Comandantina
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Die Künstler
Für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 31.01.2009
Jeder von uns besitzt eine, sie ist so praktisch wie zuverlässlich, so simpel wie genial: die digitale Kamera. Erfunden hat das Ding ein Künstler. 1975 war das, da schraubte ein kauziger junger Mann in der Entwicklungsabteilung des Fotoriesen Eastman-Kodak die erste Digitalkamera der Welt zusammen. Aus elektronischen Teilen, die in seinem Labor herumlagen, aus Teilen anderer Geräte, aus Selbstgebasteltem und Zurechtgebogenem. Niemand hatte ihm einen Auftrag dazu gegeben, kein Gremium einen Beschluss gefasst, kein Firmenpräsident eine zündende Idee dazu gehabt.
Steven Sasson war dieser Künstler. Er hatte die Idee, und er hatte sie ganz allein. Sie kam zu ihm wie viele Ideen davor und wie viele danach. Er ließ sie einfach zu. Er hatte Zeit dazu und die richtige Umgebung. Das war das einzige Verdienst, das nicht sein eigenes war, denn Zeit und Raum zum Entwickeln unfassbarer Ideen hatten ihm andere gegeben. Seine Chefs, um es mal salopp zu sagen. Seine Chefs haben, wie andere kluge Chefs in anderen klugen Unternehmen auch, Umgebungen geschaffen. Labors, in denen kauzige Querdenker wie Steven Sasson Dinge erfinden, die es vorher nicht gab. Einfach so.
Künstler. Es gab sie in allen Epochen der Geschichte, in allen Kulturen, man nannte sie Zauberer, Magier und Sybillen, Philosophen, Artisane und Poeten, Maler, Hexen und Narren und noch tausendfach anders. Und so verschieden sie auch dachten, so individuell und unverwechselbar sie wahrgenommen wurden, völlig einerlei, ob sie handwerklich arbeiteten oder durch Gedankenwelten flogen, sie schufen Neues, schrieben Unbeschreibbares, malten Ungesehenes, sagten das Unaussprechliche. Künstler. Gesellschaften tun gut daran, sich ihrer Hervorbringungen zu bedienen. Ihnen Alchemistenküchen und Ateliers zu bauen und Tanzböden und Schreiberklausen, Labors und Institute. Kluge Gesellschaften, kluge Unternehmen, kluge Gemeinwesen. Künstler, auch daran wollen wir erinnern, sind keine besseren Menschen, keine Freaks, keine Helden oder Maschinen, sie sind Menschen, wie andere auch. Aber sie denken anders. Das muss man zulassen. Achten. Fördern. Pflegen. Dann, und nur dann, kommen homerische Odysseen aus den Werkstätten, michelangelische Pietas oder der aufpeitschende Tanz von Josephine Baker.
Österreich ist eine Kulturnation. Das kleine Land zwischen Bodensee und Langer Lacke, zwischen Böhmerwald und Karawanken hat eine Geschichte, in der Künstlerinnen und Künstler in einer Üppigkeit beschäftigt wurden, die atemberaubend ist.
