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Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Nur die Filmgötter wissen mehr
Eine neue Website will das Filmemachen revolutionieren: Fans sollen per Mausklick über Produktionen abstimmen.
Andrea Maria Dusl meint aber: Filme entstehen diktatorisch, nicht demokratisch.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.3.2008)
Wenn es nach Kenneth Woo und Brett Icahn geht, dann sind die Tage mächtiger Studiobosse und einflussreicher Filmproduzenten gezählt. Wenn die Idee der beiden New Yorker Netz-Entrepreneurs aufgeht, bestimmen in Zukunft Filmfans, welche Blockbuster überhaupt in Produktion gehen. Online-Cinephile werden per Mausklick Script-Expertisen erstellen. Sie werden zu Castings einladen, mit Millionen-Budgets jonglieren und über Marketingstrategien abstimmen. Massify heißt die Internetplattform der findigen Kinodemokraten.
Die Idee, ein Publikum zu haben, bevor das Projekt in die Pipeline geschoben wird, ist bestechend. Aber eignet sich ein alchemistisches Produkt wie Film für basisdemokratische Entscheidungen? Gibt es überhaupt so etwas wie Gemeinsamkeiten in Geschmacksfragen? Ist Einzigartiges mehrheitsfähig? Von der Klärung dieser Fragen wird es abhängen, ob ein Experiment wie Massify das Filmemachen revolutionieren kann.
Wie entsteht denn im Moment noch ein Film? Wer entscheidet, welche Filme gemacht werden und wer bestimmt, wie sie gemacht werden? Das Publikum? Mitnichten. Egal ob Mainstream-Blockbuster oder Artsy-Fartsy-Kunstfilm, die Entscheidungen bei Filmproduktionen werden von wenigen getroffen. Um einen Filmstoff herum kristallisieren Produzenten Drehbuch, Regie und den einen oder den anderen Star. Manchmal gibt es den Hahn vor dem Ei. Manchmal zwei Eier und keine Henne, manchmal nur das Nest und kein Gegacker.
Egal, wann sie den Hühnerstall betreten: Filme werden von Einzelpersonen inszeniert. Das Kollektiv eignet sich nicht für die tägliche Arbeit an szenischen Direktiven. Produzenten und Drehbuchautoren können in Gruppen auftreten, sie können Bosse über sich haben und Berater unter sich, aber auch hier gilt: Je weniger Individuen an Entscheidungen herumbasteln, desto stabiler werden diese. Im Guten wie im Schlechten.
Die goldene Formel für den kassensprengenden Kunstfilm wurde nämlich noch nicht gefunden. Selbst in Hollywood gehen von fünf professionellen Versuchen, einen Blockbuster zu produzieren, statistisch gesehen vier in die Hose. Und Tinseltown, also: Hollywood, ist nicht neu im Geschäft. Welcher Film ein Renner wird, das wissen die Filmgötter. Wenn es sie gibt. Alle Versuche der Filmindustrie, das Publikum in künstlerische Entscheidungen einzubeziehen, führten bislang dazu, Unsicherheiten zu multiplizieren.
Testscreenings, Markterhebungen und Internet-Umfragen stärken die Geldbörsen der beauftragten Institute, auf die Erfolgschancen eines Films haben sie nur marginalen Einfluss. Dass ein Film mit Julia Roberts, Tom Cruise oder Nicole Kidman größere Chancen auf Publikum hat, dafür braucht es keine Onlineabstimmung. Und dass der nächste Harry Potter ein Renner wird, dazu genügt ein Gespräch mit dem Kartenabreißer.
Demoskopisch ließe sich allenfalls die Publikumsakzeptanz von Unbekannten und Geheimtalenten feststellen. Castingshows und Doku-Soaps funktionieren schon nach diesem Muster: Fernsehpublikum kürt Liebling, Liebling wird teilzeitberühmt, Publikum ist gerührt über die Richtigkeit seiner Entscheidung und begleitet Liebling zum Stapellauf der Karriere. Ob Liebling auf hoher See bestehen kann, zeigt sich spätestens nach dem ersten großen Sturm.
Ob Massify die kritische Masse für aussagekräftige Publikumsgröße agglomerieren kann, wird sich zeigen. YouTube ist ein rares Beispiel für Beliebtheits-Untersuchungen jenseits der statistischen Unschärfen. Millionen User stellen Millionen Clips online und fungieren als Quotenvolk, indem sie wiederum andere Clips ansehen, bewerten, weiterempfehlen oder ganz einfach nur ignorieren.
Wie sehr sich allerdings das Prinzip der Internet-Demokratie auch ins Gegenteil verkehren kann, zeigt der Buchversand-Gigant Amazon. Das Online-Bestellen von Büchern, CDs und DVDs ist verführerisch einfach, ebenso das Bewerten derselben. Mit bösen Folgen: Die Buchkritiken des Monopolisten werden von einer relativ kleinen Gruppe meist anonymer Hardcore-User verfasst, die sich mit Verlags-Textern und versprengten Fans Bewertungsschlachten liefern, die allfällige Leser verwirrt zurücklassen.
Die Gefahr ist gering, dass Independent-Filme in Zukunft vom Wohl und Weh einer amorphen Community von Massify-Power-Klickern abhängt. Denn die Frage stellt sich: Wollen wir wirklich alles entscheiden? Wollen wir uns in Zukunft all das ausdenken müssen, womit wir eigentlich überrascht werden wollen? Wollen wir Publikum und Produzent sein? Oder nur eines davon? Film ist ein diktatorisch erzeugtes Produkt, das von Demokraten konsumiert wird. Die Verfassung des unbekannten Landes namens Film hat nur einen Paragraphen, der da lautet: Du darfst nicht langweilen. Die Gefahr ist groß, dass es beim demokratischen Filmemachen zum Verfassungsbruch käme. Oder anders gefragt: Von wem möchten wir uns einen Tarantino-Film inszenieren lassen: Von Tarantino oder von seinem Publikum?
27. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Nachtschaffen
Von der Unfähigkeit der Österreicher, zivilisiert mit dem Tagesanbruch umzugehen.
Kolumne für die Wochendausgabe der Salzburger Nachrichten - 9.2.2008.
Ich muss gestehen, ich liebe den Schlaf, er ist so traumhaft wie regelmässig, gehört ganz mir und kostet mich nichts. Der Schlaf ist mein Freund, er kommt spät, aber er ist treu und stellt keine Fragen. Er ist da, wenn ich ihn brauche, aber er flieht, wenn man ihn stört. Neuerdings hat mein Schlaf grosse Schwierigkeiten mit dem Haus neben uns. Denn im Haus neben uns wird gebaut. Ab fünf Uhr früh. Obwohl es noch zappenduster ist. Denn Bauen ist gut. Und früh ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was gegraben: Laut muss es sein. Und früh. Ist es laut, ist es gut. Ist es früh, ist es perfekt.
Das Bersten der Ziegel, das Knallen der Gerüstrohre, das Kreischen der Sägeblätter erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht weiter. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf. Im Frühstücksgedächtnis der Hauptstädter ist das morgendliche Hämmern und Klopfen, das Knattern von Dieselaggregaten und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundheit. Mein Schlaf sieht das anders.
Der österreichische Morgen ist ein Phänomen von ungeheurer Absurdität. Der österreichische Morgen beginnt nämlich gleich nach vier Uhr Nachts. Lange bevor die Morgen anderer Länder beginnen, und lange bevor der tatsächliche Morgen graut. Der Sonnenaufgangsmorgen, der wirkliche Tagesbeginn. Denn Österreich zählt zu den frühaufstehenden Nationen. Ich behaupte: Österreich ist die einzige frühaufstehende Nation. Österreich steht auf, wenn sich andere gerade niederlegen. Warum ist das so? Warum müssen Österreicher zu Zeiten aufstehen, wo sich Andalusier und Neapolitaner gerade schlafen legen?
Das frühe Aufstehen hat Gründe. Einen meine ich im alpinen Stall auszumachen, wo die österreichische Kuh auf das frühe Gemolkenwerden wartet. Ein guter Bauer, der die Milcheuter seiner Doris, seiner Bella, Fiona und Rosa nicht zu lange warten lässt. Da können draussen noch die Sterne funkeln. Nächtlicher Arbeitsbeginn ist eine Tugend von grösster Österreichischkeit.
Als Primus aller Frühaufsteher können wir Kaiser Franz Josef identifizieren. Der Habsburger war seit seinem 13. Geburtstag, wo er zum Oberst eines Dragonerregiments ernannt wurde, Vollzeitmilitär. Und wie viele Soldaten in hohen Chargen war der erste Diener seines Staates krankhafter Morgenmaniker. Bis zu seinem Tod liess sich der daueruniformierte Kaiser um 3 Uhr 30 wecken. Klar, dass sich unter seinen Untertanen vor allem jene in Führungspositionen wiederfanden, die ebenso leicht wie er das Bett verlassen konnten. Der Selektions-Mechanismus des österreichischen Frühaufstehens hat über eineinhalb Jahrhunderte das Vormorgengrauen als Tugend etabliert und den Unfug des nachschlafenen Herumirrens mit bleierner Schwere über das Land gelegt. Denn Schlafen kann man auch in der Schnellbahn, im Stau und ganz gut auch im Büro. Nur in meinem Bett geht das nicht mehr so leicht. Weil neben mir gehämmert wird.
14. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Ich blogge, also bin ich
Warum alle Welt ihre Meinung im Internet verkündet und doch niemand davon klüger wird.
Mein Biobäcker bloggt, meine Möbeltherapeutin bloggt, mein Verleger bloggt, meine Kolleginnen und Kollegen sowieso. Und letztens hat sich gar das Leitfossil der gedruckten Meinung, Kronen-Zeitung-König Hans Dichand, einen Blog auf den Leib schneidern lassen. Andrea Maria Dusl für Standard-RONDO vom 29.2.2008
Blogs, jene vertrottelte Wortchimäre aus "Web" und "Log", sind zur Hauptquelle eines vermeintlichen Weltwissens geworden. Das Lexikon hat ausgedient und setzt antiquarische Patina an. Die Brockhaus-Enzyklopädie wird, jüngsten Meldungen zufolge, sogar überhaupt nicht mehr als Print-Ausgabe neu aufgelegt, sondern wandert ab 15. April als kostenloses Lexikon ins Internet. Die Bibliothek verstaubt zu einem Altpapierlager, und die Zeitung versteht sich als Museumsfenster in eine vergangene Zeit. Information wird nach dem Grad ihrer Zugänglichkeit bewertet, Zuverlässigkeit ist kein Kriterium.
Dabei hat alles so schnuckelig angefangen. Philantrope Programmierer stellten kostenlos downloadbare Programme zur Verfügung, mit denen Webseiten unkompliziert und formal ansprechend mit Texten gefüllt werden konnten: Smarte Blogsoftware für alle - die Blogosphäre war geboren. Vorbild waren die millionenteuren Redaktionssysteme der großen Printdampfer, die damit ihre Websites mit aktuellen News sowie den Netz- versionen ihrer Printausgaben beschickten.
Privatblogs sahen plötzlich so gut aus wie die Online-Ausgaben von Times und CNN. Statt einer Heerschar von Journalisten zangelten Einzelne und stellten heiße Luft ins Netz. Blog-Content ist unredigiert und unreflektiert, aber schnell. Fatal in einer Welt, in der Geschwindigkeit eine Tugend ist. Semiprofessionelle Nachrichtenerzeuger wie Künstler und Sportler ergriffen die Chance gleich nach den US-Bobos. Sie beschickten ihre Blogs mit Vernissagengeplapper und Fanpost, der Bekanntgabe von Medaillengewinnen und den Bulletins von Knochenbrüchen und Sehnenzerrungen.
Die Wohnzimmer-Blogger konterten mit tagesaktuellen Berichten über Geburtstagsfeten, Autokrankheiten, die Befindlichkeiten ihrer Katzen und Hunde oder wälzten breit aus, was ihnen das Leben schwer- oder leichtmache. Aufgepeppt waren und sind die Ergüsse der Home-Poster mit Privathandyfotografie und redundanten Fundstücken aus dem Weltweitnetz.
Ein Sub-Genre der Szene, Blog-Archive wie Technorati, beschäftigen sich ausschließlich damit, zitable Blogs zu reihen und zu bewerten. Damit imitieren sie die Affirmationsmechanismen von wissenschaftlichen Publikationen auf niedrigem Niveau: Wer oft zitiert wird, muss besser sein.
Natürlich hat auch die Welt der Blogs ihre Helden und Stars. Sichtbar stellt sich deren Ruhm allerdings erst dann ein, wenn traditionelle Medien darüber berichten. Erst dann schnellen Clickraten in die Höhe.
Dabei hat sich alles so romantisch entwickelt. Unterdrückte Kopftuchträgerinnen machten sich in Blogs über den Alltag unter iranischen Mullahs Luft, Dissidenten-Nerds posteten aus dem bombardierten Bagdad, und Geheimwissensträger berichteten Geheimwissen aus der US-Army oder strategischen Unsinn aus den Microsoft-Headquarters.
Weniger romantisch kommt mittlerweile der größte Blog der Welt daher, Wikipedia, das Archiv des Halbwissens. Zusammengetragen von einem obskuren Zirkel an Teenagern, Mittelschullehrern und Privatgelehrten schreibt Wikipedia das Weltwissen neu. Information wird zum Ergebnis pseudodemokratischer Abstimmungen degradiert, Wissen mit Glauben verwechselt, Wahrheit mit Googlebarkeit.
Studenten, die sich ihr Prüfungswissen mittels Wikipedia anbüffeln, wundern sich, warum sie durchfallen. Politiker, denen die Mechanismen der Meinungsmache nicht fremd sein sollten, fallen regelmäßig über selbstlaufende Blog-Hypes rein.
Im schlimmsten Falle greifen sie selbst zur Tastatur und klopfen öde Tagesbefindlichkeiten, Schlechtgeschriebenes und Selbstgedachtes in ihre "Privatblogs".
Die Welt ist zum Netz geworden und das Netz zur Blogosphäre. Wissen wir jetzt mehr? Nein. Wir finden das Unbeantwortete nur schneller. Maxim Biller, Altmeister der publizistischen Selbstbezichtigung, hat völlig recht mit der Diagnose: Mittlerweile schrieben mehr Menschen, als dass sie läsen.
Das Pendel wird zurückschnellen. Ich prognostiziere die Renaissance traditioneller Lexikalik und das Wiederauferstehen der Recherche.
Es sollte mich sehr wundern, wenn Googles Eggheads nicht schon an profunden Glaubwürdigkeitstools arbeiteten. Und die wissenschaftliche Comunity, die ermahne ich: Schreibt uns Wikipedia neu. Ein Klacks für euch. Eure Gegner sind pubertierende Nerds und arbeitslose Lehrer.
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Kommentare aus der Standard Poster-Gift-Küche:
millerntor
01.03.2008 09:24
wie schön, dass sich alle Blogger immer auf die Füße getreten fühlen und reflexartig ihr Pulver verschießen: "Futterneid" wird dann gut schreib- und lesbaren Menschen vorgeworfen, "Altertümlichkeit" oder "Frechheit". So wie in Blogs Meinungen in die Welt gesetzt wird, ist es durchaus die Aufgabe von Journalisten, Meinungsstücke zu verfassen. Deshalb ist es eine Frechheit von Blogeinträgen wie hier, einen Text wie den der Dusl als Frechheit zu bezeichnen. Vielleicht ist das überhaupt der Grundirrtum der Blogosphäre: Dass sie meint, Meinungen zu verfassen. Statt zu recherchieren oder zu berichten, reagieren sie nur. Suchen Texte von anderswo und kopieren diese in ihr Blogs. Wenn Copy&Paste besser sein soll als eine Analye - bitteschön.
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Langlebiges Feuerzeug
01.03.2008 07:08
Die Dusl bloggte doch schon avant la lettre. Oder hat irgendwen die Om-Dom-Khom-Wetter-Kolumne im Falter oder das Alltagskastl, das vor "Fragen Sie Frau Andrea" im Blatt stand, je interessiert?
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Donatus Schmid
29.02.2008 22:39
Wenn ich mir auf Wikipedia, die sie ja als Produkt von obskuren Teenagern und Mitttelschullehrern bezeichnen, so ihre akademische Laufbahn ansehe, könnte man fast glauben, sie hätten sich auch ausschliesslich mittels Wikipedia vorbereitet.
Oder haben sie freiwillig, völlig unromantisch aufgegeben ?
Hey Dusilova, warum bloggen sie sich denn ins eigene Nest ? Worüber man nicht sprechen kann,
sollte man "Electric Silence" walten lassen.
http://bureau.comandantina.com/archivos/...usic_room/
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Interessent
29.02.2008 21:52
Natürlich schmeckt es Profis (?) nicht, dass sie Konkurrenz bekommen haben. Ob diese allerdings weniger professionell ist? Bestimmt sind mindestens 90% der Bloginhalte von mangelnder Qualität bzw. verzichtbar. Das gilt aber uneingeschränkt auch für die traditionellen, kommerziellen Massen-Medien - Webangebote diverser Zeitungsverlage miteingeschlossen.
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kinn
29.02.2008 20:50
Mittlerweile schrieben mehr Menschen, als dass sie läsen. Ich habe mir alle blogs dieser Seite durgelesen bevor ich das hier schrieb. Ich gehöre also noch zu den Lesern.
Bücher sind wirklich einzigartig, geballte Information, wirklich oft verständlich verfasst, .....
leider im Netz meist schwer zu finden oder nicht verfügbar, teuer und schwer.
Ich lese mir lieber 20 halbwahrheiten schnell durch und bilde mir meine Meinung, als im Brockhaus nachzuschlagen. Manchmal kann ich als Nerd anderen Leuten auch helfen ein bestimmtes Problem zu lösen.
"...und doch niemand davon klüger wird"- das ist eine Frechheit und 100%ig eine Unwahrheit.
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blog.bassena.org
29.02.2008 20:50
Alle doof - außer Mutti
Liebe Frau Dusl,
in der "Blogosphäre", wie auch im Standard, gibt es Autoren, die überzeugen durch Kompetzenz und Autorität. Andere müssen erst Anderes zu Dreck erklären, um selbst ein bisschen zu glänzen. Die einen mehr, die anderen weniger, je nachdem, wie tief im "Müll" sie sich selber wähnen.
Danke für diese Einblicke.
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Com Pirx
29.02.2008 19:15
Dusl, das war eine 3 minus. Zur Strafe lesen Sie den Brockhaus und zwar schön brav von vorne bis hinten, alle Bände, und keine Seiten überspringen, gell.
Warum dürfen Sie überhaupt schreiben, nachdem Sie so schön gezeigt haben, dass Sie ein Teil des Problems sind?
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Roman Pfefferle
29.02.2008 19:09
PoWiki
"Und die wissenschaftliche Comunity, die ermahne ich: Schreibt uns Wikipedia neu."
Für die Politikwissenschaft sind wir längst dabei: http://powiki.univie.ac.at
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==McMurphy==
29.02.2008 18:41
die wissenschaftliche "community" sind auch nichts anderes als "pubertierende Nerds und arbeitslose Lehrer.";
und die renaissance traditioneller "sonstnochwas" ist ja wohl ein wunschtraum jener, die sich >jetzt< die müllhalden-70er ihrer eltern in den wohnraum stellen und ihre bücherregale mit meterwarenlexika aufzufüllen trachten, um über ihre retrosehnsüchte hinwegzukommen.
es wird wirklich zeit, das papier im museum zu lassen und den archivaren die digitalisierung aller wichtigeren dokumente ans herz zu legen.
