Schluss mit lustig

Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 8. Oktober 2011

Occupy-Together-Poster-07.jpgAngefangen hat es in Nordafrika. Im Frühling. Das Volk hat die Vertrauensfrage gestellt. Nicht im stillen Kämmerlein, hinter vorgehaltener Hand, sondern öffentlich. Die Menschen sind auf die Straße gegangen. Nicht einzeln oder in kleinen Gruppen, sondern in Massen. Frauen, Männer, Kinder. Arbeiter wie Akademiker, Bauern wie Beamte. Haben nicht länger gefragt, wie lang sie sich das noch gefallen lassen, sondern haben das Fragen eingestellt und sind zum Sagen übergegangen. Sie haben gesagt: Jetzt ist Schluss mit lustig, wir haben die Nase voll. Potentaten und Präsidenten, Patriarchen und Politiker, ihr seid Pülcher! Es reicht. Es reicht schon lang. Ihr müsst jetzt gehen. Die Milliarden, die ihr uns geraubt habt, bleiben da. Der arabische Frühling wurde ausgerufen, der Westen erging sich in Freiheitsgeschrei, verglich die Aufstände mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, freute sich über Neuzugänge im Paradies des Marktes und in den heiligen Hallen des ewigen Glücks. Aber das Glück währte nicht lang. Aus dem arabischen Frühling wurden die Blutsommer in Libyen und Syrien.

Mit abgeklärtem Gestus – „Ja dürfen’s denn des?“ – wurde den Völkern an der südlichen Peripherie Europas das Recht zugestanden, Selbstverständlichkeiten wie Demokratie und Menschenrechte in den eigenen Wünschekanon aufzunehmen, in Libyen half der Westen mit Bomben ein bisserl mit, schon in Syrien fürchtete er den Flächenbrand. Die arabischen Diktaturen stehen geopolitisch nicht zur Disposition, der Frühling dort muss warten. Zu eng sind die Verflechtungen der regierenden Dynastien mit den Kapitalhäfen des Westens. Das Gespenst der Freiheit aber gibt keine Ruhe. Jetzt sind ganz woanders die Menschen aus dem stillen Kämmerlein getreten, noch nicht in Massen, aber in kleineren, rapid größer werdenden Gruppen. Frauen, Männer, Kinder. Arbeiter wie Akademiker, Freischaffende wie Beamte. Erst kampierten sie an der Wall Street. Von der Presse ignoriert, von den Sicherheitskräften belächelt. Aber es wurden mehr. Stündlich wurden es mehr. Und irgendwann waren es so viele, dass man sie polizeilich behandeln musste, mit Schlagstöcken und Pfefferspray.

„Occupy“ ist die Losung. Und längst ist es nicht mehr nur die Wall Street. Die Unzufriedenen demonstrieren in jeder großen amerikanischen Stadt, okkupieren Chicago, Boston, Los Angeles, Seattle, Dallas, Philadelphia, San Francisco. Ihnen sind die Blogs und Foren, die Twitter-Timelines und Facebook-Pinnwände längst zu klein geworden sind. Sie sind jetzt auf die Straße gegangen.

Wir sind die 99 Prozent, sagen sie, wir werden aus unseren Häusern geworfen, wir müssen entscheiden, ob wir einkaufen oder Miete bezahlen. Für beides reicht es nicht. Wir haben keine medizinische Versorgung, wir leiden unter der Umweltverschmutzung. Wir arbeiten lang für wenig Geld. Wenn wir überhaupt Arbeit haben. Wir bekommen nichts, während das andere eine Prozent alles bekommt. Wir sind die 99 Prozent. An der Wall Street hat es begonnen. Mittlerweile gehen die Menschen in ganz Amerika auf die Straße. Überlegt euch was, Einprozentpülcher, jetzt ist Schluss mit lustig. Es reicht. Bald auch bei uns. Morgen vielleicht.

8. Oktober 2011 (0) Comments


Zugangsbeschränkungen

Andrea Maria Dusl für Salzburger Nachrichten vom 27.8.2011

Stellen wir uns vor, der Besuch eines durchschnittlich guten Konzerts eines vorgestelltermassen ebenfalls durchschnittlich guten Orchesters unter einem dazupassend durchschnittlichen Dirigenten wäre nicht mehr den üblichen Usancen unterworfen, sondern an die Begabung des Besuchers gebunden. Seinem oder ihrem Musikempfinden, seiner oder ihrer nachweislich hochgradig musikalischen Intelligenz und anderen exklusiven Talenten auf diesem Gebiet. Und nicht nur der Besuch eines Konzerts, auch das Hören einer Aufnahme mit Silbereisenmusik oder mit Hinterseer-Humpta. Stellen wir uns vor, auf Österreichs Strassen, auf den Autobahnen wie auf den Dorfstrassen, wären nur mehr jene Fahrer zugelassen, die in tagelangen Eignungsprüfungen Spitzenleistungen auf motorsportlichem Terrain nachweisen könnten, mit schuhmacherschen Reflexen und sennaschen Instinkten. Oder umgekehrt, oder besser. Aston-Martin-Besitzer und Hummer-Herren-Fahrer dürften bei dem einen oder anderen Paramameter ein bisserl schwächeln. Dann stellen wir uns vor, das Schwimmen in Seen und Hallenbädern wäre nur mehr jenen erlaubt, die olympische Zeiten unter Rennbedingungen in den Schwimmzulassungspool pflügten.

Eine vertrottelte Welt, könnte man sagen, da könnte man geradesogut auch das Lesen von Büchern und Gazetten an die intellektuelle Leistungsfähigkeit koppeln und den Kinobesuch nur mehr auf Eliteniveau verhandeln. Oder das Gehen Schlechtgehender auf Gehsteigen untersagen. Den Besuch von Museen nur mehr Akademikern gestatten und die Tierhaltung nur mehr Tierärzten und Zirkusdirektoren.

Die Liste verblödeter Zugangsideen liesse sich mit Phantasie auf nahezu alle Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens ausweiten. Acha ja, Heiraten und Fortpflanzen könnte man nur mehr Schönen, garantiert Gesunden und möglichst finanzstarken Paaren gestatten, die medizinische Versorgung könnte man an freies Unternehmertum im industriellen Format, an Großgrundbesitz oder an Blaublütigkeit, Sündenfreiheit, Gottesliebe, Rechtshändigkeit oder sonst einen beliebig als elitär definierten Status koppeln.

Eine verkehrte Welt wäre das. Eine verblödetes Österreich. Wer wollte darin leben? Ich nicht. Sie nicht. Niemand. Das Land würde verrohen. Bald würden in den Konzerten nur mehr die vertrottelten Söhne der musikalischen Elite sitzen, wenn es überhaupt noch welche gäbe, der Individualverkehr bräche zusammen, in den Schwimmbädern schwämmen die Freunde der Schwimmbadbesitzer. Korruption und Neoptismus wären Geschäftszweige mit blendenden Aussichten. Wer es sich und den Seinen richten könnte, mit Geld oder anderen Versprechen, erhielte Zugang zu sonst Verbotenem. Talent oder Eignung wären längst nicht mehr die Kriterien. So eine Welt will niemand ersthaft wieder aus dem Regal der Geschichte holen.

Warum also der Ruf nach Zugangsbeschränkungen und Eignungstests an Hochschulen und Universitäten? Wo es doch schon welche gibt. Die Reifeprüfung, wenn ich mich recht erinnere, und später, während des Studiums Fachprüfungen, Rigorosen, Seminare und Pflichtvorlesungen. Und das eigenhändige Verfassen einer Diplomarbeit oder Dissertation. In einer vertrottelten Welt gäbe es nur mehr wenige, die studierten. Es sei denn, der Papa würd’s schon richten.

1. September 2011 (0) Comments


Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide!

Ein Leben ohne Internet. Wie geht das? Wie geht das? Wie likest du etwas? Wie gatherst du Follower? Wie stellst du Bilder online? Ein Brief an die analoge Seite in uns.

Andrea Maria Dusl für STANDARD-Schwerpunkt Digital leben/ALBUM 13./14. August 2011

Liebe Freundin!

Vielen Dank für deine ausführlichen Erzählungen und deine vielen Fragen! Es ist jetzt sicher schon einige Jahre her, vielleicht zehn oder zwölf, seit ich das letzte Mal einen Brief bekommen habe. Einen Brief, mit der Hand geschrieben, wie man es früher tat, in den Achtzigern und den Neunzigern noch. Ich habe seit 1996 nur mehr E-Mails verschickt. Sogar das Faxen war mir zu mittelalterlich.

Old-School

Großartig, das Papier, das du verwendest! Ich muss das einscannen, es hat so eine schöne Textur, da kann man sicher etwas machen damit, ein tolles Pattern! Fuck, Type-Control, hat mir rattern hingetextet, das kennst sicher auch nur mehr du, rattern, das war das Geräusch, das die Züge damals machten, in den Seventies, als die Schienen noch nicht so seamless verlegt waren wie heute. Ein ziemlicher Ambient war das, auf mixter und ibeat gibt es Samples damit, wenn man die ordentlich croppt und gut loopt, kann man sich einen Soundtrack zusammenbauen und ins Zimmer streamen. Das würde dir gefallen. Da bin ich mir sicher, du müsstest dann nicht so viel mit den Old-School-Zügen durch die Landschaft cruisen. Realtime, nichtvirtuell.

Momentan bist du gar nicht mal so out, wie du sagst. So ohne Internet und ohne Lust daran. Ich habe Freunde auf Diaspora und AnonPlus, die sind schon so jenseitig, denen sind die Games, die sie entwickeln, zu gut gerendert, zu gut gescriptet, die brauchen neue Kicks, die sind jetzt privat wieder ganz unplugged unterwegs. Fahren tagelang mit irgendwelchen Hardware-Eisenbahnen durch Schengen-Außenland. Ukraine, Russland, Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan. Schlechte Wireless-Anbindung, sagen sie, aber ein unglaublicher Trip, manchmal sind sie stundenlang nur in normalen Netzen unterwegs. Die Pics und Clips müssen sie dann aus dem Hotel schicken. Meist aus der Lobby. Das ist voll crazy letztes Jahrhundert, sagen sie, komplett vintage. Na ja, eine Minderheit, diese Reality-Freaks. Und sie bauen diese Experiences dann selbstredend in neue Games ein, wobei einige jetzt schon so weit sind, bloggen sie, dass sie die Nonvirtual Experiences, du würdest sagen: die Wirklichkeit, als Oberfläche für ihre Games verwenden und den Content ganz relaxt über Head-mounted Displays einspielen. Na ja, sage ich, auch ziemlich nerdig, der Ansatz.

Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide!

Ich muss mich ein bisschen eingrooven, kommt mir vor. Meine Lingo ist möglicherweise nicht ganz verständlich für jemand wie dich, von der anderen Seite der Digital Divide, von außerhalb des Internetzes. Wären wir jetzt auf Google Plus in einem Hangout, könnte ich mich besser auf dich und deine Sprache einstellen. Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide! Die letzte Oma hat heute ein iPad und surft. Kannst du nicht? Willst du nicht? Du lebst ganz gut ohne Bits und Bytes? Big Fail. Komm rüber. Ich geb dir Lectures!

Ich stell mir also vor, wie das für dich ist, so pre-digital. So ganz ohne Laptop, ohne iPad and the likes, ohne iPhone und die Smartphones der anderen, nur mit Festnetz-Telefonie und einem Anrufbeantworter mit eiernden Kassetten. Muss sehr seltsam sein so ein Leben ohne Navi und iPod, ohne USB-Sticks, Blu-Rays, DVDs und CDs. Kann mir nicht vorstellen, wie das ist, mit Zeitungen aus Papier, gut das gibt es ja noch für einige von uns, aber seltsam, die Vorstellung eines Lebens ohne Internet. Ohne Google. Ohne Youtube. Wie geht das, liest du echt noch Blogs aus Papier? Drehst du den Fernseher auf und zappst durch die zwei Kanäle aus dem GIS-Universum? Und wenn du Kabel hast, das ist dir ja zuzutrauen, wie hältst du das aus, angewiesen zu sein darauf, was dir die Sender gerade feilbieten?

Ich weiß, du gehst ins Kaffeehaus, das ist so eine Attitude aus dem 19. und 20. Jahrhundert, klar, wir erinnern uns daran, es gibt diese Places noch, Touristen gehen da hin und der Club der toten Dichter, und manchmal ergibt es sich, dass da geplaudert wird, von Tisch zu Tisch. Aber was ist das für ein Netzwerk? Das ist wie Facebook mit drei Freunden - auf Valium.

Und selbst wenn dort Tachles geredet würde, an deinem Kaffeehaustisch, wie käme das je an Tweets ran, je an Mitteilungen auf Google Plus? Wie geht das überhaupt, ein Leben ohne das Twitterversum, unbeleckt von den sozialen Mechanismen aus Gesichtsbuchhausen und Kugelplusville? Wie likest du etwas, wie plusst du, was dir gefällt? Wie gatherst du Follower? Wie stellst du Bilder online? Wo du doch nicht einmal weißt, was online ist! Arme, arme Freundin aus dem vorigen Jahrhundert! So muss es den ersten Eisenbahnfahrenden gegangen sein, als sie den Oldies aus der Postkutschenzeit in die glasigen Augen schauten, die mit ungläubigem Staunen befürchteten, dass der Fahrtwind die Schnellfahren-den durch Atemluftraub töten würde.

Gestern

Du bist so gestern, dass ich es kaum fassen kann. Oder doch nicht? Vielleicht bist du gar nicht so analog, wie du tust. Ich kann mich dunkel erinnern, und du selbst erwähnst es, etwas umständlich ausgesprochen in deinem Brief, dass du so gerne Original-Vinyl auflegst, wie damals, in den Siebzigerjahren, Old-School-Funk wie ich ihn jetzt mal so nenne, von Johnny Guitar Watson, George Duke, Herbie Hancock und solchen Großvätern. Und wenn ich mich richtig erinnere, hat zumindest Herbie Hancock - damals trug er noch, du wirst den Ausdruck viel besser kennen, einen Afro - hat also Herbie Hancock schon einen Fairlight verwendet. Einen richtigen Musikcomputer. Und der war digital, hehe! Und du hast das gehört. Damals schon. Digitale Musik. Auf deinen superschwarzen, fetten Schallplatten.

Als alle noch mit Füllfedern und Kugelschreibern unterwegs waren und Notizen auf Papier gemacht haben. Aber der Minimoog, höre ich dich sagen, geschenkt, der Minimoog war analog. Die ganzen Vintage Synths waren analog. Ziemlich schwer, das heute so schön hinzukriegen mit den Modeling-Geräten. Ach ja, das meinst du auch nicht raffen zu müssen. Menno, wie lebst du nur ohne Internet. Saugst du alles aus dem Telefonbuch? Modeling. So eine Art digitales Nachbauen von analogen Schaltungen in alten Geräten. Du drehst an einem Knopf (auch wenn der gar kein echter Knopf mehr ist, sondern nur so tut), und das Modeling-Programm imitiert die elektroakustischen Effekte, die diese Parameteränderung in der Signalkette ergibt. Nada?

Okay, ich muss es einfacher sagen, Musik liegt dir ja am Herzen: Heute gibt es, sogar als Apps am Pad, Programme und Geräte, die so klingen, als wären Sie tonnenschwere Synthesizer. Apps. Kennst du nicht, den Ausdruck. Apps, kleine Programme, die man sich aus dem Netz laden kann. Pad. Ich ahne es, kennst du auch nicht. Pads sind kleine Tabletcomputer mit einem berührungssensitiven Bildschirm. Bildschirm kennst du. Retro-Wording. So groß wie ein Comic-Heft. So schwer wie eine kleine Pfanne. Netz. Kennst du auch nicht. Wo warst du die letzten 25 Jahre? Im Urwald? In der Taiga?

Wo warst du die letzten Jahre?

Menno. Menno. Mennometer. Ich sehe, ich komme an die Grenzen meiner Ability. Du bist, ich habe mir das jetzt schnell noch mal aus deiner Lingo extrahiert, ausgestiegen aus der Welt, als die Computer noch groß waren wie Bungalows, Magnetbänder hatten als Speicher und elektrische Schreibmaschinen als Tastatur. Das gibt es jetzt alles nicht mehr, Honey. Also Computer dieser Größe schon, aber die können jetzt Wolken berechnen, Atom für Atom, Wolken so groß wie Sibirien. Nicht nur einen Sturm im Wasserglas.

"Beam me up, Scotty."

Normalos wie wir haben einen zu Hause stehen oder im Büro. So einen Computer. Das weißt du aber schon. Einen eigenen. Es gibt sie jetzt in jedem Supermarkt. Sie sind so groß wie ein Benzinkanister. Mit Bildschirmen so groß wie aufgeschlagene Schulatlanten. Im Handumdrehen sind sie voll mit Mucke und Bildern und Texten und je nach Profession, Geldbeutel oder Peer-to-Peerness mehr oder weniger guten Programmen. Und alle haben wir Handys. Alle von uns. Sogar die Bauern im Waldviertel. Die Handys, Funktelefone würdest du sagen, sind so groß wie die Geräte, in die Spock und Captain Kirk von der Enterprise schauten, wenn sie testeten, ob der Planet Sauerstoff hatte oder nicht. Und wenn nicht, um hineinzusagen: "Beam me up, Scotty." Nur, dass die Handys von heute, selbst die allerbilligsten, ungefähr so viel Rechenleistung haben, wie die Bungalow-Computer aus deiner Zeit. Zum Mond könnte man heute fliegen mit dem Chip, der in eine Druckerpatrone eingebaut ist.

Schwer, dir begreiflich zu machen, was sich alles getan hat, seit Herbie Hancock in der Sesamstraße ein kleines Mädchen "Tatjana Ali" - ihren Namen - ins Mikro sagen ließ, das Sample in den Fairlight einspielte und damit herumgroovte. Damals waren die Computermonitore noch monochrome Röhrenbildschirme. Und sie leuchteten grün. Daran kannst du dich sicher erinnern. Und an VHS-Videorekorder. Und wie man an denen herumschalten musste, um eine Sendung zu programmieren. Bingo. Das war ein Computer mit dem man da kommunizierte. Kann man jetzt alles in den Retro-Foren nachlesen. Aber ich vergaß, du lebst in Wireland, in Analog City, jenseits der Digital Divide. Keine Retro-Foren für dich. Du kannst dir also nicht vorstellen, wie das Jetzt funktioniert. Und wir, trotz Retroforen und Youtube nicht, wie du lebst, analog und unvernetzt, festnetztelefonierend, im Draußenland.

Nicht alles war schlecht

Na gut, nicht alles war schlecht zu deiner Zeit, das will ich zugeben. Die Füllfedern waren besser, die Post funktionierte noch, die Zugfenster konnte man öffnen, und die Tomaten schmeckten noch nach Tomaten. Aber das Internet gab es nicht. Das war schon mühsam damals. Um auch nur klitzekleinste Partikel an Information aufzulesen, musste man in dicken Wälzern nachschlagen. Wenn man die nicht herumstehen hatte zu Hause, musste man in die Stadtbibliothek hirschen oder in die Nationalbibliothek, dort einen halben Tag in Zettelkästen graben, und hunderte Karteikarten durchlesen und bewerten. Ergeben dem Karma des Findens von Ungesuchtem, durfte man schließlich mit einer Liste an Signaturen an einer Entlehnloge vorstellig werden, einem bösen Pult, beherrscht von Zerberussen des Gutenbergismus.

Der Einreichvorgang führte zu Zufallsfunden an Büchern, die man bestenfalls am nächsten Tag in der religiösen Stille des Lesesaals in Augenschein nehmen durfte. Mit ein wenig Glück gab es die gesuchte Information im Handapparat, den Büchern also, die man in einem gut zugänglichen Regal ohne fremde Hilfe durchblättern durfte. Fand man in den meist lexikalischen Werken des Handapparats etwas Verwertbares, war das nur die halbe Miete, man konnte die Zeilen, die interessierten, abschreiben, mit der Hand wohlgemerkt, hinaustragen durfte man den Band nicht, um die entsprechende Seite zu
fotokopieren. Es war schon mühsam damals. Mir ist rätselhaft, warum du an dieser Zeit so hängst!

Ziemlich gut, wie ich die Sprache von damals draufhabe!

Was sagst du? Ziemlich gut, wie ich die Sprache von damals draufhabe! Hab in letzter Zeit viel altes Zeug gelesen auf Google Books. Bisschen mühsam, weil die sich noch mit Copyright rumschlagen müssen und solchen altmodischen Issues. Aber ziemlich gut eingescannt haben sie die Gutenberggalaxis, das würde dir gefallen. Ich liege im Bett, tippe ein Stichwort ein und lese einen Wälzer aus der dicken Bibliothek. Johnny Guitar Watson hab ich voll aufgedreht, und über Airport an meine Anlage gestreamt. Volles Rohr. Big Sound. Alles vom Handy aus kontrolliert. Das hättest du nicht zusammengebracht, 1982. Im heiligen Lesesaal. Auch nur an funky Beats zu denken, hätte die anderen laut zischen lassen. Ruhe! Leise! Schhhht!

Ich sag dir jetzt mal was, ganz leise, so dass es niemand hören kann: Ich glaube dir kein Wort. Ich glaube nicht an dein Leben jenseits aller Computer. An dein Säulenheiligsein auf den Inseln zwischen den Fäden des Netzes. Ich glaube an deinen Füllfederismus. An den schon, ja. Allerdings nicht an den mit dem Aufziehen von Tinte. Die Eintragungen in dein Telefonbuch schreibst du mit Patronenfüllern. Ich glaube auch, dass du schon längst ein Handy hast. Ja, ich sage das böse Wort. Handy. Han. Dy. Vielleicht nicht das allerletzte, vielleicht eines mit den Seniorentasten. Das glaub ich jetzt einfach. Und dass du es nur zum Anrufen benutzt. Aus, na sagen wir, aus einer gewissen Snobbishness heraus. Vielleicht gehst du auch schlicht deshalb nicht ran, weil niemand deine Nummer hat. Weil du sie, das passt ja ganz zu dir, noch niemand gegeben hast. Bis auf deinen Steuerberater. Und den Mann, wo du das Vinyl kaufst. Dass du in einer angewischerlten Telefonzelle stehst, um ein Taxi zu ordern, glaub ich dir nicht. Schon deswegen nicht, weil es keine Telefonzellen mehr gibt. Nicht einmal angewischerlte.

Außerhalb der verführerischen Flutschigkeit breitbandiger Netze

Du schreibst mir auf handgeschöpftem Papier, weil du die Langsamkeit begehrst. Daran ist nichts Falsches, meine Liebe! Fünf Tage hat dein Schreiben gebraucht, um bei mir zwischen die Prospekte gesteckt zu werden. Die Langsamkeit ist nicht gewichen aus der digitalen Welt. Versuch mal, deinen Kontostand abzurufen mit dem Handy. In der U-Bahn. Oder das Bild vom dreibeinigen Hund hochzuladen, auf Facebook, außerhalb der verführerischen Flutschigkeit breitbandiger Netze.
Sie ist noch da, die schnöde Schönheit vordigitaler Langsamkeit. Aber ich nehme an, das ist dir alles bekannt. Gewiss hast du einen Schakl, der für dich googelt, wenn du was suchst im Datenplankton, irgendwo zwischen Gott und der Welt. Gewiss stehst du neben ihm, mit nervösem Gestus, zeigst auf die Ergebnisse deiner Suche, sagst "da klick drauf" und "das nicht, das ja, weiter, nächste Seite, dings." "Druck es mir aus, bitte" , weist du den Schakl dann an, mit einer Geschwindigkeit, die ein bisschen zu schnell ist für deine Sehnsucht nach der Postkutschenzeit. Ich glaube dir kein Wort. Nicht einmal die, die ich dir in den Mund lege. Du bist mittendrin im Orkan, du stehst nicht im Windschatten deines Säulenheiligtums. Du bist nur zu ängstlich, die Dinge ganz in die Hand zu nehmen. Gib's zu, du hast einen Hotmail-Account! Schon seit 2001, dem Jahr, in dem du dir heimlich einen PC zugelegt hast. Der Zangler aus dem Handyladen hat ihn dir aufgesetzt. Und einen Drucker danebengestellt.

Nicht unter deinem Namen

Und du bist auch auf Facebook. Nicht unter deinem Namen, das ist schon klar. Aber unter so etwas Ähnlichem wie deinem Namen, Ludmilla Slow nennst du dich, etwas bescheuert, da sind wir uns einig, aber du hast mitunter 165 Freunde, Vinyl-Aficionados und Zugreisende die meisten, der Präsident des Herbie-Hancock-Fanclubs, drei stadtbekannte Soulmuckeaufleger, ein paar Wahnsinnige aus Troll-City, die nicht raffen, mit wem sie da befreundet sind. Einmal am Tag schaust du rein ins Gesichtsbuch, postest mal hierzu deinen Senf, mal dortzu deinen Kren.

Nur jetzt bist du etwas nervös geworden. Jetzt will Google alles wissen von dir. Jetzt will Google, dass alle rübergehen zu Google Plus. Und dort Circles machen statt Freundschaften wie bei Zuckerberg. Ei, sagst du, das geht mir zu schnell, ich muss nicht überall dabei sein. Und wenn sie mich nicht nehmen, bei Google Plus, als Ludmilla Slow? Was, wenn sie meinen echten Namen wissen wollen?
Keine Angst, den wissen sie schon. Dass du Vinyl liebst und Afros, George Duke, Herbie Hancock und Johnny Guitar Watson. Und Füllfedern und die Langsamkeit. Und das Fahren in den Speisewagen gammelnder Züge.

(Andrea Maria Dusl, DER STANDARD Printausgabe, 13. August 2011)

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Der Standard/ALBUM - Andrea Maria Dusl: Ein Brief an die analoge Seite in uns: Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide!


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14. August 2011 (0) Comments


Ich frage mich...

Ich frage mich seit Wochen, was ich mich fragen könnte. Wo die Zukunft geblieben ist, wo der Sommer, wo die Stille, wo die Gerüche, wo die Bienen und wo die Greissler. Alles Fragen, die vor einer verblassen: Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?

Andrea Maria Dusl für Der Standard/ALBUM 16./17. Juli 2011

AMD-Golfo-di-Genova.JPGDie Zukunft. Was für eine Vision! Sie war das bestimmende Thema meiner Jugend. Sie war schön und klug und sie leuchtete in tausend Farben. Eben war sie noch da, wollte, dass es uns gut geht, dass wir am Meer sitzen und in der Trattoria, die Welt verbessern und von den Wundern der verbesserten Welt naschen. Aber wo ist sie jetzt? Wo ist die Zukunft geblieben? Ich möchte sie wieder zurück. Meine Zukunft und die aller anderen auch. Aber sie ist vergangen. Die Banker und Finanzbanditen haben sie auf dem Gewissen. Die Zukunft war ihnen zu endgültig. Sie haben sie gegen das Risiko eingetauscht. Schöne Sache, das Risiko, ungefähr so schön wie die moderne Dauerbeschallung. So schön wie Ladenmucke, Radiobrei und Lüftungsrauschen.

Ich frage mich, ob ich nach den Gerüchen fragen soll. Also! Wo sind die Gerüche geblieben, die Flüchtigkeit der Dinge? Zuletzt habe ich die Welt gerochen 1994 in New York, in jener Woche, in der sich Kurt Donald Cobain in seinem Haus in Seattle eine dreifache Überdosis Heldensubstanz setzte und eine Ladung Schrot. Kurt Cobain wusste nichts von meinen Geruchserlebnissen und ich nichts von seinem Abgang. Er wusste nicht, wie der süßlichgiftige Duft roch, den die Latinoparfums der Pimps und die Putzmittel des Deli-Inders erzeugten, wenn sie vom kochenden Asphalt aufgewallt vor meinem Zimmerfenster tanzten. Und ich wusste nicht, wie es dem Mann an der Gitarre ging, der sich lieber auspusten wollte, als zu erlöschen. So war das 94 im East Village und am anderen Ozean drüben in Seattle, als es noch Gerüche gab und die Gefühle dazu, selbst wenn die einen von den anderen nichts wussten. In einer Welt, in der Logik keine Rolle spielt, in der Welt der Gefühle, war der Tod des Grunge auch der Tod der Gerüche.

Auch die Bienen sind fort. Warum? Weil es keine Blumen mehr gibt am Land, weil dort nur mehr der Heiligenbergmais steht. Als Windbestäuber macht er den Bienen keinen Spass. Er riecht nicht einmal, der postcobaine Monsanto-Kukuruz, er ist nicht zuküftig für sie, für die Bienen ist er, wie die Dauerbeschallung für mich. Er ist ihr Risiko, ihre Krise. Das Ende ihrer Zukunft. Und weil nichts mehr riecht, weil nichts mehr riechen darf, nicht einmal das Gift, gibt es auch keine Greissler mehr. Oder umgekehrt: Es gibt keine Greissler mehr, weil sie schon vor dem Ende der Zukunft ums Leben kamen, ausradiert von der Diktatur des Kassenbands. Und weil es keine Greissler gibt, gibt es auch keine Gerüche mehr. Nicht den Geruch von Frufru, das durch verknitterte Aluminiumkappen diffundiert, nicht den brenzligen Knusperhauch heissgerösteter Fleischlaberlrinde, nicht der Kernseife würzige Ausdünstungen und den erdigen Kellermief speckiger Kipfler. Es gibt nur mehr das Normprodukt und den Regalschluchtenfaschismus. In dieser fleckenlosen Welt herrscht 99 hinter dem Komma, der Geruch aus der Retorte und die Farbe aus der Meinungsforschung. Fauliges riecht frisch. Farbloses leuchtet bunt. Die Zukunft steht still. Und aus den Lautsprechern klagen die Gospelsänger. Wenigstens der Lärm ist ehrlich.

Was frage ich mich also, wo es keine Fragen mehr gibt? Wo alles beantwortet ist, alles paketiert, alles ins Regal gestellt. Alles von der Agentur geratet, alles mit Risiko versehen. Ich befrage meine Sehnsucht und die Sehnsucht antwortet mir. Die Sehnsucht in mir erinnert sich daran, wie die Zukunft roch, als die Welt noch im Lot war und sie fragt:

Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?

Die offenen Zugfenster. Es gab sie. Ich stand an ihnen. Lange und abermals. Stundenlang und oft. In einer Zeit vor dieser, in einer Zeit, in der die Zukunft noch lebte, in einer Zeit, in der jemand, der Visionen hatte, noch nicht zum Arzt geschickt wurde. In einer Zeit, in der die Arbeiterpartei noch nicht von den Bankdirektoren geführt wurde, die Klerikalen noch nicht von den Furchengängern und die Rechten noch nicht von einem Zahnspachtler. In einer Zeit, in der die Freiheit noch lebte und noch nicht zu einer strachen Floskel zerkaut worden war.

Die offenen Zugfenster. Es gab sie. Ich stand an ihnen. Stundenlang, schloss sie, öffnete sie, je nach Dünken. Die Freiheit der Zugfensterei bestand darin, sie öffnen zu können, wann immer die Freiheit danach rief. Es war verboten, sie zu öffnen, sie an ihrem, von vielen Akten der Rebellion glänzendpolierten Griff nach unten zu ziehen, gegen den Widerstand versiffter Führungsschienen. Man musste Kraft aufbringen, geistige Kraft gegen das Verbot, gegen die Gefahr, vom Zugsschaffner oder von anwesenden Windallergikern gestört zu werden, und man musste körperliche Kraft aufbringen. Von allen Schwerarbeiten habe ich das Öffnen der Zugfenster als die höchstlohnenden in Erinnerung. Hinter dem offenen Zugfenstern wartete die Welt. Gut, man konnte die Welt sehen, durch die Scheiben, aber es war nur die halbe Welt, es war eine Welt ohne Gerüche, ohne die Zukünftigkeit, die der Wind verhiess. Die dicke Wand an Lüften und Düften, die wirbelnd vor den offenen Zugfenstern vorbeizog, war die Wirklichkeit. Der Ort. Der Zug, ob er fuhr oder stillestand, war nur das Versprechen. Das Zugfenster war die Verbindung zwischen hier und dann. Der Zug roch schon nach dem Ankunftsort. Dünstete ihn aus, gab ein paar seiner Geheimnisse preis.

Wenn es in den Westen ging, zog der wohligkühle Moder der Buchenwälder in das Abteil, die würzigen Dämpfe saftiger Wiesen, der ölige Geruch von Schrebergartendächern und der scharfe Stachel rostiger Signalanlagen. Es musste leer sein im Abteil, und Sommer im Land, damit die Wirklichkeit ihr Bouket entfalten konnte. Ging es in den Süden, und es ging sehr oft in den Süden, roch die Wirbelwand fetter, die Wiesen, der Rost, der Äther aus den Nadelwäldern. Und das war nur der Anfang. Hinter dem Brenner und nach Tarvis, dort, wo aus Wiener Sicht der Süden sein Versprechen einzulösen begann, wo die Wand aus Wind und Wirbeln nicht mehr kühlte, sondern schon wärmte, am Ende des Kanaltals und in den Südtiroler Tälern, zog die blumige Süsse Italiens in die Seele ein.

Wer die Zugfensterei mit Respekt vor seinen Gefahren betrieb, steckte nur den Kopf hinaus, aber nie einen ganzen Arm. Schon garnicht nach einem heftigen Regen, wenn die nassen Äste schwer in die Trasse ragten. Ohnedies betrieb der erfahrene Zugfensterer die offene Zugfensterei nur in den vorderen Waggons. Wegen der Toilettengeher und der Fahne ihre feuchten Hinterlassenschaften, die den Zug begleitete. Und wegen der anderen Zugfensterer. Nüsslein und Papierkugeln waren noch die gelindesten Geschosse, die einem an den Kopf fliegen konnten. Einmal, es war, wenn ich mich richtig entsinne, auf einer Fahrt nach Genua, sah ich andere Zugfensterer mit der Flobert-Pistole am Zug entlangschiessen. Warum, wussten sie vermutlich selbst nicht. Immerhin schossen sie gegen die Fahrtrichtung. Sie waren Trottel, aber als Zugfensterer waren sie Profis.

Zugfenstern war das Ritual und es musste geplant werden. Es gelang nur in Abteilen und in den Gängen solche enthaltender Wagons. Es empfahl sich, selbstredend, ein Sitzplatz an den Fenstern, die Gegenwart anderer war nicht notwendig, ja eigentlich auch nicht opportun. Zugfenstern war ein Trip, den die Seele im Alleingang unternahm. Hitze war der Zugfensterei zuträglich, Hitze förderte sie, wie der Wind das Segeln, wie die Wellen das Surfen. Hitze linderte die Nebeneffekte der Zugfensterei: Ohrenentzündungen und Halsschmerzen stellten sich in heissem Fahrtwind weit weniger ein als in kühlem. Im Gegenzug machte offensive Hitze anwesende Mitpassagiere demütig und empfänglich für den kühlenden Wind aus dem weit geöffneten Zugauge.

War eine Reise gut geplant, nämlich garnicht, brannte die Sonne vom Himmel und befanden sich die Touristen, Rucksacktramper und Soldaten schon in ihren Quartieren, dann konnte eine Zugfensterei stundenlang dauern. Dann zog der Himmel durch die Seele, rasten die Pinien und die Oleanderwälder durchs Herz, dann schlugen die salzigen Schäume der Wellenkronen ans Gesicht und Bienen, pollenbepackt, im Flug überrascht. Dann wurden dunkle Tunnels zu Fahrten durch die Hölle, dann roch Bremsen nach Eisen und Beschleunigen nach elektrischem Feuer.

Die längste Zugfensterei führte mich nach Kalabrien. Ich habe sie ausschliesslich am Fenster verbracht. 21 Stunden dauerte sie, dreimal stieg ich um, zweimal ass ich, einmal ging ich aufs Klo. Als ich in der glühenden Hitze Sibaris aus dem Trip stieg, hatte ich ein Gesicht aus Stein und Haare aus Holz. In mein Gesicht war ein Lächeln eingemeisselt, sagte man. Das Meer, das gab es damals noch, hat Stein und Holz aus dem Lächeln gewaschen. Damals, als es die Zukunft noch gab.
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Der Standard/ALBUM - Andrea Maria Dusl: Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?


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Am 19.07.2011 um 10:31 schrieb Bela Benkoe:

S.g. Frau Dusl,

ich weiß wo die offenen Zugfenster geblieben sind! In wenig als drei Stunden kann manfrau diese locker einholen. Täglich starten aus Budapest Keleti der Corona Express Richtung Brasov, Rumänien. Mit ein wenig Glück erwischt man eine alte (Schlaf)Garnitur und kann dann viele Stunden lang fensterln. Die Landschaft ist zugegebenermaßen nicht aufregend, das wir es erst nach der rumänischen Grenze und da ist es dann aber schon dunkel. Wobei da kann man sich wieder auf die Gerüche verlassen und das ist zumindest so spannend wie "Dialog im Dunkeln". Und wenn man gaanz mutig ist legt man einige Strecken in Rumänien auch noch mit dem Zug zurück - Zeit muss man halt haben. Da ist meist fensterln im fahrpreis inkludiert, denn einmal offen kann man diese selten wieder schließen, das gleich gilt auch noch für die Türen.

Ich werde diese echte Zeitreise im August wieder antreten, und mich dann mit einem Beweisbild wieder melden.

bb

15. Juli 2011 (0) Comments


Der Provinzpalast

Was bleibt von den ersten zehn Jahren Wiener Museumsquartier? Bevor kommende Woche die verfrühten Jubiläumsfeiern zum Geburtstag am 30. Juni starten, schreibe ich als eine von fünf Wegbegleitern und Stadtbeobachter über "ihr" MQ.

Andrea Maria Dusl in Die Presse vom 30.4.2011

Am Anfang war die Show. Sie war benannt nach dem coolsten Burschen des Universums – Jochen Rindt. Und jedes Wiener Kind war dort, in Dornröschens Messepalast, sah das schnellste Auto der Welt, sah den Lotus, sah die anderen Sportwagen. Und wenn es Glück hatte, sah es ihn selbst, sah Jochen Rindt und seine Prinzgemahlin, Nina Rindt.

Die Jochen-Rindt-Show war besser als ein Beatles-Konzert. Das muss man wissen, wenn man verstehen will, von welcher Liga wir hier sprechen, warum dem Messepalast, dem Museumsqartier, die seltene Eigenschaft innewohnt, als cool zu gelten. Kein anderer Museumsbau in der Stadt ist cool. Nur das Muqua ist es. Und dies ausschließlich deshalb, weil eine Generation von Wienern hier von Jochen Rindt und seiner Show wachgeküsst wurde. Eligibel gemacht für den devianten Palastbesuch.

Das MQ, das Muqua, wie es genannt werden will, um sich in eine Reihe mit dem Moma zu stellen, ist ein Ort, an dem die Internationale auf den staubigen Boden der Provinz kracht. Seine Geschichte ist die Geschichte dieser Einschläge. Mal war es Pferdestall, mal Messehalle, mal Theaterbühne, mal Partyhöhle. Mal war es Autoscheune, mal tote Hose. Jetzt macht es auf Museum.

Ohne Turm, mit Aperol-Spritz. Seit Jochen Rindts Sportautosalon komme ich nicht mehr so oft in den Messepalast. Vielleicht hat das auch ein bisschen mit der verworrenen Geschichte seines Ausbaus zu tun, vielleicht mit der Politik seiner Palastleitung, vielleicht ist mir das alles nicht cool genug. Vielleicht fehlt mir der Turm!

Vielleicht gehen mir die Bobos und die Möchtegernbobos auf den Nerv, die sich hier mit Mojito und Aperol-Spritz imprägnieren, den Nachwuchs im Buggy schaukeln und per Laptop in ihrem Facebook-Profil herumturnen. Vielleicht geht mir auch das Museum des Augenarztes auf den Nerv, es ist ein provinzieller Kasten, der nicht Klimt und Schiele dient(e), sondern dem Ego des Aquisiteurs. Aber es gibt auch Orte im Muqua, die mir gefallen. Das Glacis Beisl gefällt mir, weil es mich an das alte Glacisbeisl erinnert. Die Enzis gefallen mir, wegen ihrer radikalen Form und wegen der Namenspoesie ihrer Jahresfarben, wegen Schwimmbadblau, Freudliegenrot und Fastaustriaviolett. Der Musiktank in der Galerie gefällt mir, wegen der Möglichkeit, dort antiquarischen Ösi-Rock auf CDs brennen zu lassen. Das Milo mag ich, wegen seiner türkischen Fliesen und der Betonziegelwand hinter der Bar. Das Architekturzentrum mag ich, wegen Dietmar Steiner und wegen Jan Tabor. Und Mareks Garage mochte ich. Wer sie kannte, weiß, wovon ich spreche.

Und den Hof mag ich. Wenn er leer gefegt ist, weil es zu kalt ist, oder zu windig, oder zu wenig bobo. Wegen der kleinen Abweichungen vom Pflichtenheft mag ich den Muqua-Messepalast. Und wegen der Jochen-Rindt-Show.

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30.04.2011 | 18:20 | (Die Presse) http://diepresse.com/home/panorama/wien/654484/Fuenf-Stadtbeobachter-ueber-ihr-MQ

1. Mai 2011 (0) Comments


La bella e la bestia

Die Schöne ist das Biest. Warum wir Italien lieben, auch wenn es wieder einmal blöd ist wie die Nacht.

Andrea Maria Dusl für Standard-RONDO vom 11.3.2011

"Es gibt nicht eine, es gibt viele Italie. Und diese vielen Italie sind doch nur eine. Eine Schöne, die ein Biest ist." Giuseppe Patat

Wenn sich der Sommer über Schnitzelland legte, die Knattermaschinen begannen, die Straßen aufzureißen, wenn das Zeugnis abgeholt war und die Schule schloss, wenn der heiße Wind in die kalten Keller fuhr, wurde es Zeit, Vaters Wagen zu besteigen, um in das Land des aufgehenden Herzens zu fahren. Nach Italien, dem Subkontinent der Leidenschaft.

Für Kinder, und als solche wurden wir mit dem Italienvirus angesteckt, war die Landkarte der Leidenschaften noch recht übersichtlich angelegt, sie bestand aus Meer und Pasta asciutta, aus Sandstrand und Gelato. Davon gab es dort reichlich. Und reichlich Zeter und Mordio. Italien war große Oper, lange bevor wir wussten, was Oper war, was Zeter und was Mordio. Unsere erste Italienfahrt war die Initiation ins Reich des Dürfens.

Mein Vater leitete den Grenzübertritt in Tarvis mit der vergnügungstechnisch hochwillkommenen Ankündigung an, hier sei alles erlaubt, was bei uns verboten sei. Man durfte dem Vater vertrauen, immerhin war er der Sohn eines Halbitalieners. Das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten, war öffentliches Schreien, lauthals und unbefugt, Kindertourette. Ob wir also schreien dürften, sobald wir in Italien wären? Aber sicher, sagte der Vater und ließ uns die Fenster runterkurbeln, bis auf Anschlag, und hieß uns zu schreien. Und so schrien wir in den heißen Fahrtwind, schrien uns die Kehlen wund. Schrien vor Freude und vor Stolz, im Lande der Freiheit zu sein. Im Land, in dem man alles durfte. Alles. Und mehr. Wir schrien, bis wir ans Meer kamen. Und dann weinten wir, weil das Meer so schön war. So unendlich schön. Und weil uns die Kehlen brannten vom Schreien. Und dann aßen wir Eis, Gelato hieß es hier, Dschellato, es kühlte die Kehlen und füllte uns ab mit Glück.

Vitelloni und Fahrraddiebe

Der Vater war ein anderer hier, er war ein Italiener hier, er war braungebrannt, einen Tag brauchte er dazu, und lustig, unbeschwert und pfiffig, es musste ein Zauberland sein. Österreich konnte das nicht, aus dem Vater einen Glücksmenschen machen, einen Unbeschwerten, einen Capitano, einen Pappa. So war das mit uns, wir wurden zu Italiani, wenn wir hier waren, Burgen aus dem Strand schaufelten und mit der Luftmatratze Richtung Afrika drifteten. So war das, als wir Kinder waren, und es sollte immer besser werden. Immer südlicher zogen wir, jedes Jahr weiter in die Sonne, bis wir irgendwann an der Stiefelsohle angekommen waren, im Sand lagen, den das Meer aus Sybaris gewaschen hatte.

Und irgendwann war es Zeit, selbst in den Süden zu fahren, mit dem Zug diesmal, denn Auto hatten wir keines, als wir erwuchsen, in das eigene Italien, die Schläuche der Leidenschaften mit eigenem Wein zu füllen. Und mit Grappa und Fernet, Campari und Cinzano. Durch Venedig zu klettern, an der Toskana anzureißen und im Schatten der römischen Pinien vom Schlaf der Gerechten zu kosten.
Und irgendwann wurde es ein erwachsenes Italien für uns, ein härteres, es begann dem Rom von De Sicas Fahrraddieben zu ähneln, dem kleinen Kaff in De Santis Bitterem Reis, dem Rimini aus Fellinis Vitelloni. Es wurde vom blendenden Weiß der Kaffeehaustische am Markusplatz zu den stinkenden Ölflecken in den Hafenbecken von Marghera.

Tourist, Italienbewunderer, Italiengutfinder, Trottel

Wenn du nicht Italienisch sprachst, musstest du Ausländer sein, Tourist, Italienbewunderer, Italiengutfinder. Trottel. Und weil es in Italien eine ungeschriebene Erlaubnis jeglichen Dürfens gab, gab es auch eine Legitimation zum lächelnden Bösesein, dann schnitten sie dir die Spiegelreflex von der Schulter, flexten das Fahrrad vom Laternenmast und lächelten dir ins Gesicht, wenn sie dir für einen Teller Spaghetti mit Mineralwasser den Tageslohn eines Commendatore aus der Tasche zogen. Das war die Fratze des anderen Italien, sie feixte aus der Zeitung mit den Meldungen, in denen die Worte "mafia" und "organizzazione criminale" vorkamen und "scandalo" und "vita politica italiana" und Bilder von Andreotti und anderen nierenkranken Gestalten. Aber es blieb ein schönes Italien voll von Wundern, es war und es ist das Karussell im Luna-Park, es leuchtet und blinkt und pumpt Italo-Pop durch die Lautsprecher, macht trunken und glücklich und ist doch nur von Geschäftemachern betrieben, mit billigem Strom aus rostigen Kraftwerken.

Das Land, in dem die Vespas glühen, ist das Italien aller Gleichzeitigkeiten, die man lieben muss, wenn man Italien lieben will, und Italien muss man lieben, wenn man überhaupt lieben will. Und weil das nicht nur für die Wiederkehrenden so ist, sondern auch für die Italiener, lässt sich erklären, warum sie es überhaupt lieben, dieses widersprüchliche Italien, dieses Italien von Mafia und Camorra, von 'Ndrangheta, Sacra Corona Unita und Stiida, das Italien von Korruption und Stillstand, von Unregierbarkeit und Neofaschismus, von stinkendem Müll und dem Paralleluniversum Vatikan. Nur in Kenntnis der italienischen Kunstfertigkeit, Jenseitiges zu Diesseitigem umzuetikettieren, lässt sich verstehen, wieso die Italiener einen multipel gelifteten und haartransplantierten Sexsüchtigen als Regierungschef durchs Land tragen, einen Cavaliere, der auf dem schlecht lackierten Pferd im Luna-Park-Karussell lachend im Kreis reitet. Im Land, in dem man alles darf.

Andrea Maria Dusl/Der Standard/rondo/11/03/2011

13. März 2011 (0) Comments


Wo ist unser Tahrir-Platz?

für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 16.2.2011.

Es ist gute drei Wochen her, als die ägyptische Zivilgesellschaft mit ständig wachsendem Selbstbewusstsein in Kairo und anderen Städten auf die Strasse ging, weil sie mit dem nicht zufrieden war, was der Machthaber ihnen an Freiheiten und Möglichkeiten zugestand. Der Machthaber - ein bis zur Parodie gelifteter und maskenhaft auf alterslos getrimmter Greis, der sich und seine Entscheidungen für unersetzlich hielt und in dem Caesarenwahn lebte, von “seinem” Volk dafür auch noch geliebt zu werden. Westliche Regierungen bestätigten ihn jahrzehntelang in diesem Glauben. Mubarak war ein Schurke, aber er war “unser” Schurke, wusste man in den diplomatischen Kreisen der ersten und zweiten Welt. Nach drei Wochen Massenprotesten ist Mubarak nicht mehr, das Volk und seine Generalskollegen haben ihn gestürzt. Im Exil auf der Emiratsinsel Schardscha am persischen Golf sitzt der nackte König jetzt in einem Palast und krämpft. Nimmt, so sagen die Gerüchte, keine Medikamente mehr zu sich, spielt den sterbenden Schwan und färbt sich den Haaransatz nicht mehr mit teurer schwarzer Schuhpasta. Pharao Gaga versteht die Welt nicht mehr, sein geliebtes Volk hat ihn verstossen.

Was hat das alles mit uns zu tun? Was hat ein arabischer Autokrat mit der Insel der Seligen zu tun, was mit Schnitzelland, dem Land von Mozart und Schröcksnadel, von Grillparzer und DJ Ötzi? Wir leben doch in einer Demokratie, wir haben Frieden und Freiheit und Zeitungen und Wurstsemmeln und Internet für Alle. Was hat es mit uns zu tun?

Viel. Und gleichzeitig nichts. Es ist noch keine hundert Jahre her, dass im Land der Berge, Strome, Äcker, Dome die Staatsform der Demokratie eingeführt wurde. Erstmalig. Und mit bescheidenem Erfolg. Nach 16 Jahren war es vorbei mit der Herrschaft des Volkes. Zwei Diktaturen folgten, sie mündeten in Krieg und Vernichtung. Seit 1955 ist Schnitzelland wieder ziemlich frei und relativ souverän. In Teilen der Bevölkerung gibt es Sehnsucht nach einem starken Mann. Damit meint dieser Teil Österreichs gewiss nicht Bruno Kreisky. Schon eher jemand vom Schlage des Millimetternichs aus Texing oder gar des Postkartenmalers aus Braunau. Die Namen werden heute noch von Seligsprechern und Ewiggestrigen hinter vorgehaltener Hand, aber grossem Wohlwollen ausgesprochen: Dollfuß. Hitler. Es ist kein Menschenleben her, dass Österreich von Ultramubaraks regiert wurde. Dass Tod und Vernichtung für Andersdenkende Tagesgeschäft war. Das sollten wir immer in Erinnerung haben, wenn wir den Aufstand des ägyptischen Volkes mit dem lockeren Gestus politischer Abgebrühtheit kommentieren. Haben sich die Blossfüssigen gegen den Präsidenten aufgepudelt. Na schau.

Die demokratische Decke, in die wir uns kuscheln, ist dünn. Es leben noch Zeitzeugen jenes blutigen Februar 1934, als das Bundesheer das Feuer auf aufständische Demokraten eröffnete. Als politische Gegner des Austro-Hosni standrechtlich ermordet wurden. Die Beurteilung dieses schmutzigen Teils der österreichischen Geschichte ist hierorts übrigens noch nicht politischer Konsens. Und Tahrir-Platz, also Freiheits-Platz haben wir auch keinen in der Bundeshauptstadt. Unser Massenauflaufstätte heisst, ganz monarchisch: Heldenplatz.

16. Februar 2011 (0) Comments


Die Wohnung im dritten Stock

Essay, erschienen in meinem Buch Die österreichische Oberfläche.

Meine erste Wohnung. Klamm stand ich vor ihrer billigen Eingangstüre. Nie hatte sie Reichtümer beschützt. Kein Gold und kein Geld. Keinen Schmuck und kein wertvolles Mobiliar. Keinen Perser und keinen Klimt. Dennoch muss eine schwere Kieferntür, die hier mal angeschlagen war, irgendwann zwischen 1933 und 1955 eingetreten worden sein. Und ausgetauscht gegen diese schlichte und dünne, aus gehobelten Fichtenbrettern gezimmerte, mit zahnfarbenem Lack bemalte.

Die Türe meiner ersten Wohnung erinnerte mich an die schlichten Portale der Wiener Gemeindebauwohnungen. Auf Augenhöhe war eine blecherne Drehklingel eingeschnitten. Daneben ein visitkartengroßes Sichtfensterchen aus Aluminium. Irgendwann zwischen Dollfuß und Staatsvertrag muss diese Türe hier eingebaut worden sein. In der nationalen Zeit, wie sie meine Tante, die Rodelweltmeisterin, genannt hatte. Die nationale Zeit, wie sie Dollfuß und Bürgerkrieg, Hitler, die Nazis und ihren Krieg genannt hatte. Die nationale Zeit. Mit einer Mischung aus Betäubung und Abscheu hatte sie das gesagt. Wenn ich sie fragte, wie denn das damals gewesen sei, deutete sie auf ihr Ohr. „Ich höre dich nicht“, hatte sie dann gesagt. „Ich höre dich nicht, Kindchen, ich bin in Sankt Moritz auf das Eis gefallen.“

Der Schlüssel, mit dem ich meine erste eigene Wohnung aufschloss, zitterte in meiner Hand, ich war aufgeregt. Man musste die Türschnalle leicht anheben, um den Riegel zu bewegen. Ich sollte all die Jahre die Einzige sein, die diese Türe je aufsperren konnte. Es war ein einfacher Schlüssel. Ein Bartschlüssel, wie sie Schranktüren haben. Und Abstellräume.

„Die Wohnung hat einen Haken“, hatte es geheißen...

... „Welchen Haken?“ Die Wohnung hat keine Heizung und sie ist möbliert.

In der Wohnung roch es streng. Der Eiskasten hatte schon zu leben begonnen. Die Luft stand in den drei Räumen. In der Küche, es war der erste Raum, starrte Geschirr in der Spüle. Rechaudhäferl und abgestoßene Gläser. Die Küchenkästen hatten einen Teint aus aufgenageltem Resopal und brüchiger Folie, die sich an den Ecken zu klebrigen Eselsohren aufkringelte. Über alles hatte sich die dicke fahle Patina gelegt, die entsteht, wenn über viele Jahre Fettschwaden und Nikotin kondensieren und mit Aschestaub und Ruß bestäubt werden. Zwischen dem Grind gab es glänzende Stellen. Wie kleine blanke Lichtungen. Dort, wo müde alte Hände Kästchenecken abgegriffen und mit dem Küchenhangerl den Milchkaffee aufgewischt hatten.

Der Ort hatte etwas ungemein Trauriges. Und diese Traurigkeit mischte sich mit der Euphorie, mit der ich in meine erste eigene Wohnung gedrungen war. Es war ein Dringen. Noch war das hier nicht meine Wohnung. Noch war das die Wohnung der beiden alten Leute, die hier bis vor einem halben Jahr gelebt hatten. Sie waren beide gestorben, am selben Tag, hatte man mir erzählt. An zwei verschiedenen Krankheiten, in zwei verschiedenen Krankenhäusern.

„Ich bin froh“, hatte mir die neue Nachbarin gesagt. Durch die halb geöffnete Nachbarstüre. Wann immer ich den Schlüssel hier ins Schloss stecken würde, in den nächsten fünfzehn Jahren, würde sie durch ihren Türspion nach dem Rechten sehen. Dann so tun, als würde sie zufällig am Gang zu schaffen haben. Mir einen vorbereiteten Becher Joghurt oder ein vorbereitetes Achtel Butter überreichen und behaupten, sie hätte zu viel eingekauft.

„Ich bin sehr froh, dass Sie da sind“, hatte Frau Siegl gesagt, „man ist hier einsam im dritten Stock, hier hört einen niemand. Es ist gut“, frohlockte sie, „dass Sie da sind.“ Hier hört einen niemand? Wie hatte sie mich gehört? Wie hatten die Leute im zweiten Stock, die Leute im ersten Stock und die Leute im Erdgeschoss mich hören können? Hinter jeder dieser Türen hatte ich es rascheln gehört. War es ein anderes Nichthören, von dem sie sprach?

Noch war ich nicht ins Wohnzimmer vorgedrungen, den zweiten Raum. Ich hatte Angst, etwas zu sehen, dessen Anblick mir nicht gehörte. Wie schafften das Einbrecher? Wie schafften sie es, den Damm an Schamfurcht zu durchbrechen, der fremde Wohnungen wie diese so unbetretbar macht? Ich taumelte durch ein unsichtbares Moor aus Depression. Dann drückte ich die Türe ins Wohnzimmer auf. Eine dicke braune Türe. Oft getüncht, schwer und alt.

Das Wohnzimmer war durchwühlt worden, Kleider lagen auf dem Boden. Die benutzte Doppelbetthälfte sah aus, als wäre jemand gerade erst aufgestanden. Die dicke Tuchent lag zurückgeschlagen, das Bett schien mir wie eine weiße Wunde, die sich nie wieder geschlossen hatte. Schranktüren standen offen. Unterwäsche war durchsucht worden. In der Ecke klaffte ein schwarzes Loch. Hier hatte jemand den Ofen mitgenommen. Waren das die Erben gewesen? Welche Erben nehmen einen jämmerlichen Ofen mit? Ich bewegte mich auf unsichtbaren Korridoren durch den Raum. So ist es doch in einem Raum, unsichtbare Wege verbinden Orte verschiedener Wichtigkeit. Vom Bett zum Öfchen, vom Öfchen zum Klo am Gang. Vom Klo am Gang zum Waschbecken, vom Waschbecken zum Handtuch an der Tür. Vom Handtuch an der Tür zum Bett. Es gab zwei Fenster in diesem Raum. Aber nur eines, das man öffnen konnte. Das andere war jahrzehntelang verschlossen geblieben. Das Blumenfenster. Braunes Gebüsch stak in trockenen Töpfen.

Es roch hier nach vielen Dingen. Es stank nach toter Luft. Nach dem süsslichen Gift der Mottenkugeln. Und aus dem Kamin rann der beißende Geruch von Hausbrand. So hatte ich die kalte Winterstadt als Kind kennen gelernt. Ich nannte es die schnürende Luft.

Die tote Wohnung im dritten Stock war hell. Und trotzdem kam ich mir vor wie in unter Tag. In diesem Bergwerksstollen der Erinnerungen ging mir schon die Luft aus. Noch fünf Minuten gab ich mir. Zwei Minuten für den dritten Raum, zwei für den Rückweg, eine fürs Versperren der Wohnung.

Bis jetzt hatte ich nichts angegriffen, die Türen nur mit dem Fuß aufgestoßen. Und doch kam ich mir schmutzig vor. Die dunkle graue Hand fremder Erinnerung hatte mir übers Gesicht gestriffen. Das dritte Zimmer. Es war bis zur Decke angeräumt. Tausende Flaschen. Hunderte Bretter. Keine einzige Zeitung. An die Innentüre hatte jemand mit Bleistift Striche gekritzelt. Diese Striche, wie man sie aus Gefängnisfilmen kennt und, wenn man im Gefängnis war, aus der eigenen Anschauung. Vier in einer Reihe und ein Fünfter quer durch. Der vermüllte Raum war irgendwann das Kinderzimmer gewesen. Jetzt hatte ich auch die ahornsamenförmige Flügelschraube entdeckt, mit der man diese Tür von außen versperren konnte.

Am Gang knarrte es, als ich die Wohnung verschloss. Frau Siegl lugte aus ihrer aufgeräumten Suite. Ich bin so froh das jemand hier wohnt. Jemand. Nicht „ich“, nicht „Sie“. Jemand. Frau Siegl mit ihrer schnarrenden deutschen Stimme rumorte hinter der halboffenen Türe. „Einen Moment“, gluckste sie mit singender, sägender Stimme. „Hier habe ich ein Joghurt. Ich möchte es nicht wegwerfen. Wenn Sie es doch bitte nehmen möchten!“ Jog Hurt. Jog Hurt sang sie, als wäre es aus dem Libretto des Land des Lächelns.

Ein Tag war vergangen. Ich hob die Schnalle meiner Eingangstüre, als hätte ich es schon tausende Male gemacht, drehte den Bart im Schloss, öffnete das dünne Türchen und betrat die fremde Wohnung. Diesmal hatte ich Handschuhe an und Müllsäcke dabei. Mein Vorhaben hatte etwas Österreichisches. Ordnung zu machen, wo eine Ordnung schon war. Das Andere durch das Eigene zu ersetzen.

Die Arbeit ging leicht von der Hand. Und von der Hand in den Sack. Bald hatte ich viel vom Wald der fremden Erinnerung gerodet. Herr und Frau Resch hatten hier dreißig Jahre gelebt. Nicht viel länger, als ich selbst in diesem Haus im zweiten Bezirk gelebt hatte. Die Wohnung meiner Eltern lag einen Stock tiefer. Herrn und Frau Resch habe ich in all dieser Zeit vielleicht hundert Mal gesehen.

Gehört hatte ich sie jeden Tag. „Frau, geh her da!“, hatte Herr Resch befohlen. Mit seiner knarrenden tiefen Stimme. Was ich auch wahrgenommen hatte, war der Reschen Angst vor dem Veitschi. Als der hundertjährige Fassadenwein schon den ganzen Innenhof mit seinen satten grünen Blättern bedeckt hatte, war einzig die Wohnung der Reschen noch frei geblieben.

Hundertwasser hatte da gerade sein Fensterrecht proklamiert, in der monströs populären Sendung „Wünsch dir was!“ Ich wünschte mir, der Veitschi möge überall hinwachsen und die letzte graue Ecke unseres Hofs mit seinen dreizackigen Blättern bedecken. Auch dort, wo das hundertwasserische Fensterrecht der Reschen galt. „Da ziagtsas Ungeziefer auffa“, hatte der „Geh-her-da-Resch“ immer gesagt. Und so wuchs der nicht zu ihnen rauf. Hatte ich gedacht. Und jetzt hatte ich das Instrument entdeckt. Den Veitschi-Apparat. Einen langen Besenstiel, auf den die Reschen eine Malerspachtel montiert hatten. Damit hatten sie sich den Veitschi vom Leib gehalten. Aus Angst vor dem Ungeziefer. Aus Xenophobie vor der asiatischen Pflanze. Aus Weinviertlerwut auf die nichttragende Rebe.

Ich nahm den Veitschi-Abhalter zur Hand und strich damit über das Damastmuster der Tapete. Ratsch machte der Veitschi- Spachtel und riss eine Narbe in das Wandpapier. So weit war ich ja noch gar nicht mit der Conquista dieses Apartments. Die Tapeten wollte ich in Ruhe herunterholen, in der singulären Einsamkeit der ausgeräumten Leere. Und jetzt riss ich an den Tapeten wie ein barbarisches Reh am Bast. Über den Wald an Erinnerung hingen jetzt die Streifen der Wandverschönerung.

Ich ahnte, die Wände hatten sich oft kleiden müssen, hier oben. Die Reschen hatten alles zukleistern müssen mit der braunroten Damasttapete. Die Erinnerungen vor den ihren.

Bald hatte ich zweihundert Säcke voll geräumt mit der Reschen Habe. Wäsche brachte ich zur Caritas. Flaschen warf ich in die Glascontainer, Holz stellte ich in den Keller zum modern, für alles hatte ich einen Entsorgungsort gefunden. Es waren die Achtzigerjahre, die Mülltrennungszeit war angebrochen.

Ich war erstaunt über die Rohheit, mit der ich hier ans Werk gegangen war. Respektlos hatte ich weggeworfen, was mir nicht gehörte. Nur einmal hatte ich innegehalten, so etwas wie Rührung hatte sich in mich geschlichen. Das war, als ich den Wäscheschrank der Frau Resch ausräumte. Frau Siegl, die Nachbarin, wusste, was es damit auf sich hatte, während sie mir ein Jog Hurt überreichte. Wenn der Resch seinen Zornanfall hatte, „weil ihm die Frau nicht zur Hand gegangen war“, hatte er ihren gesamten Wäscheschrank ausgeräumt. Jedes Regal. Jede Lade. Alles mit dem ausgestreckten Arm herausgeholt und auf den rotbraunen Linolboden geschleudert.

Frau Reschens Kastenhabe habe ich nicht in einen schwarzen Sack gestopft. Ich habe sie in weißes Papier geschlagen, wie man es in Putzereien tut, mit der frischen Wäsche. Und ich habe diesen Packen die Eleganz einer separaten Caritaseingabe angedeihen lassen.

Neben Frau Reschens Schrank stand der ihres Gatten. Der Gatte, so sagen es die Österreicher. Der Gatte und die Gattin. Nicht Josef und Anna, Franz und Maria, Heinz und Elfriede. Der Gatte und die Gattin. Gatte Resch hatte minutiös Mitgliedsmarken geklebt. In die kleinen roten Büchlein der Sozialistischen Partei. Ich fand seine Parteibücher neben seinen Sonntagskrawatten.

Josef Resch war stolzer Eisenbahner gewesen. Er hatte keinen einzigen Zug entgleisen lassen. Dafür aber seine Seele. Statt seinen Vorgesetzten die Schreibtische abzuräumen, war er dem Wäschekasten seiner Frau zu Leibe gerückt. Herr Resch war ein kleiner Mann gewesen. Die Uniform, die ich in seinem Schrank gefunden hatte, war die eines festen Mannes. Genau genommen war Resch nicht klein, Resch war kurz gewesen. Man hatte ihn frühpensioniert. Aber einmal Eisenbahn, immer Eisenbahn. In seiner Pension, so fand ich es in seinen Papieren, war Josef Resch Mitarbeiter bei einer Nebenstrecke geworden. Streckenwärter.

Bei der Liliputbahn im Prater.

Bald war die Wohnung besenrein, wie der Österreicher sagt. Besenrein, das so heißt, weil es die Reinlichkeit des Besens zum Ursprung hat. So hat es der Österreicher gerne. Besenrein. Nicht aufgewaschen, nicht sauber. Besenrein. Aufgekehrt. Mit dem Schäufelchen gebückt. Und so war ich nun zu meiner eigenen Österreicherin geworden. In dem ich es mir mit dem Reinebesen besenrein gemacht hatte.

Aber ich bin keine Österreicherin. Weder familiär noch gedanklich. Besenrein war mir zu wenig. Ich wollte hinter die Kulissen sehen. Ich hatte begonnen, Bühnenbild zu studieren, an der Akademie am Schillerplatz. Ohne es zu wissen, saß ich vier Jahre in ebenjenem Saal, in dem der Oldenburger Historienmaler Christian Griepenkerl 1907 einen jungen oberösterreichischen Postkartenaquarellisten wegen „ungenügender Probezeichnungen“ hatte durchfallen lassen. Eine Fama will wissen, dass sich der durchgeknallte Maler während der Wartezeit am Terrazzoboden des Theophil-Hansen-Baus in die dort mäandernden Hakenkreuze verschaut hatte.

In der Akademieklasse, die Adolf Hitler nicht gewollt hatte, lernte ich, wie man Wirklichkeiten konstruiert, Oberflächen erlügt, wie man den schönen Schein erfindet, den hässlichen Schatten erzeugt. Aber hier, wo ich wohnen wollte, hier wollte ich an den Grund gehen. In aller Naivität, die in mir steckte. Ich wollte diese drei Zimmer dort hinbringen, wo sie hundertvierzig Jahre vorher vom sedierten Vormärz in die unruhig bunte Hölle der Gründerzeit gestartet waren.

Besenrein waren diese drei Zimmer. Nichts erinnerte mehr an die Resche. Nur ihre Veitschispachtel war geblieben. Und mit der begann ich nun, die Schichten abzutragen, die Vormieter und Vorvormieter hier an die Wände getüncht hatten.

Unter den reschischen Brokattapeten und dem dünnen Leim, mit dem sie an die Wand gepappt waren, lag eine seifige Schicht, weiß wie getrocknete Sauermilch. Und darunter eine graue kalkige und unter jener eine dottergelbe und darunter wieder eine eisblaue. Alle zehn Jahre, so dachte ich es mir, hatten sich diese Räume eine neue Identität geben müssen. Und so kratzte ich mich durch die Zeiten. Mit der Veitschispachtel. Auf einer dünnen Leiter stelzend. Manchmal gingen die Schichten in Paketen ab, fielen wie Schiefer aus dem Fels, manchmal lösten sie sich einzeln, wie die Blätter eines vertrockneten Folianten.

Am leichtesten hatte es mir das Kabinett gemacht. Ein schmaler Raum, ganz hinten. Gerade mal so groß, um darin ein Bett aufzustellen. Dafür war er ja auch vorgesehen. Das Bett aufzustellen. Für den Bettgeher, den Untermieter, den Onkel, die Großmutter, die Kinder. Wer auch immer der Separation bedurfte. Das Kabinett ist nicht oft getüncht worden. Hier war ich am schnellsten zum vormärzlichen Grund vorgestoßen. Ein glatter Putz, von guten Handwerkern aufgetragen. Auf den hatte der Maler Ornamente gewalzt, Girlanden, Blattwerk, einen zarten Strich. Feine, stille Pracht für ein keimendes Proletariat.

Der große Raum machte mir schon mehr Mühe. In diesem Raum gab es elektrisches Licht. Die Drähte, die die Deckenlampe mit den neumodischen Zauberfunken betrieben, liefen in geteertem Geflecht, in Papp-Blechröhren. Weil die österreichische Oberfläche auch um die Jahrhundertwende keine Verunstaltung leiden mochte, wurden sie unter Putz gelegt. Wo doch in Österreich die Versorgungsstränge des Hauses stets intramural laufen. Eingemauert. Ein Wasserrohrbruch, ein Kurzschluss, ein Gasleck ruft immer gleich nach dem Stemmeisen.

Das geteerte Geflecht in seinen Papp-Blechröhren hielt Gips in seinen Furchen. Gips, die kleine Schwester vom Putz, das österreichische Allheilmittel. Das Pflaster für die Wandnarbe. Über die Wände meines vormärzlichen Wohnzimmers zog sich der Gips wie ein dünner weißer Nil durch die putzene Wüste. Noch gefiel mir diese Wanderzählung, dieses Nebeneinander der Epochen.

Meine Zuneigung geriet ins Wanken, als ich begann, jenen Raum zu entblättern, den man vom Gang aus zuerst betrat, die Küche. Sie hatte einen gemauerten Boden, keinen aus linolverkrusteten Lärchendielen. Der gemauerte Boden konnte einen festen Herd tragen. Indes, hier stand ein trauriger Suppenherd. Seine Gasflammen hingen an einem dicken Eisenrohr, das tief im gipsernen Fluss versteckt lief und sich rund um die Wand schlängelte. Ein zweites Rohr mündete in einen emaillierten Erker über dem Waschbecken. Ein furchtbares Gerät, das grässliche Explosionsgeräusche von sich gab, wann immer ich den Warmwasserhahn aufdrehte. Die Abgase solcher Thermen hätten viele Menschen in den Tod gerissen, las ich damals irgendwo. Mir graute vor dem Ding.

Auch hier kratzte ich mit der reschenen Veitschispachtel. Hob Scholle um Scholle von der Wand. Als stäche ich in die Blätterteigschichten einer umgefallenen Cremeschnitte. Auf der Suche nach dem Inhalt.

In der Ecke über der dünnen Eingangstüre, etwa dort, wo man steht, wenn man von innen öffnet, stieß ich auf eine Kruste, die mir den Atem stocken ließ. Sie war über und über mit Blutspritzern bedeckt. Das Blut an der Wand war nicht abgewaschen worden. Man hatte darüber gemalt. Wieder und wieder, bis kein Fleck mehr zu sehen war. Wessen Blut war das? Und warum klebte es an der Wand? Und warum hatte es niemand abgewaschen?

Als mir die Nachbarin Jog Hurt aushändigte, mit ihrem sägend-schnarrenden Teutonensopran, stellte ich die Frage.

„Vor den Reschen. Wer hat hier gewohnt?“

„Ein jüdischer Flickschneider.“

Die Sieglin wandte sich ab und ächzte in ihre Wohnung.

„Was ist aus ihm geworden?“

„Sehr unsaubere Leute. Überall Ungeziefer“, klirrte sie aus der halb geöffneten Sicherheitstüre.

„Was wurde aus Ihrem Nachbar?“

„Fortgezogen.“

„Wohin?“

„Keine Ahnung, Möbel haben sie dagelassen. Sehr unstete Leute. Flickschneider. Juden.“

„Ich habe Blut an den Wänden gefunden. Aus dieser Zeit. Was kann da passiert sein?“

„Da müssen Sie mich nicht fragen. Ich war da auf Urlaub.“

Und dann schloss sich ihre Tür. Lange würde es kein Jog Hurt geben für mich.

23. Januar 2011 (0) Comments


Gymnasial Ideal Egal

für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 15.1.2011

Das Leben ist jenes Gefängnis, das wir uns bauen, wenn wir in die Schule gehen. Man schrieb das Jahr 1970, meine Eltern sassen vor einem Eissalon am Wiener Schottenring und löffelten Eiscafé. Am Nebentisch, so erzählten sie mir Jahre später, sassen Schülerinnen und Schüler, nett und adrett, erfreulich anzusehen, gescheit und beredt, wohl erzogen und höflich, sie parlierten in einer schönen Sprache über interessante Dinge. Wo sie denn in die Schule gingen, wollten meine Eltern wissen. Ins Gymnasium! Dort lehre man sie Griechisch und Sanskrit, der Musen Zauber, der Dichter Werke, es werde differenziert und integriert und kalkuliert, mit Rechenschiebern aus Elfenbein! Wären meine Eltern religiös gewesen, hätten sie von Heiligenscheinen berichtet, die diese Wunderkinder hinter ihren Scheiteln trugen. Mein Schicksal war besiegelt, meine Zukunft bestimmt, ich sollte eines dieser Kinder werden, nett und adrett, erfreulich anzusehen, gescheit und beredt, wohl erzogen und höflich.

Ich erinnere mich gut an diese Zeit, sie roch nach Zukunft und zugleich miachtelte es düster aus den unversperrten Kellern die Vergangenheit. Warum Bruno Kreisky so langsam sprach, war ein konservativer Witz dieser Tage. Weil er erst alles aus dem Hebräischen übersetzen muss. Har har. Und bald mache er diesem Österreich den Garaus. Er wolle die Proleten in die Schule lassen, ins Gymnasium, in den Heiligen Hain. Wie will er das machen, Kreisky, dieser Schuft, empörten sich die Professoren und Studienräte und der Dünkel wallte ihr Haar. Er will die Aufnahmeprüfung abschaffen! Bald würden Hippies hier auftauchen, und Hascher und anderes Langhaargesindel! Sie würden nicht nett sein und nicht adrett, unerfreulich anzusehen, böse wie Bader und beredt wie Dutschke, unerzogen und höflich, und in derber Sprache über hehre Dinge lästern. Über Goethe und Schiller herziehen, Grillparzer mit einer Stromgitarre schänden, Obladi singen und Oblada!

Das Bureau des Herrn Hofrat roch nach Weihrauch und Schuhpasta, es war der grösste Raum im ganzen Schulgebäude, der grösste Raum im Universum. Darin stand ich im Sommer 1970 und legte die Aufnahmsprüfung ab, zwei Wochen bevor sie Dr. Kreisky abschaffen sollte. Meine Eltern waren schon dagewesen, hatten ihre Vermögensverhältnisse dargestellt und die Qualität ihrer Bürgerlichkeit nachgewiesen, über Konzertsäle geplaudert und sizilianische Ruinen. Und jetzt stand ich da und der Herr Hofrat tätschelte meinen Kopf, liess mich 143 mit sieben muliplizieren, die D-Dur-Tonleiter singen und dann wollte er wissen, ob ich immun sei gegen die Verfehlungen dieser Welt. Die Beatles, was hältst Du von den Beatles, wollte er wissen, der Herr Hofrat, ein mächtiger Mann, mein Lebensweg stand auf Messers Schneide. Die Beatles, log ich, seien Banditen, das sei keine Musik, sondern Krach. So war das, 1970, als es zuletzt Aufnahmeprüfungen gab in österreichischen Gymnasien. Bevor die Gefängnistore aus den Angeln gehoben wurden. Mögen nie wieder welche eingehängt werden. Und nie wieder ein Hofrat Weihrauch in einen Kinderkopf tätscheln.

22. Januar 2011 (0) Comments


Keine Angst

Für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 23.10.2010
Liebe Angsthabende, irgendwo da draussen an euren Stammtischen! Irgendwo da draussen im Pendlerbus, im vollen Abteil, am Moped, im Wagen, am Weg zur Arbeit, hinter der Supermarktkasse, in der Schlange am Arbeitsamt.

Habt keine Angst. Fürchtet euch nicht. Fürchtet euch nicht vor den Araksyas und Arigonas, den Daniellas und Dorentinyas. Fürchtet euch nicht vor ihren Müttern und Vätern, habt keine Angst vor denen, die ein besseres Leben suchen. Ein bescheidenes Leben. Ein Leben ohne Angst. Ein Leben in Friede und Freiheit. Ein Leben ohne zerbombte Häuser, ohne Verfolgung und Diskriminierung, ein Leben in Sicherheit. Sie wünschen sich das selbe wie ihr. Liebe und Verständnis, Achtung und Respekt, Wärme und Sicherheit. Es steht ihnen so zu, wie euch. Es steht uns allen zu. Liebe und Verständnis, Achtung und Respekt, Wärme und Sicherheit sind nur scheinbar knappes Gut. Liebe und Verständnis, Achtung und Respekt, Wärme und Sicherheit wachsen nach, wenn man sie verteilt. Es sind Rechte die uns zustehen, liebe Angsthabende da draussen an euren Stammtischen, im vollen Abteil, in der Schlange am Arbeitsamt! Es sind Rechte die uns zustehen, aber sie werden uns vorenthalten. Uns allen. Um unsere Angst zu schüren. Dahinter steckt ein Plan. Angst macht Panik. Angst macht unfrei.

Glauben wir denen nicht, die uns Angst machen vor den Schwachen. Glauben wir den Wienerblutpanschern nicht. Glauben wir den Heimatschwurblern nicht, glauben wir den Inländerfetischisten nicht. Sie manipulieren uns. Sie lügen uns an. Sie brauchen unsere Angst, um ihre bösen Geschäfte zu machen. Sie brauchen unsere Angst, um abzulenken. Von den Verbrechen, die sie begehen. Sie sackeln das Land aus, sie sackeln den Staat aus. Sie sackeln uns alle aus. Es sind die Leute, für die die Unschuldsvermutung gilt. Die mit dem Finger auf andere zeigen, die Faust recken und den Handschlag hochhalten.

Sie interessieren sich nicht für das Wiener Blut, nicht für das Steirererde, nicht für die Kärntner Heimatseele, nicht für den Salzburger Jedermann. Sie interessieren sich für die Macht. Um die Macht zu bekommen, brauchen sie unsere Stimme. Um unsere Stimme zu bekommen, hetzen sie uns auf. Machen uns Angst. Die Provisonsempfänger, die Homepagebetreiber, die Bankenpaketler. Die Handerlaufhalter und Dreikrügelbesteller, die Gratisurlauber und Taferlverrücker. Die Sonnen an den Himmeln. Die Hetzer in den Bierzelten. Die Rechthaber, die Rechtshüter, die Rechtssprecher, die Recht-muss-Recht-bleiben-Schreier. Sie schüren unsere Angst. Um von ihren Geschäften abzulenken. Hören wir nicht auf sie, hören wir nicht auf ihre Lügen, jagen wir sie zum Teufel.

Und haben wir keine Angst vor denen, die Hilfe brauchen. Sie werden uns nicht ausrauben. Sie werden uns nichts wegnehmen. Denn das machen die anderen, die Braungebrannten, die Unschuldsvermutler. Die Handerlaufhalter. Die Angstmacher. Die Unfreimacher.

Verändern wir gemeinsam diese Republik!

Jetzt.

Haben wir keine Angst!

25. Oktober 2010 (0) Comments


Warme Eislutschker

Essay für die "International Aids Conference"-Beilage des Standard vom 17. Juli 2010.

Life-Ball-bei-Ratzi.jpgWir waren Kinder und wir waren gesund. Im katholischen Klassenzimmer hing Franz Jonas, in San Francisco feierten sie den Summer of Love und unsere Krankheiten waren aufgeschundene Knie und Kirschen-Bauchweh. Ganz schlimme Opfer von Unpässlichkeiten klagten allerhöchstens über Nasenbluten und Zahnweh. Aber jenseits dieser Malaisen gab es ernstere Erkrankungen.

Die Männer in den weissen Mänteln und mit den randlosen Brillen, die Onkel Doktores machten strenge Gesichter, wenn sie davon sprachen. Spärlich war das Lehrerwissen darum, Händewaschen hiess es, wäre schon mal nicht falsch und unbekannte Dinge nicht anzugreifen oder abzuschlecken. Die Türschnallen von öffentlichen Gebäuden, die Hörer in den Telefonzellen, die Haltestangen in der Strassenbahn. Der Virus konnte überall lauern und jederzeit zuschlagen. Er war schlimmer als die Grippe, gefährlicher als Mumps und Masern, heimtückischer als Keuchhusten und Röteln. Und er hatte einen furchtbaren Namen: Kinderlähmung. Den Tod brächte er und ein Leben in der Eisernen Lunge und wer Glück hätte und wen es nur milde träfe, überlebte das Unaussprechliche mit schrecklichen Folgen.

Und alle von uns kannten irgendein Kind oder hatten schon mal eines gesehen, das an Krücken ging und dessen dünne Krüppelbeinchen in einem Gestell aus Lederschnallen und Metallschienen festgezurrt waren. Aber es gab Hoffnung, es gab Hilfe, es gab einen Ausgang aus dem Höllenzwang. Es gab die Impfung. Und es war keine Impfung, die gestochen wurde, sie kam nicht aus einem pieksenden Stachel, sie machte richtig Spass. Nie zuvor und nie danach habe ich, haben wir ein Zuckerstück gegessen, das gesünder war, als der kleine, mit einem Spritzer Medizin beträufelte Würfel. Die Schluckimpfung war eine feine Sache. Sie war geradezu lustig. Harmlos, aber heilbringend. Nie wieder Angst haben vor einem Leben als Krüppelkind. Und alle waren dabei. Niemand fehlte.

Aids-Galas funktionieren wie solche Schluckimpfungen. Sie sind geil, aber dienen einem hehren Zweck, sie verwirbeln Prominente, aufgeklärte Bildungsbürger, hedonistische Normalverbraucher und Betroffene aus der Szene zu einem glitzernden Gala-Amalgam. Sie immunisieren die Gesellschaft gegen ihr schlimmstes Ressentiment - dass Aussenseitertum und Krankheit ein Paar wären, dass sexueller Devianz Bestrafung folgt. Die einfache Message von Aids-Galas ist diese: HIV kann jeden treffen, der Kampf gegen die heimtückische Immunschwäche geht uns alle an. Es ist gut, dass es diese Galas gibt. Es ist gut, dass es den Life-Ball gibt. Und es ist fantastisch, dass er seit seinem Anbeginn unter dem Ehrenschutz des Wiener Bürgermeisters im Rathaus stattfindet und längst ein Fest von Weltgeltung ist.

Aber er ist die falsche Schluckimpfung. Er ist nur der Zucker. Ja, es wird gesammelt, ja medizinische und soziale Programme werden damit dotiert, Projekte finanziert; Aufklärung wird betrieben, Bewusstsein wird geschaffen, Barrieren und Ressentiments werden abgebaut. Darin ist der Life-Ball groß und mit ihm all die anderen, weltweit organisierten Aids-Galas. Das ist ihr Zweck und darin glücken sie. Aber sie sind nur der Zucker. Der Wirkstoff mit dem sie beträufelt wurden ist Bewusstsein.

Aids-Galas immunisieren nicht gegen die Krankheit, sie sind der Beipackzettel, aber nicht die Pille. Sie sind ein raffinierter, hochgestylter Aufschrei einer liberalen Mediengesellschaft. Das ist besser, als es sich anhört, aber viel zuwenig, um Aids zu stoppen.

Immunologen und Zellbiologen forschen fieberhaft an Strategien zu Aushebelung des heimtückischen Erkrankungsmechanismus. Und es gibt mittlerweile erfolgreiche Therapien, den Ausbruch von Aids zu verzögern. Und vielleicht eines Tages eine Schluckimpfung. Einen kleinen Würfel Zucker, mit ein paar Tropfen Medizin beträufelt. Aber solange es den nicht gibt, wird es Angst geben, Ansteckung, Unsicherheit, Fahrlässigkeit und Leid. Und Millionen Neuinfektionen in Drittewelt- und Schwellenländern. Denn Aids ist auch eine Krankheit der Armen und Unterinformierten.

Was kann man tun? Man kann sich was wünschen. Ich wünsche mir einen Life-Ball im Vatikan. Sie lesen richtig. Eine saftige Gala beim Heiligen Vater. Eine Modenschau am Petersplatz, eine Charity-Gala in der sixtinischen Kapelle, weltweit übertragen, so hochrangig besucht wie die UNO-Generalversammlung. Dass die Herren im Apostolischen Palast organisieren können, ist bekannt, dass sie ein weltweites Netzwerk kontrollieren, ebenfalls. Ich wünsche mir eine Fest-Loge, in der Jean-Paul Gaultier dem Heiligen Vater und Nelson Mandela Prosecco einschenkt, in der Vivienne Westwood, Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone und Carla Bruni aus der gleichen Wasabinüsschenschale fischen und dabei über Safer Sex plaudern. Ich wünsche mir, dass die Bekämpfung von Aids für William Joseph Levada, Kardinalpräfekt der Kongregation für die Glaubenslehre ein ebenso grossen Stellenwert hat wie für Sharon Stone und Elton John.

Bevor Gary Keszler mit seiner Gala vom Rathaus in den Vatikan übersiedeln kann, braucht es allerdings einen päpstlichen Paradigmenwechsel. Sieht doch die gültige Lehrmeinung der vatikanischen Immunologen in der sexuellen Enthaltsamkeit die einzige gangbare Methode, die Verbreitung der Immunschwäche zu stoppen. Den Gebrauch von Kondomen hält der Heilige Stuhl gar für der Ansteckung förderlich. Dass die Weltgesundheitsorganisation und die Fachwelt den Gebrauch von Kondomen für die preiswerteste, die am einfachsten verfügbare und sicherste Methode der Aids-Prävention hält, ficht die Experten aus dem Patrimonium Petri nicht an. Das Aids-Virus sei ungefähr 450 Mal kleiner als eine Spermazelle, schon diese könne leicht durch ein Kondom dringen, beharrt der Vorsitzende des Päpstlichen Rates für Familienfragen. Statistiken und epidemologische Erkenntnisse, die dem widersprechen, fegt er vom Tisch.

Ich wünsche mir eine Schluckimpfung. Warum nicht gleich im Vatikan? Ein Umdenken. Die Erkenntnis, dass Aids ein böse, aber keineswegs gottgesandte Erkrankung ist. Und neben diesen warmen Eislutschkern wünsche ich mir, dass jemand vom oben beschriebenen Sixtinischen Aids-Kommittee den grossen Pharmakonzernen Feuer unterm Hintern macht. Zugang zu Medikamenten darf keine Frage des Wohlstands sein. Und hej, Weltenlenker! Die Schluckimpfung gegen Aids muss so wichtig werden wie die Rettung der Banken dieser Welt. Nie wieder sollen wir Angst haben müssen. Niemand von uns.

Essay für die "International Aids Conference"-Beilage des Standard vom 17. Juli 2010.

17. Juli 2010 (0) Comments


Null Vertrauen

Für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 2.1.2010

Halleluja! Die Raketen sind in den Himmel gestiegen, die Sektkorken haben geknallt, die Pummerin hat geläutet und den Donauwalzer haben wir getanzt. Das Jahrzehnt ist zu Ende gegangen. Als es begann, waren wir guten Mutes. Wir setzten uns Jahrtausendbrillen auf und sprangen voll Zuversicht ins neue Millenium. Wir konnten auf ein fantastisches Jahrtausend hoffen, ein grandioses Jahrhundert, ein fulminantes Jahrzehnt. Aber die Geschichte war ein Spielverderber, sie holte nicht das Heldenbuch aus dem Regal, sie schlug den Notizblock mit den trockenen Witzen auf und schrieb ein paar ausufernde Sketche für die Heilsbringer George W. Bush und Wolfgang Schüssel. Der eine taumelte als Retter der Welt auf den Plan, der andere setzte sich mit Haider in den Porsche. Umgekehrt wäre es sicher lustiger geworden.

Die Nullerjahre, so wird das Jahrzehnt bei uns aller Voraussicht nach heißen, sie waren eine teuflische Zeit. Wir gewöhnten uns daran, in Nagelscheren, Rasierwasser und Streichhölzern Werkzeuge des Terrors zu sehen, wir zogen uns auf den Flughäfen aus, lösten Reisepässe mit Chips und Fingerabdrücken, wir lernten, so richtig Angst zu haben. Angst vor dem hageren Asketen mit dem schwarzen Bart, der irgendwo in den afghanischen Bergen saß und Horden von Selbstmordattentätern dirigierte, Angst vor dem affenäugigen Cowboy, dem erleuchteten Kriegspräsidenten und ja, auch Angst vor den gepressten Lippen des großen Schweigers, der mit eiserner Hand Schnitzelland panierte, das Rad der Erkenntnis zurückschraubte und Witzfiguren in die heimischen Ministerien taumeln ließ. Manchen, das war das wirklich Beängstigende, ging es in den Nullerjahren wirklich gut. Den Heuschrecken. Den Waffenproduzenten. Den Vaterlandsfreunden. Den Privatisierern. Den Eventmanagern. Den Immobilienhaien. Den Fondsjongleuren. Den Bonibankern. Den Freunderln und Freundesfreunderln.

Aber dann kam das dicke Ende. Dann kam der Weltwirtschaftstsunami. Die Mutter aller Krisen. Bankenimperien stürzten zusammen wie Kartenhäuser im Abendwind, Börsenkurse knatterten in den Keller. Das Ende der Welt wurde ausgerufen. Pyramidenbauer Madoff ging in den Knast. Und Elsner, der golfende Bawag-General. Das war’s. Mehr Verbrecher wurden nicht geortet. Hie und dort wurde eine Ungenauigkeit entdeckt, eine deviante Yachtfahrt unter Freunden, eine marginale Fehlspekulation, ein lässliches Fehlerchen, ein klitzekleines Millardenverlusterl, aber Schuld trug da niemand. Neue Kartenhäuser wurden aufgestellt. Mit geborgten Zahnstochern aus trügerischer Hoffnung zusammengenestelt. Auf die Idee, ein neues Spiel zu erfinden, kam keiner. Wir spielen also weiter Monopoly. Heben bei Start zwanzigtausend ab und hoffen, dass möglichst viele Trotteln das Grundstück mit unserem Kartenhaushotel erwürfeln. Die Zehner können kommen, koste es, was es wolle. Wir haben null Vertrauen, aber jede Menge Zuversicht.

4. Januar 2010 (0) Comments


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