Atemberaubend ist der Befund, den eine Studie zur heutigen sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich erhoben hat. Österreichs Künstler leben an der Armutsgrenze. Armes Österreich. Armes Österreich von heute. Unkluges Österreich von heute. Es täte gut daran, Labors einzurichten zur Entwicklung unfassbarer Ideen und Denkerklausen, Tanzböden und Filmateliers. So wie das Kodak gemacht hat. Die Herren dort schauen übrigens auch aufs Geld. Aber sie wissen, ohne Freiheit im Denken, ohne Labor gibt es keine Kunst. Und keine Digitalkamera.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
31. Januar 2009 (0) Comments
FM4-Patenschaft ::: Schweden
Ich bin für Schweden. Ich kann es mir ja aussuchen. Als biethnische Tochter einer Schwedin und eines Österreichers habe ich kein Problem mit einem schwächelnden Nationalteam. Einem schwächelnden österreichischen Nationalteam. Schweden macht mir fussballerisch immer große Freude. Seine Elf ist so stabil wie ein IKEA-Regal, taucht alle zwei Jahre erst in meinem Paninialbum und dann im Fernseher auf und präsentiert knackige Männerblondinen und den einen oder anderen naturalisierten Bosnier, Herzegowiner, Kroaten, Serben oder Montenegriner. Der kickende Südslawe hat in Schweden ein leichtes Spiel. Er bringt Feuer ins Geschehen. Anders als in Österreich, wo der kickende Südslawe immer Rechtfertigungsbedarf hat. Die Schweden sind also cool und die Mannschaft meines Herzens. Sie machen keine Mühe und schlagen sich gut. Fürs Weinen und den Weltschmerz habe ich jederzeit die Schnitzelland-Equippe bei der Hand. Nur eine Paarung fürchte ich: Sverige mot Österrike. Da wird es mir gehen, wie den Welfen in Gmunden. Als Exilkönige von England und Herzöge von Braunschweig jubeln die bei einem Match Deutschland-England bei jedem Tor, ganz egal, wer es gerade geschossen hat.
Kleines Textlein, dass ich für den Radiosender FM4 geschrieben habe.
Plädoyer für die Langsamkeit
Ich bin in einer seltsamen Zeit aufgewachsen. Es gab keine Handys, es gab kein Internet und die Computer waren so groß wie Bungalows. Musik wurde von Leuten gemacht, mit Frisuren so gross wie Kleinplaneten. Und Sohlen von der Höhe einer Hochzeitstorte. Es war eine coole Zeit. Und sie dauerte ewig. Denn es war eine langsame Zeit. Das schnellste, was es zu dieser Zeit gab, war die Saturn V. Die Rakete, mit der man Menschen zum Mond brachte. Gut der Mond war weit weg, und wenn sie mal im All war, flog Brauns Rakete auch ganz schön hurtig. Aber hier unten? Minuten dauert es, bis sich der Riesenspargel gegen die Schwerkraft gestemmt und ein paar Etagen an Höhe gewonnen hatte.
Eine coole Zeit. Ich mochte sie. Eine Zeit der gesunden Langsamkeit. Sie hatte nur eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Geschwindigkeit. Schneller wo anders sein, schneller fertig sein, schneller schnell sein. Schnellsein war irgendwann cool geworden. Cooler als die Mucke der Frauen und Männer mit den Lockenkugeln. Mehr Freizeit wurde versprochen, mehr Individualität, mehr Fortschritt, mehr Freiheit. Und eingelöst wurden diese Versprechen mit einer prosperierenden Währung: Geschwindigkeit. Ein perfider Plan der Industrie. Denn ausser Geschwindigkeit ist alles andere dem Sparstift zum Opfer gefallen. Speed hat den Planeten befallen. Alles geht zu schnell. An der Supermarktkasse, beim Bankomat, an der Ampel, im Bus. Wo auch immer wir sind - ständig haben wir das Schuldgefühl, zu langsam zu sein. Wir sind eingespannt ins Joch der neoliberalen Eilslehre: Hasten statt Rasten. Rennen statt Pennen.
Seit die Globalisierer den Kaputspruch “Time is Money“ in die Matrizen unseres Daseins gestanzt haben, befinden wir uns in der Geschwindigkeitsspirale. Dem Hagelsturm des Hastens entkommen wir nur mit einem allerletzten Sprung in die Nebel der Langsamkeit. Wie das geht? Ganz einfach. Statt auf Tempo 45 abzuhotten und alle drei Minuten die Scheibe zu wechseln, müssen wir Lernen, unser Leben auf 33 downzugraden. Ein Leben in Longplay und Konzeptalbum sozusagen. Chill as chill can. Die Entschleunigung des Selbsts beginnen wir an der Supermarktkasse: Zählen wir zwischen den verschiedenen Produkten, die wir auf das Förderband legen, laut und langsam bis Sieben. Antworten wir auf hektische Vorwürfe der Kunden hinter uns, der Kassierin, des Filialleiters, des Konzernspeedbeauftragten, der Weltpolizei, das ginge auch schneller, auf Lateinisch oder Sanskrit. Und legen wir uns Musik von Leuten mit Kleinplantenfrisur zu.