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Erzsébet Lucas
29.02.2008 19:20
Re: die wissenschaftliche "community"
Unglaublich ,was schon manche in ihren 30ern und 40ern über 'die Zeiten' zusammenjammern.
Man könnte glauben, die Frau ist schon jenseits der 80.
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x aeins
29.02.2008 19:01
Re: die wissenschaftliche "community"
geb ihnen recht Verfasser dieses Artikels suggeriert eine Überlegenheit, die er/sie (vermutlich) nicht besitzt, in der Art des klassischen Spiegel-Journalismus.
spätestens seit Friedrich Schiller gilt:
in der fülle liegt die klarheit
und im Abgrund liegt die wahrheit
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politisch verfolgt
29.02.2008 17:27
hui
da hat sich jemand frust von der seele geschrieben. auch wenns teilweise stimmt, was hier etwas arrogant bemeckert wird, klingt es aus der tastatur einer journalistin ein bisserl nach futterneid.
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Erzsébet Lucas
29.02.2008 17:15
*gähn*
Kommt mir vor, wie das Gejammere der Pfaffen seinerzeit zur Erfindung des Buchdrucks.
Verderbtheit und Oberflächlichkeit werden das Volk verlottern lassen...
Das Internet ist das 1. Massenmedium, das nicht nur top-down funktioniert und das scheint einigen nicht zu passen.
Das Ende der Recherche wurde übrigens schon jahre vor den bloggern eingeläutet - als berufliche Schreiberlinge (sog. Journalisten) nur mehr Lobbyistenaufträge und Agenturmeldungen verbreiten zu begannen.
1. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Mein Ring
Redehaus und Teewagen, Beamtenfrühverkehr und Demonstrationsstraße, Lichtermeer und Gackiwüste. Über die Straße, die mich mit der Welt verbindet – oder nur so tut.
Andrea Maria Dusl für "Der Standard / Album." Erschienen am 31. Dezember 2007. Langversion des Essays. -->Hier gibt's ein pdf. der gedruckten Version.
Der Ring. Er ist die wichtigste Strasse der Stadt. Und schon das ist ein Irrtum. Denn streng genommen liegt der Ring gar nicht in der Stadt. Und noch strenger genommen liegt er auch nicht ausserhalb der Stadt. Jener Boulevard, den der Volksmund "Ring" nennt, ist eine bizarre Chimäre, die zwischen Cité und Faubourg liegt und nirgendwo hinführt. Ein Cingulum, das die Stadt vieleckig umkreist. Der Anus der Stadt. Nicht mal zur Revolution taugt er. Denn aus Angst vor marodierenden Bürgern (und wohl nach Konsultation eines Pariser Polizeipräfekten) wurde die Strasse mit extra grossen Granitwürfeln bepflastert, die wegen ihres Gewichts sogar die wütendste Umstürzlerhand nicht weiter als eine Gehsteigbreite weit werfen kann.
Ich bin nicht in Wien aufgewachsen, sondern jenseits des Kais, auf einer Insel. In der Leopoldstadt. Ein Unternehmen der besonderen Art war es stets, “in die Stadt zu gehen”. In die Stadt, das war alles, was innerhalb des Rings lag. So brachten es uns die Nonnen in der Leopoldsgasse bei. Dass der gütige Kaiser aus der guten alten Zeit das schöne Wien von der schirchen Stadtmauer befreit und den Wienern die prachtvolle Ringstrasse geschenkt hatte. So ungefähr beschrieben die Nonnen das Spekulationsunternehmen Ringstrasse. Jene Geldbeschaffungsaktion, bei der wertvoller Baugrund parzelliert wurde, um Zaster in die aperen Habsburgerkassen zu spülen. Gütig war daran nichts, prachtvoll zumindest die Ergebnisse.
Die Wiener Ringstrasse müsste eigentlich Österreichische Ringstrasse heissen, denn zur Realisierung des gigantischen Projekts hatte der Kaiser den Innenminister betraut und diesem den gerade von ihm gegründeten Stadterweiterungsfonds unterstellt. Seine Aufgabe war es, die neu entstehenden Baugründe auf dem Glacis, dem ehemaligen militärischen Aufmarschgebiet rund um die Stadt und jene, die das Schleifen der Stadtmauern und Basteien freigegeben hatten, parzellenweise an Grossindustrielle zu verkaufen. Mit dem Erlös finanzierte das Innenministerium die geplanten habsburgischen Bauten - in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit das Kriegsministerium, zwei zur Unterdrückung allfälliger Revolutionsgelüste gerichtete Kasernen, die Hofoper, das Burgtheater, das Parlament zwei kaiserliche Museen und eine Universität. Für den kaiserlichen Staat war der Bau der Ringstrasse ein gutes Geschäft, nicht jedoch für die Stadt Wien. Der traditionell habsburgerfernen Kommune war nicht einmal Mitspracherecht zugestanden worden. Die Kosten für Infrastruktur - der Bau der Kanalisation, Wasserversorgung, das Verlegen von Gas- und Stromleitungen, von Straßen und Straßenbeleuchtung, der Elektrifizierung der ursprünglich privaten Straßenbahn mussten aus dem Gemeindebudget bestritten werden. Und die Kosten für den einzigen städtischen Repräsentationsbau musste Wien zur Gänze selbst aufbringen. Ein Rathaus war dem Innenminister nicht wichtig gewesen. Nicht ohne Pikanterie steht es eigentlich an der Zweierlinie, nicht in der ersten Reihe. Das gute Geschäft für den Staat bezahlte die Stadt mit hoher Verschuldung.
Meine erste Begegnung mit der Ringstrasse war erzählerischer Natur. Sie führe jetzt mit dem Tee-Wagen zur Oper, verkündete meine Großmutter. Dazu musste sie mit einer klapprigen Strassenbahn der Linie 33 die Brücke über den Donaukanal überqueren, den Ringturm passieren und auf den Tee-Wagen warten. Den stellte ich mir - Strassenbahnfahren war für kleine Kinder nicht - als eleganten Salonwagen vor, in dem livrierte Schaffner russischen Tee servierten. Weil die Grossmutter nicht unerwähnt liess, dass sie stets viertelstundenlang auf den Teewagen warten müsse, blieb der Teewagen auch dann für ich ein Rätsel, als ich schon selber Strassenbahnfahren durfte. Einen Teewagen habe ich nie gesehen und länger als 18 Minuten hab ich auch nie auf einen gewartet. Jahre später hat sich mir der (mittlerweile eingestellte) “T-Wagen” als grossmütterlicher Teewagen enthüllt. Bei meiner ersten Fahrt auf dieser Linie suchte ich enttäuscht nach den Tischchen, den Teesalonbänkchen und nach dem Samowar.
Die Schule, die ich jetzt besuchte, das Wasagymnasium, lag am Hang oben, einen Handschuhwurf vom Schottentor entfernt. Um kommod dahin zu reisen, bestiegen wir Gymnasiastinnen und Gymnasiasten die offenen Plattformen der Ringwägen und hielten uns mit klammen Fingern an den schokoladefarbenen Halte-Bügeln fest, der die Einstiege zweiteilte. Es war kalt und verboten, hier zu stehen, aber es hatte einen Grund. Der Ringwagen musste, eben mit viel elektrischem Schwung an der Börse vorbeigeschrammt, stets an der roten Ampel beim Schottentor bremsen. Er hielt selbst dann, wenn dort mal grün war, so stand es offenbar im Fahrerbrevier. Zeit genug, abzuspringen. Der verbotene Luxus brachte 7 Minuten Abkürzung. Das war auch in den Siebzigern ein Luxus. Gegenüber vom Schottenring-Kino war das, heute heisst es De France. Hier ist mein Schulkollege Friedrich Kurzweil eines Tages gegen einen Alleebaum, ich glaube es war ein Ahorn, gesprungen. Baum und Kurzweil haben stumm in sich hinein geschrien.
Acht Jahre fuhr ich den Ring hinauf. Vom Ringturm bis zum Absprung. Weiter als bis zum Jonasreindl kam ich nicht. Weiter hätte ich den Ring auch nicht besuchen müssen. Denn wozu ging man in die Schule? Um später, in der Blüte des Erwachsenwerdens auf die Uni zu gehen. Einen Pflastersteinwurf weiter westlich. Die Alma Mater Rudolfina war ein imposanter Bau. Ein Königspalast des Geistes. Der Wissens-Stadel hatte eine Tennbrücke, wie man am Land sagte. Eine Zufahrtsrampe. Aber welche Ernte wurde dort eingefahren? Und welche im Parlament? Denn auch das Redehaus der Palas Athene war solch eine Tenne. War das für die Bauern gedacht, war das ein ihnen begreifliches Sinnbild für Erfolg und Zuwachs? Hofoper und Burgtheater können ebenerdig betreten werden. Kultur und Demokratie sind Erfindungen der Bürgerkinder.
Der Ring, das waren auch elegante Greislereien, die sich im Souterrain staubiger Paläste eingenistet hatte, Bonbonnieren, Wurstsemmeln, Makrelen und Flaschenbier verkauften und nikotinsüchtigen Beamten überbrühten Kaffee und Cognac kredenzten. Im Sommer gab es hier Eis. Das Geld sitzt locker bei unterzuckerten Schulkindern. Der Ring, wie ich ihn kannte, als ich ein Schulkind war, roch nach dem düsteren Parkettöl, das unter den Ritzen der Eichenportale hervorkroch, deren Messingschilder von Anwaltskanzleien, Speditionsunternehmen, Versicherungen kündete. Und von dubiosen Vereinen, Kammern und Bünden, die stets das Wort “Österreichische(r)” im Namen führten. Und dann gab es noch zwei bizarre Geschäftsideen für Ringstrasselokale: Den Autosalon und die Fluglinienniederlassung. Leer waren beide.
Die Gehsteige waren in der festen Hand der Dackelbesitzerinnen. Hagere Greisinnen mit Alkoholfahne, grünen Lodenmänteln und Hutmützen aus dem Modellgeschäft. Ihre Waldis, Strolchis, Lumpis und Dachsis waren heilig. Die Hundsviecher bellten und schissen, die Greisinnen keiften und die Alleebäume darbten. Die Beserlparks am Ring waren trockene Hundegackiwüsten. Nur Mutantengras hatte eine Chance. Bis der Lumpi draufwischerlte. Wie überhaupt der Ring ja noch heute den Tieren gehört. In der Innenspur der Hauptfahrbahn drehen die Fiaker ihre Runden. Und weil ihre Lieblingsstrecke zwischen Burgtor und Schottentor liegt, sollte man den Schanigarten des Café Landtmann nur bei strömendem Regen besuchen. Denn nur dann darf man sich sicher sein, die Melange nicht im Pferdeapfelstaub einzunehmen.
Dieser Teil des Ringes ist nach Karl Lueger benannt, wahlweise unter D wie Doktorkarlluegerring, K wie Karlluegerring oder L wie Luegerring in den Plänen vermerkt. Bei mir, die sich Gassen, die nach Würdenträgern benannt sind, nicht merken will, heisst er Fiakerring. Er führt am Burgtheater vorbei und am Volksgarten. Der führt ein bescheidenes Doppelleben als beschaulich-tantiger Rosenpark und als Soul-Fokus für tanzwütige Altbobos. Hier habe ich sämtliche Zenite meiner Jugend begangen. Das Gegenüber dieser Örtlichkeit heisst Bellaria - Gute Luft, die gibt es hier auch wirklich. Gegen 4 Uhr morgens, kurz nach Einsetzen des Vogelgezwitschers und die wenigen Viertelstunden bis zum Anrollen des Beamtenfrühverkehrs. Die Gegend profitiert auch von ihrem revolutionären Charakter. Wann immer es substantiell zu demonstrieren gibt - es findet hier statt, zwischen Heldenplatz und Universität. Das hat weniger mit der aufrührerischen Magie dieser Orte zu tun, als damit, dass hier keine gläsernen Geschäftsauslagen auf mitgebrachte Baumaterialien warten. Nächtlich lässt sich der Heldenring gut beleuchten. Am besten mit Privatkerzen. Dreihunderttausend davon geben schon was her. Soviel zählte man beim Lichtermeer.
Der Lichtermeerring ist kurz, aber er führt in ein anderes Aufmarschgebiet. Jenes für die kochende Anarchistenseele. Die entzündete sich jahrelang am spätwinterlichen Opernball-Publikum.
Kurz bevor der Ring die Singbühne erreicht, zweigt stadteinwärts die Goethegasse ab. Das kleine Gässchen hat innerösterreichische Weltberühmtheit erlangt durch eine einschläfernd-belehrende Fernsehserie namens Ringstrassenpalais, in der die Creme der österreichischen Seriendarsteller mein Bild der verschnarchten Beamtenbüropaläste nachhaltig beschädigte in dem es dieses durch das noch viel Schlimmere ersetzte. Das falsche Portrait des herzensguten Österreichers mit grossbürgerlich-aristokratischem Stammbaum.
Hinter den Platanen bei der Oper dünnt das offizielle Repräsentationsprogramm der Gründerzeit-Palastarchitektur aus. Das Manegenrund der Stadt wurde ganz offensichtlich gegen den Uhrzeigersinn entworfen und bei Fünfuhr, dort wo jetzt das Hotel Imperial liegt, irgendwie aufgegeben. Hier fasert der Ring inhaltlich aus. Dem verdankt das Gartenbaukino, Wiens grösster Kinopalast seine Existenz. Gut, da haben wir nichts dagegen. Wienring müsste es hier heissen, fliesst doch hier, statt der Zweierlinie der namengebende Stadtfluss. Korsettiert und kanalisiert, ein Waldfluss aus dem Wienerwald, der sich in die Stadt verirrt hat.
Wollte man in Wien alleine sein, wirklich alleine, müsste man sich an den Schubertring bringen lassen. An einem trübseligen Novemberabend. Die Einsamkeit dieser Stadtgegend hat tragische Dimensionen. Nicht einmal Hunde werden hierher äusserln geführt. Aber eine Erinnerung von der anderen Seite des Glücks gibt es: Hier am Stubenring, kurz bevor die hängende Strasse nach Sibirien abrutscht, sperrte einst ein Lokal auf, das für kurze Zeit zum Mittelpunkt der Welt wurde. In den Achtzigerjahren, als Falco noch jung war, das Herz so rein und weiß. Jack und Joe und Jill hiessen wir und es war uns heiss. Das Lokal hiess nach dem ganzen Irrtum: Ring.
19. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Pink ist Pipsi
Eine neue Studie über die weiblichen Wünsche in Sachen Verbraucherelektronik beweist: Männer haben wieder einmal keine Ahnung, was Frauen wollen.
Andrea Maria Dusl für den Standard RONDO. Erschienen am 28. September 2007
Der Wasserhahn unserer Abwasch am Land, fünfzehn Jahre war er ein Fall für die männliche Familien-Intelligenz. Mein Vater hätte sie falsch an den Durchlauferhitzer angeschlossen, behauptete - er selbst. Ganz falsch, ganz anders, so mein Bruder. Der Hahn sei richtig angeschlossen, der Durchlauferhitzer hänge verkehrt an der Wand. Keineswegs, so die Lehrmeinung meines anderen Bruders: Unabhängig von den Begrifflichkeiten falsch oder richtig, verkehrt oder nicht verkehrt - im Gerät befände sich Rost, und das wäre das Problem. Das Problem. Was war denn überhaupt das Symptom? Der Hahn tropfte. Wenn man ihn voll aufdrehte. Mehr hatte er nicht drauf, als ein jämmerliches Tropfen. Wo andere Hähne flossen wie Ganges und Nil, Amazonas und Mississippi, da tropfte unser Hahn. Tröpfelte. Tröpfelte, wenn man ihn voll aufdrehte. Fünfzehn Jahre lang. 400 Euro für die Stemmarbeiten, prognostizierte der Dorfinstallateur. Mindestens. Es war ein Jammer. Und wenn es, da es ja schon ein Jammer sei, was ganz anderes wäre, fragte meine Mutter? Da kennst du dich nicht aus, sagte mein Bruder. Und wenn man das Teil aufschraubte, fragte ich? Da kennst du dich nicht aus, das andere Geschwisterkind. Fünfzehn Jahre ging das so.
Am ersten Tag nach dem fünfzehnten Jahr habe ich den Franzosen genommen, den tröpfelnden Nil abgeschraubt und bin damit zum Baumarkt gefahren. "Hier, der Hahn, das Ding. Geben Sie mir einen, der funktioniert. Farbe egal, Aussehen egal, Fabrikat egal. Einen, der funktioniert. Pronto." Fünfzehn Sekunden dauerte das. Fünfzehn Minuten mit dem Auto nach Hause, fünfzehn Sekunden, um das Gewinde des neuen Hahns mit Hanf zu umwickeln und mit dem Franzosen dranzuschrauben. Jetzt passt er. Tropft nicht, sondern fließt. Volle Kanne. Macht das, was Hähne tun sollen.
Und so wie mit dem hinigen Hahn ist das bisweilen auch mit anderen Dingen aus der Männerwelt. Sie funktionieren nicht. Nicht wie sie sollen und nicht wenn sie sollen. DVD-Recorder spinnen, Laptops husten, E-Mailprogramme haben ihre Tage und Waschmaschinen Migräne. Dann wird nach dem Mann gerufen und nach seiner Zange, seinem Kontrollblock, dem Reparaturprogramm, dem Diagnosestift. Und dann wird gebastelt und gedeutet, geschraubt und erklärt. Was es sein könnte und was nicht, was eher, und wenn, dann warum.
Technischer Diskurs hat stets etwas von Fußballverstehen. Frauen wird durchaus zugestanden, sich mit Analytischem einzubringen. Voraussetzung, es stellt das System nicht in Frage. Die technische Männerwelt. "Wieso bauen die keine Autos, die keinen Ölwechsel brauchen", "Wieso keine Programme ohne Bugs", "Wieso nicht Bedienungsanleitungen, die man verstehen kann". Wieso, wieso, wieso. Solche Fragen können nur Frauen stellen. Heißt es dann. Wieso stellen Männer diese Fragen nicht? Lieben sie das Wälzen von Bedienschwarten? Durchforsten gern Menü-Dickichte? Gewiss nicht. Aber sie stellen diese Dinge nicht in Frage. Nicht, wenn sie ein richtiger Mann sind. Ein Analysekerl, ein Reparaturheld, ein Problem-Achill.
Ich schere die Geschlechter gerade über einen Kamm. Ich teile in Blau und Rosa. So ungerecht dies auch ist, so unrichtig und oberflächlich, es ist genau das, was die Industrie tut: Sie verkauft uns Gender-Tools - das strassbestickte Handy mit Schminkspiegel und Menstruationskalender. Den Lady-Tool-Werkzeugkasten im fliederfarbenen Plüsch-Outfit. Und fürs Bad den rosa Ladyshave, vorparfümiert und blümchenbedruckt. Was soll das? Haare an Beinen lassen sich nur mit einem Gerät schmerzlos und schnell entfernen: einer haarscharfen Klinge. Farbe egal, Fabrikat egal, Blümchen machen das Ding nur pipsi. Haarscharf soll es sein und verlässlich. Funktionieren muss das Ding. Hoppla! Ist das nicht ein männlicher Wunsch? Keineswegs.
Aber in der Tropfsteinhöhle der Geschlechterressentiments gilt Technik ganz gegen jede empirische Realität als Männerdomäne. Das soll sich jetzt ändern. Wenn es nach einer neuen Studie geht, die das Unwohlsein der Frauen mit der großen weiten Welt der Verbraucherelektronik thematisiert.
Was Benutzerstrategien, Design und Präsentation von technischen Geräten betrifft, haben Frauen seltsame Ansprüche: Es muss nicht rosa sein, das Ding, aber funktionieren. Und zwar vom ersten Auspacken bis in alle Ewigkeit. Und zwar pronto.
28. September 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Stress Code
Ich muss gestehen, ich bin hochleidend, die Krankheit hat mich fest im Griff. Ich habe Stress. Und er kommt von Innen.
Erschienen in Standard-Rondo vom 31. August 2007
Als Hypochonderin der Stresskrankheit muss ich zudem unablässig jammern. Abhilfe gibt es keine, Hypochondrie ist unheilbar. Mein Leiden beginnt mit dem Aufstehen. Immer zu spät. Acht Uhr, was für ein Jammer, um diese Uhrzeit haben andere schon Mittagshunger. Und ich? Ich krabble erst schlaftrunken aus dem Futon, schalte den Kaffeemaschinenhauptknopf ein. Das ist der einzige, den ich in diesem Zustand überhaupt treffe. Warum ich so spät aufstehe? Schlechte Frage. Warum ich so früh aufstehe? Weil seit sechs die Bagger im Nebenhaus knattern. Zwei Stunden mit dem schlechtem Gewissen der Untätigen, das will mir erst wer vorliegen, im Futon.
Lähmend langsam quält sich das Wasser durch den Kaffee, schwitzt sich tröpfchenweise durch den Filter. Geht denn das nicht schneller? Die Leute draussen sitzen schon stundenlang in ihren Baggerschaufeln, und ich? Ich trödle mir ein Frühstück zusammen. Schwupp, den Laptop geweckt, Deckel hoch, rein ins Netz, klickediklick, schon wieder wer tot. Abgetreten vor der Zeit. Der Mann war doch noch jung, was hat er gehabt? Weissmannicht im Endstadium. Stress, murmle ich. Der Kaffee ist fertig, das Ei, geht denn das nicht schneller? Wieso können die nicht Drei-Minuten-Eier produzieren? Scheiss-Hühner. Was sagt die Mailbox? 257 Penisverlängerungen, 234 Viagra-Aktionen, 122 Anlage-Tips von den Boys in Nigeria. Na Bravo! Was sag ich, mein Spamfilter funktioniert doch! Wird besser, das Ding.
Wer hat geschrieben? Aja. Emma Taylor, Darn Franco, Francisco Dean und Noel Carmelia? Bilder. Aber sicher. Sandy Atkins, Cecil Donovan, Farrah Alesia und Guy G. Vasques. Gute Namen, denkt sich sicher ein Spezialist aus. Alle "tired tonight". Kenn ich. Die Semmel ist hart. Wieso war ich nicht beim Bäcker? Die Butter ist aus. Wieso nicht beim Spar? 8:10, wie lange geht das noch mit dem Tachinieren, Schätzchen, die Jungs draussen, haben schon ein Zwischengeschoss betoniert! Und Du? Du zappst Dich durch den Mailwald. Arbeite was! Zweite Tasse. Anziehen vergessen. Zahnputz vergessen. Mach was, schreib was, die Zeit verrinnt. 25.000 Zeichen vom Buch hast Du Afra vom Verlag bis Abend versprochen, Tommy vom Film wartet auf die Projektliste, Dr. Müller wartet auf Dein okay. Sandy Atkins, Cecil Donovan, Farrah Alesia, Guy G. Vasques. Stefan aus Gävle will wissen, ob ich ihnen einen Gig organisieren kann, med vänlig hälsning, was sag ich ihm?
Draussen knattert es, die neue Marmelade tropft anders als die alte. Wie war das früher? Wie. war. das. früh. her? Wann früher? Früher, als man noch frühstückte. Nach dem Aufstehen. Vor dem Arbeiten. Frühstückte man da? Knatterte es da? Irgendwer muss doch all die Siebzigerjahrehäuser errichtet haben. Wieso erinnere ich mich nicht daran? Wieso erinnere ich mich an Gerüche, aber nicht an Lärm? Ringrang, störe ich? Nein du störst nicht, du störst nie, was gibts, verstehe, aha, ja genau, ruf mich an, nein mail mir, ganz sicher, naja, bis halbzwei. Heute? Ausgeschlossen. 26.000 Zeichen. Ich sitz sicher bis Mitternacht. Ja, wennsihr wieder, ruf an. Klick. Wo war ich? 27.000 Zeichen vom Buch hast Du Sandy vom Verlag bis Abend versprochen, Cecil vom Film wartet auf die Projektliste, Dr. Vasques wartet auf Dein okay. Darn aus Gävle will wissen, ob ich die Bilder anschauen will. Ja ich bin müde. Oke. 8:20, die Zeit vergeht. Es wird sich nicht ausgehen. 28.000 Zeichen. Gut.
Wie hiess die? Wie hiess die Datei? "ÖO Der ganz lange dicke Hund 5.2.rtf" Fünfpunktzwei? Wieso ist die nicht da? Ringrang, Ringrang, hallo? Nein du störst nicht, du störst nie. Müllers Nummer? Moment. Knaterknatter, klick. Hallo? Tasse drei. Ringrang, Ringrang, hallo? Ja, das war bei mir. Sie bauen, keine Ahnung, plötzlich bist du weg. Ja ein Haus. Seit drei Jahren. Jeden Tag um sechs. Punkt sechs fangen sie zum Knattern an. Das Pdf. Genau. Von wann ist das? Aha. Also ich hab da nichts. Nein. Moment. Ja. Mai. Natürlich. Mai war das. Hallo? Haaaaalo? Ja plötzlich warst Du weg. Mai. Pdf. Hab ich, schick es Dir. Keine Ursache. Baba! Knatterknatter. Was wollte ich?
Ach ja, anziehen wollte ich. Mich. Tüdelü? Tüüdelüü. Ja? Wer? Amazon? Ja. Tür 7. Dring. Wo ist die Bluse? Wieso ist da ein Fleck? Der Amazonmann. Armer Kerl, muss arbeiten wie Sau. Scheisskapitalismus. Wo ist die Zahnpasta. Räääääääng. Wieso ist der schon da? Moment, moment! Bluse an, Rock an, Haare, Spiegel. Tür. Bin schon da. Tür. Aha. Ja. Tür Sieben, ja ich. Da muss ich unterschreiben? Hier, für sie, danke. Tasse vier. Wieso ist die Milch schon aus? Was wollte ich? Genau. Schp schp. Klick, Ablage. Neu. Ohne Titel 12. Schp schp. Klick. Aha. Mail. Eingang. Schrolscrollscroll, scroll, Böhm, Markus. Aha, Stressessay Erinnerung. Klick. Rondo Spezial zum Thema "Luft holen / Sauerstoff". Essay über "Mein Gott, hob i an Stress", Umfang: 150 Zeilen (4200 Anschläge) Abgabe: 27. Juli. Was hamma heute? 25. Juli, geht sich aus. Apple-C schp-schp. Klick. Klick. Apple-V. Tasse fünf. Wo ist das Milchpulver? Klickklick. Schp-schp.
Ich muss gestehen, ich bin hochleidend, die Krankheit hat mich fest im Griff. Ich habe Stress. Und er kommt von Innen.
1. September 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Mein Papst?
POLEMIK Wenn ich glaube, dann mir. Eine Lästerung.
Erschienen anlässlich des Österreichbesuchs von Papst Benedikt XVI. im Politikteil von Falter 35/2007.
Wem gehört dieser Papst eigentlich? Wenn es nach Karl Ratzinger und seiner Organisation geht, gehört der Papst uns allen. Sofern wir rechten Glaubens sind. Wenn es es nach den Deutschen geht - die sind nämlich jetzt Papst - gehört er mit Haut und weissem Haar unseren Kollegen im Tschüssiland. Die Italiener wiederum haben den Pontifex wie stets zu ihrem ganz persönlichen Väterchen ausgerufen. Allen gehört er. Nur mir nicht. Ich hab nämlich nichts am Hut mit dem Mann mit der Friseurstimme.
Despektierlich, nicht wahr, wie ich über den Heiligen Vater spreche! Aber ich kann nicht anders, die Nonnen, die mich als Kind gequält haben, haben mich für die katholischen Glaubensinhalte und ihr Personal verdorben. So böse haben sie es mit mir getrieben, dass ich das Konzept Glauben überhaupt eingestellt habe. Wenn ich an etwas glaube, dann an mich. Vatikan brauche ich dafür keinen. Despektierlich, wie ich eine Lichtfigur vom Format Benedettos hier in laizistische Schmonzes schachtle. Aber so würde auch die Rapidseele kochen, wenn ich Sankt Hanappi der Unwichtigkeit ziehe.
Auch wenn sich in meinem Seelengebirge Mariazell spirituell nicht mit dem Stadionbad messen kann, die katholische Kirche lässt mich nicht kalt. Ihre Rituale sind ja nicht ohne: Vereinsversammlungen unter Alkoholkonsum, symbolischer Kanibalismus, alleinstehende Männer in Spitzenkleidchen, die sich von jungen Buben in ebensolchem Fummel Weihrauch zuschwenken lassen. Tuckiges Kulttum, das tief aus dem vorantiken Babylon auf uns gekommen ist. Dazu ein Religionsheld, der zu Abertausenden an unsere Wegesränder genagelt ist. Langhaarig, ausgemergelt und nackt.
Gäbe es das Konkordat nicht, den Vertrag zwischen Vatikan und Staat, der seltsame Verein müsste wegen Obskurantismus unter Beobachtung gestellt werden. Wenn das Reich Gottes kommt, wird dann die Republik abgeschafft? Und wieso wird der Obmann auf Lebenszeit gewählt? Und nicht jährlich ermittelt, wie in jedem kleinen Sparverein? Nun gut, über Volkes Opium soll nicht gelästert werden, siehe Rapid. Wem diese Zeilen seelisch zusetzen sollten, möge sich bei den Schulschwestern beschweren. Die haben Schlimmeres mit mir angestellt.
Vom ideologischen Standpunkt gefällt mir weder der Katholizismus noch irgendeine Gottesprojektion, da bin ich nicht wählerisch, nicht mal die Buddhisten haben meinen Segen. Vom modischen Podest aus betrachtet hat der beliebte Haufen allerdings meinen grossen Respekt. Aber Hallo! Die Grandezza, mit der sich Päpste in goldenen Riesensänften durch die Fans transportieren lassen, ist unerreicht. Das bringt nicht mal der Aga Khan. Nach dem doch eher spartanisch gewandeten polnischen Pontifex steht in Benedikt XVI endlich wieder ein Kirchenoberhaupt vor uns, dessen Kleiderschränke prall gefüllt sind mit bischöflichem Fummel. Allein über Benedikts Wiedererweckung des Camauro, jenes blutroten, hermlingesäumten Tantenhütchens, das er für öffentliche Winteraudienzen aus der päpstlichen Kleiderkiste gezogen hat, verdient er uneingeschränkten Modisten-Applaus. Pradaschühchen und Guccibrillen, der alte Herr hat es daheim im stillen Kämmerchen sicher faustdick auf den Kleiderbügeln.
Was mir weniger gefällt, ist die offizielle Homophobie des doch ganz und gar am rosa Ufer tänzelnden Vereins. Von Jesus, dem Vorpapst und Spross einer Patchworkfamilie sind mir jedenfalls keine schwulenfeindlichen oder heterophilen Dogmata in Erinnerung. Gut, der hatte auch mit einem schlichten Leinenhemd sein modisches Auslangen gefunden und ging zu seinen Anhängern noch zu Fuß.
30. August 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Die Krise des guten Menschen
POLEMIK Über die Krise der Anständigen, die in die Falle gerieten.
Als: 'Sankt Gutmensch' - leicht gekürzt - erschienen in Falter 34/07. Dieser Text ist die Originalversion.
Als die Welt Kopf stand, war sie noch in Ordnung. Als der Millimetternich sich mit dem Bärentaler paarte. Es war eine Welt, wie sie die Szenaristen des Grauens entworfen hatten. Schüssel kletterte auf den Bundeskanzlersessel, in die Ministerien torkelten Witzfiguren. Die EU stellte das Land unter politische Quarantäne. Der erste Winter des neuen Jahrtausends begann mit dem Armageddon des guten Menschen, dem Bürgerkrieg der Worte.
Wer das Herz am linken Fleck verspürte, ging auf die Strasse. Das Auf-die-Strasse-gehen. Es hatte etwas Heiliges. So hatten wir Zwentendorf verhindert, das Kraftwerk in Hainburg, so waren wir dem Aufkeimen des Sonnenstudio-Faschismus begegnet, dem tumben Ausländerhass, der Verklärung der Kriegsgeneration. Die Strasse hatte was Gutes. Auf der Strasse war schliesslich auch die DDR abgetragen worden. Und das Regime in so manch anderem Ostblockstaat. Friedlich, mit Schlüsselbund und Kinderwagen.
Wolfgang Schüssel schien immun zu sein gegen die donnerstäglichen Protestbewegungen. Das Böse hatte einen Namen, das Gute war unterwegs. Wie Pilze schossen die Sammelbewegungen der Unterdrückten aus dem Boden, das Myzel der Privatsolidarität breite sich im Land aus, Caritas und Kommunisten fanden sich plötzlich auf der selben Seite wieder. Auf der Guten. Wenn man so will, war das auch eine Revolution. Jesus und Marx waren doch aus dem selben Holz geschnitzt, oder?
Endlich Feuer am Dach. Es war wie bei der freiwilligen Feuerwehr: Endlich konnten wir zeigen, wie gross der Druck in den guten Schläuchen war. Die Falle war zugeschnappt. Oder vielleicht so: Etwas war zugeschnappt, was so funktionierte wie eine Falle. Die Falle des Gutmenschen. Bis zum Hals staken wir drinnen. Im Guttun, im Spenden, im Aufrufen, im Verbünden. Indem unsere Häuptlinge, die Heiligen des Landes sich der Bedürftigen annahmen, indem sich Sankt Resetarits, Sankt Danzer, die Heilige Ute, der heilige Florian und Hunderte anderer der Linderung von Leid verschrieben, sie sich der Ausgegrenzten und Abgeschobenen widmeten, der Mundtotgemachten und der Brustkorbfixierten, nahmen sie dem Staat aus der Pflicht. Den Staat, das Gemeinwesen. Den wir jetzt als das gemeine Wesen wahrzunehmen begannen.
Amerikanische Zustände zogen in die Republik ein. Das Dilemma: Mit jeder guten Tat, mit jeder herzerwärmenden Privatinitiative, mit jedem Solidaritätsfest näherte sich der Gutmensch einem Sozialverständnis an, das im Staat nur mehr den Hüter von Recht und Ordnung sah. Dem Recht auf Aktienbesitz und die Ordnung der Kursgewinne.
Die Charity-Veranstaltung der Schwerreichengattin und die Wintermantelsammlung der Pensionistin nagten an den Grundfesten. Zwischen Sozial und Staat war der Bindestrich immer länger geworden. Und in der Regierung sassen die Totengräber. Es war zum Aus-der-Haut-fahren. Lethargie und Depression schlich in unser Gutmenschenherz. Postrevolutionäre Apathie. Ein Ildefonso aus Weltschmerz und Hoffnungslosigkeit. Wir, die Donnerstagsgeneration, wir hatten scheinbar versagt und schlichen uns ins Bobo-Biedermeier. Schwarzblau erodierte ganz von selbst, nicht der Kristallprinz wurde König, sondern der dicke Ybbser.
Durch eine Revolution ist in Österreich noch keine Regierung zu Fall gekommen. Dazu gibt es im Gedächtnis des Landes keine Erinnerung. Das Volk hat dem Herrscher nie den Kopf abgehackt. Der Umsturz ist nie von unten gekommen, sondern immer nur aus dem Büro. In Zeitlupe, unhörbar und ohne Aufregung. Zitzerlweis sozusagen.
Im Lichte dieser Erkenntnis wollen wir also nicht aufgeben! Es werden sich doch Büromenschen finden aus dem apathischen Gutmenschenildefonso! Denn nicht auf der Strasse wird das Land umgebaut, nicht am Spendentisch, nicht in der Demo-Zentrale. Sondern ganz Old-School in den Ministerien und Ämtern, den Gremien und Kommissionen. Zugegeben, ein bissl fad ist das. Wir sind schliesslich in Österreich. Aber wem es zu langsam geht, der werfe die erste Freitagtasche.
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Als ich am 22. August 2007 den Bundeskanzler der Republik, Alfred Gusenbauer zu einem STANDARD-Interview im Museumsquartier traf, stellte er sich mit den Worten vor: "I bin's, der 'Dicke Ybbser'!"
22. August 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Die Technik ist ein Hund
Die Technik ist ein Hund, heisst es. Und weil der Hund unser Freund ist, wedelt mit dem Schwanz. Irrt Euch nicht, sage ich, der Hund beisst.
Erschienen in Standard-Rondo vom 29. Juni 2007
Die ältesten Fundstücke, die von der Existenz des Menschen künden, sind technische Artefakte. Faustkeile, Löcher in Muschelchen, dicke Frauenpüppchen mit Melonenbrüsten. Das Erzeugen von Werkzeugen, Schmuck und religiösen Figuren wollen wir uns mal von einer Geschicklichkeit getragen vorstellen, die mit den heutigen Fähigkeiten der Menschheit vergleichbar ist. Geschwollene Daumen, blutende Finger, Schwielen und Schrunden sind das mindeste, was unsere Körper während der Evolution der Technik an Beschädigungen davon trugen. Abgesägte Zehen und ausgeschlagene Augen werden auch dabei gewesen sein. Und der eine oder andere Kieferbruch.
Ihre Zahnschmelze schliffen sich auch die technisch zurückhaltenden unserer Vorfahren weg, weil der Abrieb der Mahlsteine im Mehl blieb und jahrttausendelang mit Brei und Fladen zwischen die Beisserchen kam. Abgenütze Gelenke, gekrümmte Rücken, die Liste der zivilisatorischen Spuren an den Skeleten unserer Ahnen sind lang. Sage niemand, nur die Unerjochten hätten unter der Technik gelitten. Die Gräber der Helden sind voll von gespaltenen Schädeln, abgehackten Beinen und schartigen Armen. Krieg und Technik sind Geschwister.
Längst waren es nicht nur Bauern, die sich an Pflügen und Eggen die Bewegungapparate kaputtschunden, auch unter Tag wurde Raubbau am Körper betrieben. Knappen brachten Staublungen, Vergiftungen und gekrümmte Rücken aus dem Berg, ihren Abnehmern, den antiken Schmieden wurden gar die Achillessehnen durchtrennt, damit sie nicht zum Nachbarstamm liefen.
Mit dem was man heute den Siegeszug der Technik nennt, sollten die Schäden aus körperlicher Arbeit abgenommen haben. Schnecken. Vielleicht fallen heute weniger Hausfrauen aus den Fenstern ihrer Wohnungen, und weniger Bauern in die Jauchegrube. Dafür fallen mehr Piloten vom Himmel und mehr Automobilisten ins Koma. Kaum zurückgegangen ist die Fehlfingrigkeit unter den Fleischhauern und Tischlern.
Dass die Begegnung von Mensch und Technik auf einer höheren Ebene spielt, hat nicht dazu geführt, dass diese etwa ungefährlicher geworden wäre. Konnte sich der jugendliche Schnellfahrer mit seinem Manta früher schon mit Geschwindigkeiten im gesetzten Ortstempo ins Jenseits befördern, kommen heute grössere Kräfte und bessere Technik aus dem Werk. Mit 150 gegen den Baum zu knallen ist aber auch mit ABS und sieben Airbags sehr ungesund.
Ein Lied vom Kettenhund Technik wollen uns auch die Musiker singen. Taube Rockmusiker, Plattenaufleger mit Tinitus sind nur neu dazugekommen im Konzert der technischen Beschädigungen. Nach Untersuchungen leiden 80 Prozent der klassischen Orchestermusiker an der ruinösen Tormentierung ihrer Körper. Pianisten und Geiger leiden an fokaler Dystonie, können ihre Finger nicht mehr wie gewohnt bewegen. Die Gliedmaßen hängen beim Spiel, rollen sich zusammen oder sind unkontrollierbar überstreckt. Auch die Mundmuskeln von Bläsern oder die Kehlköpfe von Sängern können ein Eigenleben entwickeln, den berüchtigten Musikerkrampf. Je nach verwendetem Instrument haben hohe Streicher schief gedrückte Kiefer und Druckflecken am Hals, Bläser leiden an schartigen Verletzungen von Mund und Lippen. Beim Pustenden Personal ist zudem kaum ein Zahn, wo er hingehört. Schultern werden von den kiloschweren Trompeten in die Tiefe gezogen. Miles Davis blies zuletzt zur Schmerzvermeidung lotrecht gegen den Bühnenboden.
Die Beschädigungen, die die unheilvolle PC-Trias Bildschirm - Tastatur - Maus in der ersten und zweiten Welt anrichtet, dürfte alle Vorteile dezimieren, die die Demokratisierung der Computers gebracht hat. Der Computerarbeitsplatz beschädigt uns bis zur Arbeitsunfähigkeit. Mit Thrombosen vom langen Sitzen, dem Verlust von Sehkraft, Rücken- und Kopfschmerzen durch verspannte Muskulatur, Sehnenscheiden-Entzündungen von überdehnten Handgelenken, höllischer Nervenpain und radikaler Bewegungseinschränkung durch RSI (Repetive Strain Injury oder Wiederholungs-Belastungs-Verletzung). Und die körperlichen Manifestationen sind nicht die einzigen. Computer sind, ohne dass es uns bewusst wird, eine psychische Belastung. Sie fordern grundsätzlich zum Weitermachen auf. Mit Aktionen, Befehlen, Fehlermeldungen. Globale Schreibprogramm wie Word oder Tabellenschnitzmesser wie Excel sind Multilevel-Egoshooter, bei dem das Blut nicht aus dem Monitor rinnt, sondern der Schmerz in die Glieder fährt. Da kann Billy Gates gar nichts dafür. Das geht auch Linux-Afficionados so. Der Computer ist eine grosse Schmerzmaschine.
Jüngster Mitspieler im Kampf Mensch gegen Maschine ist der sogenannte SMS-Daumen. Der dicke Oppositionsfinger hat den Zeigefinger als meistbenutzes Fingerglied abgelöst. Zumindest in der Generation der unter 25-jährigen. Der Gebrauch von Gameboys und Playstations hat dazu geführt, dass Handytasten mit den Daumen benützt werden. Die Generation davor tippt die kleinen Tasten der Funktelefone noch mit Zeigefingern. Neue Krankheiten sind schon bekannt. Entzündete Daumengrundgelenke von exzessivem SMS-Tippen und ein alarmierender Paradigmenwechsel im Zeichensetzen. Die "Generation Daumen" tippt auch Klingelknöpfe mit dem Daumen. Japanische Kids verwenden, wenn sie auf Dinge zeigen, längst nicht mehr mit dem Zeigefinger, sondern mit dem Daumen. Dafür ist der Sehnenappaat von Homo Communicans nicht eingerichtet. Brave New World.
Andrea Maria Dusl ist Autorin, Filmemacherin und Zeichnerin. Sie hostet ein vielbesuchtes Blog auf www.comandantina.com. Im Herbst erscheint im Residenz-Verlag ihr neues Buch "Die österreichische Oberfläche"
Erschienen in Standard-Rondo vom 29. Juni 2007
10. Juli 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Im Nervensägewerk
Andrea Maria Dusl im Standard-Album vom 9. Juni 2007
Mörtel und Mausi, Alfons und Mirijam, Dieter und Naddel. Ende Mai stellte der Standard eine simple Frage ins Netz. Die Internetseite des lachsrosa Organs wollte wissen, wer die großen Nervensägen des Landes seien. Man wolle doch Vorschläge posten.
Hunderte Beiträger arbeiteten sich an der eingangs angeschlagenen These Deutschlands vorlauter Moderatorin Sarah Kuttner ab, die sich zuletzt in ihrer FAZ-Kolumnen-Sammlung "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" zum Dasein als Nervensäge bekannt hatte. Die eloquente Moderatorin war bei dem quirlig auftretenden, aber doch sehr spießigen Sender MTV im vorigen Jahr als beste deutsche Schnellsprechmoderatorin geschasst worden und brilliert seitdem als Publizistin im deutschen Feuilleton.
Wenn sie überhaupt eine Vorbildfunktion habe, meinte Kuttner in ihrem neuem Kolumne-Kompilat, dann diese: "Lernt endlich, 'ich' zu sagen, lernt endlich, Nervensäge zu sein!" Es gäbe nur eine Entscheidung, edelfederte sie: "Nervenbündel sein oder Nervensäge sein". Ihr Nervensägen-Dasein sei psychische Hygiene, sei ein Befreiungsschlag.
Etwas Drittes dazwischen sei ausgeschlossen. Wer sich in dieser Sache nicht festlegen möchte, wer also glaube, schwanken zu dürfen, zwischen Bündel und Säge, der täusche sich selbst.
Die Frau spricht mir aus der Seele. Auf dem Katasterplan ihrer These besitze ich grosse Grundstücke im sonnenbeschienenen Tal der Nervensägerei. Das "Ich" geht mir über vieles. An der Depression des Gleichschritts finde ich keinen Gefallen. Und Showbusiness ohne Rampenbrand lehne ich ab. Demnächst kommt vielleicht der alkohofreie Wein?
Der öffentliche Mensch brüllt nicht im Schweigen. Dafür ist die Literatur zuständig. Wolfgang Schüssel hat über diesem Missverständnis seine Kanzlerschaft ausgehaucht und Alfred Gusenbauer möchte ich von diesem Irrweg abgehalten wissen, er ist mir als Nervensäge eindeutig lieber, denn als Trappist.
Die schnoddrige Ansage der schlagfertigen Kuttner blieb indes 346 Einträge lang unbeschädigt. Die Standard-Poster schnitzten lieber an der Liste und zählten als genuin nervensägig vor allem auf, was fernsehtechnisch gut und teuer ist.
Vera Russwurm, Armin Assinger, Arabella Kiesbauer oder Hansi Hinterseer, die Liste Österreichs grösster Nervensägen ist mit der Moderatoren-Payroll der heimischen Fernsehsender ident. Nehmen wir noch die alertesten Parlamentarier und die Regierungsmitglieder mit der meisten Air-Time dazu, fertig ist Österreichs Nervensägewerk.
Die Nervensägen jenseits der schnitzelländischen Grenzen rekrutieren sich ebenfalls aus dem Personal mit der grössten östereichischen Fernsehpräsenz: Hotelerbin Paris Hilton, Brezel-Präsdient Georg W. Bush oder die Krawalltouristen im Rattenschwanz der Globalisierungsgegner Attac.
Gut, mit George W. Bush würde ich nicht ins Sacher gehen, mit Paris Hilton aber jederzeit zum nächsten Würstelstand. Das Handy würde ich ihr gegebenenfalls im Pfefferoniglas versenken, sonst fiele mir an Paris Hilton jetzt mal ferndiagnostisch betrachtet nichts verachtenswertes auf. Dass sie reich ist, ist eindeutig nicht ihr Verdienst.
Es scheint, als hinge die Schärfe der Sägezähne der begabtesten und meistzitierten Nerver von nichts anderem ab, als von ihrer Gegenwart in jenem Medium, das wie kein zweites in die Wohn- und Schlafzimmer des Landes eingedrungen ist.
Ich verstehe den Zorn der Nervenbesägten, auch mir ginge Armin Assinger auf die Kabel, wenn er täglich bei mir auf der Wohnzimmermatte stünde, um eine Gendarmenball-Wuchtel abzulegen. Oder wenn sich der tropfnasse Rückenschwimmheld Rogan, meinen Couchtisch mit der Hallenbadkante verwechselnd, am schlichten wording simpler Werbebotschaften versuchte.
Persönlich betrachtet haben die Genannten meine grösste Sympathie. Eine Showkrähe hackt der anderen kein Auge aus. Dirk Stermann und Christoph Grissemann, gewiss keine Kinder von traurigen Streicheleinheiten, zählen zu ihren allerersten Vorbildern den Grossmeister der Nervensägekunst, Peter Rapp. Aus dem Himmel winkt uns gerade Heinz Conrads zu.
Differenziert betrachtet machen die Eins-A-Promis aus Seitenblicken und Sportsendungen, aus Millionenshows und Betroffenheits-Galas nichts anderes als ihren Job. Und sogar unter scharfer Auslegung der Showgesetze machen sie den ganz gut. Wäre an der Quote - und nichts anderes gilt als Parameter - zu meckern, würden sie wohl abgesetzt werden. Früher oder sagen wir mal mit ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz, etwas später.
Dabei ist das Sprachbild der Nervensäge diffus und unpräzise. Nerven, also jene Leitungsbahnen, die unseren Körper mit Signalen und Sinnesreizen versorgen, sind reissfeste Strukturen, die ich eher mit dicken Gummibändern vergleichen würde als mit Ästchen und anderen hölzernen Strukturen. Ich weiss das deswegen so genau, weil mein Weg zu einem abgebrochenen Medizinstudium mitten durch monatelange Sezierkurse führte.
Was ich, bar jeden Doktorats, aus den Formalinsälen mitgebracht habe, ist neben anderen Kunstfertigkeiten die Erkenntnis, dass man an Nerven nicht sägen kann. Dazu sind sie zu elastisch. Schneiden, spannen, einkringeln, auf Locken drehen, ja sogar Verknoten lassen sich Nerven jederzeit, aber sägen? Njet. Die Baumax-Säge aus dem Heimwerkermarkt oder die Laubsäge aus dem Bastellade sind ganz entscheiden die falschen Instrumente zur Durchtrennung von menschlichen Nerven.
Das Bild der angesägten Nerven dürfte denn auch wo von anders kommen. Vom Sägen an ganz anderen Kabeln nämlich. Vom sägenden Kratzen auf den schlecht gestimmten Saiten einer billigen Geige etwa. Dieses Bild erzeugt mithin jenen garstigen Schauer, der dem angesägten Nerv an Penetranz gleichkommt.
Wer kennt es nicht, das schlimmste Geräusch des Planeten? Den gekratzten Fingernagel auf der Schultafel.
Paläopsychologen wollen herausgefunden haben, das das Geräusch aus der Urerinnerung unserer vormenschlichen Ahnen stammt und den Warnrufen der frühen Primaten ähnelt. Kein Wunder, dass die kläffenden Kehlen kleiner Köter die selben unangenehmen Empfindungen auszulösen vermögen. Omas Axel würde ich mal die perfekte Nervensäge nennen.
So paradox es klingen mag, die kratzende Tafel und der kläffende Spitz lösen ins uns Affen den Fluchtschauer der Todesgefahr aus. Das mag alles kulturell überformt sein, und genetisch verwässert, aber ich gestehe: Wenn Mausi Lugner das Wort gegen den Herrn Baumeister erhebt, lasse ich die Banane fallen und hantle mich über die Äste.
Nach meiner These des Nervensägens sind in die Fidel des Schreckens nicht unsere eigenen Nerven gespannt, sondern stets die der Solisten. Und im persönlicher Umgang mit nervenden Zeitgenossen ist schon manche Geige zu Bruch gegangen. Da kenne ich kein Miteinander.
Das Ruhigstellen von Shownervern mag über die Distanz, die das Medium Fernsehen aufspannt, nicht so einfach funktionieren.
Indes: so lange meine Fernbedienung mit gut geladenen Batterien bestückt ist, sehe ich auch darin keine Bedrohung. Meine Reizschwelle ist ausserdem hoch. Von Fernsehleuten will ich nicht pfäffisch eingelullt werden oder lyrisch zugetextet. Die singende Häkelhaube DJ Ötzi und der Erzbischof der Fernseh-Butterfahrt Andy Borg sollen nerven, was die Sägen hergeben, dafür werden sie schliesslich bezahlt.
Solange ich den Abschaltknopf hab.
5. Juni 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Wie ich links wurde, ...
...obwohl ich es schon war.
Vom Erfinden der Beichte, dem Aufwachsen in unheiligen Zeiten und dem linken Furor gegen Bruno Kreisky. ANDREA MARIA DUSL für Falter 22/2007
Wenn ich es recht bedenke, war ich immer schon links. Schon meine Ururgroßeltern sind glühende Linke gewesen. Zu einer Zeit, als das für aufgeklärte Bürgerliche mit viel Geld und Tagesfreizeit eine charmante Folie war. Dieses großbürgerliche Linkssein, das auch Bruno Kreisky ausstrahlte, war bei mir zuhause Religion.
Kein Wunder, dass mein Vater, ein genetischer Slawe mit österreichischer Lackierung, den mütterlichen Familiensozialismus mit katholischer Erziehung zu ersticken versuchte.
Sein Kalkül, mich in die Erziehungskerker der Schulschwesternburg zu werfen, hatte existenzielle Motive: Mein irregeleiteter Vater versprach sich von der Nähe zum Katholizismus die Progression seiner schleppenden Karriere als Kirchenarchitekt. Der Irrtum, in dem er sich befand, wurde erst Jahrzehnte später aufgeklärt: Als Ehemann einer Lutheranerin lebe er in ständiger Sünde, hieß es kirchenintern, von einem häretischen Fremdling ließe man sich kein Gotteshaus bauen. Da sei der Teufel davor. Weil also kein und kein Betonkirchlein bei ihm bestellt wurde, baute mein Vater Gemeindebauten und Gewerkschaftssiedlungen. Die Wiener Sozialdemokratie hatte im Gegensatz zum bischöflichen Ordinariat ein offenes Ohr, wann immer er im Rathaus vorstellig wurde, um einen Auftrag zu ergattern.
Schon von Kindesbeinen an waren also die Roten für mich die, die unsere Familie ernährten.
Die Schwarzen aber, das waren die Nonnen, die mir Ohrfeigen runterhauten, wenn ich in der Pause eine Geschichte von mir gab, oder mir mit dem Bambusstab über die Finger wichsten, wenn ich statt des Mollakkords einen Durdreiklang ins Klavier drückte.
Für die Rechte ging ich endgültig verloren, als der Tag der Erstkommunion mit dunklem Habit auf mich zuschritt. Wer sein Sündenregister nicht reinige, hieß es, wer nicht minutiös und lückenlos den Katalog an sündig Begangenem beichte, dem werde es am Tag der Heiligen Erstkommunion böse ergehen: Noch am Weg zur Ersteinnahme des Leibs unseres Heilands werde sich der Höllenschlund auftun und mich, so funkelte Schwester Benedikta mit schaurigem Nonnenblick, in die Tiefe ziehen. Und für immer bei lebendigem Leibe verzehren. Schluck.
Solch Ungemach kam in den bösesten Micky-Maus-Geschichten nicht vor. Das war ein Szenario aus den Gespensterheften. Nur: Was beichten? Mir wollte beim besten Willen keine böse Tat einfallen. Nicht die klitzekleinste Sünde. Nicht mal meine Brüder hatte ich gebirnt. Ich war der Inbegriff des braven Kindes.
Also erfand ich mir schnell ein paar böse, ein paar richtig böse Taten. Und die drückte ich mit den Arabesken der Übertreibung durch das Beichtsieb.
War ich sieben oder acht? Keine Ahnung. Ich war klein und rein und voller Lüge. Und mit diesem unkatholischen Ballast schritt ich zur Verspeisung des Jesuleibes, in der bitteren Gewissheit, auf der siebten Marmorkachel der Leopoldskirche im zweiten Wiener Hieb in die Hölle zu fahren. Dass ich ohne Sünde war, so wie ich es sah, hätte mir die Nonnenbande nie geglaubt. Und Gott, ihr Arbeitgeber, so versicherten sie mir, schon gar nicht. Gott, mit dem sie täglich Konferenz hielten.
17 Schritte waren es bis zum Altar, und ab der achten Fliese war mir klar: Es gibt keinen Gott. Der Höllenschlund hatte sich nicht aufgetan. Alles war Lüge, Chimäre, Teil einer eitlen Inszenierung. An diesem Tage bin ich links geworden. Ganz persönlich links. Ich hielt zu Donald und war gegen Dagobert, ich war für die Indianer und gegen die Kavallerie, für Freitag und gegen Robinson.
Bruno Kreisky kam zur selben Zeit ins Bundeskanzleramt wie ich ins Gymnasium. Und ins Justizministerium kam ein Onkel von mir: Christian Broda. Es war eine gute Zeit. Schulbücher wurden verschenkt und das Straßenbahnfahren war gratis. Warum das manche empörend fanden, weiß ich nicht. Links war doch die Hand mit der Jimi Hendrix spielte, links hatte was Exklusives!Dass der Begriff der politischen „Linken“ aus Frankreich kam, war auch logisch. In Paris lebte mein Cousin Bertin. Wenn er auf Besuch kam, brachte er mir Platten von George Brassens mit und Comics von Pilote.
Links, gauche, so wusste man aus dem Geschichtsunterricht, hatte sich ursprünglich auf die parlamentarische Sitzordnung nach der Revolution von 1830 bezogen. Alles passte zusammen und wenn es nicht zusammenpasste, wurde es passend gemacht. Links war, „Steppenwolf“ zu lesen und Texte von Bob Dylan. Clapton Gott nennen, patschuligetränkte Palästinenserschals zu tragen und amerikanische Militärtaschen mit dem Peace-Symbol.
Links war es, „Whole Lotta Love“ zu hören und die Arena zu besetzen. Gedichte zu schreiben, im Hawelka Camel zu heizen und das Haar lang und offen zu tragen. Links war natürlich auch Party und Schmusen. Der Summer of Love hat in meiner Erinnerung elf Jahre gedauert. Bis ich über die lachende, aber asexuelle Sonne der Antiatomkraftbewegung stolperte. Von dort bis nach Hainburg war es nur ein kurzes Fallen.
Paradoxerweise zielte unser linker Zorn nicht auf den emeritierten Klassenfeind. Der linke Furor war familiär und schmerzhaft, er richtete sich gegen den mürrischen Altvater des Nachkriegssozialismus, Bruno Kreisky. Gegen seine Kronprinzen Androsch, Blecha und Gratz. Links leuchtete an denen nichts. Die Brieftasche vielleicht.
An der Weggabelung Hainburg hat die Sozialdemokratie viele Linke an die gerade entstehenden Grünen verloren. Als die sich formierten, war ich auch dabei. Im Schlepptau von Günther Nenning. Der bunte Haufen begann seine Parteiwerdung mit dem grünbraunen Konrad Lorenz, mit lächerlichen Kostümen und obskuren Politdilettanten in Unfallfrisuren. Meine Welt war dort nicht im Entstehen. Heimlich habe ich über die Jahre rot gewählt und dabei unheimlich über Vranitzky, Klima und ihren Bankdirektoren-Sozialismus gewettert.
Entlinkst haben sie mich nicht. Und als der kleine Kanzler an die Macht kam, und die dunkelschwarze Zeit ausrief, war mein linkes Feuer mitsamt der Unangst vor den Höllenschlünden wieder entfacht. Gusenbauer, ein Besserwisser wie ich, hat sich mit seiner botanischen Politik des unsichtbaren Fortschreitens in mein Herz geschlichen. Woran das wohl liegt? Vielleicht daran, dass wir in denselben unheiligen Zeiten aufgewachsen sind?
29. Mai 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings


