Features
Abstract is the World
Blue Moon Shooting
Boys and Girls from my Block
Breakfast Outside America
Kiev Markthalle
Little Shops of Horror
Phones of the World
Andrea Maria Dusl Music Room
Andrea Z bis A
Comandantina Unterwegs
Dusl bestellen
Maschinenraum
Redezeit
Sager von Welt
Showtime!
Blue Moon
Channel 8
Channel 8 Diaries
Crazy Day
Dining Car
Heavy Burschi
In the Pipeline
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
This work is licensed under a Creative Commons License.
|
|
Fire Your Website Hire A Weblog! |
Powered by Movable Type 3.2
Karriere eines Klotzes
Strat & Co: 1941 hatte Lester William Polfus eine zündende Idee, die ihm weltweite Berühmtheit einbringen sollte. Und Generationen von Musikern hatten ein neues Statussymbol. Ob Soft Rock oder Hard oder Death Metal: Die Basis sind Ahorn, Erle, Rosen- und viele andere Hölzer.
von Andrea Maria Dusl für die Publikation holzistgenial in der 16seitigen RONDO Spezial-Ausgabe »Holz auf dem Weg« erschien Dienstag, 2. Oktober 2007 in der Tageszeitung »Der Standard«.

Der in Chicago lebende Country- und-Jazz-Gitarrist (der spätere Les Paul) hatte die ständigen elektroakustischen Rückkopplungen satt, die das Spiel auf den elektrisch verstärkten Jazzgitarren seiner Zeit begleiteten. Eines Sonntags ließ er sich in die Fabrikräume der Gitarrenfirma Epiphone einschließen, um an deren Maschinen unerhörte Dinge zu basteln. Seine Überlegung war so simpel wie genial: Elektrisch verstärkte Gitarren brauchten einen Resonanzkörper. Wie alle Saiteninstrumente. Aber dieser Körper musste nicht hohl sein. Mit den elektromagnetischen Tonabnehmern gab es schon ein System, das die schwingenden Saiten übertrug und in Verstärkern und Lautsprechersystemen zum Klingen brachte. Eine mitschwingende Schallschachtel brauchte es nicht.
Les Paul entwarf eine Gitarre, die aus einem traditionellen Gitarrenhals bestand, der in einen zehn mal zehn Zentimeter dicken und ellenlangen Holzklotz auslief, an dem Tonabnehmer, Steg und Saitenhalter angebracht waren. Unverstärkt hatte diese Gitarre fast keinen Ton. Und genau das war das Revolutionäre an Les Pauls Idee: Es gab keine Rückkopplung, weil der akustische Körper nur mehr mit den elektrisch verstärkten Saiten mitschwang und nicht mehr nachhallte.
Alleine, die Gitarristenkollegen waren gar nicht überzeugt von „the log“, dem Klotz, wie Les Paul seine ungewöhnliche Gitarre nannte. Daraufhin zerlegte er eine seiner Jazzgitarren der Länge nach und schraubte die beiden Korpushälften wie Ohren an seinen Klotz – die erste Solidbody-Gitarre der Welt sah zumindest wieder aus wie eine brave Gitarre.
Mitte der vierziger Jahre bot Paul sein „Log“-Design der Firma Gibson an. Dabei standen die Sterne zunächst schlecht. Gibsons Präsident hatte Les Pauls Erfindung mit dem Kommentar abgelehnt, man werde keinen „Besenstiel mit Ton- abnehmern“ bauen. Kurz darauf jedoch gelangen dem kalifornischen Radiotechniker Leo Fender mit seiner neu entwickelten Solidbody-E-Gitarre „Fender Broadcaster“ (später Telecaster genannt) erste kommerzielle Erfolge. Der mittlerweile neu installierte Gibson-Präsident Ted McCarty entschied, dass seine Firma ebenfalls eine massive elektrisch verstärkte Massivholz-Gitarre ins Programm aufnehmen müsse. Man erinnerte sich an den obskuren Klotz-Prototypen und seinen seltsamen Erfinder.
Eine „Les Paul Gitarre“ wurde entwickelt. Paul und die Techniker bauten ein Instrument, das sich von den flachen Brettgitarren der Marke Fender abhob: Es hatte die traditionelle Form einer Gitarre, nur war sie kleiner und aus massivem Mahagoni geschnitten. Darauf leimten die Gitarrenbauer eine gewölbte Ahorndecke. In die untere halsnahe Rundung schnitten sie ein „Cut-away“ – das berühmte Horn des Les Paul entstand. Die halbkreisförmige Aussparung sollte den Griff in den höheren Lagen erleichtern.
Aus der ähnlich geformten, aber flachbrüstigen Telecaster der Konkurrenzfirma war derweil der berühmte Precision-Bass geworden. Der war nichts anderes als eine Telecaster mit langem Hals und einem oberen Horn, das der Verbesserung des Gleichgewichts am Gurt diente. Es fehlte noch die dritte Gründungslegende unter den Solidbody-Gitarren, die Stratocaster. Die war wieder eine sechssaitige Gitarre, ihrerseits vom Precision-Bass mit seinen zwei asymmetrischen Hörnern abgeleitet. Die drei – Les Paul, Telecaster und Stratocaster (liebevoll Tele und Strat abgekürzt) – sind bis heute die vielfach variierten und miteinander amalgamierten Grundformen des tönenden Bretts.
Tonabnehmern wird ein wichtiger, aber überschätzter Part in der Tonbildung der Elektrogitarre eingeräumt. Zwar ist das Wissen um die Magnetkerne und Spulendrähte, Kondensatoren und Potentiometer, die die Schwingungen der stets metallenen Saiten an einen Verstärker weiterleiten, mittlerweile zur Geheimlehre angewachsen. Das wichtigste Element für die Bildung des Tons ist aber noch immer das Holz von Body (Körper) und Hals der Gitarre.
Wie bei Weinen, wo Jahrgang und Sorte, Lagerung und Cuvée den Charakter und Geschmack eines Weines ausmachen, spielen Alter und Sorte, ja sogar die Mischung der Hölzer untereinander eine große Rolle.
Ton und Schwingungsverhalten der Solidbody-Gitarre werden, um die Dinge vollends kompliziert zu machen, sogar von scheinbar so unwichtigen Dingen wie Gewicht und Legierung der Metallteile, Material und Dicke des Halses und sogar von der chemischen Zusammensetzung des Lackes geprägt. Dass das elektrische Signal des Tons dann noch mit Effektgeräten und Verstärkerkaskaden geformt und verfremdet wird, macht das Gitarrespiel auf sprechenden Hölzern vollends zur Magie.
Auch wenn sich moderne Metal-Gitarristen stilistisch längst von ihren Ahnvätern entfernt haben, die Magie der verwendeten Hölzer ist auch ihnen bewusst. Unter ihren schwarzmatten Zackengitarren, den Flying Vs, Explorers oder hochpolierten Strats, Teles, Pauls und SGs, die das Gitarrenuniversum bevölkern, verbergen sich neben alltäglichen Tonbäumen wie Ahorn, Erle, Esche, Fichte und Pappel kostbare Hölzer mit teilweise obskur klingenden Namen: Bocote, Bubinga, Cocobolo, Ebenholz, Flammenahorn, Koa, Korina, Lacewood, Mahogany, Padouk, Palisander, Rotholz, Rosenholz, Vogelaugenahorn, Walnuss, Wenge, Zebrawood und Ziricote. Dass diese bei ökopolitisch korrekten Holzfarmen bezogen werden, gehört unter Gitarrenbauern mittlerweile zum guten Ton.
Jimi Hendrix, Jeff Beck, Carlos Santana, Brian May: Ob lebendig oder tot, sie sind am ersten gespielten Ton erkennbar. An der Simulation der Sounds, die die unbezahlbaren Holzbretter unter ihren Händen hervorbrachten und -bringen, verdient sich eine ganze Industrie goldene Nasen. Minutiöse, bis in die letzte Fuge rekonstruierte Nachbauten berühmter Gitarren kosten heute soviel wie ein kleiner Sportwagen.
An die Originale kommen sie dennoch nie heran. Jimmy Pages 1958er Tigerstripe Les Paul Standard, Number 1 genannt, oder Eric Claptons, aus den besten Teilen dreier 1970er Fender Strats zusammengebaute „Blackie“ sind mittlerweile viel wertvoller als ihr Gewicht in Gold.
Die Alchimisten unter den Gitarristen behaupten: Das Holz der Gitarren merkt sich jeden gespielten Ton und werde mit den Jahrzehnten zu einem tönernen Gedächtnis. Angenommen, das stimmt: Kein Wunder dann, dass die Strats von Jimi Hendrix zu den wertvollsten Gitarren gehören, die es gibt.
26. April 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Der Stick zum Glück
Für 'Der Standard/Rondo' vom 27.1.2007
Da war doch dieses Bild von Bill Gates. Der König aller Nerds sitzt auf zwei masthohen Stapeln weißen Kopierpapiers und wedelt grinsend mit einer CD. Das war 1995, als sich der Windows-Imperator im Sitzgurt in luftige Höhe ziehen ließ, um die Speicherkapazität einer CD zu demonstrieren. Speicher, das hatte was. Und für Sachen, die was hatten, hatte Bill Gates schon immer einen Riecher.
Speicher brauchte man. Das unglückliche Wort hatte bis dahin nur in Donald-Duck-Geschichten die Grenzen unserer sprachlichen Wahrnehmung überschritten. Speicher hieß der Geldbunker von Onkel Dagobert. Speicher nannten die Deutschen aber auch das, was bei uns ein Dachboden war. Kein glücklicher Ausdruck für die Aufbewahrung schnell abrufbaren Wissens. Den Speicher Kaprun gab es auch noch, ein Wunderwerk der Wasseranhaltetechnik. Speicher, das war ein Wort, an das wir uns erst gewöhnen sollten.
Mein erster Computer, irgendwann in den späten 80er-Jahren, war von Apple, ein Wunderwerk in beigem Grau. Mit einem Bildschirm von der Größe einer Postkarte. Das Internet existierte damals nur für ein Dutzend Freaks. Es gab keine E-Mails und kein elektronisches Verschicken von Bildern, Dokumenten oder gar Musik.
Was es gab, war eine quadratische Plastikhülle mit einer metallenen Litze. Diskette hieß das Ding, und alles wurde gut. Auf die Diskette lud man ein Bild. In Worten: 1 Bild. Oder die Seminararbeit. Oder das raubkopierte Tetris-Spiel. Eine gute Welt war das. Eine Diskettenwelt. Auf die Diskette passte der Inhalt eines veritablen Buchs. Fantastisch! Bald stapelten sich die Disketten, und ein neues Phänomen, das wir bei Büchern bislang nicht gekannt hatten, trat in unser Leben: die Unlesbarkeit. Der Horror schlechthin. Unlesbarkeit, die kleine, schmutzige Schwester des ungesicherten Absturzes. Unsichere 1,4 MB hatten auf einer Diskette Platz.
Etwas Neues musste her. Zip hieß das Ding, es schrammte hart am magischen Hunderter. 100 Megabyte, was für ein Speicher! Bald purzelte auch dieses Format. Jemand hatte die Büchse der Pandora geöffnet. Aus der Musik-CD war ein individuell beschreibbares und massenkompatibles Speichermedium geworden. Auf eine CD passte bald nicht nur Sergeant Pepper, sondern, in schlanke MPs umgewandelt, gleich das Gesamtwerk der Beatles.
Die Sache hatte einen Haken. Die Silberscheibe war ein Depot für die mittlere Ewigkeit, als Zwischenspeicher eigneten sich aber nur spezielle Rohlinge, und irgendwie war das sehr kompliziert. Außerdem, eine Schallplatte auf Widerruf zu bespielen, das war nicht cool. Nein, etwas Neues musste wieder her. Und das Neue kam dieses Mal durch die Hintertür. Die Hintertür war ein Steckersystem namens USB - Universeller Serieller Bus.
Was klingt wie ein Billigangebot für Seniorenreisen, bedeutet nur, dass der strom- und datentransportierende Anschluss für alles und jedes brauchbar ist. Ursprünglich für PC-Mäuse und Computer-Tastaturen gedacht, griff das große Stöpseln schnell auf Drucker, Scanner, externe Festplatten, iPods, Digitalkameras und hunderte anderer Gadgets über. Sogar Verrücktheiten wie Tischgrills und Taschenstaubsauger gibt es mittlerweile mit dem USB-Anschluss.
Und dann kam das Ding, ohne das heute kein Computnik aus dem Büro geht: der USB-Stick. Er baumelt an Autoschlüsseln, klappt aus Schweizer Messern und Armbanduhren. USB-Sticks speichern Daten wie die Flash-Karten in Digitalkameras, weshalb die kleinen Helferleins überm Teich auch "USB Flash Drives" heißen. Mit dem sprunghaften Anstieg der Speicherkapazität - wir halten heute bei maximalen 64 GB - lagern manche von uns Teile ihres Büros in den USB-Stick aus. Das muss nicht nur der Text sein, der zu Hause noch den letzten Wochenendschliff braucht, das kann durchaus auch ein ganz persönliches kleines Archiv sein. Die Sticks horten nicht nur Daten, sondern sogar Applikationen wie Mailprogramme, Skype, Virenscanner oder OpenOffice. Sie müssen am "Gast-PC" nicht installiert werden. So kann man in der Firma oder bei Freunden Software nutzen, die es auf den Rechnern gar nicht gibt, und hat gleich auch noch alle Daten mit dabei.
USB-Sticks sind inzwischen so normal geworden wie Wegwerffeuerzeuge, Taschenbatterien und Kaugummi und hängen auch genau dort, wo wir diese Essentials finden, im Last-Minute-Regal neben der Supermarktkasse. Ein ausgewachsener USB-Stick ist auch mein zahnpastafarbener iPod-Plastikriegel. Er ist nicht größer als eine Packung Kaugummi, fasst aber 100 Songs. In CDs umgerechnet, müsste Bill Gates dafür auf einem Dutzend Papierstapel sitzen. Und mit Grinsen wäre auch nichts, das Teil ist nämlich von Apple.
28. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Nur Landen ist schöner
Für STANDARD Rondo. Ungekürzte Version.
In einem blank geputzen Hochleistungshangar steht Wiens erster und einziger Flugsimulator. Vergessen wir die laptopbasierten Flugkanzeln, Playstation-Cockpits und andere aviatischen Heimtrainer, das hier ist das wirkliche Ding. Das Ding ist halb so gross wie mein Badezimmer aber doppelt so lustig. Die Piloten, die hier ihre Flugberechtigungen auffrischen, schwitzen in der engen Kiste Blut und Wasser. So mancher hat hier auch in Tränen gebadet. Wer in der Trainingsschachtel durchfällt, darf unter Umständen nie wieder ein Verkehrsflugzeug pilotieren.
Die weisse Metallkiste in Gebäude 974 der Austrian Airline Basis am Vienna Airport kostet soviel wie 36 Ferraris und bewegt sich dennoch nicht einen Zehntelmillimeter vom Fleck. Das schihüttengrosse Simulatorhäuschen steht auf sechs hageren Hydraulikbeinchen. Zickzack aufgestellt können sie den Kasten in jede nur erdenkliche Richtung neigen, rütteln oder stossen. Dicke Kabelstränge und Luftschläuche führen an Bord. Über eine schmale Zugbrücke lässt sich der Flusimulator entern.
Es ist dunkel und auf eine erotiserend technische Art behaglich in der engen und mit Knöpfen und Instrumenten vollgeräumten Kanzel. Bis auf die Fenster und die schwarzen Lederflächen der Sitze scheint es hier keine Handbreit zu geben, die nicht von Schaltern, Reglern und leuchtenden Kleinbildschimen eingenommen wird. Wir sind zu fünft an Bord. Ein Telekom-Schurno, die Konzernsprecherin vom Supermarktimperium, der Redakteur eines Frauenmagazin, der Herausgeber des nichtvegetarischen Bobo-Magazins und icke, die Multi-Kirtag-Maus. Fünf aviatische Dilletanten und Robert Oberleuthner, unser Instruktor, ein wirklicher Pilot.
Der Airbus A-320, in dem wir uns befinden, ist virtuell. Und auch wieder nicht, denn jeder Schalter hier ist echt lässt sich bedienen. Sogar die Abnützungsspuren an Hebeln und Griffen sind real. Das tiefe Grollen der Triebwerke, das monotone Rauschen der Klimaanlage kommen vom Computer. Die Bewegungen, die uns die nächste Stunde durch Sonne und Mond schicken werden, von den Bewegungen der Simulatorkabine auf seinen Hydraulikstelzen. Die Aussicht aus den Cockpit-Fenstern geht auf eine parabolisch gekrümmte Leinwand, auf die drei Projektoren eine nahtlose Aussenwelt projizieren. Unser Blick geht auf den Schwechater Flughafen mit seinem verdrehten Turm, die beiden Terminalschnecken, und vor uns auf kilometerweit Beton, Lichter und verbranntes Flughafengras.
Es gibt vier Sitzplätze in diesem Apparat, zwei Pilotenstühle, einen Klappsessel an der Cockpitrückwand und zwei Besucherstühle etwas weiter hinten im Raum. Hier sitzen die Prüfer. Neben dem einzigen cockpitfremden Instrument. Auf dem berührungssensitiver Bildschirm werden die Katastrophen eingestellt. Triebwerksausfall, Brand in der Kabine, verschneite Landebahn auf den Malediven, Aquaplaning in Kairo, verlorenes Bugrad über dem Atlantik, Rauch in der Kabine, Leck im Tank, Eurofighter von rechts, durchgeschmorte Elektrik.
Für uns fünf Dünnluftmatrosen werden in wenigen Minuten schon die allersimpelsten Flugmanöver nach SOS schmecken. Zwei von uns bekennen Playstation-Flug-Erfahrung und schwingen sich behände in die beiden Pilkotensitze. Kurzes, schnappatmiges Memorieren des Startvorganges. Klar, dass das hier ein Schönwetterstart werden wird.
Gesteuert wird unser Airbus mit Händen und Füssen, im wesentlichen aber mit einem stinknormalen Joystick aus Billigsdorfer Plastik. Nun ja. Mit sowas hat die junge Generation der Piloten ihre Kindheit verbracht. Der mundane Grund für den Kunstoffknüppel: Modernes Fluggerät sendet die Steuersignale nicht mehr per Seilzug, sondern elektronisch an die Ruder.
Das Simulator-Vorleben unserer Boys von der Playstation-Fraktion macht sich bezahlt, die beiden bedienen brav und in der richtigen Reihenfolge ihre Hebel, enormer Schub drückt uns in die Sitze, die Landebahn verjüngt sich auf einen dünnen, unter uns gallopierenden Pfad und nach langen, holprigen Augenblicken zieht uns der Mann vom Frauenmagazin hochnäsig in die Schwechater Luft. Ein Traumstart. Kein Seitenwind, kein Wölkchen über der Stadt. Wir kurven elegant über Wien und gewinnen an Höhe. Im richtigen Leben würde man jetzt den Autopiloten beauftragen, die Gurte lösen und einen Kaffee bestellen. (Verschütteter Bohnensaft in Cockpitinstrumenten führt übrigens nicht zu Abstürzen.)
Noch über der Erörterung dieses Kabinenunfalls bleibt das Flugzeug in der Luft stehen. Wie von Götterhand gestoppt, schwebt es schwerelos im Himmel über Schnitzelstadt. Die Götterhand gehört Robert Oberleuthner, der das Simulatorprogramm auf Sinkflug einstellt, um eine Landung vorzubereiten. Flappen raus, Schub zurück, Nase leicht hinunter, Räderbeine raus, den Seitenwind mit Kurven austarierend senken wir uns dem winzigen Strich entgegen, der einmal zu unserer Landebahn werden wird.
57 Tonnen sind verdammt träge, das ist kein wendiger Audi, der mal kurz über die A2 gejagt wird. Der Mann vom Frauenmagazin ist nicht nur Damenversteher, er hat auch ein Händchen für landendes Alu. Er bringt den Vogel tatsächlich runter. Landungsklatscher hätten schon längst in die Hose gemacht, so holpert unser Shakehand mit der Piste. Aber wir leben, das Ding ist ganz geblieben.
Leuten mit Flugangst, also Leuten wie mir, muss ein Flug im Simulatior dringend empfohlen werden. Kein Luftloch, in dem ich noch nicht gestorben wäre, kein ruckelnder Start, an dem noch nicht mein Lebensfilm abgelaufen wäre. Wie sich wirkliche Abstürze anfühlen, erfahren wir unter dem Käptn vom Telefonkonzern Aus 5000 Fuss die Kurve nicht mehr zu kriegen und in die endgültige Tiefe zu rattern, ist kein schönes Gefühl. Immerhin: Es geht ganz schnell.
Erst der Mann vom Bobo-Magazin bringt uns wieder heil nach Hause, über das gebrochene Bugrad wollen wir mal hinwegsehen. Die Chefsprecherin vom Supermarktkonzern setzt uns auch ganz unbeschädigt ab, velwechsert aber rinks mit lechts und pilotiert den gelandeten Airbus in die Wiese. Auch ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.
Selbst am Steuer steigt meine Ehrfurcht vor professionellen Aviatikern. Eine grosse Fuge an der grossen achtmanualigen Kirchenorgel könnte nicht komplexer sein. Auch mich hat die Erde bald wieder. Oder auch nicht. Links und rechts scheinen bei mir zwei unterschiedliche Orte zu sein, nicht jedoch oben und unten. Meine Landung wird nicht in die Geschichte des Landungsapplauses eingehen. Pilotin ist an mir keine verloren gegangen. Aber Flugangst habe ich zumindest keine mehr.
..............................
Der Traum vom Fliegen lässt sich verwirklichen: Flüge im Airbus A320-Full-Flight-Simulator kosten den Pappenstiel von 275 Euronen.
--> Pro Toura Flight Events, Austrian Airline Basis, Gebäude 974, A-1300 Vienna Airport, Fon: +43 (1) 700 736 127, Fax: +43 (1) 700 736 129
info@protoura.at
www.protora.at
17. Dezember 2006 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Cheer me up, Leader!
Wer kennt sie nicht: Synchron tanzende Mädchen in Miniröcken und hautengen Tops, in jeder Hand glitzernde Pompons schwingend. Ohne die akrobatischen Anfeuerungsteams wäre American Football undenkbar. Die tanzenden Girls gehören zu Amerika wie Hamburger und Rock 'n' Roll. Aber auch in Österreich gibt es hunderte Cheerleaders.
Für die Print-Ausgabe des Standard vom 20.7.2006 von Andrea Maria Dusl
Als George W. Bush, umringt von erschöpften Feuerwehrmännern im rauchenden Stahlschutt der eingestürzten Twin Towers stand und durch ein Megafon dem Bösen den Krieg erklärte, setzte er einen Akt höchster patriotischer Theatralik. Politisch mag der 43. Präsident der Vereinigten Staaten Neuland betreten haben, aber in der Form besann sich Bush auf ein uramerikanisches Ritual: Cheerleading.
Wie das Anfeuern von Heimmannschaften geht, hat George W. Bush während seiner College-Zeit an der renommierten Phillips Academy in Andover, Massachusetts gelernt. Von der Pike auf. Wie seine Amtsvorgänger Roosevelt, Eisenhower und Reagan und die Hollywood-Diven Halle Berry, Cameron Diaz und Renée Zellweger war Erdölbubi George in seiner Schulzeit Cheerleader.
Wer heute an Cheerleaders denkt, sieht atemberaubend proportionierte Studentinnen vor sich, die in Miniröckchen und bauchfreien Tops akrobatische Figuren tanzen und zu Pyramiden gestapelt glitzernde Puschel schwingen. Immer im Beat, immer ein zahngebleichtes "Cheese" oder den "Chant", den repetitiven Schlachtruf ihrer Mannschaft auf den Lippen. Dabei war das aufreizende Cheering - das Anfeuern viriler Footballcracks - ursprünglich eine reine Männerdomäne.
Das erste Cheerleading der Geschichte fand in den 1880ern an der Princeton University mit einem poetisch wenig elaborierten Schlachtruf statt: "Rah rah rah, tiger tiger tiger, sis sis sis, boom boom boom, ahhhhhhh, Princeton Princeton Princeton!" skandierten die Studenten, wenn sie sich und ihre Mannschaft auf einen gemeinsamen "School Spirit" einschworen.
Ein paar Jahre später kam der Princeton-Absolvent Thomas Peebles auf die Idee, das Schlachtrufen im Publikum zu organisieren. Trotzdem sollte es bis 1898 dauern, bis Johnny Campbell, Student der University of Minnesota, als Erster vor einer Zuschauermenge stand, um die Schlachtrufe zu dirigieren. Für die Sportgeschichte gilt Campbell als erster Cheerleader. Wenig später formierten sich in Princeton die ersten "yell leaders" - Vierergruppen von Sportschreihälsen. War das universitäre Sportgeschehen am Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch überwiegend in männlicher Hand, sollte sich das in den nächsten Jahrzehnten ändern. Schon 1920 begannen junge Frauen mit dem Cheerleading. 1940 hatte die weibliche Welt die ehemalige Männerbastion endgültig erobert. Seit damals wird Cheerleading nahezu ausschließlich von Frauen betrieben. Die klassische Sportart, die von Cheerleadern angefeuert wird, ist American Football. Der Kontrast zwischen den zierlichen Mädchen in ihren bunten Uniformen und den behelmten und mit martialischer Polsterung aufgemotzten Muskelpaketen könnte nicht größer sein. Vom theatralischen Aspekt darf die Kombination als idealtypisch angesehen werden.
Kein Wunder, dass das grazile Basketball cheerleaderisch in bescheidenerem Rahmen betreut wird. Noch geringer ist die Cheerleader-Dichte bei Fußball und Eishockey. Ganz ohne Cheerleaders geht es auch: Baseball - die zweite Säule im amerikanischen Sportpantheon - kommt ganz ohne die puschelschwingende Mädchen aus.
>>>
>>> Zurück zur Geschichte: In den Vierziger- und Fünfzigerjahren hatte bald jede amerikanische High-School ihre Cheerleading-Teams, Verbände wurden gegründet, Wettbewerbe organisiert, Clinics abgehalten. Das Aufmuntern von Publikum und heimischer Kampfmannschaft hatte sich amerikaweit als eigenes sportliches Nebengenre etabliert.
Ein zündender Funke fehlte noch: das Fernsehen. Es waren die Dallas Cowboys Cheerleaders, die in der Saison 1972/73 der NFL (National Football League) mit Aufsehen erregenden Kostümen und ausgeklügelten und spektakulären Tanzschritten ins Scheinwerferlicht der amerikanischen Öffentlichkeit traten. Die Super Bowl X, am 18. Jänner 1979 zwischen den Pittsburgh Steelers und den Dallas Cowboys im Orange Bowl in Miami ausgetragen, sollte die Geschichte des Cheerleadens für immer verändern. Der Auftritt der Dallas Cowboys Cheerleaders in der größten Fernsehsendung der Welt, der Übertragung des NFL-"Endspiels" vor einer halben Milliarde Zusehern, katapultierte das Cheerleaden in eine andere Dimension. Die texanischen Footballer waren den Steelers zwar mit 17 zu
21 unterlegen, aber Stil und Aufmachung der Cheerleaders aus der Petroleum-Metropole wurden von den anderen NFL-Teams aufgenommen, imitiert, verfeinert, weiterentwickelt. Der Sport, der mit einem einfachen Rap vor den studierenden Snobs in Princeton begonnen hatte, war endgültig zur amerikanischen Ikone geworden.
Verena hat vor zwölf Jahren mit dem Cheerleading begonnen. Über eine Schulfreundin wurde sie auf ein "Try Out" der Rangers Cheerleaders, eines der Football-Teams in ihrer Heimatstadt, aufmerksam. Was daran besonders ist? Verena Böhm ist nicht in Cleveland, St. Louis, Pittsburgh oder Detroit zu Hause, sondern in der Scheiberlfußballmetropole Wien.
Heute ist Verena Böhm Cheer Seniors Coach, Trainerin der Cheerleaders der Dodge Vikings, des achtfachen Austrian Bowl- und zweifachen Eurobowl-Gewinners. Zusammen mit ihrer Trainerkollegin Petra Krennstetter entwirft sie die Tänze und Programme für 100 Mädchen in allen Altersstufen. Neben den Peewees, den Allerjüngsten, sind das ein Cheer-Juniors-Team, ein Cheer-Seniors- Team und eine Seniorteam für Dance.
Zwei Meisterschaften, eine österreichische und eine internationale, werden jährlich von den großen österreichischen Football-Teams bestritten. Viel Arbeit für die Anfeuerer, die Coaches und ihre Squads, wie die Cheerleader-Teams heißen. Kurz, aber gut müssen ihre Auftritte sein: 2:30 Minuten haben die Mädchen Zeit, um ihre größtenteils akrobatischen Figuren - komplizierte Pyramiden, Hebungen, Räder, Spagate, Salti und Überschläge - zu zeigen. Da muss jedes Detail zehntelsekundengenau sitzen. Anders als bei Schlachtrufen, den Chants und Cheers, wird die Qualität der Stunts und der Tanzschritte von einem rigiden Regelwerk nationaler und internationaler Verbände hochgehalten.
Unter den geschätzten 600 österreichischen Cheerleaders sind, im Gegensatz zum Mutterland des akrobatischen Anfeuerns, kaum Männer. Ob das an der Härte des Trainings liegt? Die Viking Cheerleaders trainieren im Seniorsbereich (ab 16 Jahren) dreimal in der Woche - dazu kommen die Performances bei den Spielen und Camps. Übers Jahr gerechnet sind die jungen Frauen gute vier Tage in der Woche mit Cheerleading beschäftigt. Steckt doch hinter den akrobatischen Teilen, bei Elementen wie geworfenen Saltos oder Schrauben in der Luft viel turnerische Arbeit.
Begonnen hat das österreichische Cheerleading 1990 mit der Gründung eines Squads bei den Klosterneuburg Mercenaries (heute: Danube Dragons). Bei der ersten österreichischen Cheerleader-Meisterschaft 1994 in Klosterneuburg nahmen bereits sechs Teams teil, darunter die Salzburg Bulls, die Danube Dragons und die Rangers Cheerleaders, Teams, die es bis heute gibt. Das Bild der bienenfleißigen Hochleistungssportlerinnen passt so gar nicht zum gängigen Vorurteil, das im Cheerleading gefälliges Wedeln mit Pompons und Busen und rhythmisches Aerobic-Gehopse sieht.
Anders als in den USA, wo American Football die beliebteste Sportart ist und Cheerleading zur Schulausbildung gehört, kommen Österreichs Anfeuerinnen auf verschlungenen Wegen zum Cheerleading. Eine typische österreichische Cheerleading-Karriere - so Viking-Trainerin Böhm - könnte mit sechs Jahren bei den Peewees, den Kleinsten beginnen, mit elf bei den Juniors weitergehen und ab 16 zu den Seniors führen. Weil das bisher noch kein einziges Mal passiert ist, zählen Österreichs Cheerleading-Coaches auf Quereinsteigerinnen. Für die werden zweimal im Jahr "Try Outs" veranstaltet. Wer es von dort ins Probemonat schafft, talentiert und begeistert ist, kann auch den ganz großen Sprung schaffen. In eine der Cheerleading-Pyramiden - Pompons und nabelfreie Uniform inkludiert.
Von Andrea Maria Dusl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7. 2006
25. Juli 2006 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Ode ans Handy
Mein erstes Handy, ein Ziegel von der Grösse eines Wecken Schwarzbrots. Es zirpte und hupte und auf seinem froschlaichgrünen Display konnte ich die unvorstellbare Menge von zehn Nummern abspeichern. Ein wehmütiger Bericht aus der Zukunft der Vergangenheit von Andrea Maria Dusl.
Erschienen in der Standard-Beilage Rondo vom 23.6.2006
Schuld ist Captain Kirk. Der untersetzte Kapitän des Sternenkreuzers Enterprise hat mich angefixt.
Captain James Kirk liebte Ausflüge. Wie ich. Wenn den Captain die Ausflugslust juckte, stellte er sich in die Teilchendusche und liess sich auf den Planeten, den Mond, das vergammelte Klingonenschiff beamen. Und nie hatte er mehr bei sich, als einen kabellosen Phaser-Föhn und sein Handy.
Einen Föhn hatte ich schon. Das andere Ding wollte ich auch haben. Es war so gross wie ein Trszesnevskibrötchen, hatte eine Klappe wie das Notizbuch von Inspector Columbo und mehr Tasten als die Gegensprechanlage im Ringturm. So ein Ding wollte ich haben. Ein... ein... Mist, das Ding hatte keinen Namen.
Hannes Androsch war da schon weiter. Hannes Androsch war in den siebziger Jahren sowas wie der Mister Spock eines gewissen Captain Kreisky, er hatte eine Dienstlimousine und ein mobiles Telefon. Ein Telefon, das nicht an Kabeln aus der Wand hing, das nicht von der spärlichen Erreichbarkeit einer Vierteltelefonnummer desavouiert wurde, ein Telefon aus der Zukunft, ein Autotelefon. Es hatte die Grösse eines Kindersargs und war nur mit dickem Mercedes drumrum erhältlich.
Also doch das von Captain Kirk.
Die Jahre liefen ins Land, Captain Kirk wurde feister, Hannes Androsch telefonierte weiter über den Kindersarg und bekam Probleme mit den Klingonen aus dem Profil, aus Kreisky wurde Sinowatz, aus Sinowatz ein Bankdirektor, aber das kleine klappbare Brötchen gab es noch immer nicht.
Auf den Strassen gab es gläserne Häuschen, in denen man telefonierte. Man warf eine Münze ein, die sich Telefonschilling nannte, und wenn eine Verbindung zustande kam, drückte man einen kleinen schmierigen Knopf.
-->Weiterlesen: Den langen eckigen blauen Button hier unten klicken! Sonst müssen wir das Gespräch beenden.
Das war mobiles Telefonieren. Gläserne Häuschen, Telefonschilling, schwarzer Knopf, Hallo ich brauche ein Taxi in die... Türe auf, ...Ecke dings... äh moment... äh... klick. tuut, tuut. Telefonschilling aus. Kein Taxi in die Pampa. Mobiles Telefonieren.
Und dann irgendwann ging alles ganz schnell. Im staatlichen Rundfunk sprachen sie über das Einrichten eines Funknetzes für mobiles Telefonieren. Geräte, die sich in dieses Netz einwählen würden, gäbe es bald zu kaufen. Zu kaufen! Und von diesem Funknetz, wie sie sagten, würde man auch ins normale Netz telefonieren können. Ins normale Netz!
Mein erstes Handy war ein grau und es war aus Plastik und was die Grösse betrifft - Captain Kirks Trszesnevskibrötchen war es nicht gerade, es war, na sagen wir mal, ein Wecken Schwarzbrot. Der Wecken hatte eine ausziehbare Antenne und einen kleinen Bildsschirm. Das gefiel mir schon besser. Einen kleinen Bildschirm hatten die Kommuniktoren auf der Enterprise auch. Der Bildschirm hiess Display und hatte die Farbe giftgrünen Frosschlurchs. In der Bedienungsanleitung fanden sich Begriffe aus der Zukunft: Speicherplatz, Menüpunkt, Kurzwahlnummer, Ladezustand, SIM-Karten-Steckplatz. SIM-Karten-Steckplatz. Ein wunderschönes Wort. Captain Dusl, Ma’m wir haben Probleme mit dem SIM-Karten-Steckplatz. Schalten Sie um auf Teilchen-Kommunikation, Scottie. Und beamen sie mich rauf.
Mein Handy. Mein Handy? Wie hiesss das Ding überhaupt? Manche nannten den dunklen Wecken “Funktelefon”. Andere wollten wissen, es hiesse Mobiltelefon. Und die Schöpfer von Worten wie Event und Marketing brachten “Handy” in Umlauf. Ein fataler Sprachirrtum, wie man spätestens nach einer Amerikareise wusste.
Mein erstes Handy. Franz Vranitzky sass am Ballhausplatz, Wolfgang Schüssel trug noch grosse Brillen und bunte Mascherln und ich steppte die erste Nummer in mein erstes Handy. In grossen dunkelgrünen Computerziffern fädelte ich die Telefonnummer meiner Eltern auf den grüngelb beleuchteten Telefonbildschrim.
Aufgeregt zitternd bohrte sich mein Zeigefinger in die grüne Gummitaste mit dem Symbol eines schwebenden Hörers. Mit elektronischem Zirpen wählte sich der Wecken ins “Netz”, den unsichtbaren Handy-Äther, der wie eine löchrige dünne Wolke auf der Stadt lag.
Mein erstes mobiles Telefonat. “Hallo?” “Krächzkrächz!” “...Ja hallo?” “Krächzkrächzkrächz.” “Es bin ich. Ich bin es.” “Krächzkrächz.” “Zirzpirp.”
Bald hatten andere auch solch ein Handy. Schweizer nannten es Natel, und die Leute, die sich einen Ast lachten, wenn sie das Wort “Handy” für Telefon hörten, nannten die Gurken “mobiles” und “cellphones”.
Es wurde Zeit für das nächste neue Phänomen. Den Handywechsel. Davon wusste man zwar nichts auf der Enterprise, aber die wussten auch nichts von Marketingoffensiven und von Peer Group Pressure. Möglich, dass hinter meinem Handywechselwunsch auch die Klingonen steckten, jedenfalls brauchte ich jetzt dringend ein neues Handy. Dringend.
Mein zweites Handy sah aus wie ein Kurzwellen-Weltempfänger, den man mit einem Taschenrechner gekreuzt hatte. Die Klingonen hatte die Sängerin Madonna in einen Werbespot gebeamt und sie mit diesem ultraschicken Brötchen gefilmt. Fatal. Das Madonna-Handy musste ich haben.
Es war die Zeit der grossen Koalition. Die soziale Schere war noch nicht aufgegangen, wir hatten Geld wie Heu, das Madonna-Phone kostete soviel wie ein kleiner Sportwagen und die Bedienungsanleitung war so dick wie das Telefonbuch von Graz. 100 Nummern konnte man speichern. Der Akku hielt 7 Stunden. Und war in der verstörend kurzen Zeit von 24 Stunden frisch geladen. Ein Wunder der Technik! Mit dem Daumen drehte man am Rad und spulte sich durchs Freundemenü. Handyphonieren war Freizeit. Amtliches besprach man von einem Telefon.
Das Madonnaphone war so schick, weil es den Madonnabügel hatte. Der Bügel erinnerte an die Wangenmikros, ohne die Popstars in den 90ern keine wirklichen Popstars waren. Den Madonnabügel schnalzte man mit dem Daumen raus. Dann gingen die Lichter an. Das war schon was! Das hätte Captain Kirk gefallen.
Was wurde ich bewundert mit dem Madonnaphone! Wie modern hupte es, wenn mich wer am “Handy anrief”, wie man damals sagen musste, um hochmodern zu wirken. Das Madonnaphone lag stets dekorativ am Loungetable, am Abhängetresen, auf der angesagten Bar. Bis das Bier des Klingonen umfiel und mein erstes Handy ertrank.
Nie wieder sollte ich mir einen Nachfolger zulegen, der den Wert eines gepflegten Mittagessens überstieg.
Das hätten sogar der dicke Captain und sein langohriger Freund verstanden.
............................................
Zur Zukunft der Hanydphonie geht's hier! Zumindest momentan.
24. Juni 2006 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings
Festnetz adé
Immer mehr Österreicher telefonieren mobil. Das Festnetz, einst Kommunikations-Standard in den Haushalten des Landes, stirbt langsam aus. Daran, dass die Beziehung zur festen Telefonie nicht immer schmerzfrei war, erinnert sich nicht ohne Wehmut Andrea Maria Dusl.
Für DER STANDARD. vom 27.April 2006
Mein erstes Handy. Ein anthrazitfarbener Plastikziegel mit ausziehbarer Antenne und grünem Display. Es war schwer wie Blei und teuer wie Gold, aber es war meins. Mein Handy. Noch war nicht klar, wie es heißen sollte. Manche nannten die dunkle Gurke "Funktelefon". Andere wollten wissen, dass Ding hieße Mobiltelefon. Und besonders Vife brachten "Handy" in Umlauf. Ein bizarrer Sprachirrtum, wie man spätestens nach einer Amerikareise wusste.
Große Brillen und bunte Mascherln
Mein erstes Handy. Franz Vranitzky saß am Ballhausplatz, Wolfgang Schüssel trug noch große Brillen und bunte Mascherln, und ich stand mit meinem Rad am Karmelitermarkt. Aufgeregt zitternd tippte ich in mein erstes Handy. In großen, dunkelgrünen Computerziffern fädelte ich die Telefonnummer meiner Eltern auf den grüngelb beleuchteten Telefonbildschirm. Ich war bereit. Ich bestieg mein Rad, in der Rechten den Lenker, in der Linken das "Funktelefon", und dann fuhr ich los in die Zukunft.
--->
Unbeholfen bohrte sich mein Daumen in die grüne Gummitaste mit dem schwebenden Hörersymbol. Mit elektronischem Zirpen wählte sich der graue Ziegel ins "Netz", jenen unsichtbaren Handy-Äther, der wie eine löchrige, dünne Wolke auf der Stadt lag. Ich hielt den Ziegel ans Ohr. Unter mir ratterte das Kopfsteinpflaster der Leopoldstadt. "Krächzkrächz!" "Ja, ich." "Krächzkrächz!" "Rate mal, wo ich bin!" "Krächzkrächz!" ". . .ich sitze am Rad und telefoniere!" "Krächzkrächzkrächz." "Am Rad. Te-le-fo-niere. . ." "Krächzkrächz. Zirzpirp."
Mein erstes mobiles Telefonat. Die Welt hatte sich fundamental verändert. Nie wieder würde ich einen Schritt ohne das Ding machen. Ab jetzt sollte ich mich nackt und verwundbar fühlen ohne. Ohne mein Handy.
Ein Leben ohne ständige Erreichbarkeit?
Heute denken über die Hälfte der Unter-Dreißigjährigen wie ich. Ein Leben ohne ständige Erreichbarkeit? Undenkbar. Ganz und gar handylos telefoniert heute nur mehr jeder Fünfte - Tendenz sinkend. Die Zukunft der immobilen Telefonie steht auch schon fest: VoIP, das Telefonieren übers Internet. Technisch ist das Reden übers World Wide Web inzwischen ausgereift, ein Ferngespräch kostet nicht mehr als eine E-Mail, also nada, nichts. Schlechte Zeiten für das Kupfernetz.
Auch wenn ich nicht gerne daran erinnert werde: Ich hatte noch eine Beziehung zu meinem Festnetz.
Eine Geschichte voller Missverständnisse
Eine Geschichte voller Missverständnisse. Sie begann mit meiner ersten Wohnung. Mein erstes eigenes Telefon gehörte offiziell dem Staat, inoffiziell mir ganz allein. Es kam nach elf Wochen Lieferzeit von einem Unternehmen, das sich "Post" nannte, und war ein schnittiges Ding, dunkelrot wie fruchtiger Merlot, leicht wie eine Kinderrassel. Wenn ich eine hohe Ziffer wählte, eine 9 oder die 0, schob mein Zeigefinger die Wählscheibe bis an den Scheitel, und dann fuhr das Telefon an meinem Wählfinger durch die Gegend.
Jetzt konnte man zwar nicht mehr durch die Wohnung tanzen
Das hatte ich dem Apparat bald ausgetrieben! Ganz und gar nicht gesetzeskonform hatte ich das Siegel der Post gebrochen und das merlotfarbene Telefon innen zentimeterdick mit Bleiplatten ausgekleidet. Jetzt konnte man zwar nicht mehr durch die Wohnung tanzen, wie es die telefonierenden Singles in den amerikanischen Komödien so gerne taten, aber wenigstens flog die Wählkiste nicht vom Tisch, wenn sich jemand in der Schnur verfing. Ursprünglich komfortable 20 Meter lang, war sie bald verwunden wie eine chromosomale Helix und musste alle paar Wochen entdreht werden. Einmal habe ich mich zu diesem Behufe gezählte 234-mal gegen den Uhrzeigersinn um die eigene Achse gedreht.
Anrufbeantworter
Auch einen Anrufbeantworter hatte ich. Einen illegalen selbstverständlich. An legale Anrufbeantworter war nicht zu denken, sie kosteten so viel wie ein Mittelklassewagen. Da war die Strafe auf den Betrieb eines illegalen schon günstiger. Ein paar tausend Schilling, wie mein Freund Kurt berichtete, den man beim unerlaubten Anrufbeantworterbesitzen geschnappt hatte. 7000 Schilling? Ein Klacks. Erreichbarkeit war der geheime Luxus der 80er-Jahre.
Ich werde sie nie vergessen
Meine Telefonnummer weiß ich noch. 35 47 864. Ich werde sie nie vergessen. Meine Telefonnummer hatte sieben Ziffern. Ein Stigma. Sieben Ziffern hieß Vierteltelefon. Vierteltelefon hieß ein Anschluss, den man sich mit drei anderen teilte. Irgendwelchen anderen, zufällig in die gleiche Telefonviertelung Gefallenen. Das Problem mit dem Vierteltelefon war dieses: Es war drei Viertel der Zeit besetzt.
Ob nun die Leitung frei war (und das war sie nur, wenn gerade kein anderer der Vierteltelefonkollegen telefonierte), konnte man an einer kleinen, an einen Ventilator erinnernden Rosette am Telefon erkennen. Mit etwas Geschick brauchte man den Blick auf die Freischeibe gar nicht. Nach einiger Zeit konnte ich das Telefonkästchen an der Wand knacken hören, wenn sich jemand anderer einwählte und damit die Leitung blockierte. Dann ging nichts mehr, dann konnte man weder rein noch raus.
Trick
Außer man kannte den Trick. Der Trick war aus Metall. Dünn und spitz. Der Trick war eine Nähnadel. Die Nähnadel musste man in den kleinen, dünnen, weißen Draht stecken, der von draußen zum Kästchen an meiner Wand führte. Ich war Meisterin in der Technik, ein österreichisches Vierteltelefon zum ganzen zu machen. Bis der andere Vierteltelefonist vor meiner Türe stand. Ein Mädchenhändler. Mit Kontakten zur Unterwelt und zur Post- und Telegrafenverwaltung. Faustwatschen, Prügel oder lebenslanges Telefonverbot. Ich solle es mir aussuchen. Ich schenkte ihm meine Nadel und das Versprechen, ihn nie, nie wieder aus der Leitung zu werfen. Und ich kaufte mir einen anthrazitfarbenen Mobiltelefonziegel.
Meine Erinnerungen an die gute, alte Festnetztelefonie sind fast so schön wie meine Erinnerungen an kommunistische Grenzkontrollen.
Ungerecht
"Du irrst dich, und du bist ungerecht", sagt meine Freundin Ruth. Meine Freundin Ruth ist bekennende Festnetzfundamentalistin, und sie muss in einem anderen Österreich aufgewachsen sein. In einer Welt voll ganzer Telefone. In einer Welt mit Wahltasten, nicht-spiralisierenden Kabeln, legalen Anrufbeantwortern, in einem rosaroten Festnetzparadies voll eilfertiger und grundgütiger Telefoniebeamter.
Vielleicht hat Ruth auch nur Lust am Reinen. Sie will nicht duschen beim Telefonieren, nicht Zwiebel schneiden, nicht Fakten googeln, nicht Bus fahren, Klopapier shoppen, Yoga betreiben oder Blutdruck messen. Ruth will beim Telefonieren ausschließlich telefonieren. Und nichts, so behauptet sie mit stoischer Ruhe, eigene sich dafür besser als ein gutes, altes, fest ans Zuhause angeschraubtes Festnetztelefon.
..............................
Erschienen in DER STANDARD Printausgabe 27.4. 2006
27. April 2006 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Blogging ::: Der neue Graswurzeljournalismus
Online-Tagebücher oder Weblogs, kurz Blogs, boomen im Global Village. Millionen stellen Privates ins Netz. Immer mehr von ihnen blicken über den eigenen Tellerrand und verstehen sich als Reporter und politische Beobachter. Wie mächtig ist der Privat-Journalismus? Andrea Maria Dusl - Erschienen im Standard ALBUM vom Samstag, 18. März 2006
Der 7. März 2005, ein Montag, war ein ganz normaler Tag für die Pressestelle des Weissen Hauses aber ein ganz spezieller für den Herausgeber des politischen Weblogs Fishbowl D.C.
Garrett Graff sollte der erste Blogger in der Publizistik-Geschichte sein, der zu einer Pressekonferenz des Weissen Hauses akkreditiert wurde. Die Anwesenheit des Online-Journalisten war der New York Times einen eigenen Artikel wert - Garetts Anwesenheit wurde zur fetten Story. Garett musste mehr Interviews zu geben, als er selbst führte.
Gar zu einem Exklusivinterview brachte es Monate später der Blogger Loïc Le Meur. Eine halbe Stunde sass der französische Innenminister Sarkozy mit dem Web-Log-Journalisten zusammen, um über seine umstrittenen Bemerkungen über die Jugendlichen in der brennenden Banlieue zu diskutieren und gleich auch die Zukunft des Internets zu erörtern.
Der französische Konservative war beileibe nicht der einzige, der dem mächtigen, weil vielgelesenen und vielverlinkten Blogger gegenüber in die Offensive gehen musste.
Als Loïc Le Meur in seinem Blog verkündete, er habe die Turnschuhmarke gewechselt, rief die PR-Abteilung des abservierten Sportartikelherstellers umgehend an, um sich nach den Gründen für seinen Sportstiefelumstieg zu erkundigen.
Garrett Graff und Loïc Le Meur und ein wachsendes Heer prominenter Blogger sind nur die Speerspitze einer Bewegung, die sich in den Weiten des Internets verliert, Kontinente und Kulturen umspannt und die natürlich auch längst einen Namen hat: Die Blogosphäre.
Das Netz im Netz besteht aus mittlerweile Millionen Internet-Logbüchern. Diese Weblogs - kurz Blogs genannt - sind Online-Journale, die meist von Einzelnen betrieben werden und auf denen eine oder mehrere Personen ihre Ansichten und Erlebnisse kundtun. Die Technik ist einfach und ohne grosse Programmierkenntnisse von jedermann bedienbar. Der Aufbau der Blogs ist simpel, der neueste Eintrag steht immer oben, und jeder Artikel hat einen eigenen Link, der von Google und anderen Suchmaschinen erfasst wird und damit zum Inhalt des world wide web gehört. Blogs sind ein Symbol dafür geworden, wie das Internet die Kommunikation revolutioniert.
Die Nachfrage scheint riesig: Nicht nur die Zahl der Leser steigt exponentiell, auch die Anzahl der Blogger - so heissen die Verfasser der Online-Journale - verdoppelt sich alle vier Monate. Schätzungen zufolge kommen jeden Tag weltweit etwa 50 000 Blogs hinzu. Allein im deutschsprachigen Raum gibt es 70 000 bis 100 000 Blogs, Insider sprechen gar von bis zu 300 000.
Die Blog-Suchmaschine Technorati listet aktuell knapp 29 Millionen Blogs weltweit. Auch die hiesige Blogger-Szene wächst rasant, wenngleich noch mit einem Focus aufs Unpolitische und Skurile. Prominente Polit-Blogs wie in den USA, Frankreich oder Deutschland gibt es hierzunetze noch nicht. Das Blog Peter Pilz' fiele noch in diese Kategorie, das von fremder Hand geführten Wahltagebuch Benita Ferrero-Waldners ganz sicher nicht.
Neben Alltäglichem, wie poetischen Tagesbefindlichkeiten, Partynachbetrachtungen und anderem Persönlichem haben vor allem die Blogeinträge zu Katastrophen das Bloggen in die weltweite Nachrichtenöffentlichkeit katapultiert. Die ersten Bilder und Informationen über die Bombenanschläge in der Londoner U-Bahn waren in Blogs zu finden. Etablierte Medien - von den offiziellen Stellen mit Nachrichten eher spartanisch versorgt - griffen dankbar darauf zurück.
Ob Augenzeugenberichte zum 11. September, geheime Irak-War-Blogs oder Tagebucheinträge von Überlebenden des Tsunami oder von Hurrikan Katrina - trotz globaler Satelitenkommunikation bedienen sich die traditionellen Medien an Nachrichten aus dem weltumspannenden Blogger-Bazar. Weblogs von Betroffenen berichten in der Regel präzise und unzensiert und vor allem schneller als jede Nachrichtenagentur.
Wird Blogging die Zukunft des Journalismus verändern? Ja, sagen Experten und nennen als Beispiel für qualifizierte Gegenöffentlichkeit die sogenannten Watchblogs, die etablierten Medien kritisch auf die Pelle rücken. Unter www.bildblog.de etwa überwachen die Autoren Christoph Schultheis und Stefan Niggemeier gemeinsam mit anderen Bloggern die "Bild"-Zeitung und suchen gezielt nach Enten und Spekulationen, die im grossen deutschen Boulevard-Flaggschiff als Wahrheit ausgegeben werden. Von 16 000 Lesern täglich besucht und mit dem Grimme Online Award 2005 ausgezeichnet, gehört der Bildblog längst zu den etablierten Weblogs.
Medienbeobachter sehen die Grenze zwischen dem so genannten Graswurzeljournalismus der Blogger und dem der etablierten Medien längst verschwimmen.
Karl Kraus, Schreiber zwischen den Welten würde die legendäre Fackel heute ganz sicher als Blog führen. Unter der Domain www.fackel.at , mit professioneller Blog-Software wie WordPress oder Movable Type betrieben, ausgerüstet mit RSS-Feed und ähnlicher Posting-Benachrichtigungs-Tools, würde Karl Kraus die neuesten Fackel-Einträge direkt an den Computer-Frühstückstisch liefern.
Der These, dass Weblogs mittlerweile zu Konkurrenten der herkömmlichen Massenmedien geworden sind, widersprechen Studien, die während des letzten amerikanischen Wahlkampf durchgeführt wurden. "Falls jemand glauben sollte, dass Blogger zu einer neuen fünften Gewalt im Staat avanciert sind, können wir ihm sagen, dass dies nicht der Fall ist", so der Internet-Analyst Michael Cornfield.
Das sieht der österreichische Internet-Digger und Blog-Experte Chris Mayrhofer differenzierter. Der Einfluss von Blogs auf Journalisten sei keine Bring-, sondern eine Holschuld. Noch würden zu wenig Publizisten die Vorteile von RSS-Feeds für die Informationsgewinnung oder -verbreitung kennen. "Ein Blog", so Mayrhofer, "ist ein Werkzeug, ein persönlicher Nachrichtendienst. Dieses Tool wegen der grossen Zahl irrelevanter oder redundanter Informationen nicht zu nützen wäre genauso fatal wie auf Informationen aus der Gutenberg-Galaxis nur deswegen zu verzichten, weil auch Schundromane und Postwurfsendungen auf Papier gedruckt werden."
Andrea Maria Dusl ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Und natürlich Bloggerin. Sie hostet ein vielbesuchtes Blog auf www.comandantina.com
.
18. März 2006 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Willi Resetarits ::: Was machst du zu Silvester?
In der letzten Nacht des Jahres 2005 wird Willi Resetarits das tun, was er am liebsten tut: auf der Bühne stehen und Musik machen mit guten Menschen. ANDREA MARIA DUSL
Für die Konzerthausbeilage von Falter 38a/05
Der Garten des Alt-Wiener Gasthauses Birner schwebt wie ein Ausflugsdampfer über dem Ufer der oberen Alten Donau. Am gegenüberliegenden Ufer wartet das menschenleere Angelibad auf einen letzten Rest dessen, was man einst den Sommer nannte. Willi Resetarits legt sein Handy und die Lesebrille ab. Er sieht erholt aus. Braun gebrannt, als käme er aus dem Urlaub.
"Ganz anders", sagt der Mann, der einst Dr. Kurt Ostbahn war, "bei uns zu Haus tropft's von der Decke." Bei uns zu Haus ist in Floridsdorf, das Haus seiner Kindheit, das er von seiner Mutter geerbt hat. Das sie damals selber gebaut haben, die Resetarits aus Stinatz. Damals, als elfjährige Bersch schon vollwertige Arbeitskräfte waren. Und am Sonntagnachmittag nicht im Kino oder beim Kicken im Uberschwemmungsgebiet gewesen, sondern hinter der Mischmaschine gestanden sind. Genau dieses Haus baut der Willi jetzt um. Und dort, wo die Solaranlage das Wasser aufheizt, dürfte ein kleines Leck sein, sagt er, ganz klein, aber groß genug, um die ganze Zwischendecke mit Wasser voll laufen zu lassen. Deswegen sei er jetzt sieben Minuten zu spät im Birner.
"Was machst du zu Silvester", frage ich Willi Resetarits. "Gut, dass du mich fragst! Zu Silvester werde ich nämlich auf der Bühne stehen." Das ist die Sache, die er am liebsten täte auf der Welt. Auf der Bühne stehen und Musik machen mit guten Menschen. Mit guten Herzen. Zu Silvester werde er das im Konzerthaus tun. Schon zum zweiten Mal. Erst werden die Wiener Symphoniker spielen. Beethovens Neunte. Mit dem Verhallen des Applauses werde eine gut geölte Umbaumaschinerie Notenpulte, Orchestergestühl, Harfen und Pauken gegen Hammond-Orgeln, Marshall-Verstärker. Drum-Kits und Mikrofonständer tauschen. Hinter der Bühne werden der Willi und seine Musikanten stehen, ein Gläschen Schnaps im Kreis gehen lassen, die Mascherln ihrer Smokings grad und die Rüschen ihrer Abendkleider schiefdrehen und pünktlich um halb elf die Bühne betreten.
In nichts sieht WiIIi Resetarits besser aus als in einem Smoking, das kann ich bezeugen. Zum ersten Mal sah ich ihn darin in den Sofiensälen. in schwüler, lauter Nacht, am Flüchtlingsball. Die
Sofiensäle, wo einst das Iegendäre Benefiz für heimatlos Gewordene stattfand, sind mittlerweile warm abgetragen worden. Die Erinnerung an das Bild Willis in seinem schwarzen Smoking ist heiß geblieben. Willi Resetarits sieht verdammt gut aus in einem schwarzen Smoking. "Es wird ein weißer Smoking sein", korrigiert er, "damit I mi besser abheb."
Abheben wird in dieser Nacht nicht nur Willi Resetarits in seinem schwanenweißen Smoking, sondern auch die Musik. Es gebe noch kein genaues Set, erzählt er, aber was er sicher wisse: Es werden alle dabei sein, mit denen er seit der Pensionierung eines gewissen Kurt Ostbahn in wechselnder Besetzung musiziert. Da sei einmal die fünfköpfige Extra-Combo unplugged - wie das zu Kurt Cobains Zeiten noch hieß -, die, abgesehen von Silvester-Extras als ,,Stubenblues" auftrete. Altsaxofonist Wolfgang Puschnig werde dabei sein, im Duett mit Resetarits und im "gemischten Satz mit Posaune und Trompete. ,,Weil warum? Ein Orchester ohne Bläser is ka richtig's Orchester." Viel gesungen wird trotzdem, betont Resetarits. Die Tschuschen Acappella, ein Ableger von Slavko Ninics Wiener Tschuschenkapelle, wird Volkslieder aus Kroatien, Slowenien, Tschechien und dem ehemaligen Jugoslawien singen.
"Willi Resetarits' Silvester Schau - mit einem Programm ganz nach seinem Geschmack und zahlreichen lieben Freunden", so heißt es auf der Homepage des Wiener Konzerthauses. "Und so ist es", bestätigt der Entertainer und beißt in den gebackenen Fogosch, den uns Kellner Fabio gebracht hat, was angesichts der Nachbarschaft zum Angelibad ein bisschen Italien an die Alte Donau zaubert. Wie dem auch sei, damit auf der Bühne "alles seine Richtigkeit" hat, ist auch der Herr Votava wieder dabei. Im grauen Arbeitsmantel, "wia sa si's g'heat." Gerald Votava, mit dem Resetarits zuletzt in der gemeinsamen Talk-und-Sing-Show "Weil warum" auftrat.
"Vielleicht kommt auch die Trude." Willi Resetarits schwärmt: "Trude Mally, die letzte Dudlerin Wiens". Aber wienerisch wird es auch ohne die hiesige Spielart des alpinen Jodelns werden, dann nämlich, wenn Resetarits H.C.-Artmann-Gedichte vorträgt. Und außerdem fließen vielleicht auch Teile des Programms aus dem geplanten Abend mit Walter Soyka und seiner Knopfharmonika beim Wienerliedfestival "wean hean" ein.
Ob er den Silvester auf der Bühne verbringen werde, frage ich Resetarits. "So mit Sektglas in der Hand und Papierschlangen um den Hals?" Schon aus Abneigung gegenüber "staatlich verordneter Fröhlichkeit" könne er so etwas nicht machen. Das Showprotokoll sehe ohnedies kein Herunterzählen der Sekunden und kein öffentliches Zuprosten beim Pummerinläuten vor. Um zwanzig vor zwölf wolle er sich mit seiner Combo in die Künstlergarderoben zurückziehen, und das Publikum werde sich in verschiedene sekttaugliche Säle verteilen, um privat zu Silvestern. Zwanzig Minuten nach Mitternacht dann werde man wieder gemeinsam die lange Reise der letzten Nacht des Jahres in den ersten Morgen des neuen fortsetzen.
Gänzlich familiär wird es frühmorgens werden. Dann nämlich sollen drei singende Resetarits-Buam auf der Bühne stehen: Willi, Fernsehbruder Peter und Lukas. In dieser seltenen Formation - die drei sind erstmals im Juni beim zehnjährigen Integrationshaus-Jubiläum aufgetreten - werden sie Lieder aus ihrem burgenländischkroatischen Heimatdorf Stinatz singen. Erst a cappella, dann von Wolfgang Puschnig begleitet. Und weil das noch nicht alles sein wird, was das Show-Familien-Unternehmen Resetarits auf eine Silvesterbühne stellen kann, wird Willi - wie schon letztes Jahr - mit seiner Tochter Johanna auf die Bühnenplanke von Ray Charles and Betty Carter steigen und den Duett-Hadern "Baby, It's Cold Outside" singen. Und auf Wunsch vom Impresario des Abends, Konzerthaus-Chef Christoph Lieben-Seutter - einem deklarierten Fan des Resetarits-Vater-Tochter-Duos - den nicht minder romantischen Sinatra-Superspätabendbringer "Something Stupid".
Something stupid, but I'll love it.
25. September 2005 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Do you Kalender?
Über Fenster- Frei- und andere Feiertage
Andrea Maria Dusl
Jahreswechsel sind virtuelle Angelegenheiten. Weder ändert sich das Wetter, noch die politischen Umstände, und auch an den Menschen geht so ein Jahreswechsel nahezu spurlos vorüber. (Von den Spuren, die Sylvesterparties gemeinhin in unsere Gesichter graben, abgesehen). Jahreswechsel sind, so könnte man meinen, volkswirtschaftlich gesehen, von zweifelhaftem Nutzen. Weit gefehlt. Am Jahreswechsel verdient sich eine ganze Branche goldene Nasen. Die Kalenderbranche. Einen Kalender braucht nämlich jeder.
Kalender sind raffiniert einfache Geräte. Das mindeste, was so ein Kalender können muß, besteht darin, 365 beziehungsweise alle vier Jahre 366 Tage eines neuen Jahres in einer sinnvollen Chronologie aneinanderzureihen. Zur leichteren Handhabbarkeit dieser stetigen Abfolge von Tagen arbeitet die Kalenderindustrie schon seit langem mit sieben Wochentagen: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Fenstertag, Samstag und Geburtstag. Diese sieben Tage wiederum werden zu Wochen zusammengefaßt, 52,142857143 sind es ungefähr. 28, 29, 30 und 31 Tage werden, ohne Rücksicht auf den Wochenfluß zu Monaten gebündelt. Diese Monate (nicht zu verwechseln mit Montagen) heißen jährlich gleich: Jänner, Schifahren, März, Fensterputzen, Mai, Juni, Urlaub, August, Frust, Oktober, November, Weihnachten. >>>
>>> Zusätzlichen Wiedererkennungswert im Kalender bieten sogennante Feiertage. Fällt ein Feiertag auf einen Donnerstag folgt ein Fenstertag. Das Jahr beginnt zur Einstimmung gleich mit so einem Feiertag. Etwas mißverständlich heißt der Tag nicht Neutag oder Ersttag sondern Neujahr, und wird schon im Laufe des vorangegangenen Tages, dem Sylvestertag begonnen. Der nächste wichtige Feiertag ist das Dreikönigstreffen der ÖVP in Maria Taferl. Dicht gefolgt vom Aufmarsch der Sektion Ebensee vor dem Parlament, der stets am 1. April begangen wird. (Die anderen Sektionen begehen den 1. April am 1. Mai.) Lange Tradition, vor allem am Land (steirisches Hügelland, Burgenland, Landeck) haben die sogennanten kirchlichen Feiertage. Sie erinnern an kirchenhistorisch wichtige Termine und haben eigene Namen. Jedes Kind kennt sie: Faschingsdienst-Tag, Abwaschmittwoch, Glühdonnerstag, Karfenstertag, Osterhasen-Samstag, Ostereier-Suchtag und Urbi et Orbi.
Nationale Feiertage gibt es weniger: Muttertag, Vatertag, Direktorstag, Tag der Fahne, Rapid gegen Austria, Weltspartag und Tag der offenen Tür. Alle diese Tage sind minutiös im Kalender aufgelistet.
Möglichkeiten für individuelle Kalendergestaltung gibt es auch: Mamas Geburtstag, der eigene Geburtstag und der Geburtstag vom Chef können, je nach Maßgabe ihrer Wichtigkeit, einem der 365-366 Tage zugeordnet werden.
Früher, also zu Zeiten als sich die Gutenberggalaxis noch nicht im Sternbild des Farbdrucks befand, befand sich die Kalenderindustrie im Embryonalstadium monochromer Einfalt. Bis Henry O´Nash am 1.1.1922 den ersten Farbkalender unters Volk brachte und damit eine permanente Revolution ins Rollenoffset: Farbige Kalenderblätter! Wow! Jännerblätter mit dem Bild schneeverwehter Kältelandschaften, tauende Bächlein mit zartgrün knospender Märzfauna, üppig wogende Roggenfelder im August und rotgelb flirrendes Stadtlaub auf Oktoberboulevards.
Sei den Tagen O´Nashs macht niemand mehr Kohle auf dem Globus, als die Kalenderindustrie, Bill Gates eingeschlossen. Jede nur denkbare soziale Gruppe kann aus einer Myriade von geeigneten Kalendern das richtige Weihnachtsgeschenk auswählen. Befreundete wie verfeindete Yuppies beschenken einander mit ledergebundenen Filofaxen in allen Formen und Größen, Kleintierhalter mit und ohne Vereinsanbindung finden ihr Glück in Hamster-, Schildkröten, Zierfisch- und Katzenkalendern. Backfische greifen zu Pferdemotiven, das Kind im Manne – je nach Härtegrad – zu Kalendern mit Schmalspureisenbahnen, Formel-1-Boliden und zartgeschürzten Lolitas.
Äußerst beliebter Motive bedient sich die Kalenderindustrie auch in der großen weiten Welt der Malerei. Marc Chagall eignet sich hervorragend als unaufdringliches Präsent für die alleinstehende leitende Angestellte, Motive aus der sixtinischen Kapelle für den saturierten Agnostiker mit Hochschulabschluß, Hundertwasser für den pragmatisierten B-Beamten und Andy Warhol für die attrakive Leiterin der Investmentfond-Abteilung eines internationalen Bankenkonsortiums.
Die Autorin dieser Zeilen sieht sich selbst außer Stande, O´Nash und seinen Epigonen auf den Leim zu gehen. Weniger aus marktpolitischer Anarchie, als aus dem Unvermögen, Kalendern jene Wichtigkeit beizumessen, die schon dem begabten Volkschulkind in Fleisch und Blut übergegangen ist. Notizen, die er auf Kalendern eingetragen hat, waren mit sofortiger Wirkung dem ewigen Vergessen anheimgestellt. In ihrem Filofäxchen der Firma Success gleißen vier Jahre alte Kalenderblätter von jungfräulicher Unbeschriebenheit und die jährliche Abgabe des Rauchfangkehrerkalenders quittierte sie mit sofortiger – sicher nicht glücksbringenden - Widmung an den Altpapiercontainer.
Einen Kalender hat die Comandantina dennoch. Auf verbogenem ägyptischem Karton ist darauf ein schlechter Farbdruck der Kaaba in Mekka zu erkennen. Unter einem - so hofft sie - segenbringenden Zitat des Propheten hängt ein armdickes Bündel vergilbter Abreißblätter. Das oberste weist sich in arabischen und indischen Ziffern als Abreißblatt für den 21-Jänner aus. Warum es nie dazu kam, über dieses Datum hinaus Tage, Wochen, Monate, somit also das ganze liebe Jahr, zu verfolgen, wird ihr ein ewiges Rätsel bleiben. Vermutlich kann sie mit Kalendern nichts anfangen. Zuletzt, so viel läßt sich immerhin beweisen, muß sie an einem 20. Jänner noch gerissen haben.
© Andrea Maria Dusl
geschrieben ~ 1997 für "Triebwerk"
6. August 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Der beste Garten der Stadt
SCHWEIZERHAUS Das beste Bier der Welt und die knusprigsten Stelzen zwischen Scheibbs und Nebraska, serviert von den unbestechlichsten Kellnern der Stadt: Das Schweizerhaus im Prater hat eine lange und durchaus unhelvetische Geschichte.
© ANDREA MARIA DUSL
Originaltext aus Falter. 32/04 vom 04.08.2004
Im hintersten Zipfel vom Wurstelprater, gleich hinter der Hochschaubahn, wo der Technotrubel der Schießbuden, das Knattern der Go-Cart-Bahnen und das Kreischen der Luftkutschen verebbt, beginnt eine Welt, der lüsterne Sensationen so fremd sind wie der polternde Lärm rasender Maschinen. Im Schatten von Nussbäumen und Praterkastanien vermischt sich das Knirschen des Kieses mit dem Klirren dicker Gläser und dem Krachen berstender Schweinshaxen.
Bis zu 6000 Krügerl seidigweich gezapften böhmischen Bieres sollen hier allein an einem heißen Sommertag über die stählerne Schank gehen, ganz abgesehen von Würsteln, Brathendel und den Stelzen, gegrillt, mit Senf, beißendem Kren, dampfendem Brot und weiß gelocktem Bierradi.
Das Schweizerhaus. Die Kathedrale der Zufriedenheit
Hier sitzen Bürgermeister neben Mistküblern, Dirigenten neben Fußballtrainern, Industriemagnaten neben Praterdipplern. Ein Regiment von Kellnern serviert unablässig goldgelbes Budweiser. Der Altar der Schweizerhauskathedrale ist die große stählerne Schank. Hinter ihr steht ein halbes Dutzend Hohepriester und zelebriert mit stoischen Mienen das Hochamt. Einige Minuten dauert es, >>>
>>> bis die Krügel voll sind und ihre feste böhmische Schaumhaube in den Sommerwind recken. Im Dutzend werden sie auf einem Tresen von Zapfer zu Zapfer weitergeschoben. Der Reihe nach wird das kühle Gold erst vor-, dann nach- und schließlich aufgeschenkt. Dazwischen hat der Schaum Zeit, sich zu setzen. Das Pivo, das die tschechischen und slowakischen Schankspezialisten in einem minutiös eingespielten Ritual aus den Hähnen laufen lassen, kommt über Leitungen aus einer Armada von 50-Liter-Fässern, die im Keller unter dem wand- und fensterlosen Schankgebäude konstant auf vier Grad gekühlt werden. In Kellern daneben hat der Nachschub, täglich aus der Brauerei in Budweis in aufrüttelnder Fahrt angeliefert, einige Tage Zeit, um sich zu beruhigen.
Das frisch gezapfte Bier wird von einem der vielen Kellner an der Schank abgeholt und in einen "Bezirk" gebracht. Die verschiedenen Teile des Schweizerhauses sind nach Wiener Bezirken und den Stadtteilen Oberlaa und Kaisermühlen benannt. Das soll Gästen und neu angestellten Kellnern die Orientierung erleichtern. Die Idee, die Sektionen nach Schweizer Kantonen zu nennen, wurde als Sakrileg verworfen. "Unsinn, am Schweizerhaus ist ja nichts Schweizerisches!", argumentierten Altkellner und Stammgäste und machten sich dafür stark, böhmische Städtenamen zu verwenden. Als Kompromiss wurden es die Namen der Gemeindebezirke. Einzig der Platz vor der Schank, von einem regenwasserberieselten Glasdach behütet, heißt nach wie vor "Bahnhof", "Franz-Josefs-Bahnhof", um ganz genau zu sein. Weil hier so viele "Züge" genommen werden.
Hartnäckig hält sich der Mythos, die Schweizerhauskellner seien freie Unternehmer, die das Bier an der Schank kauften und an den Tischen an die Gäste weiterverkauften. Tatsächlich sind die Kellner aber zu den branchenüblichen Konditionen angestellt, ergiebige Bezirke werden nach dem Senioritätsprinzip zugeteilt.
Wie viele Geschichten aus dem alten Wien verlieren sich auch die Ursprünge des Schweizerhauses im Dunkel der Geschichte. Ein Gründungsmythos geht so: Vor Hunderten Jahren habe am Ort der heutigen Budweiserkathedrale ein "stiller Mann" Steckerlfische, Schwammerl und Bier an die rastenden kaiserlichen Jagdknechte verkauft. Die Knechte - so die lokale Mythologie - waren Schweizer aus dem Sundgau, gerühmt für die Qualität und Ausdauer ihrer Treibkünste. Aus dieser Zeit stamme der Name Schweizer Hütte.
Im 18. Jahrhundert übernahm ein gewisser Cajetan Gasperl, ein geschäftstüchtiger Wirtensohn aus Mitterndorf im Ausseerland die "Schweizer Hütte", taufte sie, dem Zeitgeist folgend, "Tabakspfeife" und huldigte damit den Freunden "des süßen Qualmens". Nach Gasperls Tod verkaufte seine Witwe das Etablissement, das während des Wiener Kongresses "Zum russischen Kaiser" hieß. Während der Weltausstellung 1873, als Themenrestaurants als letzter Schrei galten, erfand man den Mythos mit der Jausenstation der mittelalterlichen Schweizer Jagdknechte und taufte die im hochalpinen Helveterstil designte Gaststätte am linken Ufer der Prater Hauptallee Schweizer Meierei.
Ein populärer Besitzer dieses ersten wirklichen Schweizerhauses war der Wirt vom Alten Kühfuß in der Habsburgergasse, Jan Gabriel, unter dem das Schweizerhaus ein Treffpunkt aller Freunde echten Pilsners wurde. Zu dieser Zeit übertraf der Bierkonsum der Wiener jenen des Weines bei weitem. So mancher Firmgöd hat sich dort einen Rausch angetrunken. Einer, der nicht selber trank im Schweizerhaus, war der Wärter der Säugetierschaustellung im Aquarium: Er holte pünktlich um zehn Uhr vormittags drei Krügel für seine Affen, welche diese mit sichtlichem Behagen getrunken haben sollen.
1920 juckt einen jungen Wiener die geschäftstüchtige böhmische Nase. Der neunzehnjährige Sohn tschechischer Eltern, Karl Kolarik, mit seinem Vater eben noch selber Gast im Schweizerhaus, übernimmt den gerade zum Verkauf stehenden Betrieb als Konzessionär. Vater Kolarik, Fleischhauermeister, sieht in einem Wirtshaus einen willkommenen Absatzmarkt für die Würste und Schinken, die der Familienbetrieb zu Zeiten der Monarchie noch bis Prag geliefert hatte. Inflation und Wirtschaftskrise schütteln die junge Republik, und so manchem stillen Bierzecher ist ein Besuch im Biergarten die einzige Freude. Karl Kolarik hat ein G’spür fürs Geschäft. Der gelernte Fleischer und Selcher errichtet Wiens "Erste englische Fischbratküche" und einen Pavillon, "wo die berühmten Wiener Würsteln und Bratwürsteln vor den Gästen erzeugt werden", wie ein zeitgenössisches Inserat erklärt.
So nebenbei führt Kolarik eine andere Spezialität ein: fein geschnittene Erdäpfel, die berühmten, in heißem Fett herausgebratenen Rohscheiben. Die dünnen Kartoffel-Chips waren ursprünglich nur dazugeschnitten worden, um in Ermangelung geeigneter Thermometer die Temperatur des heißen Fischbratfetts zu justieren. Jahrzehntelang prangte denn auch das Gütesiegel eines US-amerikanischen "Potato-Chip-Institute" auf den Zellophanpackerln, in denen die Rohscheiben verkauft wurden. Die köstlichste Delikatesse aber, das berühmte Budweiser Budvar, verdankt das Schweizerhaus einer Reise Kolariks in die böhmische Heimat seiner Eltern.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten die nationalistischen Tschechen als eine der ersten Maßnahmen ihrer jungen Republik den Bierexport verboten - weil sonst für die böhmischen und mährischen Arbeiter zu wenig übrig bliebe, wie es hieß. Dieser Bierverknappung fiel die Pilsner Bierklinik in der Innenstadt zum Opfer. Sie musste auf obersteirisches Bier umsteigen und ihren Namen in Gösser Bierklinik ändern.
Dem Verbot tschechischen Bierexports verdankt das als Bud bekannt geworden Budweiser der deutsch-amerikanischen Bierdynastie Anheuser-Busch seinen zweifelhaften Siegeszug durch die von der Prohibition geschüttelte Neue Welt. Mit dem echten Budweiser hat das Anheuser-Busch-Bud allerdings nur den abgekupferten Namen gemeinsam.
Aber zurück ins Jahr 1926. Auf seiner Suche nach geeignetem Bier für sein Schweizerhaus stößt Kolarik auf das böhmische Budweiser, ein dunkelgelbes zwölfgrädiges Lagerbier. Das Wasser, mit dem es gebraut wird, stammt aus 312 Metern Tiefe. Es ist Tausende Jahre alt und seidenweich, wie Schweizerhausbesucher mit jedem Schluck bestätigen können. Kolarik gelingt es, einen ganzen Eisenbahnwaggon des böhmischen Bieres nach Wien zu bringen und damit einer alten Liebe neue Triebe zu verleihen. Der Liebe nämlich, die die Wiener - ob slawischer Herkunft oder nicht - seit alten Zeiten mit dem tschechischen Bier verbindet.
Von Krieg und Gefangenschaft kehrt der Wirt mit dem guten böhmischen Bier in ein völlig zerstörtes Schweizerhaus zurück. Zwei Bäume stehen noch im devastierten ehemaligen Gastgarten, mehr nicht. Die berühmten Nussbäume, in deren Schatten so mancher Sommertag seine lange Reise in die Nacht beginnt, pflanzt Kolarik 1947 mit eigenen Händen. Nussbäume, weil deren Geruch die Gelsen vertreibt. Lebenswichtig für einen Biergarten in den feuchten Praterauen. Karl Kolarik - mittlerweile zur Wirtslegende geworden - starb vor elf Jahren im 92. Lebensjahr. Sein Erbe führt seine Familie weiter. Sohn Jan-Karl Kolarik ist ein freundlicher Herr, aber ein strenger Wirt. Das ist gut so, denn nur ein strenger Wirt ist ein guter Wirt.
Und wenn seinen Argusaugen einer der drei Dutzend Kellner entkommt und der dann auch noch Zeit hat und Lust und das Schweigegelübde bricht, dann kann es passieren, dass er voller Stolz von berühmten Gästen erzählt. Von der "Frau mit dem Affen", vom "Kapitän" und vom Qualtinger. Von Peter Alexander und vom "schönen Hannes", von Slash von Guns n’ Roses, einem sehr heimlichen Glenn Gould, einem noch heimlicheren Carlos Kleiber. Von den Tonis Polster und Benya, von Bruno Kreisky und dem Mineralwasser trinkenden Arafat, "den kaner kennt, wenn er sein Tüchl ned aufhat". Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig, meinen die echten "Stelzen-Geher". Hier ist jeder willkommen, "wirklich a jeder".
Fast jeder. Legendär ist heute noch jener Tag, an dem der russische Nationalisten-Bösewicht auf Empfehlung eines FPÖ-Politikers, von Leibwächtern beschirmt, den "Bahnhof" ansteuerte, jenen allerheiligsten Teil des Schweizerhauses vor der gigantischen Zapfanlage. Ein Pfeifkonzert begleitet von "Schleich di, Pülcher"- und "Haut’s eam ausse"-Rufen fegte Vladimir Schirinovski auf Nimmerwiedersehen aus dem "Haus".
Legendär auch der Tag, an dem das Schweizerhaus, sonst grün und weiß mit goldgelben Tupfen vollviolett war. Vollviolett von Tausenden Fliedersträußen zu Ehren der Wiener Austria, die an jenem Tag im benachbarten Ernst-Happel-Stadion aufgeigte und den Wuchteldurst von Kickern und Fans im "Haus" stillte. Im Haus mit dem Nussbäumen. In der Kathedrale der Zufriedenheit.
....................
SCHWEIZERHAUS, 2., Straße-des-Ersten-Mai 116; (gleich neben der Hauptallee am Ende des Wurstelpraters), kein Ruhetag, Tel. 728 01 52, tgl. 10-23 Uhr, von 9. März bis 31. Oktober.
4. August 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (2) Comments (0) Pings
Do you Orkut?
Nach Googling, p2p-file-sharing, bloggen und iTunes ist social networking der letzte Schrei des Internets. Unter den Friendship-Netzen ist Orkut das schillerndste. ANDREA MARIA DUSL Falter 28/04
Martha Postiglione aus Porto Allegre hat 133 Fans und 12 knuspi Bikini-Bilder online. Sie wird am 19. August 24 Jahre alt, sucht „friends“ und „business networking“. Die Brasilianerin mit den langen blonden Haaren und den geheimnisvollen Augen ist Agnostikerin, hat einen trocken, freundlichen, bisweilen sarkastischen Humor, kleidet sich mal alternativ, mal klassisch, mal urban, sie raucht nicht, trinkt in Gesellschaft, liebt Tomatensoße und hat ein eigenes weblog. Sport ist für sie Disco, Fernsehen Southpark und Film Quentin Tarantino. Martha liebt Tierbabies, Märchen und Audioslave, perfekt gezupfte Augenbrauen, Journalismus und Jimi Hendrix.
Märten Tuuling ist 25, Este und Single. Er ist „religiöser Humanist“, steht politisch weit rechts, lacht über Slapstick, raucht Kette und feiert jede Nacht auf einer anderen Party. Märten fotografiert für sein Leben gern, liest Isaac Asimov, hört Aphex Twin, Kraftwerk. Er schwärmt für Physik und Paradoxes, für die Filme Beautiful Mind und Matrix. Märten liebt russische Küche und sucht Freunde und Gleichgesinnte.
Paul Terra kenne ich über Heidi, das heißt, Heidi kennt Paul und jemand den ich kenne, kennt Heidi. Paul ist thirtysomething, Wiener, vergeben und „very authoritarian“, wenn man seinem Profil trauen darf, was man nicht sollte, denn Paul liebt auch den britisch-levantinischen Ethnoproleten Ali G. Paul trinkt und raucht viel, mag Haustiere nur im Zoo dafür aber um so mehr Minimal Techo und das Leben in der Nacht. Klar hat auch Paul eine eigene website.
Was Martha, Märten und Paul erbindet? Sie alle sind Teil eines weltumspannenden Netzes von „Freunden“ und „Freundesfreunden“, sie sind „members of orkut“, Mitglieder bei Orkut (www.orkut.com).
Die Idee hinter Orkut ist nicht neu. Eine ähnliche online-community gab es schon im Wien der Neunzigerjahre. Die legendäre Blackbox verband Freunde und Bekannte. Wer damals nicht in der Blackbox war, war entweder tot oder sonstwie von gestern. Und US-amerikanische online-communities wie das mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit verwesende AOL gab es schon, als das Internet noch an wenigen dünnen Fäden hing und eine eigene Emailadresse noch so was Seltenes war wie Fernsehen in den Vierzigern.
Orkut unterscheidet sich jedoch von anderen boomenden social networks wie Friendster (www.friendster.com) MySpace (www.myspace.com), MeetUp (www.meetup.com), Tribe (www.tribe.net) sowie Jobbörsen und Geschäfts-Netzwerken wie Ryze (www.ryze.com), LinkedIn (www.linkedin.com) oder dem Online-job-Giganten Monster.com (www.monster.com) durch ein kleines, aber brilliantes feature: die Möglickeit “Communities” beizutreten oder diese sogar neu zu gründen.
Orkut-Communities funktionieren ganz so, wie sie das auch im real life, an amerikanischen Universitäten tun. Die abertausenden Debattierclubs, Science-Circles, Sportvereine, und halbernsten Geheimgesellschaften oszillieren zwischen seriös und obskur. Sie sind das Fleisch auf den Knochen von Orkut. Aber anders als auf US-Colleges bilden sie nicht nur das Campuslife von white-upperclass-Kommilitonen ab, sondern die Vorlieben und Sehnsüchte einer weltweit vernetzen, mulitethnischen online-community. Abgesehen von Schweinekram und Ethnohetze (die explizit verboten sind) gibt es kein Thema, zu dem auf Orkut noch keine Community gegründet wurde. Mitglied in drei, vier Dutzend solcher Communities zu sein, gehört denn auch zum guten Ton auf Orkut.
Unter den gezählten 112.906 Orkut-Communities gibt es Nichtolympisches wie den “Office Sports” Klub (16 Mitglieder), US-Politisches jeder Richtung wie “Bush In 2004” (320 Mitglieder) oder “Anyone But Bush in 2004” (4098 Mitglieder), Exklusive Geheimclubs wie die “Neofeudalisten” (13 Mitglieder), die “Maoisten” (47 Mitglieder) oder hochmoderne Debattiercamps wie “The Bobo Society” (123 Mitglieder ).
Eine wachsende Zahl von Orkutianern versammelt sich in obskuren Cercles wie dem “Phoebe-Music-Fan-Club” (1412 Mitglieder), der “Margot-Tenenbaum-Society” (144 Mitglieder) oder der Neigungsgruppe “Fist Shaking” (831 Mitglieder). Tabulos gepostet wird im Salon “Body modification” (459 Mitglieder) oder bei den “Haters Of Bad & Cliche Tattoos” (145 Mitglieder). Religiöses findet sich in Communities wie “Ask Satan” (79 Mitglieder), “Catholic Singles” (ein Mitglied) oder den “Militanten” (107) bzw. “Apathetischen Agnostikern” (72 Mitglieder). Ganze 1578 Mitglieder hat die Community of “Nerds”.
Wozu das alles gut ist? Vom spassgesellschaftlichen Mehrwert der Beteiligten und der philosphischen Qualität, Freunde zu haben, von denen man nicht einmal weiss, ob sie überhaupt extistieren, einmal abgesehen, hat Orkut einen handfesten Hintergrund: Google.
Orkut heißt Orkut, weil das der Vorname von Orkut Buyukkokten ist. Der junge Mann mit dem unaussprechlichen Nachnamen studierte Computer Science an der legendären Silicon-Valley-Schmiede Stanford, jener kalifornischen Elite-Universität, die wie keine zweite für den technologischen Input der IT-Industrie sorgt. Und Orkut Buyukkokten programmiert für Google. “Affiliatet with Google”, “Google nahestehend”, verrät denn auch ein kleiner diclaimer am unteren Rande jeder Orkut-Page. Bedient sich Orkut also der Suchtechnologie Google, um die Hunderttausendschaften seiner Mitglieder auf der Suche nach neuen Freunden und Freundesfreunden zu unterstützen? Mit Sicherheit. Aber es ist nicht Google, das Orkut von Nutzen ist. Es ist genau umgekehrt.
“Warum braucht Google Orkut”, fragt sich Internet-Insider Jeremy D. Zawodny in seinem weblog: “Google hat Millionen von Usern. Aber wieviel wissen sie von denen? Haben sie eine Userdatensammlung, in der sie schürfen können? Wenn sie eine haben, muss sie verblassen im Vergleich zu denen, die Yahoo, America Online und MicroSoft Network angesammelt haben. Statt ihre User dazu zu überreden, sich zu registrieren schultert Google einen Rucksack mit einem der vitalsten Trends der Zeit: ein Social-Network-Programm. Das Ganze im halboffiziellen Beta-Modus, im “invitation only”-Modus und fertig ist der Touch des Exklusiven.”
Wer eine Orkut-Registrierung hinter sich hat, versteht, so Zawodny, warum Orkut “Tonnen an Daten” abfragt. Demograhische Information, die Marketingfuzzies jauchzen lässt. Sobald Orkut mal Millionen, registrierter Mitgliedern hat, resümiert Zawodny, könnte das, Google einstweilen offiziell nur “nahestehende” Network dem Suchmaschinengiganten als “orkut.google.com.” eingebaut werden und: Bingo! Userprofile und Suchanfragen liessen sich einander zuordnen. Googlen wäre gläsern. Aus der Goldmine Google würde ein Diamanttagebau ungeahnter Grösse.
Kein Wunder also, dass neu eingeladene Orkutianer zu allererst minutiöse Profile ausfüllen müssen - Telefonnummern, Adressen, sexuelle Vorlieben, religiöse Preferenzen und ähnliche datenschützerisch bedenkliche Tiefeninformation nicht ausgenommen. In einer virtuellen Welt gibt es virtuelle Interessen, virtuelle Identitäten und virtuelle Märkte. Es ist also unerheblich, ob ein Profil den wiklichen Namen seines Users enthält, solange es seine wirklichen Interessen und Vorlieben abbildet.
Die Kurve der Orkut-Mitglieder zeigt steil nach oben, die Millionen-Member-Grenze könnte noch diesen Sommer durchstossen werden. Das ist nicht wenig für eine Online-Community, die sich nur durch Sprossung vermehrt: Neue Orkut-member müssen nämlich von alten eingeladen werden. Dieses raffinierte System gaukelt jene Exklusivität vor, wie man sie in der realen Welt von In-Clubs mit restriktiver Einlasspolitik kennt. Und Orkut kommt auf diese Weise an Namen und Emailadressen heran, die tatsächlich in Verwendung sind.
“Die Anzahl der täglichen Spam-mails hat sich verdreifacht, seit ich bei Orkut bin”, jammert Orkutkritiker Cory Doctorow, “aber vielleicht bin ich poranoid und das ist reiner Zufall.”. Doctorow, Mitarbeiter in der Electronic Frontier Foundation und Mitherausgeber des populären und einflussreichen BoingBoing weblogs, klagt, die Lawine von Orkut-Freundschaftsbestätigungs-Mails treibe ihn mittlerweile “in den Wahnsinn”.
Noch ist Orkut aper von Werbebannern und Reklame-pop-ups. Seine Betreiber sind peinlich darauf bedacht, sich keine Kommerzläuse einzufangen und adminsitrieren mit fast schon religiösem Eifer den Grundatz, nur reale Personen mit realen Portraitsfotos online zu stellen. Dass es dennoch Kunstpersonen mit höchstwahrscheinlich irrealer Identität wie “God”, “Satan” , “Jesus Christ”, “Elvis Presley”, “Adolf Hitler”, “Brad Pitt” und “Herr Tomtschek” gelingt, ein erfülltes Orkut-Leben zu führen, spricht für die Hartnäckigkeit, mit der sich eine aufgeklärte Online-Guerilla dem geheimen Orkut-Ideal einer gläsernen Big-Brother-Gesellschaft widersetzt. Eingeweihte wollen wissen, dass allerhöchstens ein Drittel der Namen auf Orkut wirklich real sind, von der Richtigkeit der persönlichen Angaben ganz zu schweigen.
Und genau das ist es, was für die Mehrzahl der Orkut-Communarden den Spass an der Sache ausmacht. Das Spielen mit jener gesunden Mischung an Lüge und Wahrheit, wie sie aufgekärte Netizens im Umgang mit dem Medium verinnerlicht haben.
Dass im Schlafzimmer von Orkutianer “Tomtschek” ein “Bett” steht, wie sein Profil verrät, und dass sein online-Buddie, der schnurrbärtige Funkgott “Ray Gold” mit der DDR-Handarbeitslehrerin “Felicitas Stulle” und dem schweizer Taschenbillardadonis “Uwe Üwken” verbandelt ist, dürfte Big Brother im amerikanischen Heimatschutzministreium mehr Sorgen machen als der globalen Community der Online-Datenschützer.
Also: Let’s Orkut!
2. Juli 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments
Adieu Videokassette!
Ich will einmal ganz ehrlich sein: Das Ding wird mir nicht abgehen. Es wird der Welt so fehlen wie die Petroleumlampe, die Postkutsche oder der Rechenschieber.
Von Andrea Maria Dusl
Erschienen 27. Mai 2004 in Standard
Die Videokassette war in allem, was sie "konnte", lausig. Wäre sie so klein gewesen wie ihre brillante Schwester, die Audiokassette: geschenkt! Hätte sie den Sexappeal der Schallplatte gehabt: off limits. Nichts davon hatte die schwarze Bandschachtel. Meine erste Begegnung mit der Videokassette war folgenschwer und fand in der Schule statt. Der Rekorder, in dem sie steckte, war groß und hatte Tasten von den Ausmaßen eines Gaspedals. Das Lehrvideo über den U-Bahn-Bau, das unser Turnlehrer und "Kustos" für audiovisuelle Kommunikation vorbereitet hatte, verfügte über jenen raffinierten Selbstzerstörungsmechanismus, der noch heute in jede VHS-Kassette eingebaut wird: Er entscheidet sich entweder für Bandsalat, das Festfressen der Rollen oder für jenes Phänomen, das ich "die Unausspuckbarkeit" nenne.
Mein erster eigener Videorekorder war schwarz wie die Nacht und teuer wie Las Vegas. Er war fernbedienbar und programmierbar. Wenn ihm danach war. Das Manual war in 76 Sprachen abgefasst und dick wie das Telefonbuch von Tokio. Ich habe es irgendwann gegen eine Sanskritschrift eingetauscht: Die war leichter zu lesen.
Nach Jahren hatte ich ein veritables Archiv von Kinofilmen angelegt. Ich hatte den Kanon der Cinematografie, den Himmel auf Erden, äh . . . auf Kassette. Cassavetes, Fassbinder, Melville, Hawks. Mein Archiv wuchs, und so wuchs das Glück. Nach Jahren der liebevollen Lagerung grub ich in alten Flözen und legte "Zabriskie Point" in die Maschine. "Zabriskie Point" ist von Antonioni und spielt in der Wüste. Auf dieser, auf meiner Kassette schneite es. Es schneite auch in "Nashville", in "Metropolis", in "Manhatttan" und ganz besonders schneite es im "Himmel über Berlin". Seit drei Jahren habe ich einen DVD-Player. Adieu Schneegestöber, adieu Bandsalat: adieu Videokassette! Ich werde dich nicht vermissen.
27. Mai 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings


