Essays
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Die Zukunft
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 4. April 2009
Dieser Tage erinnere ich mich oft an meine Kindheit. Die späten Sechzigerjahre. Die Welt flirrte vor Ideen. In Paris rissen sie Pflastersteine aus dem Boulevard und forderten eine bessere Welt, das Yellow Submarine befuhr den Ozean der Fantasie und auf dem Trabanten hüpften amerikanische Space-Konquistadoren durch den Sternenstaub. Sogar die Sowjetunion war noch voller Energie. Es war keine gute Welt, die Welt meiner Kindheit, aber sie war voll Zauber und voll Zuversicht. Sie war voll Zukunft.
Die Zukunft ist uns gründlich misslungen. In Paris brennen noch immer die Mistkübeln, statt mit dem Fantasie-U-Boot durch die Beatles-Welt fahren wir mit grottenhässlichen SUVs über löchrige Stadtautobahnen, der Mond ist zum faden Wrack verkommen und den Namen Sowjetunion kennen nur mehr die Historiker. Den Frühlingshauch meiner Kinderzukunft hat der neoliberale Turbo-Kapitalismus mit Monopolen und Kurscasinos asphaltiert, mit Mega-Unternehmen und Manager-Oligarchien. Und zwar gründlich. Im Vergleich mit den Konzernadmiralen von heute waren Dschingis Khan und Ivan der Schreckliche verzärtelte Sensibelchen.
Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das war das Credo. Es klang gut und das sollte es auch, aber es war eine Lüge. Denn je besser es der Wirtschaft ging, desto besser ging es der Wirtschaft.
Und uns allen? Uns allen wurde das Weiße aus den Augen geholt. Jetzt geht’s der Wirtschaft schlecht und uns allen noch schlechter. Die Hedgefonds sagen, wir waren’s nicht, wir haben nur an unsere Anleger gedacht, die Anleger sagen, wir waren’s nicht, die Regierung hätte die Märkte besser kontrollieren müssen, die Märkte sagen, wir waren’s auch nicht, man hätte nicht dieses, man hätte nicht jenes. Und wenn niemandem ein Schuldiger einfällt, bleibt immer noch Bush. Bush ist an allem schuld. Bush und die Leute hinter Bush. Die Hinterbushisten. Die Neo-Cons. Die Ultra-Globalisierer. Und Bush würde, ganz ohne die Einflüsterungen der Hinterbushisten, wären noch Kameras auf ihn gerichtet, die zwei Gehirnwindungen über seiner Nasenwurzel runzeln, die Cowboy-Augen kneifen und das Zauberwort sagen: Osama bin Laden. Aber Osama gibt es nicht mehr. Und Bush gibt es nicht mehr.
Jetzt haben wir Obama und die größte Krise seit Menschengedenken. Sagen die Krisenforscher. Es wird noch furchtbar werden, sagen die Furchtbarkeitsforscher. Obama wird scheitern, sagen die Hinterbushisten. Wo ist das Yellow Submarine?, frage ich. Man müsste es besteigen und neu auf die Reise gehen. Wo sind die Denker, die uns jetzt die Zukunft ausdenken? Wir sollten sie mitnehmen im Yellow Submarine. Auf Forschungsreise gehen. Wo sind die Pflastersteinausreißer, die uns die neuen Wege ebnen? Wo die Utopisten? Wo die Aufklärer und Humanisten? Wo die Vordenker, Nachdenker, Querdenker? Wo ist der neue Mond, auf dem die Menschheit Fußabdrücke hinterlassen will?
Wo ist die Zuversicht, wo der Zauber? Wo ist unsere Zukunft?
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
4. April 2009 (1) Comments
Vom Buch der Gesichter
Für meine Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 28.02.2009
Sicher haben Sie von Facebook gehört. Internet, Dings, eine Spielerei. Wieder so ein Blödsinn wie E-Mail und Popmusik und dieses neue Telefon mit der Glasscheibe. Sie haben Recht. Facebook ist eine Spielerei. Ein Hype, ein Phänomen der Populärkultur, ein Plexiglasperlenspiel. Aber Facebook ist auch ein Aufschrei, eine Revolution.
Was aber ist Facebook überhaupt?
Facebook ist ein Internet-Plauder-Club mit Gratismitgliedschaft. Es finanziert sich durch unscheinbare, personalisierte Werbung. Bevor Facebook zu einem weltumspannenden Netzwerk anwuchs, diente es seinem Erfinder, dem Harvard-Studenden Mark Zuckerberg, dazu, seine Kontakte und Freundschaften mit Uni-Campus-Kommilitonen und Studienkollegen zu organisieren. Profan gesagt, hat der Facebook-Erfinder nichts anderes gemacht, als sein Telefonbuch ins Netz zu stellen und mit einem virtuellen schwarzen Brett und einer Funktion zum Kollegensammeln zu versehen. Öffentliche und private Nachrichten wurden ausgetauscht, Freundschaften gepflegt und geschlossen, Gossip an virtuelle schwarze Bretter gepinnt, Urlaubsbilder und Homevideos online gestellt. Facebook ist auch jetzt nichts anders als eine kleine Campus-Caféteria. Die Maschinerie dahinter ist allerdings auf die Bedürfnisse von 175 Millionen „Freunden“ angewachsen. Facebook ist mittlerweile 15 Milliarden Dollar schwer, Zuckerberg, der sein Harvard-Studium abgebrochen hat, der jüngste Dollar-Milliardär aller Zeiten. Kritiker werfen dem Netzwerk vor, persönliche Informationen und private Konversationen in klingende Münze zu verwandeln. Facebook sei eine Diamantmine für die Datensammler. Die Naivität, mit der sich Unbedarfte zu gläsernen Menschen degradieren lassen, sei erschütternd, meinen Kassandra-Rufer. Kulturpublizisten und Zeitungskommentatoren verweigern sich wortreich dem Phänomen.
Warum aber sind neben Susi Normalsurfer und Otto Mausklick auch Medienexperten und Internetspezialisten, Philosophen und Künstler in Facebook unterwegs? Haben die keine Angst vor der Ausbeutung durch die Mächte der Dunkelheit? Haben sie nicht, denn sie sind Kinder der Aufklärung. Sie wissen, dass Kommunikation und Öffentlichkeit ein höheres Gut für Individuum und Gesellschaft sind als die schiere Illusion von Freiheit und Privatheit. Sie holen sich zurück, was ihnen Neoliberalismus und Globalisierung geraubt haben. Zeit. Das wertvollste aller modernen Güter. Die Zeit, sich auszutauschen, die Zeit, Freundschaften zu pflegen. Facebook mag eine böse Maschine sein, eine infame Infomine, der Albtraum aller Datenschützer, aber es ist auch ein Aufschrei, ein Schrei nach Prokrastination und sozialer Wärme. Dass diese Revolution ausgerechnet im virtuellen Raum stattfindet, wollen wir jetzt mal nicht so eng sehen. Vergessen wir nicht: Gedruckte Bücher, die Gutenberggalaxis, Brennstoff der Aufklärung, sind auch nur virtueller Raum. Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
Für meine Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 28.02.2009
28. Februar 2009 (0) Comments
"Alles echt"
Was im Netz lange verpönt war, bekommt bei Facebook Aufwind: Das neue Bekenntnis zum eigenen Namen und eigenen Bild
Andrea Maria Dusl in DER STANDARD RONDO vom 28.2.2009
In den Neunzigerjahren, als das Internet noch jung war und gemeinhin als Spielwiese der Nerds und Schrulle galt, gedieh im kleinen Österreich ein Parallel-Netzwerk ganz anderer Art, eine Community von Normalos: die legendäre Blackbox.
Schüler, Studenten, Kulturschaffende, Publizisten, Politaktivisten trieben sich mit großem Eifer in ungezählten Foren und Diskussionsgruppen herum. Blackbox-User loggten mit ihren tatsächlichen Namen ein, die Anonymisierung der eigenen Identität war noch kein Thema.
Dann wuchs das Internet und mit ihm das Bewusstsein über Transparenz und globale Verfügbarkeit persönlicher Biographie-Details. Plötzlich etablierte sich eine weltweite Kultur der Anonymisierung. Gratis-Mailanbieter wie Hotmail oder GMX förderten diesen Trend, Babsi09 und Bussibär76 tauchten unter ihren Adressnamen auch in Netzwerken und Tauschbörsen ein. Die Kultur der Avatarisierung wucherte, Poster gewöhnten sich daran, mitunter mit Dutzenden Identitäten zu jonglieren, das Individuum trat im Internet nur mehr als Maske auf.
Auch literarisch gedachte Plattformen wie Christian Ankowitschs Promi-Histörchentreffpunkt "Höfliche Paparazzi" war von Pseudonymen besiedelt. Medienarbeiter und Literaturaffine gefielen sich darin, als "Alfredo Balsam", "Ebbesand Flutwasser", "Verboten Wolf" oder "Poser Rosenberg" aufzutreten. Das Pesudonym, so die Prämisse, schütze den Poster vor Stalking und dem unlauteren Zugriff von Spammern und Datensammlern.
Und dann kam Facebook, und hinter seinen Collegemauern wuchs eine neue Kultur der Offenheit. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Bekenntnis zum eigenen Namen und dem wirklichen Bild an der Wende von der Bush'schen Angstepoche zum Obama'schen Zeitalter stattfindet.
Von Tausenden Facebook-Usern sind kaum eine Handvoll mit Maskennamen registriert. Dass sich ein Dutzend Madonna Louise Ciccones und ebenso viele Brad Pitts und Angelina Jolies bei Facebook herumtreiben, liegt in der Natur der Sache, wird aber von den Betreibern als Kollateralschaden gewertet. Promi-Doppelgänger haben in Facebook meist ein kurzes Leben, hohe Schadenersatzforderungen der Betroffenen tun ihr Übriges.
Die Offenheit im Facebook'schen Plauderuniversum gefiel Otto Normalsurfer und Susi Mausklick, sie stellten mehr und mehr Privatbilder ins Netz, dichteten elaborierte Kommentare, beschmissen sich mit Pixelgeschenken und führten stundenlang Dada-Diskussionen über Nichtigkeiten.
Die De-Anonymisierung beim stetig wachsenden und mittlerweile auch auf Deutsch surfenden Facebook stieß auch deshalb schnell auf fruchtbaren Boden, weil sie mit einer wegweisenden Debatte im Web zusammenfiel. Im Frühjahr 2007 hatte ein anonymer Kommentator im Blog der US-Programmiererin Kathy Sierra eine Morddrohung gepostet: "Verpiss dich, du langweilige Schlampe. Ich hoffe, jemand schneidet dir den Hals auf." Schockiert von der Verrohung der Sitten forderte Netz-Guru Tim O'Reilly einen Verhaltenskodex für Blogger - anonyme Kommentare seien zu verbieten. Sein Vorschlag trat eine heftige Diskussion in der Blogosphäre los. Die mündete nicht in einen neuen Netz-Kodex, schärfte aber das Bewusstsein der Netizens um die fragile Stabilität ihrer Diskussionsplattform. User beschäftigten sich mit der Frage, was stärker wiege, freie Meinungsäußerung im Mäntelchen der Anonymität oder der Schutz der Persönlichkeit.
"Nach anonymen Morddrohungen gegen eine Bloggerin ging im Web die Debatte um Meinungsfreiheit und Personenrechte los. Bei Facebook steht man mit seinem guten Namen ein für das, was man dort loswerden will."
Kathy Sierra bewertet ihren Debattenbeitrag über die Blogszene positiv: Sie habe ins Bewusstsein gerufen, wie User auf das Überschreiten von Grenzen reagieren. Für neue Kommunikationsformen im Web, so der Kommentar der Wissenschaft, existierten noch keine neue Formen, User befreiten sich zunehmend von gängigen sozialen Regeln.
Während Blogs als permeabel für Unsitten gelten, stellt sich Facebook als der Planet der friedfertigen Eintracht dar. Die Klarnamen der "Friends" genannten User stehen obsessiver Kommunikationslust keineswegs im Wege. Facebook ist das beste Beispiel dafür, wie sehr "virtuelles" und "echtes" Leben in einander übergegangen sind.
Auch die Kunst hat Facebook erreicht - und zieht ausgerechnet aus dem Bekenntnis zum Namen ihren Nutzen. Matt Held, Maler aus New York, belebt die großbürgerlich-aristokratische Sehnsucht nach dem gemalten Porträt: Er pinselt aus kleinen Profilfotos von Facebook-Mitgliedern große Gemälde. Der sozialistische Gedanken daran gefällt dem Künstler: "Ich finde, jeder sollte porträtiert werden, unabhängig vom sozialen Status."
Wer bei Held als Facebook-Freund anheuert, erklärt sich mit der künstlerischen Nutzung seines Profilbilds einverstanden. Am 7. März wird Held im Brooklyn Art Museum das erste Mal vor seiner Fangruppe sprechen, online beläuft sich die schon auf fast 2000 Freunde. Eine Handvoll der 200 geplanten Bilder ist mittlerweile fertig und im Web anzusehen.
Welchen Nutzen aber haben die Nutzer von Facebook? Was bindet sie an Facebook und was lässt sie, jegliche Bedenken an die Gläsernheit der eigenen Identität hinter sich lassend, Dinge preisgeben, die sie nicht mal Freunden offenbaren? Soziale Wärme. Der Brennstoff, mit dem Facebook betrieben wird.
Auch die Konkurrenz von Facebook und dem Zwitscher-Netzwerk Twitter hat sich längst und lautlos nivelliert: Findige Programmierer haben Applikationen geschrieben, die jeden Facebook-Eintrag bei Twitter posten und umgekehrt. Das gleichzeitige Leben in beiden Welten, es ist möglich.
Andrea Maria Dusl in DER STANDARD RONDO vom 28.2.2009
27. Februar 2009 (3) Comments
Immer Cheese
Die ständige Gegenwart von digitalen Kameras löst zunehmend die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit auf.
Für Der Standard - RONDO vom 23.01.2009
"Wir werden gezwungen, uns anständig zu benehmen, ordentlich aufzutreten, zu lächeln, weil es ja immer sein kann, dass wir von irgendwo aufgenommen werden. (...) Die Fototechnik bestimmt unser Leben." Der Mann, der das sagt, ist nicht irgendjemand. Er ist kein Benimm-Professor, kein Society-Psychologe, kein Medien-Philosoph. Steven Sasson heißt der Mann, der uns alles eingebrockt hat: Der 58-jährige Amerikaner mit dem kantigen Gesicht ist der Ingenieur, der die erste Digitalkamera gebaut hat.
1975 schreibt man, der Vietnamkrieg endet mit der Einnahme Saigons durch die kommunistischen Streitkräfte, in Österreich führt Bruno Kreisky die Fristenlösung ein, im Kino laufen "Taxi Driver" und "Der weiße Hai", auf den Plattentellern drehen sich "Wish You Were Here" von Pink Floyd und "Bohemian Rhapsody" von Queen. In Deutschland erscheint die erste Nummer von YPS, und in Gerald Fords USA gründen Bill Gates und Paul Allen ein Unternehmen namens Microsoft.
Und in der Entwicklungsabteilung des Foto-Riesen Eastman-Kodak schraubt Steven Sasson derweil die erste Digitalkamera der Welt zusammen. Das Ding wiegt gut vier Kilogramm, sieht aus wie ein Toaster, den er mit einem Episkop gekreuzt hat.
Auf der linken Seite der Bastelarbeit sitzt eine Halterung, in der eine simple Audio-Kassette steckt - der Magnet-Speicher der seltsamen Apparatur. 23 Sekunden dauert die erste Digitalaufnahme der Welt. Der Bildsensor hat die atemberaubende Auflösung von 0.01 Megapixel. 100 mal 100 Pixel misst der Chip, den Sasson eingebaut hat.
Als Porträt-Model für das erste Digitalfoto wird eine Laborassistentin überredet. Und die ist alles andere als angetan von dem Ergebnis, das Sasson auf einem stinknormalen Fernsehapparat wiedergibt. "Man konnte die Silhouette ihres Haars sehen", erinnert sich Sasson, aber ihr Gesicht sei völlig verwischt gewesen. "Da braucht's noch Arbeit", war der trockene Kommentar der Porträtierten zum ersten Digitalporträt der Welt.
Gute 34 Jahre sind seither vergangen, Digitalkameras haben die Größe von Kaugummipackungen, stecken als Gadget in jedem Teenie-Handy, und selbst Profi-Geräte wie die Hasselblad H3DII-50 mit unfassbaren 50 Millionen Mega-Pixel gehören zum Alltag des Bildermachens. Nur eines hat sich seit der ersten digitalen Aufnahme nicht wirklich verändert: Die Unzufriedenheit der Aufgenommenen mit ihrem Bild.
Dabei wäre doch alles so einfach, ist doch die Suche nach misslungenen Bildern heute keine Hexerei mehr. Eigentlich. Zehntelsekunden nach der Aufnahme ist ein Digitalbild über das Display abrufbar. Die Anzahl der möglichen Bilder ist ins Unüberschaubare angewachsen, Speicherkarten fassen vierstellige Bilderreihen. Dieser Luxus sollte zu besseren Ergebnissen führen. Tut er aber nicht.
Wanderten Bilder früher in den Schuhkarton und ins Portemonnaie oder, als Gipfel der Öffentlichkeit, in den Diaprojektor, so flitzen sie heute per E-Mail oder Upload um den Globus.
Schuhkartons und Dia-Abende - mehr an Öffentlichkeit mussten Porträtierte, waren sie keine Prominente, 1975 nicht befürchten. Das hat sich radikal geändert. Flickr und Facebook verbreiten Schnappschüsse um die Welt, YouTube ist der Weltenspeicher für selbstgedrehte Film-Clips. Das Private existiert nicht mehr. Wir sind jederzeit und überall in Gefahr, abgelichtet zu werden. Und online gestellt zu werden.
Aber führt das tatsächlich zu Sassons Befund, die Gesellschaft befände sich im Zustand des Dauerlächelns? Je nachdem, welche Standards des idealen Porträts sich lokale Kulturen verordnen: Amerika mit seiner Tradition des Foto-Cheesings mag sich durchaus anders präsentieren als Europa mit seinem ikonographischen Gedächtnis, das den grantigen Blick kultiviert hat. Von Mona Lisa und Karl Heinz Grasser einmal abgesehen.
Mit dem globalisierten Privatfoto-Schuhkarton, mit der googlebaren Foto-Identität gehen Jüngere gewiss souveräner um als die Alt-78iger und Alt-88iger. Ein Blick auf die Fotoalben, die Facebook-Teenies hochgeladen haben, zeigt diesen Paradigmenwechsel im Umgang mit der eigenen Privatheit sehr anschaulich. Facebook-Foto-Alben mit hunderten Bildern sind keine Seltenheit.
Dabei ist solche Bilderflut weder bemerkenswert noch bedenklich, sondern schlichtweg normal. Denn eine Paranoia der Kalte-Krieg-Generation scheint langsam abzuschmelzen: Die Angst vor dem Missbrauch des eigenen Bildes. Wer will Trilliarden von "Privatbildern" durchschnüffeln? Und selbst, wenn er sich daran versucht. Welchen geheimen Informationswert haben Bilder, die einzig dazu erzeugt wurden, um, genau, veröffentlicht zu werden?
Wer sich privat in der Öffentlichkeit bewegen will, muss auch heute noch zu den Accessoires der Promis greifen, Baseballcap und Ray-Ban. Denn die Kamera, die durch dunkle Sonnenbrillen fotografieren kann, muss erst entwickelt werden. Aber wer weiß, vielleicht arbeitet Steven Sasson ja schon daran.
.......................
Für Der Standard - RONDO vom 23.01.2009
23. Januar 2009 (0) Comments
Vom Quacksalben
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 3. 1. 2009
Die Welt befindet sich in der Abwärtsspirale, in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren. In der schlimmsten seit Menschengedenken. So sagen es die Experten. Es sind dieselben Experten, die das Kommen ebendieser Krise weder vorausgesehen, noch irgendetwas unternommen haben, um dem heranrasenden Unglück rechtzeitig auszuweichen.
Sie haben versagt. Nicht in böser Absicht. Sondern in schierer Unbeflecktheit. In höchster Ahnungslosigkeit. Vom kleinen Kurszocker bis zum hoch gelobten Bankpräses. Vom Kleinstadt-Gemeinderat bis zum Weltmacht-Häuptling.
Der unregulierte Markt, sagen die Finanzpsychologen, habe das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Es sind dieselben Finanzpsychologen, die noch vor wenigen Monaten paradiesische Prognosen aus ihren Kristallkugeln gezogen haben. Warum, frag ich mal keck, soll ich den Experten also noch irgendetwas glauben? Warum soll ich den Kassandra-Chören vom Weltuntergang so viel Gehör schenken, wie eben noch den protzigen Prognosen ungebremsten Wachstums?
Soll ich eh nicht, antworte ich mir dann. Denn es gibt keine Experten. Keine, denen man mehr glauben dürfte, als dass sie jetzt auch gerade ratlos seien. Gäbe es tatsächlich Experten, würden sie sich hüten, Prognosen abzugeben. Sie würden klammheimlich ihre Schäfchen hüten.
Die eigenen.
Im Trockenen.
Sie würden nicht schlecht bezahlt im Kundenberatungskämmerchen der Bankfiliale sitzen und Tipps auf Unberechenbares abgeben. Oder gut bezahlt im Fernsehen, in der Vorstandsetage und beim Weltwirtschaftsgipfel. Die Experten mit ihren föhngescheitelten Frisuren, den handgenähten Schuhen und Designersuits, den Netbooks und Blackberrys, sie erinnern mich fatal an die Zunft der barocken Ärzte. Auch sie galten zu ihrer Zeit als Experten. Zugespachtelt mit Bleischminke und Schönheitspflästerchen schleppten sie große Taschen an die Krankenlager ihrer Patienten, gefüllt mit obskuren Salben, modischen Wundbinden, weit gereisten Balsamen, ätherischen Ölen, bittere Tinkturen, marmorharten Pillen und wundersamen Pulvern.
Darmverschluss und Leukämie, Bluthochdruck und eitriger Angina rückten sie mit Aderlass, Quecksilbersalbe und der ellenlangen Klistierspritze zu Leibe. Und wenn alles nichts half, zückten sie die Knochensäge und schickten das Stoßgebet gegen Himmel. Von den Erkenntnissen und Methoden der modernen Medizin waren die Quacksalber noch Jahrhunderte entfernt. Was sie für Heilbehandlung hielten, war oft genug das Gegenteil davon. Nur in einem waren die Quacksalber richtig gut. Im Hochmut, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Wie es auch kam, nie trugen sie Schuld, wie denn auch, sie seien die Experten, sagten sie, sie irrten nie. Aber sicher.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
3. Januar 2009 (0) Comments
Seltsame Dinge bei Regen am Land
Für die Weihnachtsbeilage der Salzburger Nachrichten - in Nr. 300 vom 24.12.2008
Wir waren zehn und acht und fünf, lagen in der Wiese und schauten in den Himmel. Die Augustnacht war dunkel und warm, über uns spannte sich das Zirkuszelt der Unendlichkeit. Miriaden kleiner leuchtender Nadelstiche funkelten da oben im großen tiefschwarzen Nichts. Wie viele Sterne es wohl geben mochte? Miriaden. Das Wort gefiel uns, wir hatten es in einem Buch gefunden, es erschien uns umfassender als der Begriff Millionen, war mehr wert als Milliarden, Billionen und Billiarden, Trillionen und Trilliarden. Die Miriade schnupfte sogar Onkel Dagoberts Taler-Reichtum, die undenkbar hohe Fantastilliarde. Wie viel Sterne funkelten da oben? Eine Fantastilliarde Miriaden, sagte der kleine Bruder. Das saß. Die Heiligkeit der Unvorstellbarkeit sickerte als ohnmächtiges Schweigen in unsere Kindergehirne. Die Stille barst. Es sind mehr! Es sind unendlich viele, sagte der andere Bruder. Nichts ist größer. Unendlich ist das Größte. Woher kannst du das wissen? Hab ich gelesen. Schweigen. Und dann: Die Unendlichkeitilliarde. Das war’s. Die Sternenanzahl da oben am Himmel entsprach der Unendlichkeitilliarde. Das waren unendlich viele Unendlichkeiten. Unsere kleinen Landeier-Kindergehirne rotierten.
Die Wiese, in der wir lagen, hatte indes, ohne dass wir es damals so benannt hätten, auch schon mit dem Gefühl der Unendlichkeit zu tun. Die Wiese lag auf einem Hochplateau mitten im Ausseeerland, lag wie eine riesige Zwetschge mitten im Tal. Die Riesenzwetschge hatte keinen Horizont. Keinen Rand. Hob man den Kopf, rutschte die Sicht ein paar Meter weiter auf dem Zwetschgenrund. Dahinter lagen die Täler und hinter den Tälern stiegen die Berge in den Himmel, wie riesige Kulissen. Ihre Köpfe lagen im blauen Schleier der kühlen Höhenluft. Was dahinter war, wusste man nicht so genau. Man sah nur Himmel. Hinter dem Himmel? Das Weltall. Vom Zwetschgenhintern unserer Kindheit konnten man also direkt in die unendlichen Weiwar. Heute noch messe ich dem flachen Scheitel des Plateaus, auf dem unser Haus stand, einsam wie eine Sternwarte, das Primat der Einzigartigkeit zu. Hier liegt der Nullpunkt meines Denkens. Am Gipfel des Zwetschgenhinterns.
Wenn es regnete, wenn der Schnürlregen aus den tief gesunkenen Wolken fiel, war das Gefühl der Unendlichkeit noch größer als sonst. Man lag im Haus herum und ergab sich der Monotonie des Schnürlregenrauschens.
Und dann geschah es, eines Tages bei Regen, das Ereignis, das meinen Verstand kippen sollte. In einem Buch sah ich eine Abbildung der Lemniskate. So hieß die ∞, die liegende Acht. Lemniskate, das Symbol für Unendlichkeit und Unbegrenztheit, ein Schweizer hatte sie erf unden, Jakob Bernoulli, eine algebraische Kurve 4. Ordnung. Kurve! Vierter Ordnung! Ein Spezialfall der Cassinischen Kurven gar! Bernoulli, Cassini!! Mitten im Schnürlregen! Im Haus am Zwetschgenhintern.
Aber die liegende Acht war gar keine, sie war in sich geschlossen. Denn dort, wo sich in einer Acht die Bahnen kreuzten, fuhren sie in der Lemniskate an einander vorbei. Die Zwetschgenhinternkinder beschlossen, sich eine Lemniskate zu basteln. Eine Unendlichkeit zum Mitnehmen. Eine Unendlichkeit für die Hosentasche. Wir schnitten lange Streifen von den weißen Blättern unserer Zeichenblöcke. An der Längsseite, dort wo der Block das meiste Papier hergab. Wir klebten die Enden unsere Papierstreifen zusammen. Ein Ring entstand. Noch einer. Und ein Dritter. Jeder von uns hatte einen. Wir verdrehten die Ringe, um aus ihnen Achter zu drillen. Aber so viel wir auch drehten und wendeten, die Papierringe ließen sich nicht zu Lemniskaten biegen.
Stundenlang ging das. Bis der Blitz des Unfassbaren in uns einschlug. Das Regenfeuer der Erkenntnis. Wir schnitten einen neuen Papierstreifen aus dem Zeichenblock. Einen Daumen war er breit und so lang wie eine Kinderelle. Und als wäre es Uhu, dem teuflisch riechenden, schwarzgelben Kindermagikum.
Aus dem Ring war die Unendlichkeit geworden. Ein Möbiussches Band, wie wir später erfahren sollten. Ein Band, das nur eine Kante hatte und nur eine Seite. Man konnte es überprüfen. Und mit einem Bleistift in der Mitte des Papierbandes entlangfahren. Der Strich führte zum Anfang, ohne dass wir die Seite wechseln mussten. Und als sich unsere Gehirne wieder auf Kinderzimmertemperatur abgekühlt hatten, geschah ein zweites Wunder. Wir schnitten unser Band in der Längsmitte entzwei. Ein zweifach verdrillter Ring entstand, doppelt so lang wie das Mutterband aber mit zwei Seiten und zwei Rändern! Wie ging das? Wir gerieten in Raserei, halbierten unser langes Band, es entstanden zwei doppelt verdrillte Bänder, die nicht nur ineinander hingen, sondern auch noch umeinander geschlungen waren. Wie beim Spiel mit den Quadrillionen und Septillionen dachten wir uns eine neue Teilung aus. Wir zogen mit dem Bleistift zwei parallele Linien auf unserem Möbiusband. Und dann schnitten wir das Band entlang dieser Längsdrittelung entdrei.
Das war die Sekunde, in der unsere Kindergehirne unwiederbringlich für das Verständnis der Normalität verloren gingen. Ein neues Möbiusband war entstanden und ein zweifach verdrillter Ring, und beide hingen ineinander. Die Unendlichkeit hatte Junge bekommen. Als wir begannen, das Lemniskatenband zu fünf teln und zu siebteln, rutschten wir endgültig in den Wahnsinn. Unsere Sprache versagte, der Regen stellte sein Prasseln ein, es wurde gleichzeitig Tag und Nacht. Die Unendlichkeit war zur Undenkbarkeit geworden. Wir stopften sie trotzdem in unsere Hosentaschen.
Man weiß ja nie.
24. Dezember 2008 (0) Comments
Die Krise
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 29. 11. 2008
Einer meiner Brüder arbeitet an der Börse. „Im Umkreis der Börse“, wie er es nennt. Er ist einer, der das Börsengras wachsen hört, er kennt sich aus mit dem Vielerlei an „Produkten“, wie die Geldbeweger das Ungreifbare bezeichnen, mit dem sie handeln und spekulieren, auf das sie wetten und mit dem sie zocken.
Vor einigen Wochen überraschte er uns mit der kryptischen Mitteilung, nichts würde je wieder so sein wie vorher, das ganze System müsse in Frage gestellt werden, es befinde sich in einer Krise, der es nur dadurch entkommen könne, indem es sich auflöse, das System. „Also keine Termingeschäfte mehr und keine Heuschrecken-Fonds und diesen ganzen Kram“, warf ich naiv in die geschwisterliche Abendrunde. „Das wären nur Peanuts“, sagte mein Bruder, es müsse viel mehr geändert werden. „Das System, wie ich schon sagte.“
„Die Börsenaufsicht? Der Derivatehandel? Das Rating-Agentur-Dings?“ Mein Bruder schüttelte den Kopf. Er sah aus wie ein Bischof, der gerade Nietzsche gelesen hatte und in den der Blitz des Atheismus eingeschlagen hatte. Das ganze System müsse geändert werden, das ganze System Geld. „Wie?“, fragte ich. „Das Geld muss abgeschafft werden?“ „So ist es“, nickte mein Bruder, „das ganze System Geld. Es funktioniert nicht, es führt unweigerlich in die Krise. Man kann die Krise durchtauchen, Maßnahmen ergreifen, gegensteuern, was auch immer. Es ist das System, das System Geld, wie wir es kennen. Es führt in die Krise.“ Sein Gesicht war von düsteren Wolken beschattet, die Aschfähle der Depression lag über seinen Zügen. „Das System“, sagte er traurig, „ist falsch. Ich sollte so etwas gar nicht sagen, ich bin Teil dieses Systems, ich werde meinen Job verlieren, wenn wir es ändern, aber ich bin nur ein kleines Rädchen und ich werde etwas anderes finden.“
„Kartoffeln anbauen“, sagte ich böse. „Kartoffeln anbauen“, sagte mein Bruder, und er meinte es ernst. Das war vor einigen Wochen, die Welt schien unterzugehen, die Kurse bohrten sich in die Kellerböden, Großbanken implodierten im Stundentakt, und rund um den Globus traten die Staatenlenker vor die lokalen Mikrofonwälder, um mit den Milliardenhunderten um sich zu schmeißen. Inzwischen ist viel passiert: Das Große Amerika hat den Großen Obama gewählt, das kleine Österreich den Herrn Faymann bekommen und die Banken, was sie offenbar nicht hatten: Geld und Vertrauen.
Die Welt ist nicht untergegangen, mein Bruder steht noch nicht auf dem Acker und aus den Bankomaten kommen Geldscheine, frisch gebügelt, als gäbe es keine Krise. Die Butter ist billiger geworden, beim Winterreifenhändler bekommt man Termine schon am selben Tag. Ich verstehe das alles nicht. Und ich bin offenbar nicht allein damit. Denn gäbe es im Umkreis der Börsen, wie sich mein Bruder ausdrückt, Menschen, die es verstehen, hätten sie dann nicht rechtzeitig gegensteuern müssen, um die Krise zu verhindern? Es sei denn . . .
Es sei denn, sie würden gewinnen an einer Krise. Das wiederum verstehe ich.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
29. November 2008 (0) Comments
Dieser Schnitt geht tief
Über die Kluft zwischen digitaler und analoger Welt. Für Standard-Rondo vom 28.11.2008. Dort gekürtzte Version. Hier der Originaltext.
Wie die Zeit einst heissen wird, in der wir gerade leben? Schwer zu sagen. Die Etiketteure der Gegenwart nennen unser Äon das Informationszeitalter. Die Epoche der digitalen Revolution. Die Zeit, in der die Realität in die Matrix gespiegelt wurde.
Ich komme aus einer Zeit, die anders war. Aus dem Elektrozeitalter. Der Zeit mit den Schaltern, der Zeit mit den dicken Kabeln. Der Paganini unserer Tage hiess Hendrix und er fiedelte das Glück nicht aus einer Klangschachtel namens Violine, nein, Jimi Hendrix stand vor einem Lautsprecherturm und schlug Funken aus Stahlsaiten, die magnetisch aufgenommen durch Kabel liefen, in Elektronenröhren verstärkt wurden und sich in brachialsüssem Klanggewittern in unseren Herzen entlud. Stratocaster hiess sein Heldenschwert und er schwang es mit links.
Hendrix musste man nicht mehr selbst begegnen, um von ihm glühend geschlagen zu werden, man konnte ihn auf Konserve hören. In unfassbarer Deutlichkeit. Im Radio, der Hexenkiste, auf kleinen Lautsprechern, oder in Repetition auf dem Plattenspieler. Ein seltsames Ding, es residierte an der Grenze zwischen mechanischer und elektrischer Welt. Es drehte einen Teller, dem man eine kreisrunde Platte auflegen konnte. Dieser legte man einen federleichten Arm auf, der mit einer Kristallspitze eine Spiralfurche in der Platte abfuhr. Die Auslenkungen dieses Pflugs konnte man hörbar machen. Mit klitzekleinen elektrischen Verkabelungen im Inneren des Geräts, die in Lautsprechermembranen endeten, dessen Schwingungen Jimi Hendrix in den Raum warfen. Oder Led Zeppelin. Oder Joni Mitchell. In einer Deutlichkeit, die den Atem raubte. So etwas war verboten und stand im Ruf, Irrsinn und Taubheit auszulösen.
Denjenigen, die es taten, ich gehöre dazu, war es klar. Das war nicht Jimi Hendrix, das war die Platte, der Zauber der Kopie. Mit der Magie war es vorbei, wenn sie einen Kratzer hatte. Sammler gingen also mit den schwarzen Klangscheiben um wie Priester mit der Hostie. Wenn wir die Texte von Bob Dylan und den Beatles in Umlauf bringen wollten, setzen wir uns an die Schreibmaschinen, schlugen Buchstaben auf Bündel von eingespannten Blättern, Abfolgen von Papier und Kohlefolien. So kopierten wir Texte in der analogen Zeit. Wir wussten, es gab ein Original, wir wussten, es gab eine Abschrift und wir wussten, es gab die Kopie. Die Welt war in Ordnung.
Auch der Siegeszug der Photokopie sollte das nicht verändern. Eine Kopie war stets eine Kopie. Eine Kopie sah aus wie eine Kopie, sie hatte Fehler und Artefakte. Der Hendrix auf der Bühne klang anders als der Hendrix von der Platte. Und der Hendrix, den wir in Umlauf brachten, klang überhaupt anders. Er kam von der Cassette. Abenteuerlich reproduziert, in dem wir den aufnehmenden Cassettenrekorder mit der Nase an den Lautsprecher des elterlichen Plattenspielers gestellt hatten. Zum Knacken und Rauschen der Vinylkopie hatte sich das eiernde Seufzen des schleppenden Bandzugs gesellt. Wir konnten die Fehler in jeder Deutlichkeit benennen. Diese Zeit ist vorbei.
Außer Vinylfreaks und Retrojunkies ergibt sich niemand mehr der Mühe analoger Reproduktion. Texte und Musik werden elektronisch erzeugt, Kopien sind Originale. Originale sind Kopien, flutschen als Megabytebündel durch Glasfaserkabel und Wireless-Netze. Das Digitalium, der Golem der Musikindustrie hat sich selbst verfielfältigt, steht als Zauberlehrling am Brunnen und schöpft neue Zauberlehrlinge. Nennen wir das Phänomen wohlwollend die Demokratisierung der Information. Freuen wir uns darüber, Carlos Kleibers Dirigat von Beethovens Fünfter aus dem Netz fischen zu können oder die siebente Folge der dritten Season von Curb Your Enthusiasm. Oder Petzners Weinen, den Treiber für den spinnerten Drucker und Susis Schnappschüsse von der Weihnachtsfeier. Wir bewegen uns in einer Welt der Originale. Eine glückliche Welt. Was immer wir versäumen, irgendwer stellt es früher oder später auf YouTube.
Die Welt des digitalen Archivierens ist ein Paradies mit vielen Erkenntnisbäumen. Google hat in seinen Serverfarmen die Universalbibliothek der alten Enzyklopäden mit der Wirklichkeit multipliziert, der Grosse Bruder arbeitet daran, die Gutenberggalaxis einzuscannen und digital aufzubereiten. Information ist jederzeit und von überall gleichermassen abrufbar. Sogar vom Handy surfen wir, gerademal von Funklöchern gestört. Das Briefeschreiben, noch zu Hendrix Zeiten nicht viel schneller als im Mittelalter, ist zum Emailen geworden und zeitlich nur mehr durch unsere Aufnahmefähigkeit und die Qualität unserer Spamfilter beschränkt. Und die Mucke kommt vom iPod, wo auch immer wir das wollen. Und wenn wir es können, kommt sie gratis.
Aber die Welt des digitalen Archivierens ist ein Paradies mit fauligen Früchten. Schon der Tsunami eines Festplattenabsturzes oder das Liegenlassen des Handys am Bartresen kann das Ende der Erinnerung bedeuten. Was nicht ausgedruckt ist, auf gutem altem Papier, ist möglicherweise für immer verschwunden. Weil wir das wissen, leben wir insgeheim in beiden Welten, in der digitalen und in der analogen. Wir kaufen heimlich Schallplatten beim Vinyldealer, fischen Mixtapes aus den Caritas-Schachteln, notieren Telefonnummern auf Geheimtabellen, Servietten und Handflächen. Kaufen teure Füllfedern und spitze Bleistifte und schwurbeln damit unsere Moleskines voll. Führen analoge Kalender und Notizbücher, parallel zu iPhone und Blackberry.
Die digitale Wasserscheide, einst als Bild entworfen für die mutuelle Jenseitigkeit von analoger und digitaler Welt ist zu einem Graben geworden, der mitten durch uns läuft.
(Andrea Maria Dusl / DER STANDARD Rondo, 28. November 2008)
28. November 2008 (0) Comments
Verweile doch, du bist so schön
Augenblicke ständig festzuhalten ist dank Digital- und Handykamera kein Problem - Merken wir uns dadurch das Erlebte auch besser? Andrea Maria Dusl hat darüber nachgedacht. In Standard-Rondo vom 27.06.2008.
Neulich bin ich über einen verstaubten Karton gefallen, den ich jahrelang gesucht hatte. Im Siebzigerjahre-Sportschuhkistchen versteckten sich Bilder, die ich als Teen gemacht hatte. Nicht einige Bilder waren drin, sondern alle. Ausnahmslos. In dem Karton war die Welt gestapelt, wie sie mir zugefallen war, abgelichtet mit meinem ersten Fotoapparat, einer Spiegelreflexkamera aus der DDR.

Der Fund erschütterte mich so nachhaltig wie Schliemann das Ausgraben von Troja, und dennoch hat mich die staubige Kiste, die da in der Familienrumpelkammer unverhofft vor meine Füße gepurzelt ist, traurig gemacht. Das sollte mein Teenagerleben sein? Besseres hatte ich nicht erlebt?
Ich hatte es spannend in Erinnerung gehabt, aufregende Bilder hatte ich abgelichtet, so meinte ich, an seltsamen Orten, in unglaublichen Beleuchtungen und kostbaren Farben, mein Blick war scharf gewesen, so entsann ich mich, mein Auge geschult. Ich hatte meisterlich porträtiert und Motive eingefangen, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Dachte ich.
Schlecht belichtete Allerweltsaufnahmen
Denn als ich den staubigen Karton evakuiert und die Fotos studiert hatte, war ich verzagt. Mein fotografisches Erbe, wie es sich in meine Erinnerung eingebrannt hatte, bestand aus stößeweise schlecht belichteten Allerweltsaufnahmen. Mit matten Farben, unscharf und schlicht, bedeutungslos und nichtssagend.
In Minimundus muss ich gewesen sein, einmal auf der Rückbank eines Londoner Doppeldeckerbusses, einen Schuh hatte ich fotografiert, in einer grünen Wiese, und einen Tisch mit Taschentüchern und Rotweinflaschen.
Die Menschen, die ich da abgelinst hatte, hatten verwischte Köpfe, verzogene Gesichter und breiigen Teint. Elendes Geknipse war das, flau und fade, mein fotografisches Gedächtnis war eine Pleite, eine Ansammlung von GAFUs, größten anzunehmenden Fotografier-Unfällen.
Brauntöne und blasses Geschleiere
Hätte ich nur eines dieser Bilder mit der kleinen Digitalkamera geschossen, die ich jetzt in meiner Jackentasche trage, es wäre zumindest scharf gewesen. Es wäre richtig belichtet gewesen, und es hätte Farben gehabt. Nicht diese Brauntöne, blaues Geschleiere und rote Gesichter, dort wo der Film zu Ende ging. Und das ging er gerne und oft. Zu Ende.
Wer auch immer der Zeit der Negativfilme nachweint, möge sich der Trauerarbeit aussetzen, den eigenen großen staubigen Karton mit den ach-so-großartigen Bildern aus den Siebzigern und Achtzigern zu sichten. Und dann möge, wer auch immer diese Arbeit hinter sich gebracht hat, mir zustimmen: Das Zeitalter der digitalen Bilder ist ein gutes Zeitalter. Ein sehr gutes Zeitalter. Wenn der Magnetsturm nicht durch die Serverfarmen stürmt und nicht allzu viele Festplatten ihren Geist vor der Datenübersiedelung aufgeben, dann wird von unserer Welt mehr und schöneres übrigbleiben als von jeder vorherigen.
Und selbst wenn alle privaten Festplatten, alle Flashkarten und USB-Sticks dieser Welt bis auf das letzte Bild gelöscht wären, dann ließe sich aus Facebook und Flickr, ImageShack, Photobucket und den Google-Speichern, den Datenfarmen von CIA und NSA, und wer sonst noch alles Handydaten und E-Mails auswertet und sichert, ein lebendiges Bild dieser Welt zeichnen. Denn nie wurde weltweit so viel dokumentiert wie heute und nie in solcher Qualität. Jedes 50-Euro-Handy, es klingt bitter, schießt bessere Bilder als dieser Zwölftausend-Schilling-Spiegelreflexkasten, den ich mir vor Urzeiten zugelegt hatte.
Vielhundertbilderstarkes Online-Album
Digicam, Handycam & Flickr, das ist eine Folge der digitalen Revolution, verführen uns dazu, unsere Welt ständig abzulichten und online zu stellen. Als wollten wir panisch vermeiden, irgendeinen Moment einmal nicht "festzuhalten". Aber merken wir uns die Erlebnisse dadurch wirklich besser?, fragte meine Facebook-Freundin unlängst, als sie in das vielhundertbilderstarke Online-Album meiner schwedischen Cousine gestolpert war.
Nein, wir merken sie uns nicht besser, bin ich versucht zu sagen, denn die Erinnerung ist sowieso eine böse Maschine, die verzerrt und verdreht und rüttelt und täuscht. Sie stellt uns Bilder ins Großhirnrindenarchiv, die wir so gar nie gesehen haben. In der Datenbank meiner Erinnerungen waren die Papierbilder aus meinem verschollenen Schuhkarton als großartige Momentaufnahmen abgespeichert. Nada, als sie aus dem Karton gepurzelt waren, war's vorbei mit der Verklärung.
Wollen wir einmal hoffen, dass es uns mit den digitalen Bildern nicht auch einmal so geht. Aber die schauen wir uns wenigstens häufiger an, lassen unsere Webfreunde sich durch die Bilderflut klicken, sie kommentieren oder gar mit Sternchen bewerten.
Super-8-Filme und Tonbänder
Und was wir gleich noch mithoffen: dass die Abermilliarden von Bildern, die wir heute schießen, von Programmen und Betriebssystemen zukünftiger Computer besser gelesen werden können als die vielen Texte und Daten, Progrämmchen und Spiele, die wir - noch keine fünfzehn Jahre ist es her - auf Floppydisks und Zip-Disketten abgespeichert haben. Von den Super-8-Filmen und Tonbändern unserer Eltern und den Musikkassetten unserer Jugend einmal ganz zu schweigen.
Aber wie war das in "Casablanca", wie sagte Humphrey Bogart einst zu Ingrid Bergmann: "Wir werden immer Paris haben." Digitalkamera war damals übrigens keine dabei.
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Die Filmregisseurin Andrea Maria Dusl hostet das populäre weblog www.comandantina.com. Im Residenzverlag erscheint im Herbst ihr Roman "Boboville". Ein neuer Film, "Crazy Day", ist in Vorbereitung.
Nachtschaffen ::: Salzburger Nachrichten
Von der Unfähigkeit der Österreicher, zivilisiert mit dem Tagesanbruch umzugehen.
Für meine Gastkolumne in "Lebensart" der Salzburger Nachrichten vom 7.2.2008.
Ich muss gestehen, ich liebe den Schlaf, er ist so traumhaft wie regelmässig, gehört ganz mir und kostet mich nichts. Der Schlaf ist mein Freund, er kommt spät, aber er ist treu und stellt keine Fragen. Er ist da, wenn ich ihn brauche, aber er flieht, wenn man ihn stört. Neuerdings hat mein Schlaf grosse Schwierigkeiten mit dem Haus neben uns. Denn im Haus neben uns wird gebaut. Ab fünf Uhr früh. Obwohl es noch zappenduster ist. Denn Bauen ist gut. Und früh ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was gegraben: Laut muss es sein. Und früh. Ist es laut, ist es gut. Ist es früh, ist es perfekt.
Das Bersten der Ziegel, das Knallen der Gerüstrohre, das Kreischen der Sägeblätter erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht weiter. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf. Im Frühstücksgedächtnis der Hauptstädter ist das morgendliche Hämmern und Klopfen, das Knattern von Dieselaggregaten und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundheit. Mein Schlaf sieht das anders.
Der österreichische Morgen ist ein Phänomen von ungeheurer Absurdität. Der österreichische Morgen beginnt nämlich gleich nach vier Uhr Nachts. Lange bevor die Morgen anderer Länder beginnen, und lange bevor der tatsächliche Morgen graut. Der Sonnenaufgangsmorgen, der wirkliche Tagesbeginn. Denn Österreich zählt zu den frühaufstehenden Nationen. Ich behaupte: Österreich ist die einzige frühaufstehende Nation. Österreich steht auf, wenn sich andere gerade niederlegen. Warum ist das so? Warum müssen Österreicher zu Zeiten aufstehen, wo sich Andalusier und Neapolitaner gerade schlafen legen?
Das frühe Aufstehen hat Gründe. Einen meine ich im alpinen Stall auszumachen, wo die österreichische Kuh auf das frühe Gemolkenwerden wartet. Ein guter Bauer, der die Milcheuter seiner Doris, seiner Bella, Fiona und Rosa nicht zu lange warten lässt. Da können draussen noch die Sterne funkeln. Nächtlicher Arbeitsbeginn ist eine Tugend von grösster Österreichischkeit.
Als Primus aller Frühaufsteher können wir Kaiser Franz Josef identifizieren. Der Habsburger war seit seinem 13. Geburtstag, wo er zum Oberst eines Dragonerregiments ernannt wurde, Vollzeitmilitär. Und wie viele Soldaten in hohen Chargen war der erste Diener seines Staates krankhafter Morgenmaniker. Bis zu seinem Tod liess sich der daueruniformierte Kaiser um 3 Uhr 30 wecken. Klar, dass sich unter seinen Untertanen vor allem jene in Führungspositionen wiederfanden, die ebenso leicht wie er das Bett verlassen konnten. Der Selektions-Mechanismus des österreichischen Frühaufstehens hat über eineinhalb Jahrhunderte das Vormorgengrauen als Tugend etabliert und den Unfug des nachschlafenen Herumirrens mit bleierner Schwere über das Land gelegt. Denn Schlafen kann man auch in der Schnellbahn, im Stau und ganz gut auch im Büro. Nur in meinem Bett geht das nicht mehr so leicht. Weil neben mir gehämmert wird.
Andrea Maria Dusl
Nur die Filmgötter wissen mehr
Eine neue Website will das Filmemachen revolutionieren: Fans sollen per Mausklick über Produktionen abstimmen.
Andrea Maria Dusl meint aber: Filme entstehen diktatorisch, nicht demokratisch.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.3.2008)
Wenn es nach Kenneth Woo und Brett Icahn geht, dann sind die Tage mächtiger Studiobosse und einflussreicher Filmproduzenten gezählt. Wenn die Idee der beiden New Yorker Netz-Entrepreneurs aufgeht, bestimmen in Zukunft Filmfans, welche Blockbuster überhaupt in Produktion gehen. Online-Cinephile werden per Mausklick Script-Expertisen erstellen. Sie werden zu Castings einladen, mit Millionen-Budgets jonglieren und über Marketingstrategien abstimmen. Massify heißt die Internetplattform der findigen Kinodemokraten.
Die Idee, ein Publikum zu haben, bevor das Projekt in die Pipeline geschoben wird, ist bestechend. Aber eignet sich ein alchemistisches Produkt wie Film für basisdemokratische Entscheidungen? Gibt es überhaupt so etwas wie Gemeinsamkeiten in Geschmacksfragen? Ist Einzigartiges mehrheitsfähig? Von der Klärung dieser Fragen wird es abhängen, ob ein Experiment wie Massify das Filmemachen revolutionieren kann.
Wie entsteht denn im Moment noch ein Film? Wer entscheidet, welche Filme gemacht werden und wer bestimmt, wie sie gemacht werden? Das Publikum? Mitnichten. Egal ob Mainstream-Blockbuster oder Artsy-Fartsy-Kunstfilm, die Entscheidungen bei Filmproduktionen werden von wenigen getroffen. Um einen Filmstoff herum kristallisieren Produzenten Drehbuch, Regie und den einen oder den anderen Star. Manchmal gibt es den Hahn vor dem Ei. Manchmal zwei Eier und keine Henne, manchmal nur das Nest und kein Gegacker.
Egal, wann sie den Hühnerstall betreten: Filme werden von Einzelpersonen inszeniert. Das Kollektiv eignet sich nicht für die tägliche Arbeit an szenischen Direktiven. Produzenten und Drehbuchautoren können in Gruppen auftreten, sie können Bosse über sich haben und Berater unter sich, aber auch hier gilt: Je weniger Individuen an Entscheidungen herumbasteln, desto stabiler werden diese. Im Guten wie im Schlechten.
Die goldene Formel für den kassensprengenden Kunstfilm wurde nämlich noch nicht gefunden. Selbst in Hollywood gehen von fünf professionellen Versuchen, einen Blockbuster zu produzieren, statistisch gesehen vier in die Hose. Und Tinseltown, also: Hollywood, ist nicht neu im Geschäft. Welcher Film ein Renner wird, das wissen die Filmgötter. Wenn es sie gibt. Alle Versuche der Filmindustrie, das Publikum in künstlerische Entscheidungen einzubeziehen, führten bislang dazu, Unsicherheiten zu multiplizieren.
Testscreenings, Markterhebungen und Internet-Umfragen stärken die Geldbörsen der beauftragten Institute, auf die Erfolgschancen eines Films haben sie nur marginalen Einfluss. Dass ein Film mit Julia Roberts, Tom Cruise oder Nicole Kidman größere Chancen auf Publikum hat, dafür braucht es keine Onlineabstimmung. Und dass der nächste Harry Potter ein Renner wird, dazu genügt ein Gespräch mit dem Kartenabreißer.
Demoskopisch ließe sich allenfalls die Publikumsakzeptanz von Unbekannten und Geheimtalenten feststellen. Castingshows und Doku-Soaps funktionieren schon nach diesem Muster: Fernsehpublikum kürt Liebling, Liebling wird teilzeitberühmt, Publikum ist gerührt über die Richtigkeit seiner Entscheidung und begleitet Liebling zum Stapellauf der Karriere. Ob Liebling auf hoher See bestehen kann, zeigt sich spätestens nach dem ersten großen Sturm.
Ob Massify die kritische Masse für aussagekräftige Publikumsgröße agglomerieren kann, wird sich zeigen. YouTube ist ein rares Beispiel für Beliebtheits-Untersuchungen jenseits der statistischen Unschärfen. Millionen User stellen Millionen Clips online und fungieren als Quotenvolk, indem sie wiederum andere Clips ansehen, bewerten, weiterempfehlen oder ganz einfach nur ignorieren.
Wie sehr sich allerdings das Prinzip der Internet-Demokratie auch ins Gegenteil verkehren kann, zeigt der Buchversand-Gigant Amazon. Das Online-Bestellen von Büchern, CDs und DVDs ist verführerisch einfach, ebenso das Bewerten derselben. Mit bösen Folgen: Die Buchkritiken des Monopolisten werden von einer relativ kleinen Gruppe meist anonymer Hardcore-User verfasst, die sich mit Verlags-Textern und versprengten Fans Bewertungsschlachten liefern, die allfällige Leser verwirrt zurücklassen.
Die Gefahr ist gering, dass Independent-Filme in Zukunft vom Wohl und Weh einer amorphen Community von Massify-Power-Klickern abhängt. Denn die Frage stellt sich: Wollen wir wirklich alles entscheiden? Wollen wir uns in Zukunft all das ausdenken müssen, womit wir eigentlich überrascht werden wollen? Wollen wir Publikum und Produzent sein? Oder nur eines davon? Film ist ein diktatorisch erzeugtes Produkt, das von Demokraten konsumiert wird. Die Verfassung des unbekannten Landes namens Film hat nur einen Paragraphen, der da lautet: Du darfst nicht langweilen. Die Gefahr ist groß, dass es beim demokratischen Filmemachen zum Verfassungsbruch käme. Oder anders gefragt: Von wem möchten wir uns einen Tarantino-Film inszenieren lassen: Von Tarantino oder von seinem Publikum?
Nachtschaffen
Von der Unfähigkeit der Österreicher, zivilisiert mit dem Tagesanbruch umzugehen.
Kolumne für die Wochendausgabe der Salzburger Nachrichten - 9.2.2008.
Ich muss gestehen, ich liebe den Schlaf, er ist so traumhaft wie regelmässig, gehört ganz mir und kostet mich nichts. Der Schlaf ist mein Freund, er kommt spät, aber er ist treu und stellt keine Fragen. Er ist da, wenn ich ihn brauche, aber er flieht, wenn man ihn stört. Neuerdings hat mein Schlaf grosse Schwierigkeiten mit dem Haus neben uns. Denn im Haus neben uns wird gebaut. Ab fünf Uhr früh. Obwohl es noch zappenduster ist. Denn Bauen ist gut. Und früh ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was gegraben: Laut muss es sein. Und früh. Ist es laut, ist es gut. Ist es früh, ist es perfekt.
Das Bersten der Ziegel, das Knallen der Gerüstrohre, das Kreischen der Sägeblätter erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht weiter. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf. Im Frühstücksgedächtnis der Hauptstädter ist das morgendliche Hämmern und Klopfen, das Knattern von Dieselaggregaten und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundheit. Mein Schlaf sieht das anders.
Der österreichische Morgen ist ein Phänomen von ungeheurer Absurdität. Der österreichische Morgen beginnt nämlich gleich nach vier Uhr Nachts. Lange bevor die Morgen anderer Länder beginnen, und lange bevor der tatsächliche Morgen graut. Der Sonnenaufgangsmorgen, der wirkliche Tagesbeginn. Denn Österreich zählt zu den frühaufstehenden Nationen. Ich behaupte: Österreich ist die einzige frühaufstehende Nation. Österreich steht auf, wenn sich andere gerade niederlegen. Warum ist das so? Warum müssen Österreicher zu Zeiten aufstehen, wo sich Andalusier und Neapolitaner gerade schlafen legen?
Das frühe Aufstehen hat Gründe. Einen meine ich im alpinen Stall auszumachen, wo die österreichische Kuh auf das frühe Gemolkenwerden wartet. Ein guter Bauer, der die Milcheuter seiner Doris, seiner Bella, Fiona und Rosa nicht zu lange warten lässt. Da können draussen noch die Sterne funkeln. Nächtlicher Arbeitsbeginn ist eine Tugend von grösster Österreichischkeit.
Als Primus aller Frühaufsteher können wir Kaiser Franz Josef identifizieren. Der Habsburger war seit seinem 13. Geburtstag, wo er zum Oberst eines Dragonerregiments ernannt wurde, Vollzeitmilitär. Und wie viele Soldaten in hohen Chargen war der erste Diener seines Staates krankhafter Morgenmaniker. Bis zu seinem Tod liess sich der daueruniformierte Kaiser um 3 Uhr 30 wecken. Klar, dass sich unter seinen Untertanen vor allem jene in Führungspositionen wiederfanden, die ebenso leicht wie er das Bett verlassen konnten. Der Selektions-Mechanismus des österreichischen Frühaufstehens hat über eineinhalb Jahrhunderte das Vormorgengrauen als Tugend etabliert und den Unfug des nachschlafenen Herumirrens mit bleierner Schwere über das Land gelegt. Denn Schlafen kann man auch in der Schnellbahn, im Stau und ganz gut auch im Büro. Nur in meinem Bett geht das nicht mehr so leicht. Weil neben mir gehämmert wird.



