualitäten des neuen TamPods. So angenehm, so saugfähig, so zuverlässig! Haben sich die bei Apple das nicht angeschaut? Oder etwa doch? Wie auch immer, Apple schulde ihnen was für die Inspiration zum iPad, meinen die Macher des National-Lampoon-Sketches trocken.
Eine Metaebene höher geht ein anderer Clip ans Werk --> http://www.collegehumor.com/video:1928558.Im Stil der Apple-Werbetestimonials sprechen Mac-affine Geeks vor blütenweißem Hintergrund Klartext. Als Apple- Parodie-Autoren seien sie begeistert, bekennen die Nerds, man brauche keine Witze über das iPad schreiben, das iPad mache die Witze ganz von selbst. Amir Blumenfeld, dicke Brillen, legeres Hemd, Senior Vice President der Firma Size Jokes ist begeistert über das Riesen-iPhone. Sam Reich, T-Shirt, Vollbart, Brille wird als Senior Vice President der Firma Wordplay vorgestellt und referiert über die Qualitäten des iPads als Star von Monatshygienewitzen. Sarah Schneider, Typus Publizistikstudentin, ist Senior Vice President von Kindle Jokes, einem erfundenen Unternehmen, das Witze über Amazons E-Book-Reader unter die Leute bringt: Neue Zeiten brechen an! Wir betreten Comedyneuland, jubelt ein Pullovernerd mit Vollbart, ebenfalls Vizepräsident, zuständig für Gags über Unbrauchbarkeit. Auf den Punkt bringt es schließlich Dan Gurewitch, Präsident von Meta Jokes, im wirklichen Leben Stand-up-Comedian: Es ist, als hätte das iPad einen großen "Kick me"-Zettel am Rücken kleben. Die Parodisten von "College Humor" haben nicht unrecht: "Dieses Produkt wird die Art verändern, wie wir Späße über Apple machen."
Neben professionellen Witzemachern tummeln sich auch Privatkomödianten auf Youtube und ähnlichen Web-Portalen. Max von TruckTVGermany zum Beispiel, ein Halbtrottel mit aufgemaltem Schnurrbart, er kalauert vor der Fahrerkabine eines Renault-Trucks und erklärt am Objekt, wie man aus einem alten Laptop ein iPad macht. Brachialhumor für die Jungs aus dem Dorf. --> http://www.youtube.com/watch?v=svK-wJDcPIc Ähnlich derb ist der Witz von "Rambo". Auf --> http://www.youtube.com/watch?v=4yFlq17pVm4 sieht man den verwackelten Packshot einer Slipeinlage mit Apple-Logo. Der Off-Text orientiert sich am trockenen Stil der Gadget-Blogger-Reviews. Er ist beileibe nicht der Einzige. Das Genre der iPad-Verarschungen wächst nahezu stündlich um neue Clips aus den Kinderzimmern dieser Welt.
Wirklich lustig sind hingegen die Bearbeitungen zweier legendärer Filmszenen. In der Neusynchronisation von Gus Van Sants berühmter Barszene aus Good Will Hunting --> http://www.youtube.com/watch?v=x0rgjV9Y6jA gibt Matt Damon einen stotternden Depp, dem ein aufgeblasener Apple-Computernerd reindrückt, was ein iPad ist.
Mit der unfreiwilligen Komik, die die deutsche Sprache für amerikanische Ohren hat, spielt eine köstlich untertitelte Sequenz aus Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" --> http://www.youtube.com/watch?v=9_EcybyLJS8. Hitler tobt. Das neue Apple-Tablet ist da. Der Führer wütet. Es hat keine Kamera, es läuft nicht unter OSX, es ist nicht multitaskfähig, und telefonieren kann man damit auch nicht.
(Andrea Maria Dusl, DER STANDARD/Rondo)
12. Februar 2010 (0) Comments
In drei Minuten bist du tot
Mobilitätskolumne von Andrea Maria Dusl
Für Falter 51/2009
Der Regen prasselt in kleinen kalten Tropfen auf die Scheibe. Der schwarze Novemberhimmel hat über dem Wienerwald seine Schleusen geöffnet. Die Westautobahn ist nass und sie ist ein Luder. Zu eng, zu monoton, zu viel Verkehr.
Aus dem Radio meiner jadegrünen Limousine schwurbelt Radio Stephansdom. Klong macht es plötzlich, dann klingkling und noch einmal klong. Und dann, drei Takte Brahms später, zieht der Riese Schicksal den Wagen nach links. Wiebitte? Wieso? Ich steuere dagegen, die Fahrbahn unter mir beginnt zu rumpeln, zu rattern, wird zur Schotterpiste. Der Wagen schlingert wie ein Boot. Ein Engel in mir, eine coole Sau von Andrea steuert die rumpelnde Yacht nach rechts, auf den Pannenstreifen, mit zwei Rädern ins Gras, bringt zwei Tonnen plus zum Stehen.
Mein Herz pocht. Radio Stephansdom schmettert. Aus dem Rückspiegel stechen Fernlichter. Die Scheibenwischer schieben rote Lichter zusammen, die links von mir in die nasse Nacht rasen. Wäre jetzt jemand mit mir im Wagen würde das Wort fallen. Reifenplatzer. Und das Wort Schutzengel. Aber es ist niemand da. Niemand greift zum Handy und tippt. Wo ist meine Tasche? Die coole Sau in mir schaltet die Warnblinkanlage ein. Die Idiotin in mir stochert sich zitternd durch Visitenkarten, BIPA-Vorteilscards, Lufthansa-not-yery-important-people-Karten, Plastikgeld und Mitgliedsausweise. Wo ist die verdammte ÖAMTC-Karte, schreie ich. In drei Minuten bist Du tot, schreie ich zurück. Ein Volltrottel wird zu spät auf die Bremse steigen, deinen schönen grünen Jaguar am linken Kofferraumspitzl touchieren und das reverse Peitschenknallsyndrom wird dir den Kopf vom Hals schmeissen. 120 steht auf der gelben Karte. Wo ist mein Handy? Wieso ist es so verdammt laut? Bruckner mal Freitagabend. Wir kommen, sagt die Stimme am Headset, irgendwo in einem warmen, cosy beleuchteten Büro, keine Sorge, keine Angst. Wo ist die Warnweste? Warnweste an, rüber zur Beifahrertür. Beifahrertür auf, der Regen schneidet mir ins Genick. Wo ist das Pannendreieck? Kofferraum schreit die Panikerin. Cool, sagt die Stoikerin, geht nicht auf ohne Schlüssel. Was noch? Stablampe. Brennt? Brennt. Raus in den Regen. In zwei Minuten bist Du tot, schreie ich.
Liebe Pannendreieckhersteller! Bitte schenken Sie der Welt Pannendreiecke, die man ohne Montageanleitung zuammenbauen kann. Mit einer Hand. Auch im Dunklen. Gleich bist Du tot, schreie ich in die Nacht, der Idiot wird jetzt kommen, mit seinem Porsche, seinem tiefergelegten Golf und Dich, mitsamt deiner Warnweste, jetzt und endgültig in den Scheissjaguar schieben. Und die Unfall-Statistik auf der A1 wird sich um genau eins erhöhen.
Im nassen Gras schreite ich hundert Meter Richtung Wien. Stelle das Pannendreieck auf. Fahl leuchten die Warnblinker meines Wagens. Eine halbe Stunde wird die Batterie halten. Zurückgehen, Zündung einschalten? Und wenn der Idiot just dann vorbeikommt? Rumms wird es machen. Schrrtfffffffplonk macht es. Der Sattelschlepper hat mein Pannendreieck umgeblasen. Ich baue das Ding wieder zusammen.
Die Hölle, werde ich nach eineinhalb Stunden resümieren, ist kalt und nass. Kurz hinter Neulengbach liegt sie. Es wird viel geschrien in ihr, gezittert und geflucht, und hin und wieder muss gearbeitet werden. Es gilt, ein billiges Plastikdreieck zusammenzubauen und in Fahrtrichtung neben einem fahlen Streifen aufzustellen. Immer wieder. An einem fahlen Streifen, irgendwo in der Nacht. Der Grenze zwischen Leben und Tod.
Ach ja. Die Sache ist dann doch noch gut ausgegangen. Der Pannenengel war ein Held, hexte einen heilen Reifen an meinen Wagen, lud die tote Batterie und wärmte mein Herz mit gottgleicher Coolness. 120 ist seine Nummer.
17. Dezember 2009 (0) Comments
Der weisse Rabe ist nicht mehr
Andrea Maria Dusl über Paul Flora
Nachruf
Hungerburg, das gelbe Haus. Jeder Innsbrucker wusste, wer dort wohnte. In einer kleinen, zartgelb gefärbten Villa auf der Schulter der Stadt. Hinter Bäumen versteckt, gleich neben dem Gasthaus Linde. Einen Zwetschkenkernwurf von der Seilbahn aufs Hafelekar entfernt. Ein eleganter Herr mit schlohweißem Haar, einem pfiffigen Blitzen in den Augen und jenem vom Lachen aufgefalteten Gesichtsgebirge, das nur Südtirolern in die Wiege gelegt wird. Hungerburg, eine ewige Adresse. Der Mann mit der ewigen Adresse ist nicht mehr. Paul Flora ist in der Nacht auf Freitag den 15. Juni in einer Innsbrucker Klinik im Kreis seiner Familie gestorben. Vierzehn Tage vor seinem 87. Geburtstag.
Als 15jähriger hatte der Vinschgauer Flora jenes Schlüsselerlebnis gehabt, das ihm den Weg zum Künstler eröffnete: Er sah erstmals Zeichnungen von Alfred Kubin und wußte, er wollte Zeichner werden. Er zeichne, räsonierte Paul Flora in einem Katalogtext, um sich selbst zu unterhalten. Er sei also ein gewöhnlicher Egoist, dem es nicht um die Rettung des Abendlandes ginge. Lehren würden von Propagandisten verkündet und wer Botschaften habe, solle ein Telegramm schicken, zitierte er Billy Wilder. Matisse habe sich dazu bekannt, Bilder zu malen, die wie bequeme Sessel wirken, Schwitters wiederum angemerkt, er sei Künstler, und wenn er ausspucke, so sei dies Kunst. "Ich bin für Matisse", deklariert sich Paul Flora.
Mit der Rigorosität, die jede existentielle Lust begleitet, sass Paul Flora täglich vor Mittag an seinem Tisch in der Floraburg und zeichnete. Setzte behutsam und doch kraftvoll Federstrich um Federstrich aufs Papier. Schuf aus feinen Schraffuren, düster und melancholisch, zarte Wolken, in denen Harlekine turnten und Maskierte, kratze nervöse Strichgewitter aus dem Blatt, die sich zu Bergen, Palästen, und weiten Plätzen schoben, die von dicken Damen bevölkert waren, von hageren Bischöfen und knorrigen Tirolern. Und immer wieder zeichnete Flora Raben. Raben, Raben, Raben.
Privat unbestechlicher und unbeugsamer Homo politicus, hatte der Künstler Flora ein befreiendes Vergnügen daran, über sich und andere zu lächeln, ohne jemandem weh zu tun. Mit milder Melancholie traf er, der sich stets als Unzeitgemäßen betrachtet hatte, den Nagel der Zeit geradezu zärtlich auf den Kopf. Flora sei nicht ohne Traurigkeit, wusste Friedrich Dürrenmatt über den Zeichner von Weltruf: "In seinem Werk sind Welten untergegangen, und wir ahnen, dass auch wir untergehen."
Für Falter 21/2009. Meine Zeichnung von Paul Flora ist Produkt eines Kommunikationsunfalls mit Klaus Nüchtern und nicht erschienen.
Mehr über Paul Flora und meine Besuche bei ihm:
Technik des Schenkens
Andrea Maria Dusl über das Dilemma, jemanden zu beschenken, der entweder nichts braucht oder schon alles hat: den Geek
Für Der Standard/rondo vom 19.12.2008
Jeder von uns hat einen. Einmal ist es der Bruder, einmal der Vater, einmal der Lebensabschnittspartner, einmal der Arbeitskollege. Einen Geek kennt jeder von uns: Man nennt ihn den Schräubchendreher, den Auskenner, den Chefzangler, den Master of the Geräte.
Begriffsgeschichtlich kommt der Geek vom Geck: Eulenspiegel auf mittelalterlichen Jahrmärkten, die von Kirtag zu Kirtag tingelten, Häschen aus den Kapuzen zauberten, lebendigen Tieren den Kopf abbissen und anderen Freakzauber vollbrachten. Im Englischen wurde der Geck zum Geek und erfuhr in den 1990ern einen radikalen Bedeutungswandel: Aus dem Freak wurde der technische Auskenner. Die frühen Geeks kletterten auf Rechenschiebern durch die Hörsäle, erfanden das Universum der Bits und Bytes und ganz nebenbei das Internet und den PC. Auf dieser Reise waren soziale Kompetenzen nur Ballast.
Gerne wird der Geek deshalb mit dem Nerd verwechselt. Obwohl sich beide hochintelligent in denselben Welten umtun, sind sie doch grundverschieden. Am besten illustriert das die Herkunft des US-amerikanischen Campusausdrucks. Nerd kommt von knurd. Das ist "drunk" (betrunken), von hinten buchstabiert. Nerds verweigerten nämlich, ganz im Gegensatz zum Rest der studierenden Bevölkerung, jeglichen Alkoholdurchsatz. Geek und Nerd werden auf hohem Niveau von den Galionsfiguren der Computerbranche repräsentiert: Microsoft-Mogul Bill Gates ist Nerd, Apple-Chef Steve Jobs Geek.
Nerds gelten als pflegeleicht. Sie kuscheln gerne, ernähren sich von Chips, Nutella und Cola light, treiben sich in anonymen Chatforen herum und gehen der Welt, sieht man vom Anblick ihrer Brillengestelle ab, kaum auf den Nerv. Zu Weihnachten macht man sie mit Herrensocken, einer neuen PC-Tastatur, ein paar Comicheften und einer Dose Vanillekipferln glücklich. Nerds sind die Gummibäume unter den Mitmenschen.
Anders die Geeks. Der Bush-Kritiker und Terrorexperte Richard A. Clarke brachte es 2007 in einem Interview für die legendäre amerikanische Satiresendung "The Colbert Report" auf den Punkt: "Der Unterschied zwischen Nerd und Geek? Der Geek kriegt die Sache hin."
Der Geek schlägt alle.
Das ist das ganze Unglück. Der Geek kriegt die Sache hin. Der Geek kriegt alle Sachen hin. Der Geek hatte einen Apple, als wir noch nicht einmal Amiga buchstabieren konnten. Er wusste, wie man Videorekorder programmiert, als wir noch in den Schwarzweiß-Schirm starrten. Der Geek hat die Geräte, bevor sie irgendwer anderer hat. Und wenn sie kaputtgehen, kriegt er sie wieder hin.
Einen Geek in der Verwandtschaft zu haben kann mehr Sicherheit bedeuten, als das klassische Versorgungstrio in der Familie - den Anwalt, den Doktor und jemanden mit einem Lieferwagen. Der Geek schlägt sie alle. Er kann Steckdosen reparieren, Computerabstürze fixen, Marmeladegläser öffnen, Radiosender finden, Steuererklärungen ausfüllen.
Nur eines kann der Geek nicht. Sich richtig beschenken lassen. Denn der Geek hat schon alles. Lange vor allen anderen. Der Geek ist wunschlos, aber unglücklich. Seine Sehnsucht ist die, mit dem überrascht zu werden, was er sich insgeheim wünscht. Normalsterbliche sind diesem Dilemma nicht gewachsen. Wir kennen die Geräte nicht, auf denen der Geek durch die Material-Welt surft. Und wenn wir von einem lesen, in einer Geek-Zeitung, wo denn sonst, kommen wir garantiert zu spät. Der Geek liest ja die Zeitungen auch. Vor uns. Und wenn er ein Spezialgeek ist, schreibt er gar für diese.
Womit machen wir also einen Geek glücklich? Mit dem neuesten Netbook? Nada. Mit dem hochgepimpten 64 GB iPhone, gecrackt, mit 8 Megapixel-Kamera? Mit dem A2B Ultra MotorElectric Bike, dem Aston Martin Rapide? Dem Waring Martini Mixer, der Leica D-Lux 4? Njet. Hat der Geek alles schon. Naja, den Aston Martin vielleicht nicht. Was also braucht der Geek?
Handgemachte Maßschuhe. Duftwässer von Penhaligon's, Creed oder Acqua di Parma. Ein heißes Wochenende im Hotel Orient. Der Weihnachtsmann darf schon einmal den Sack schnüren.
Andrea Maria Dusl für Der Standard/rondo vom 19.12.2008
20. Dezember 2008 (0) Comments
Pimp my iPhone
Früher war telelefonieren. Dann kam das Handy. Dann kam lang nichts und plötzlich das iPhone. Und jetzt? Jetzt ist Pimpen angesagt. Ein Einführungskurs von Pimpfreakova Andrea Maria Dusl. ☛ Für Falter 38/2005
Oberste Reihe (von links): ☛ SMS Ich war nie so recht der Shortmessagetyp. Jetzt geht das ganz flink vom Finger. Flmp vung Fimber, oder so, Rechtschreiben bleibt Schwerarbeit, Rechtschreibhilfe hin oder her. ☛ KALENDER Feine Sache. Läuten kann die Terminmaschine auch. Und das Synchronisieren mit den Daten auf dem Zuhausecomputer geht ruckizuckipalmenkombo. Zuspätkommen war noch nie so leicht: einmal falsch eingetragen und schon ist alles vergeigt.☛ iBEER Seit ich keinen Alkohol trinke, ist das mit dem Mitmachen nicht so einfach. Mit iBeer bin ich trotzdem dabei. Das kleine Programm imitiert ein volles Glas Lager. Austrinken kann man es auch, das ist ja der Witz an der Sache. Der iPhone-Bewegungs-Sensor erkennt das Schiefhalten des iBieres und imitiert das Reinrinnen in die durstigen Kehle. ☛ KAMERA Schön das Klickgeräusch und der Retrofaktor der Bilder. Dank schlechter Auflösung und lausiger Optik haben die iPhone-Schnappschüsse den Charme von DDR-Geheimdienstaufnahmen.
Zweite Reihe (von links) ☛ TWITTERIFFIC Ein kleines Programm, um Followers (so heissen Twitterfreunde) zu melden, was man gerade macht. Man darf lügen. Barack Obama zum Beispiel macht ununterbrochen was. ☛ LEVEL Eine elektronische Wasserwaage wollte ich immer schon haben. Irgendetwas ist ja immer schief. ☛ KARTEN Der Himmel auf Erden für Fingeraufderlandkartefahrer. Und wo ich gerade bin, kann das Iphone auch feststellen. Das Navi für Fussgänger ist unheimlich. Sehr unheimlich. ☛ FLASHLIGHT Diese App mus ein Finne geschrieben haben. Dort ist es ja oft und gerne finster. Die iPhonelampe schaltet das ganze Display auf Weisses Leuchten. Oder auf Rot, wenns wer schummrig mag.

Dritte Reihe (von links) ☛ FACEBOOK Wenn mir sehr fad ist, schau ich, was meine 132 Facebookfreunde gerade machen. Irgendjemand ist ja immer fad. ☛ RECHNER Zwei mal drei geht gerade noch. Aber die Hälfte von 27? So ein Rechner ist ein Segen! Die Mehrwertsteuer vom 12erpack Wachteleier? Kein Problem. Oder die Dritte Wurzel aus 376.908.655. ☛ GUITAR TOOL KIT Die Stimmgabel war gestern. Und das Stimmpfeifchen. Jetzt tune ich die Strat mit dem Telefon. Wenn mir das wer vor 5 Jahren reingedrückt hätte, hätte ich gesagt: Und den Hamlet liest dir das Telefon auch vor? So ist es. ☛ SPEEDBOX Schon mal gerätselt, wie schnell eine Bim über den Karlsplatzbuckel fährt? 27 km/h.
Vierte Reihe (von links) ☛ SHAZAM Genialeres hat niemand je erfunden. Im Radio spielt der Italo-Schmusehit von 19hundertwasweissichundsiebzig. Tausendmal gehört, wer ist das nur? Jetzt geht das so: iPhone zum Lautsprecher halten, Shazam analysiert die Melodie und meldet: Tornero. I Santo California. 1975. Bussi. ☛ SPEAK EASY Bandsalat war früher und übersteuertes Mikro. Oder eineinhalb Stunden Interview ohne Pegel. Jetzt leg ich das iPhone hin. Bis der Akku leer ist. ☛ ROTARY DIAL Die Wählscheibe fürs Handy. Zwar hinter Glas, aber sie knattert und rasselt wie die alten Dinger. Und falschwählen wie früher geht auch. Großartig. ☛ KILL SWITCH Mein Lieblingsprogramm. Unverzichtbar in U-Bahnzügen und im Bobo-Restaurant. KillSwitch unterbricht alle Handygespräche im Umkreis von zwanzig Metern. Kein Duftwasser, aber es wirkt.
Unterste Reihe (von links) ☛ PHONE Ganz normal telefonieren geht natürlich auch. Und abheben. Mein Klingelton: Spirit The Boogie. Funky Bläser. Selbst gemixt. ☛ MAIL Nie mehr Internetcafé. Yippie! ☛ SAFARI Surfen in der Westentasche. Gewöhnungsbedürftig aber the real thing. ☛ iPOD Meine ganze Plattensammlung im Telefon. Fast. Yeah.
15. September 2008 (0) Comments
Bismarck, du verdammtes Genie!
Ein Berliner Kunststudent hat ein Gerät erfunden, mit dem er fremde Bilder verändern kann - Während sie geschossen werden - Andrea Maria Dusl bringt uns den Fulgurator näher.
Für 'Der Standard - RONDO' vom 12.9.2008
Peking. Nacht. August. Der Tian'anmen-Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens gilt als größter Platz der Welt und der am besten bewachte Ort Chinas. Polizisten sorgen für andächtige Ruhe. Im Scheinwerferlicht leuchtet das Tor des Himmels, rote Fahnen bekränzen es. Über dem Rundbogen, dem Eingang zur Verbotenen Stadt, prangt groß das Porträt von Mao.
Blitzlichter flammen auf, Touristen lichten das legendäre Motiv ab. Wer dann sein Bild im Sucherdisplay betrachtet, staunt nicht schlecht: Über dem Kopf von Mao schwebt eine weiße Taube. Wie das? Der Friedensvogel ist in der Realität nicht zu sehen. Woher kommt der Spuk?
Berlin. Abend. 24. Juli. Barack Obama, demokratischer Präsidentschaftskandidat, hält an der Siegessäule eine Rede an die Welt. 200.000 Zuhörer lauschen, Kameras surren, Blitzlichter gewittern, Bilder gehen um die Welt. Und die internationalen Beobachter wundern sich, als sie auf den Displays ihrer Digitalkameras die Veranstaltung durchzappen. Hell leuchtet ein Kreuz auf Obamas Rednerpult. Ein Kreuz, das real gar nicht dort hing. Wieder schießen die Fotografen, zoomen Obama heran, das rehbraune Rednerpult. Kein Kreuz. Klick, klick. Der Blitz lädt. Nochmal klick. Da, auf dem Display sehen sie es erneut: Eindeutig ein Kreuz. Wie das? Werden hier Kameras gehackt?
Nichts von alledem und noch mehr. Hier werden nicht Bilder manipuliert, hier wird die Wirklichkeit gehackt. Gezielt und genial. Unter den hunderttausenden Obamaniacs steht ein schlaksiger junger Mann, Kunststudent, schwarzer Bart, wirres Haar, gerade 24 Jahre alt. Er hat eine klobige Spiegelreflexkamera in der Hand, ein analoges Teil aus der Zeit vor der digitalen Revolution. Die Kamera ist mit einem Teleobjektiv ausgerüstet, an der Rückseite sitzt ein Blitzgerät, oben ein kleines Kästchen. Die seltsame Kamera ist: der Fulgurator. Das Gerät, mit dem der junge Mann die Wirklichkeit hackt. Der Bursch heißt Julius von Bismarck, ist Urgroßneffe von Reichskanzler Otto.
Den Image Fulgurator, einen Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotos, hat Bismarck selbst erfunden, er sei, beschreibt er die Jahrhunderterfindung auf www.juliusvonbismarck.com, ein Gerät zur physikalischen Manipulation von Fotografien. Es interveniere, wenn ein Bild gemacht werde, ohne dass der Fotograf es merke. Die Manipulation, so Bismarck, sei nur auf dem Bild sichtbar. Während Künstlerkollegen mit Photoshop an digitalen Bildern feilen, das Abbild verändern, ist von Bismarck einen Schritt weiter: Er verändert die Wirklichkeit.
Aber wie funktioniert der subversive Spukgenerator? Genial einfach. Die große Idee hatte die Doppelbegabung aus Künstler und Techniker im November 2006. Da schrieb er die Pläne in sein Notizbuch nieder. Der Fulgurator ist eine Spiegelreflexkamera, gekoppelt mit einem Blitzsensor, der erkennt, wenn in der Nähe ein anderes Blitzgerät ausgelöst wird.
Der Sensor ist mit dem Auslöser von Bismarcks Kamera verbunden und löst seinerseits einen Blitz aus. Der Fulguratorblitz leuchtet aber nicht nach draußen, sondern in die Kamera hinein, er ist an der Filmklappe montiert und knallt sein Licht durch das optische System der Kamera. Und zwar den umgekehrten Weg: von der Bildebene durchs optische System, das Teleobjektiv, und von dort zu einem anvisierten Objekt. Nachrichten, Bilder und Symbole sind auf speziellen Schablonen angebracht, die ein wenig aussehen wie Dias und ungefähr dort sitzen, wo bei Analogkameras der Filmstreifen liegt.
Einfach gesagt ist der Fulgurator eine Kamera, die zum Diaprojektor umgebaut wurde, der seine Dias in jenen Millisekunden projiziert, in denen anderswo gerade ein Bild geschossen wird. Und dass dies gerade passiert, erkennt der Fulgurator mit seinem Blitzsensor. Einen Pistolengriff hat der Fulgurator nur aus künstlerischen Gründen und um aus größeren Entfernungen besser zielen zu können.
Von Bismarck spielt mit der anarchistisch-martialischen Anmutung seiner Erfindung und hat dem Wirklichkeitsveränderer augenzwinkernd ein Logo verpasst, das an jenes der RAF erinnert. Weit davon entfernt, ein Scherzgerät zu sein, ist die Idee zum Fulgurator mittlerweile patentiert, Werbeagenturen reißen sich um die Rechte, Spamproduzenten wittern Möglichkeiten, Infomüll zu verbreiten. Sogar Anfragen von der Pornoindustrie gibt es. Nada, Bismarck will den Fulgurator selbst einsetzen, künstlerisch-politisch. Er spricht von sich selbst als eine Art Hacker. Die Ars Electronica 2008 hat ihn soeben mit einer Goldenen Nika ausgezeichnet, in der Kategorie Interactive Art.
Von Bismarcks E-Mail-Account quillt derweil über von Hassmails, die ihn einen Terroristen schimpfen. Aber noch mehr Post bekommt er von begeisterten Hackern, von Geeks, Künstlern und Politniks aus aller Welt. Ihr Tenor: Bismarck, du bist ein verdammtes Genie!
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Andrea Maria Dusl/Der Standard/rondo/12/09/2008)
12. September 2008 (0) Comments
Spinne oder Fliege im Netz
Nie war es einfacher, sich neue Bekannte zu suchen: In sozialen Netzwerken im Web gilt jeder Kontakt gleich als "Freund" - Andrea Maria Dusl über ihre Versuche, zwei Welten miteinander zu verbinden. Für Der Standard / Rondo vom 23. 5. 2008. Bild © The Peaceful Invasion
Angefangen hat es mit Orkut, Googles halbgeheimer Freundschaftsbörse. Zu meinen ersten Freunden gehörten Guy Manuel aus Brasilien, ein alter Herr mit Glatze, Huy Zing, ein mysteriöser Student aus San Francisco, und ein gewisser Mistiborn aus Liechtenstein. Meine eigene Freundesliste im Orkut-Netzwerk war bald zweistellig. Alle diese Orkut-Bünde wären ohne mein stetiges Online-Sein, meine Bereitschaft, Sekunden und Minuten in die Waagschale der Schnellkommunikation zu werfen, gewiss nicht am Leben geblieben.
Orkut hieß Orkut, weil das der Vorname von Orkut Büyükkökten war, eines türkischen Computer-Science-Studenten an der legendären Silicon-Valley-Schmiede Stanford. Jener kalifornischen Elite-Universität, die wie keine zweite für den technologischen Input der IT-Industrie sorgt. Orkut Büyükkökten programmierte für Google. "Google nahestehend" verriet denn auch ein kleiner Hinweis am unteren Rande jeder Orkut-Page.
Bediente also Orkut die Suchtechnologie Google, um die Millionenschaft seiner Mitglieder auf der Suche nach neuen Freunden und Freundesfreunden zu unterstützen? Mit Sicherheit. Aber es war nicht Google, das Orkut von Nutzen war. Es war genau umgekehrt.
Von allen Orkutlern habe ich allerdings grad mal zwei irdisch kennengelernt. IRL kennengelernt, wie das heißt, "in real life". Die beiden waren dann allerdings tatsächlich große Knaller in meinem wirklichen Leben, große Knaller, weil aus all den unwirklichen Begegnungen mit virtuellen Internetizens zumindest zwei wirkliche Beziehungen entsprangen, zwei reale Freundschaften.
Recht mager die Ausbeute, möchte man meinen. Zwei aus 21 Millionen. Immerhin. In der Wiener U-Bahn, auch eine Millionen-Community, habe ich mangels immunisierender Gesprächskultur weniger Freundschaften akquiriert.
Orkut ist mittlerweile eingeschlafen. All die brasilianischen Party-Einladungen, die Ich-möchte-mit-dir-Beziehung-Kurznachrichten, die mir junge Männer aus dem Nahen Osten in die Inbox geschaufelt haben: Sie sind vergraben, vergessene Passwörter und verwaiste E-Mail-Accounts sei Dank. Datenmüll, auf dem die amerikanischen Terror-Schnüffelhunde herumgeistern, aber verborgen für Soziologen und Demografen. Verschüttet für immer in Server-Farmen an der Westküste. In Zukunft wird das anders sein: Nach MySpace und Facebook hat jetzt auch Google angekündigt, dass User ihre Profile auf andere Websiten übersiedeln können.
Und Orkut ist ja nicht wirklich tot. Denn Orkut heißt jetzt Facebook. Das beliebteste aller sozialen Netzwerke ging am 4. Februar 2004 im Uni-Zimmer von Harvard-Student Mark Zuckerberg online und explodierte von einem kleinen Campus-Experiment zu einer weltumspannenden Freundschafts-Börse mit mittlerweile 69 Millionen Mitgliedern. Ihr Motto: "Facebook is a social tool to connect with people around you." Ein Schelm, wer denkt, dass die Plattform massiv vom Data-Mining lebt. Der Deal ist simpel. Gib mir hundert Daten, und ich gebe dir tausend Freunde. Die Facebooker sind Menschen aus Fleisch und Blut, ihre Namen sind Klarnamen, und ihre Bilder sind keine Avatare aus dem Photoshop - Konsequenz aus dem legendären Bonmot: "Get a first life", der Hauptkritik am Rohrkrepierer "Second Life".
Dass Facebook wie auch schon Orkut zuvor den Begriff Freundschaft in die Bedeutungslosigkeit gekickt hat, steht auf einem anderen Blatt. Wie kann man mit Menschen "befreundet" sein, die man noch nie im Leben getroffen hat? Wie Beziehungen führen mit Unbekannten?
In Xing, Ende 2006, als "Open Business Club" gegründet, geht es gleich zur Sache. Mehr blue collar als Face-Book versteht sich die Community als Umsteigebahnhof für geschäftliche Freundschaften. Auch ich bin auf dem dünnen Eis der Gegenwart schon in Xing geschlittert.
Für tiefschürfendes Xinging fehlt mir allerdings die Bereitschaft, meine Kreditkarte mit einer Vollmitgliedschaft zu belasten. Das zerbrechliche Band der geschäftlichen Bekanntschaft will ich nicht mit den derben Fesseln wirklicher Freundschaft vertauschen. Ich möchte lachen und weinen, nicht lol-en und : ( -en, und zu lähmenden Power-Point-Vorträgen von umtriebigen Xinglern möchte ich auch nicht erscheinen.
Aber vielleicht ist das ja ohnedies alles Trug. Vielleicht sind wir alle unentrinnbar in einem weltumspannenden neuen Biedermeier gefangen, das heile Welten insinuiert, fröhliche Beziehungen, Denkerbünde und Geschäfts-Companien gründet und uns ein großes, virtuelles Kaffeekränzchen vorgaukelt. Vielleicht steckt hinter der Sehnsucht nach der Netzfreundschaft der zerbrechliche Wunsch, irgendwo dabei zu sein. Vielleicht ist die Facebookitis Ausdruck der existenziellen Angst, in einer Welt unterzugehen, die sich über Netzwerke definiert.
Denn eines haben Globalisierung und der dumpfe Siegeszug des Neoliberalismus gelehrt: Die alten Mechanismen der Lebenssicherung funktionieren nicht mehr. Berufe sind nicht mehr fürs Leben, Wohnungen nicht für immer, Partner nicht für ewig. Alles ist in Bewegung, alles ist Teil eines ständig wachsenden, mittlerweile 15 Jahre alten Netzes mit der dadaistischen Kurzformel "www". Bleibt die Frage: Sind wir die Spinne oder die kleine Fliege? Haben wir das Netz gewoben, oder kleben wir daran?
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Wie es wäre, wenn man die Prinzipien der Web-Freundschaftsbünde in die Realität umsetzte, zeigt diese --> Facebook-Parodie auf der Fernsehwahnsinnpinwand www.ehrensenf.de .
Karriere eines Klotzes
Strat & Co: 1941 hatte Lester William Polfus eine zündende Idee, die ihm weltweite Berühmtheit einbringen sollte. Und Generationen von Musikern hatten ein neues Statussymbol. Ob Soft Rock oder Hard oder Death Metal: Die Basis sind Ahorn, Erle, Rosen- und viele andere Hölzer.
von Andrea Maria Dusl für die Publikation holzistgenial in der 16seitigen RONDO Spezial-Ausgabe »Holz auf dem Weg« erschien Dienstag, 2. Oktober 2007 in der Tageszeitung »Der Standard«.

Der in Chicago lebende Country- und-Jazz-Gitarrist (der spätere Les Paul) hatte die ständigen elektroakustischen Rückkopplungen satt, die das Spiel auf den elektrisch verstärkten Jazzgitarren seiner Zeit begleiteten. Eines Sonntags ließ er sich in die Fabrikräume der Gitarrenfirma Epiphone einschließen, um an deren Maschinen unerhörte Dinge zu basteln. Seine Überlegung war so simpel wie genial: Elektrisch verstärkte Gitarren brauchten einen Resonanzkörper. Wie alle Saiteninstrumente. Aber dieser Körper musste nicht hohl sein. Mit den elektromagnetischen Tonabnehmern gab es schon ein System, das die schwingenden Saiten übertrug und in Verstärkern und Lautsprechersystemen zum Klingen brachte. Eine mitschwingende Schallschachtel brauchte es nicht.
Les Paul entwarf eine Gitarre, die aus einem traditionellen Gitarrenhals bestand, der in einen zehn mal zehn Zentimeter dicken und ellenlangen Holzklotz auslief, an dem Tonabnehmer, Steg und Saitenhalter angebracht waren. Unverstärkt hatte diese Gitarre fast keinen Ton. Und genau das war das Revolutionäre an Les Pauls Idee: Es gab keine Rückkopplung, weil der akustische Körper nur mehr mit den elektrisch verstärkten Saiten mitschwang und nicht mehr nachhallte.
Alleine, die Gitarristenkollegen waren gar nicht überzeugt von „the log“, dem Klotz, wie Les Paul seine ungewöhnliche Gitarre nannte. Daraufhin zerlegte er eine seiner Jazzgitarren der Länge nach und schraubte die beiden Korpushälften wie Ohren an seinen Klotz – die erste Solidbody-Gitarre der Welt sah zumindest wieder aus wie eine brave Gitarre.
Mitte der vierziger Jahre bot Paul sein „Log“-Design der Firma Gibson an. Dabei standen die Sterne zunächst schlecht. Gibsons Präsident hatte Les Pauls Erfindung mit dem Kommentar abgelehnt, man werde keinen „Besenstiel mit Ton- abnehmern“ bauen. Kurz darauf jedoch gelangen dem kalifornischen Radiotechniker Leo Fender mit seiner neu entwickelten Solidbody-E-Gitarre „Fender Broadcaster“ (später Telecaster genannt) erste kommerzielle Erfolge. Der mittlerweile neu installierte Gibson-Präsident Ted McCarty entschied, dass seine Firma ebenfalls eine massive elektrisch verstärkte Massivholz-Gitarre ins Programm aufnehmen müsse. Man erinnerte sich an den obskuren Klotz-Prototypen und seinen seltsamen Erfinder.
Eine „Les Paul Gitarre“ wurde entwickelt. Paul und die Techniker bauten ein Instrument, das sich von den flachen Brettgitarren der Marke Fender abhob: Es hatte die traditionelle Form einer Gitarre, nur war sie kleiner und aus massivem Mahagoni geschnitten. Darauf leimten die Gitarrenbauer eine gewölbte Ahorndecke. In die untere halsnahe Rundung schnitten sie ein „Cut-away“ – das berühmte Horn des Les Paul entstand. Die halbkreisförmige Aussparung sollte den Griff in den höheren Lagen erleichtern.
Aus der ähnlich geformten, aber flachbrüstigen Telecaster der Konkurrenzfirma war derweil der berühmte Precision-Bass geworden. Der war nichts anderes als eine Telecaster mit langem Hals und einem oberen Horn, das der Verbesserung des Gleichgewichts am Gurt diente. Es fehlte noch die dritte Gründungslegende unter den Solidbody-Gitarren, die Stratocaster. Die war wieder eine sechssaitige Gitarre, ihrerseits vom Precision-Bass mit seinen zwei asymmetrischen Hörnern abgeleitet. Die drei – Les Paul, Telecaster und Stratocaster (liebevoll Tele und Strat abgekürzt) – sind bis heute die vielfach variierten und miteinander amalgamierten Grundformen des tönenden Bretts.
Tonabnehmern wird ein wichtiger, aber überschätzter Part in der Tonbildung der Elektrogitarre eingeräumt. Zwar ist das Wissen um die Magnetkerne und Spulendrähte, Kondensatoren und Potentiometer, die die Schwingungen der stets metallenen Saiten an einen Verstärker weiterleiten, mittlerweile zur Geheimlehre angewachsen. Das wichtigste Element für die Bildung des Tons ist aber noch immer das Holz von Body (Körper) und Hals der Gitarre.
Wie bei Weinen, wo Jahrgang und Sorte, Lagerung und Cuvée den Charakter und Geschmack eines Weines ausmachen, spielen Alter und Sorte, ja sogar die Mischung der Hölzer untereinander eine große Rolle.
Ton und Schwingungsverhalten der Solidbody-Gitarre werden, um die Dinge vollends kompliziert zu machen, sogar von scheinbar so unwichtigen Dingen wie Gewicht und Legierung der Metallteile, Material und Dicke des Halses und sogar von der chemischen Zusammensetzung des Lackes geprägt. Dass das elektrische Signal des Tons dann noch mit Effektgeräten und Verstärkerkaskaden geformt und verfremdet wird, macht das Gitarrespiel auf sprechenden Hölzern vollends zur Magie.
Auch wenn sich moderne Metal-Gitarristen stilistisch längst von ihren Ahnvätern entfernt haben, die Magie der verwendeten Hölzer ist auch ihnen bewusst. Unter ihren schwarzmatten Zackengitarren, den Flying Vs, Explorers oder hochpolierten Strats, Teles, Pauls und SGs, die das Gitarrenuniversum bevölkern, verbergen sich neben alltäglichen Tonbäumen wie Ahorn, Erle, Esche, Fichte und Pappel kostbare Hölzer mit teilweise obskur klingenden Namen: Bocote, Bubinga, Cocobolo, Ebenholz, Flammenahorn, Koa, Korina, Lacewood, Mahogany, Padouk, Palisander, Rotholz, Rosenholz, Vogelaugenahorn, Walnuss, Wenge, Zebrawood und Ziricote. Dass diese bei ökopolitisch korrekten Holzfarmen bezogen werden, gehört unter Gitarrenbauern mittlerweile zum guten Ton.
Jimi Hendrix, Jeff Beck, Carlos Santana, Brian May: Ob lebendig oder tot, sie sind am ersten gespielten Ton erkennbar. An der Simulation der Sounds, die die unbezahlbaren Holzbretter unter ihren Händen hervorbrachten und -bringen, verdient sich eine ganze Industrie goldene Nasen. Minutiöse, bis in die letzte Fuge rekonstruierte Nachbauten berühmter Gitarren kosten heute soviel wie ein kleiner Sportwagen.
An die Originale kommen sie dennoch nie heran. Jimmy Pages 1958er Tigerstripe Les Paul Standard, Number 1 genannt, oder Eric Claptons, aus den besten Teilen dreier 1970er Fender Strats zusammengebaute „Blackie“ sind mittlerweile viel wertvoller als ihr Gewicht in Gold.
Die Alchimisten unter den Gitarristen behaupten: Das Holz der Gitarren merkt sich jeden gespielten Ton und werde mit den Jahrzehnten zu einem tönernen Gedächtnis. Angenommen, das stimmt: Kein Wunder dann, dass die Strats von Jimi Hendrix zu den wertvollsten Gitarren gehören, die es gibt.
26. April 2008 (0) Comments
Hermes Phettberg ::: Der Phillishave
REKONVALESZENZ Nach einem Schlaganfall war Österreichs berühmtester Talkmaster und Kolumnist monatelang ausser Gefecht. Was passiert ist und wie es Hermes Phettberg jetzt geht, berichtet Andrea Maria Dusl.
Für Falter 14/2007
Wenn man bei Hermes Phettberg aus dem Haus tritt und sich im Augenblick der Gehsteigberühung um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn dreht, kann man ohne gröberen Richtungswechsel geradewegs bis Reggio di Calabria wandern. Vor Hermes Phettbergs Haustüre in der Grabnergasse beginnt sozusagen der Weg nach Süden. Nach Süden wandte sich Hermes am 23. Oktober letzten Jahres, bei seinem, bis dahin ersten Gang auf ein Sozialamt.
Am Weg zum Amtshaus Margareten sah Hermes Phettberg, wie er sich erinnert, alles doppelt. Zwei Tage vorher hatte das Zwiegesicht begonnen, bei einem Happening in der Wiener Sargfabrik - Phettberg musste eine Stunde regungslos in einem Sarg liegen.
Auf dem Weg zum Sozialamt sah Phettberg vier Wienzeilen, zwei Ramperstorffergassen und zwei Schönbrunnerstrassen. Jeder Wagen, der aus dem Wiental kommend, Richtung Stadt raste, war doppelt vorhanden.
Phettberg hält es nachträglich und eingesichtig betrachtet für eines der Wunder seines Lebens, dass er unbeschädigt eines der beiden gesehenen Amtshäuser erreichte und dort eine der beiden Frau Stiefsöhne sprechen konnte, denen er dort begegnete. Frau Stiefsohn, von Phettbergs Zustand besorgt, alarmierte die Rettung, der Parteienverkehrer wurde ins Spital gebracht. Dort diagnostizierten Neurologen nichts weniger als einen Schlaganfall.
Vier Wochen verbrachte Hermes Phettberg im Wilhelminenspital. Genas langsam vom Doppeltsehen. Das Predigtdienen, wie Phettberg sein Kolumnieren im Falter nennt, war ihm indes nicht mehr möglich. Nach einem Monat kam Hermes wieder nach Hause, drehte einen Film mit Kurt Palm, seinem Dompteur aus Nette-Leit-Show-Zeiten. Thema des Films: Hermes Phettberg, Hauptdarsteller: Hermes Phettberg. Die Zerwürfnisse und Dispute der Jahre nach der Trennung Palms und Phettbergs von Couch und Tisch waren überwunden.
Auf die Frage, ob sich der Schlaganfall angekündigt habe, weiss der Phettberg Eindrückliches zu berichten. Schon ein Jahr vor der Apoplexie habe er Blitze gespürt, "de facto explodierte dabei jedes mal ein kleines Blutgefäß". Es seien kleine explosionsartige Einschläge gewesen, Stiche. Kleine Schauer im Kopf. Im Jänner diesen Jahres, lange schon wieder zu Hause in seiner Wohnung in der Gumpendorfer Grabnergasse, muss in Phettbergs Gehirn ein zweites mal zu dickes Blut zu dünne Äderigen verstopft haben. Jedenfalls passierte etwas, was ihn in dreitägigen Schlaf warf, aus dem ihm erst das heftige Klopfen "der Frau Schweiger" an der Eingangstüre erweckte. Die Erinnerungen an diese drei Tage sind ausgelöscht, zwei volle Gläser mit Urin seien, so Phettberg, detektivisch gesehen, ein Indiz dafür, das er die drei Tage nicht ausschließlich mit Schlaf zugebracht haben könne.
Kurt Palm suchte mit Hermes den Neurologen Dr. Wolf auf, der diagnostizierte nach einem EEG einen neuerlichen Schlaganfall und liess Phettberg mit der Rettung ins Kaiser-Franz-Josef-Spital führen. Dort wurde Hermes, wie er berichtet, am späten Abend “wegen Geheiltheit“ entlassen. Hermes hatte aber unglücklicherweise den Haustorschlüssel vergessen. Er fuhr palmlos wieder ins Spital, und verbrachte die Nacht in der Notunterkunft. Am Morgen fuhr er mit dem Taxi nach Hause. In die Wohnung gelangte er mit einem Ersatz -Schlüssel, den Palm mitgebracht hatte.
Auf Vermittlung von Kurt Palm, Armin Thurnher und Werner Vogt kam der König von Gumpendorf schliesslich für 6 Wochen in das Rehabilitationszentrum auf der Lassnitzhöhe nahe Graz.
Wir erinnern uns: Man muss sich vor Hermes Phettbergs Haustüre nur ein einziges mal nach links drehen, um geradewegs auf fast schnurgeraden Strassen Richtung Süden zu gelangen. Konstruierte man einen Auferstehungsmythos, wäre Phettberg nach seiner öffentlichen Einsargung schon am 23. Oktober automatisch in Richtung Genesung aufgebrochen.
Auf der Lassnitzhöhe absolvierte Phettberg einen minutiös geplanten Rehabilitationsplan aus Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie und Akupunktur. Sogar Joga und die Kunst des richtigen Atmens gehörten zum Wiederherstellungsparcour.
70 Kilo hat Phettberg in den letzten 12 Monaten abgenommen. Er passt in längst archivierte Hosen aus seinem persönlichen Jeans-Museum. Seltsamerweise, so Phettberg, sei der Gewichtsverlust kein Effekt der Apoplexie gewesen, sondern sei schon vorher eingetreten. Wiewohl das Spital zur Entschlackung beigetragen habe. Wochenlang habe er keinen Bissen hinuntergebracht. 14 Tage lang konnte Phettberg nur riechen an den Speisen.
Was seine Verdünnung ausgelöst habe? Phettberg hatte sich im letzten Jahr von enormen Mengen bedruckten Papiers getrennt. Im Augenblick des grössten Loslassens von gesammeltem Material habe ihn dann buchstäblich der Befreiungsschlag getroffen. Während der Rehabilitation habe aber ein anderes Phänomen Besitz von seiner Oberfläche ergriffen. Weil Phettberg wegen der Blutverdünnung das Rasieren mit Klingen nicht wagte, hatte er sich einen elektrischen Rasierapparat zugelegt. “Der macht was er will”, berichtet Hermes, “und egal wo man ihn hinführt, ober der Lippe lässt er die Stoppel stehen.” Phettberg trägt also, wiedergenesen und predigtdienstbereit, einen Schnurrbart. “Bitte nicht Schnurrbart zu schreiben. Nenne ihn den Phillishave!”
3. April 2007 (1) Comments
Der Stick zum Glück
Für 'Der Standard/Rondo' vom 27.1.2007
Da war doch dieses Bild von Bill Gates. Der König aller Nerds sitzt auf zwei masthohen Stapeln weißen Kopierpapiers und wedelt grinsend mit einer CD. Das war 1995, als sich der Windows-Imperator im Sitzgurt in luftige Höhe ziehen ließ, um die Speicherkapazität einer CD zu demonstrieren. Speicher, das hatte was. Und für Sachen, die was hatten, hatte Bill Gates schon immer einen Riecher.
Speicher brauchte man. Das unglückliche Wort hatte bis dahin nur in Donald-Duck-Geschichten die Grenzen unserer sprachlichen Wahrnehmung überschritten. Speicher hieß der Geldbunker von Onkel Dagobert. Speicher nannten die Deutschen aber auch das, was bei uns ein Dachboden war. Kein glücklicher Ausdruck für die Aufbewahrung schnell abrufbaren Wissens. Den Speicher Kaprun gab es auch noch, ein Wunderwerk der Wasseranhaltetechnik. Speicher, das war ein Wort, an das wir uns erst gewöhnen sollten.
Mein erster Computer, irgendwann in den späten 80er-Jahren, war von Apple, ein Wunderwerk in beigem Grau. Mit einem Bildschirm von der Größe einer Postkarte. Das Internet existierte damals nur für ein Dutzend Freaks. Es gab keine E-Mails und kein elektronisches Verschicken von Bildern, Dokumenten oder gar Musik.
Was es gab, war eine quadratische Plastikhülle mit einer metallenen Litze. Diskette hieß das Ding, und alles wurde gut. Auf die Diskette lud man ein Bild. In Worten: 1 Bild. Oder die Seminararbeit. Oder das raubkopierte Tetris-Spiel. Eine gute Welt war das. Eine Diskettenwelt. Auf die Diskette passte der Inhalt eines veritablen Buchs. Fantastisch! Bald stapelten sich die Disketten, und ein neues Phänomen, das wir bei Büchern bislang nicht gekannt hatten, trat in unser Leben: die Unlesbarkeit. Der Horror schlechthin. Unlesbarkeit, die kleine, schmutzige Schwester des ungesicherten Absturzes. Unsichere 1,4 MB hatten auf einer Diskette Platz.
Etwas Neues musste her. Zip hieß das Ding, es schrammte hart am magischen Hunderter. 100 Megabyte, was für ein Speicher! Bald purzelte auch dieses Format. Jemand hatte die Büchse der Pandora geöffnet. Aus der Musik-CD war ein individuell beschreibbares und massenkompatibles Speichermedium geworden. Auf eine CD passte bald nicht nur Sergeant Pepper, sondern, in schlanke MPs umgewandelt, gleich das Gesamtwerk der Beatles.
Die Sache hatte einen Haken. Die Silberscheibe war ein Depot für die mittlere Ewigkeit, als Zwischenspeicher eigneten sich aber nur spezielle Rohlinge, und irgendwie war das sehr kompliziert. Außerdem, eine Schallplatte auf Widerruf zu bespielen, das war nicht cool. Nein, etwas Neues musste wieder her. Und das Neue kam dieses Mal durch die Hintertür. Die Hintertür war ein Steckersystem namens USB - Universeller Serieller Bus.
Was klingt wie ein Billigangebot für Seniorenreisen, bedeutet nur, dass der strom- und datentransportierende Anschluss für alles und jedes brauchbar ist. Ursprünglich für PC-Mäuse und Computer-Tastaturen gedacht, griff das große Stöpseln schnell auf Drucker, Scanner, externe Festplatten, iPods, Digitalkameras und hunderte anderer Gadgets über. Sogar Verrücktheiten wie Tischgrills und Taschenstaubsauger gibt es mittlerweile mit dem USB-Anschluss.
Und dann kam das Ding, ohne das heute kein Computnik aus dem Büro geht: der USB-Stick. Er baumelt an Autoschlüsseln, klappt aus Schweizer Messern und Armbanduhren. USB-Sticks speichern Daten wie die Flash-Karten in Digitalkameras, weshalb die kleinen Helferleins überm Teich auch "USB Flash Drives" heißen. Mit dem sprunghaften Anstieg der Speicherkapazität - wir halten heute bei maximalen 64 GB - lagern manche von uns Teile ihres Büros in den USB-Stick aus. Das muss nicht nur der Text sein, der zu Hause noch den letzten Wochenendschliff braucht, das kann durchaus auch ein ganz persönliches kleines Archiv sein. Die Sticks horten nicht nur Daten, sondern sogar Applikationen wie Mailprogramme, Skype, Virenscanner oder OpenOffice. Sie müssen am "Gast-PC" nicht installiert werden. So kann man in der Firma oder bei Freunden Software nutzen, die es auf den Rechnern gar nicht gibt, und hat gleich auch noch alle Daten mit dabei.
USB-Sticks sind inzwischen so normal geworden wie Wegwerffeuerzeuge, Taschenbatterien und Kaugummi und hängen auch genau dort, wo wir diese Essentials finden, im Last-Minute-Regal neben der Supermarktkasse. Ein ausgewachsener USB-Stick ist auch mein zahnpastafarbener iPod-Plastikriegel. Er ist nicht größer als eine Packung Kaugummi, fasst aber 100 Songs. In CDs umgerechnet, müsste Bill Gates dafür auf einem Dutzend Papierstapel sitzen. Und mit Grinsen wäre auch nichts, das Teil ist nämlich von Apple.
28. Januar 2007 (0) Comments
Nur Landen ist schöner
Für STANDARD Rondo. Ungekürzte Version.
In einem blank geputzen Hochleistungshangar steht Wiens erster und einziger Flugsimulator. Vergessen wir die laptopbasierten Flugkanzeln, Playstation-Cockpits und andere aviatischen Heimtrainer, das hier ist das wirkliche Ding. Das Ding ist halb so gross wie mein Badezimmer aber doppelt so lustig. Die Piloten, die hier ihre Flugberechtigungen auffrischen, schwitzen in der engen Kiste Blut und Wasser. So mancher hat hier auch in Tränen gebadet. Wer in der Trainingsschachtel durchfällt, darf unter Umständen nie wieder ein Verkehrsflugzeug pilotieren.
Die weisse Metallkiste in Gebäude 974 der Austrian Airline Basis am Vienna Airport kostet soviel wie 36 Ferraris und bewegt sich dennoch nicht einen Zehntelmillimeter vom Fleck. Das schihüttengrosse Simulatorhäuschen steht auf sechs hageren Hydraulikbeinchen. Zickzack aufgestellt können sie den Kasten in jede nur erdenkliche Richtung neigen, rütteln oder stossen. Dicke Kabelstränge und Luftschläuche führen an Bord. Über eine schmale Zugbrücke lässt sich der Flusimulator entern.
Es ist dunkel und auf eine erotiserend technische Art behaglich in der engen und mit Knöpfen und Instrumenten vollgeräumten Kanzel. Bis auf die Fenster und die schwarzen Lederflächen der Sitze scheint es hier keine Handbreit zu geben, die nicht von Schaltern, Reglern und leuchtenden Kleinbildschimen eingenommen wird. Wir sind zu fünft an Bord. Ein Telekom-Schurno, die Konzernsprecherin vom Supermarktimperium, der Redakteur eines Frauenmagazin, der Herausgeber des nichtvegetarischen Bobo-Magazins und icke, die Multi-Kirtag-Maus. Fünf aviatische Dilletanten und Robert Oberleuthner, unser Instruktor, ein wirklicher Pilot.
Der Airbus A-320, in dem wir uns befinden, ist virtuell. Und auch wieder nicht, denn jeder Schalter hier ist echt lässt sich bedienen. Sogar die Abnützungsspuren an Hebeln und Griffen sind real. Das tiefe Grollen der Triebwerke, das monotone Rauschen der Klimaanlage kommen vom Computer. Die Bewegungen, die uns die nächste Stunde durch Sonne und Mond schicken werden, von den Bewegungen der Simulatorkabine auf seinen Hydraulikstelzen. Die Aussicht aus den Cockpit-Fenstern geht auf eine parabolisch gekrümmte Leinwand, auf die drei Projektoren eine nahtlose Aussenwelt projizieren. Unser Blick geht auf den Schwechater Flughafen mit seinem verdrehten Turm, die beiden Terminalschnecken, und vor uns auf kilometerweit Beton, Lichter und verbranntes Flughafengras.
Es gibt vier Sitzplätze in diesem Apparat, zwei Pilotenstühle, einen Klappsessel an der Cockpitrückwand und zwei Besucherstühle etwas weiter hinten im Raum. Hier sitzen die Prüfer. Neben dem einzigen cockpitfremden Instrument. Auf dem berührungssensitiver Bildschirm werden die Katastrophen eingestellt. Triebwerksausfall, Brand in der Kabine, verschneite Landebahn auf den Malediven, Aquaplaning in Kairo, verlorenes Bugrad über dem Atlantik, Rauch in der Kabine, Leck im Tank, Eurofighter von rechts, durchgeschmorte Elektrik.
Für uns fünf Dünnluftmatrosen werden in wenigen Minuten schon die allersimpelsten Flugmanöver nach SOS schmecken. Zwei von uns bekennen Playstation-Flug-Erfahrung und schwingen sich behände in die beiden Pilkotensitze. Kurzes, schnappatmiges Memorieren des Startvorganges. Klar, dass das hier ein Schönwetterstart werden wird.
Gesteuert wird unser Airbus mit Händen und Füssen, im wesentlichen aber mit einem stinknormalen Joystick aus Billigsdorfer Plastik. Nun ja. Mit sowas hat die junge Generation der Piloten ihre Kindheit verbracht. Der mundane Grund für den Kunstoffknüppel: Modernes Fluggerät sendet die Steuersignale nicht mehr per Seilzug, sondern elektronisch an die Ruder.
Das Simulator-Vorleben unserer Boys von der Playstation-Fraktion macht sich bezahlt, die beiden bedienen brav und in der richtigen Reihenfolge ihre Hebel, enormer Schub drückt uns in die Sitze, die Landebahn verjüngt sich auf einen dünnen, unter uns gallopierenden Pfad und nach langen, holprigen Augenblicken zieht uns der Mann vom Frauenmagazin hochnäsig in die Schwechater Luft. Ein Traumstart. Kein Seitenwind, kein Wölkchen über der Stadt. Wir kurven elegant über Wien und gewinnen an Höhe. Im richtigen Leben würde man jetzt den Autopiloten beauftragen, die Gurte lösen und einen Kaffee bestellen. (Verschütteter Bohnensaft in Cockpitinstrumenten führt übrigens nicht zu Abstürzen.)
Noch über der Erörterung dieses Kabinenunfalls bleibt das Flugzeug in der Luft stehen. Wie von Götterhand gestoppt, schwebt es schwerelos im Himmel über Schnitzelstadt. Die Götterhand gehört Robert Oberleuthner, der das Simulatorprogramm auf Sinkflug einstellt, um eine Landung vorzubereiten. Flappen raus, Schub zurück, Nase leicht hinunter, Räderbeine raus, den Seitenwind mit Kurven austarierend senken wir uns dem winzigen Strich entgegen, der einmal zu unserer Landebahn werden wird.
57 Tonnen sind verdammt träge, das ist kein wendiger Audi, der mal kurz über die A2 gejagt wird. Der Mann vom Frauenmagazin ist nicht nur Damenversteher, er hat auch ein Händchen für landendes Alu. Er bringt den Vogel tatsächlich runter. Landungsklatscher hätten schon längst in die Hose gemacht, so holpert unser Shakehand mit der Piste. Aber wir leben, das Ding ist ganz geblieben.
Leuten mit Flugangst, also Leuten wie mir, muss ein Flug im Simulatior dringend empfohlen werden. Kein Luftloch, in dem ich noch nicht gestorben wäre, kein ruckelnder Start, an dem noch nicht mein Lebensfilm abgelaufen wäre. Wie sich wirkliche Abstürze anfühlen, erfahren wir unter dem Käptn vom Telefonkonzern Aus 5000 Fuss die Kurve nicht mehr zu kriegen und in die endgültige Tiefe zu rattern, ist kein schönes Gefühl. Immerhin: Es geht ganz schnell.
Erst der Mann vom Bobo-Magazin bringt uns wieder heil nach Hause, über das gebrochene Bugrad wollen wir mal hinwegsehen. Die Chefsprecherin vom Supermarktkonzern setzt uns auch ganz unbeschädigt ab, velwechsert aber rinks mit lechts und pilotiert den gelandeten Airbus in die Wiese. Auch ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.
Selbst am Steuer steigt meine Ehrfurcht vor professionellen Aviatikern. Eine grosse Fuge an der grossen achtmanualigen Kirchenorgel könnte nicht komplexer sein. Auch mich hat die Erde bald wieder. Oder auch nicht. Links und rechts scheinen bei mir zwei unterschiedliche Orte zu sein, nicht jedoch oben und unten. Meine Landung wird nicht in die Geschichte des Landungsapplauses eingehen. Pilotin ist an mir keine verloren gegangen. Aber Flugangst habe ich zumindest keine mehr.
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Der Traum vom Fliegen lässt sich verwirklichen: Flüge im Airbus A320-Full-Flight-Simulator kosten den Pappenstiel von 275 Euronen.
--> Pro Toura Flight Events, Austrian Airline Basis, Gebäude 974, A-1300 Vienna Airport, Fon: +43 (1) 700 736 127, Fax: +43 (1) 700 736 129
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17. Dezember 2006 (0) Comments