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Für planet° - Zeitung für politische Ökologie der Grünen Bildungswerkstatt Österreich.
Vom Knattern am Dünenkamm
Hier am Land geht es um die Qualität des Knatterns. Das Land von dem ich schreibe, liegt im Osten der Steiermark und heisst phantasieloserweise auch schlicht: Oststeiermark. Die Oststeiermark hat wellige, langezogene Hügel, die sich wie waldige Riesendünen dort entlang gelegt haben, wo die Alpen ihr ungarisches Ufer haben.
Am Abhang einer dieser Riesendünen sitze ich nun, mit einem silbernen Apple in der Wiese und tippe vor mich hin.
Unten im Tal, wo die Holztransporter rasen und die Semmelautos und die Alfas der Kellner, unten im Tal heisst es Ebersdorf. Oben am Dünenkamm: Ebersdorfberg.
Also: Unten Ebersdorf, oben Ebersdorfberg. So ist das hier. Soundsodorf und Soundsodorfberg. Zwei Kilometer weiter südlich, Richtung Fürstenfeld, heisst es Sebersdorf und Sebersdorfberg. dann Waltersdorf und Waltersdorfberg und soweiter Dorf und Berg, bis einmal Schluss ist mit den Dünen und Slowenien. Und dann heisst ohnedies alles irgendwie anders, altösterreichisch, karantanisch, krainerisch, slowenisch, windisch.
Eine kleine avantgardistische Freunde habe ich nun an dem Örtchen Wagerberg, hier ums Eck. Das liegt, obwohl es doch ein Berg zu sein scheint, im Tal. Oke. Schon mal gut. Und wie heisst es dann oben? Heisst es da dann Wagerbergberg? Richtig. Der Dünenkamm von Wagerberg heisst Wagerbergberg. Sowas gefällt mir. Die Steiermark kann mir mit solchen nomenklatorischen Schnalzern eine grosse, kindische Freunde bereiten. Die Steiermark bringt ja auch so fantastische Orte hervor wie: Großklein und Kleinklein.
Sonst hält es die Oststeiermark mit dem guten alten Knattern. Mein Bruder, der hier mit mir die Wiese und das dazugehörige Bauernhaus besitzt, hat sich deswegen vorgestern einen benzinbetriebenen Rasenmäher der Marke “ALKO” zugelegt. (Das Wording der Alko-Fabrikanten möchte ich an dieser Stelle extra loben!) Der Alko ist silberfarben, mit Rennschürzen und Spoilern, knattert gehörig und legt auf das frischgemähte Gras jenen würzigen Landduft, den nur das Verknattern öligen Mähmaschinensprits hervorzurufen vermag.
Gut. Die Wiese war auch in nullkomma58 Stunden gemäht - bis auf die Inseln mit den seltenen Wiesenblumen. Und das Knattern war gehörig!
Ganz gewiss deshalb hat sich unser Ebersdorfberger Nachbar, ein feister und wortkarger Tischlermeister namens Hörzer, auf die Gummistiefel gemacht, um den englischen Rasen vor seiner Tischlerei zu mähen. Weil das öffentliche Auftreten auch hierzulande den Status bemisst, ging das natürlich nicht mit einem handgeschobenen Gerät vor sich, wie bei uns, sondern mit einem ferrarirot gelackten Vorgartentraktor. Das Knattern war naturgemäss nicht ohne. Landtischler haben hier die dickeren Hosen.
Es wird gebaut
Im Haus neben meinem wird gebaut. Gebaut. In der kleinen bescheidenen Wienerwelt ist das ein magischer Vorgang. Seitdem die Stadt im zweiten Weltkrieg von Bombenhageln zerschrammt wurde, hat das Bauen eine zweite Konnotation. Bauen muss nicht das Errichten neuer Gebäude bedeuten. Bauen in den engen Gassen der inneren Bezirke heisst: Wiederaufbau. Wohnungszusammenlegung. Kategorie-Upgrading. Mietrenditenmaximierung.
Nun sind zwar die Narben der Bombennächte längst mit den sauberen Fassaden der Fünfzigerjahre verputzt und mit den Kleinplattenbauten der Sechziger kaschiert, im Gedächtnis der Bewohner ist Wien aber noch immer die Trümmerstadt der späten Vierziger. Im Gedächtnis der Bewohner ist das Hämmern und Klopfen, das Knattern von Baumaschinen und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundung.
Lärm ist leiwand. Denn Lärm heisst Bauen. Und Bauen ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was verspachtelt, was niedergerissen. Das Geräusch fallender Ziegel, der Geruch eröffneter Keller, der Anblick frischer gegrabener Kineten erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht aufwärts. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf.
Tatsächlich bedeutet das Knattern von Baumaschinen nichts Gutes. Das Klingeln der Baugerüste kündigt Böses an. Teurer Wohnraum wird geschaffen. Wohnraum für Bobos. Linkswählende, gründenkende, wirtschaftsliberale Enddreissiger und Mittvierziger mit überkrusteten Katholikenseelen und bürgerlichen Herzklappen. Fretitagtaschenjunkies, die Kaiser Chiefs hören und Second Life spielen, Muqualiegen bewohnen und Zitronengras kauen.
Die Bobos, die die Wohnungen im Haus neben meinem beziehen werden, werden sich über frischverlegte Parketten freuen, fugendicht schliessende Fenster, wireless-LAN-Buchsen und sanft federnde Aufzüge. Sie werden bei den lesbischen Blumenhändlerinnen neben dem 1000-Sessel-Händler eingetopfte Farne kaufen und Bäume mit Feigen, Rosmarin und Salbeibüsche. Sie werden Karottenbrot bunkern und ungespritzte Limonen pressen und in fair getradetem Kupfergeschirr handgeschriebene Rezepte verkochen.
Bis im übernächsten Nachbarhaus der kleine Bagger einfahren wird. Ein Sechsachser aus dem Burgenland die Mulde kippen und zwei Mietarbeiter damit beginnen werden, das Nachbarhaus zu entkernen. Dann wird es knattern und rütteln. Dann wird der Kran singen und die kleine Schaufel des Zimmerbaggers unsere Bobos aus dem Futon heben.
Brav, werden die Omas mit den dackelgelähmten Dackeln sagen. Elender Proletenlärm! werden die Bobos schnauben und die Emailadresse der nächsten Polizeiwachstube googeln.
Zwischen Nierenwäsche und Sandkiste
Heiße Luft und hohle Phrasen
Über die Dampfplauderei: Reden und Gerede in der österreichischen Politikgeschichte. Andrea Maria Dusl für den STANDARD vom 11./12.2.2007
Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut." 68 Jahre gehörte rhetorische Einfalt zum allerhöchsten der zitablen Gefühle. Kaiser Franz Joseph regierte einen Vielvölkerstaat mit der Unaufgeregtheit eines Provinztrafikanten. Ohne es zu wollen und sicher ohne es zu wissen, hat der pausbärtige Schönwettermonarch damit für Jahrhunderte den Grundton österreichischer Beredsamkeit gesetzt.
Die Vielfalt der k.u.k.-privilegierten Dampfplauderei hat Karl Kraus in Die letzten Tagen der Menschheit in atemberaubend genauen Vignetten beschrieben. Von den bierlüstern-deutschtümelnden Redeschwallen der Korporierten bis zur sedierenden Feiertagsansprache der katholisierenden Provinzpolitik hat die österreichische Rede auf ihrer langen Reise ins 21. Jahrhundert wenig an Unschärfe eingebüßt. Das mag der Grund sein, warum das Schweigen im Schnitzelland stets für Philosophie gehalten wird.
Sonnenkönig Bruno Kreisky schwieg vor allem, um den unkontrollierbaren Grant zu verbergen, der in ihm schwelte, wenn Körper und Urteilsvermögen von den versagenden Nieren nicht mehr entgiftet wurden. Vor seiner Nierentransplantationen ließ er wichtige Entscheidungen und heikle Termine gleich nach einer Blutwäsche legen, Kritikerschelte und Oppositionsdisziplinierung landeten im Irrsinn vor der Dialyse.
Sinowatz und der Schuhmachersohn
Von Kreiskys Nachfolger Fred Sinowatz sind keine lebensbedrohlichen Vergiftungen bekannt. Rotwein hob bei ihm weder Stimme noch Stimmung signifikant. Das österreichische "Republikum" hielt Sinowatz deswegen zu Unrecht für dröge. Es hatte noch die manisch-depressiven Schwankungen der trinkfrohen Tribune Figl und Raab in verklärter Erinnerung. Sinowatz kämpfte auch mit einem anderen Dämon. Der Logorrhöe eines jungen Populisten mit unsauberen politischen Sehnsüchten. Gegen das giftige Wettern des Schuhmachersohnes aus Bad Goisern wusste Sinowatz nur die pure Wahrheit zu bemühen: "Es ist alles sehr kompliziert." Es sollte noch viel komplizierter werden.
Von Franz Vranitzky sind keine Heißluftdispute in Erinnerung. Der Aufsichtsratsvorsitzende der ersten größeren Koalition seit Langem schwieg mit der Bedachtsamkeit eines erfolgreichen Bankiers. Hier ein Wort - und da. Kein Sätzchen zu viel. Ein Bundeskanzler ist kein Schuhverkäufer.
Übermut nicht schweigen tut
Eindeutig zu wenig sprach der Mann in der Hofburg. Der einstige UN-General hatte Gedächtnislücken in tragischen Teilen seiner Biografie. Kurt Waldheim schwieg stellvertretend für eine ganze Generation. Im Schweigeschatten Kurt Waldheims wurde eine Generation geschichtsverklärender junger Männer groß und übermütig: Jörg Haiders Buberlpartie. Ganz wie ihr Vorbild schulte das schnatternde Trüppchen seine Lippen in Redewettbewerben, Rhetorikseminaren und Wahlkampfreden.
Hochkonjunktur sollte die Produktion heißer Luft mit der Ablöse des schwatzhaften Bundeskanzlerdarstellers Viktor Klima durch seinen ehrgeizigen und tückischen Vizekanzler Wolfgang Schüssel bekommen.
Kaum hatte er im Bundeskanzlersessel Platz genommen, versagte sich Schüssel angesichts weltweiten Unwohlseins über seine Koalition den Diskurs. Zwischen Ballhausplatz und Hofburg wurde überhaupt geschwiegen.
In bester Erinnerung ist die schweigende Grabesmiene, mit der der Strassenbahnersohn aus Erdberg, UHBP Thomas Klestil die Angelobung von Wolfgang Schüssel und seinem Häufchen seltsamer Koalitionsgefährten hinter sich brachte. Von der Eisigkeit dieser Schweigemomente sollte sich Klestil nie wieder erholen.
Der Millimetternich
Das Spiel, das der Strategiemaniker Schüssel spielte, war für die einen klar, für die anderen unsichtbar: Die ÖVP-Politiker sollten sich durch staatsmännischen Gestus profilieren. Im besten Falle orientierte sich das an den guten Momenten Kreisky'scher Souveränität, im schlechtesten Fall geriet es zum nichtssagenden Verkaufsgeschwurbel oder zur pfäffischen Belehrung.
Schnattergänse wie Susanne Riess-Passer und Peter Westenthaler und der Sprachdadaist Herbert Haupt kämpften verbittert um die Hegemonie in der Kunst der hohlen Phrase. Niemand jedoch beherrschte die Artistik, mit vielen Worten absolut nichts zu sagen, so gut wie der ehemalige Lieblingsjüngling Jörg Haiders. Karl-Heinz Grassers Talent kam nicht von ungefähr. Als Sohn aus bestem Autohaus war ihm die Technik des Verkaufsgesprächs schon in den Kindersitz gelegt.
Schnatterprinz und Sandkistenkanzler
An diesen beiden Polen, seinem eigenen jesuitischen Schweigen und dem charismatisch-bübischen Schlagzeilensprech seines Kristallprinzes, spannte Wolfgang Schüssel den Sternenhimmel der konservativen Hegemonie auf. Dem depressiven Vollblutrhetoriker Jörg Haider war in diesem Zirkuszelt nur mehr die Rolle des alternden Clowns zugedacht.
Mit allem wollte Wolfgang Schüssel rechnen, nur nicht mit einem: Dass ausgerechnet der schwerfällig-hedonistische Alfred Gusenbauer ihn im direkten Duell besiegen würde. Das Szenario schien so unwahrscheinlich, dass ihm weder in der Strategieplanung Schüssels noch in der von Gusenbauer auch nur der Funken einer Chance eingeräumt wurde.
Die Kanzlerschaft überfiel Gusenbauer mit der Gewalt eines Tsunamis. Der begabte Redner und glaubwürdige Sorgenanwalt ramponierte sein frisch keimendes Image als Volkskanzler mit unbedachten Sprüchen und altklugen Phrasen. Noch vor Kurzem galt er als beratungsresistent - nun lief Gusenbauer angesichts versemmelter Regierungsverhandlungen und steil fallender Sympathiewerte in die Schweigekurve ein. Noch darf das plötzliche Verstummen des Ybbser Sandkistenkanzlers als erfrischend wahrgenommen werden!
Für DER STANDARD, Printausgabe 10./11.2.2007
9. Februar 2007
Der geniale Taktiker Schüssel
In Österreich hält sich hartnäckig das Gerücht vom genialen Strategen Schüssel. Magazine schwärmen von seiner quantencomputerschnellen Auffassungsgabe und seinen raffinierten Tricks bei langstündigen Verhandlungen. Konservative Kommentatoren zeichnen das Bild eines hyperintelligenten, mit allen politischen Wassern gewaschenen Alpha-Tieres, der in Sekundenschnelle zwischen langjähriger Strategie, kurzfristigem Spindrehen und gefinkelten Ablenkungsmanövern tänzelt. Zudem ist Schüssel in den Augen seiner Anbeter ein hochmusischer Zeitgenosse, souverän in der Rede, am Cello gewandt und sicher im Umgang mit dem bitterbösen Karikaturenstift.
Ein jesuitisch gesalbter Tausendsassa, der seinen Macchiavelli, seinen Gracian, seinen Clausewitz aus dem ff.kennt. Dem politischen Gegner, Haschtrafikanten, Sozialromantikern und dem wirtschaftlich unbedarften Proletariat wird zumindest zugestanden, die vielen Talente der Lichtgestalt am ÖVP-Feldherrnhügel wenn schon nicht zu respektieren, so doch zu fürchten.
Die verblüffende Wendung, 2000 als Drittstärkster den Kanzler zu machen und der fulminate Wahlsieg 2002 haben dieses Image vom Goldkanzler mit der eisernen Faust selbst in der Wahrnehmung der vehementesten Gegner verfestigt. Sogar die Donnerstagmarschierer gaben nach Wochen verbittert auf. Ob im Parlament oder auf der Strasse: Gegen Schüssel war kein Kraut gewachsen. Das Bild vom genialen Strategen schien unzerstörbar.
Stimmt es überhaupt?
Im Jahr 2000 wurde zwar regulär gewählt, die Nationalratsperioden waren aber längst aus dem Trittt geraten, weil Schüssel 1995 als frischgekürter Nachfolger von Erhard Busek im Windschatten von günstigen Umfragen einen Knatsch mit Vranitzkys Sozialdemokraten inszenierte. Genial daneben: Leicht dazugewonnen, trotzdem Zweiter geblieben. Bei der Wahl 2000 ging es nun endgültig den Bach runter. Schüssel wurde Dritter hinter dem feixenden Haider. Da hatte Schüssel aber längst Kanzlerblut geleckt.
Der fassungslose Klestil wurde überfahren, der unbedarfte rote Kanzler Klima in harten Verhandlungen gefesselt. Gleichzeitig paktierte Schüssel geheim mit dem gefährlich populären Haider. Über die Geschäftsbedingungen dieses Deals wird die Zeitgeschichte forschen. Jedenfalls blieb Haider in Kärnten und Schüssel kletterte auf den Bundskanzlersessel. In die Ministerien torkelten Witzfiguren.
Der Mythos vom genialen Strategen war geboren. Nächster und einziger Schritt im Strategiepapier Schüssels: Die Hegemonie der Volkspartei für die nächsten 100 Jahre zu sichern. Auf deutsch: ÖVP für immer. Divide et impera.
Divide hiess: Zerschlage Haiders Partei in kleine Teile. Divide hiess: Trenne die Sozialdemokratie von ihren starken Armen. Diskreditiere ihre Wirtschaftskompetenz, vernichte die Gewerkschaft. Impera hiess: Umgib dich mit Deppen und Jasagern, vernichte Deine innerparteilichen Gegner. Kontrolliere das Fernsehen. Kontrolliere die Presse. Basta.
Der erste Schritt des Plans war auf sechs Jahre ausgelegt. Dann sollte nach der Matrix der CSU die ewige Absolute kommen. Ein Sechsjahresplan deswegen, weil Schüssel als Kanzler in die EU-Präsidentschaft gehen musste, um als Europalenker die Ernte einzufahren, sprich: die absolute Mehrheit für die ÖVP.
Dazu musste aber frühzeitig gewählt werden. Darin hatte Schüssel Erfahrung. Ein Richtungs-Streit in der FPÖ kam gerade recht. Ob er billig war, werden die Zeitgeschichteforscher eruieren. Mit dem sympathischen Finanzminister Grasser an Bord fuhr Schüssel 42% ein. Haider war Geschichte, seine Wähler waren zu Schüssel übergelaufen.
Vier Jahre Zeit, die SPÖ zu vernichten. Die Schraube wurde angezogen. Der öffentliche Rundfunk wurde umgefärbt und in die Pflicht genommen, das Nachrichtenwesen auf Hofberichterstattung zurückgefahren. Nach der Folie Bruno Kreiskys wurde Grasser als der bessere Androsch aufgebaut. Fescher, klüger, erfolgreicher, teurer verheiratet. Unwiderstehliche Frisur.
Im Wahljahr sollte es dann passieren. Erst die glanzvolle Inszenierung Schüssels als Europas Chef. Treffen mit den Grossen der Welt. Küsschen mit Merkel, Bussi mit Bush. Dann die Vernichtung des Gegners. Die Bombe, lange vorbereitet und sorgsam im Finanzministerium gehütet, wurde gezündet: Malefikationen der Gewerkschaftsbank, Versagen der Gewerkschaft. Der GAU der Sozialdemokratie.
Alles andere als eine kleine, feine Absolute (©Andreas Khol) schien undenkbar. Für den Fall der Fälle wäre der kleine Mehrheitsbeschaffer BZÖ zur Verfügung gestanden. Oder die Haschtrafikanten von den Grünen. Soweit die Strategie.
Was ist tatsächlich passiert? Bis auf die gewonnene Wahl 2002 (bei der sich bei genauem Hinschauen nur Stimmen von der FPÖ zur ÖVP verschoben) hat die Volkspartei unter der genialen Strategie von Lichtkanzler Schüssel mindestens 19 Wahlen verloren. Verloren hat die ÖVP unter den Fittichen des genialen Strategen die Landeshauptmänner in zwei Bundesländern (Steiermark und Salzburg). Unerwartet den Bundespräsidenten (Der konservative Strassenbahnersohn Thomas Klestil starb an den Spätfolgen von Kränkungen und einer mysteriösen Viruserkrankung, Ersatzkandidatin Benito Ferrero-Waldner ging tränenreich unter). Verloren gingen trotz abenteuerlicher Wahl- und Kontrollmechanismen der ORF und die Hochschülerschaft.
Und schliesslich versagte das Wahlvolk.
Es wählte Alfred Gusenbauer.
Kein Wunder, dass der geniale Stratege und sein Anbetungsverein nicht mehr weiter wissen.
Andrea Maria Dusl
Danke an Matthias Cremer (Schüssel von hinten) und Erwin Wurm (Der Einfall des Einfamilienhauses in den Museumsbunker)
4. November 2006 (3) Comments
Meine ersten 125 Jahre Telefon!
Andrea Maria Dusl am 27. 10 2006 in der Beilage RONDO des Standard
Telefonieren ist eine Kulturtechnik. Etwas weniger entspannend als Schaumbaden und nur in Härtefällen so anstrengend wie Spitzentanz. Anders als das Fahren schneller Autos und das Programmieren von DVD-Rekordern liegt es uns in den Genen. Telefonieren können wir. Das ist ganz unseres. Die Fähigkeit, ein Gespräch ohne sichtbares Gegenüber zu führen ist zutiefst menschlich. Von Anbeginn an. Seit wir vom Baum gestiegen sind und mit dem Kiesel in der Hand in den Savannenuntergang geschlendert sind.
Am Abend haben wir uns dann um die Feuer gelegt, gegrillte Antilopen gekaut und gequatscht. Stundenlang. Dabei, so vermuten die Forscher, muss sich bei den frühen Menschen die Fähigkeit entwickelt haben, die Gemütslage des Gesprächspartners bis in die feinsten Verästelungen momentaner Stimmungsschwankungen wahrnehmen zu können. Und zwar selbst in stockdunkler Nacht. Seit damals haben wir ein Faible für Late Night Shows, für die kleine Nachtmusik, Lyrik von den Beatles und fürs Telefonieren.
Meine erste Begegnung mit dem Telefon fand im Kindergarten statt. Der Apparat, war rot und aus Plastik und er hatte alles was man so brauchte. Hörer, Wählscheibe, Spiralkabel und einen kleinen weissen Knopf. Telefonieren ging so: Du hobst den Hörer ab, drücktest auf den kleinen weissen Knopf und liessest es dreimal läuten. Läuten bedeutete salbungsvoll und ernst: ”Ring, riiiing, riiiihiiing” zu rufen. Meine Telefonpartnerin sass schon bereit. Mit gespieltem Erstaunen hob Sie den Hörer ihrer kleinen Kommunikationsmaschine ab und meldete: “Hallo, hallo, hier Regina Novak, wer ist am Apparat?” “Hallo, ja, hier Andrea Dusl, gut dass Sie abheben, mir ist das Waschmittel ausgegangen, ob sie wohl noch welches haben?” ”Selbstverständlich, kommen Sie doch in den Kaufmannsladen, wir haben gerade neues Omo bekommen.” “Danke”, “Danke”, Klick. Klick. So ging telefonieren.
Tausendmal geübt, tausendfach geprobt. Gut aber Plastik. Daran, auch ans wirkliche Telefon zu gehen, war nicht zu denken. Gabel, Schere, Messer Licht, sind für kleine Kinder nicht. “Und das Telefon schon gar nicht”, trichtere mein Vater uns Kindern ein. Es war ihm ernst, denn Telefonieren war eine teure Angelegenheit. Telefonieren war Elternsache. Telefonierende Kinder gab es im wirklichen Leben nicht. Wir durften an Plastiktelefonen im Kindergarten herumspielen. Wirklich Telefone hatten ausser der Horrorvorstellung den Vater mit einem unbeabsichtigten Anruf nach Neuseeland in den Schuldenkotter zu stürzen auch noch ein anderes Manko: Sie waren schlicht zu schwer. Für eine Kinderhand wog ein Bakelithörer wie für Bobos eine Prosciuttokeule. Auf den Boden gefallen, pflegten die schweren Hörer zu zerbrechen wie Weihnachtsgebäck. Hochfloorige Teppiche sollte Östereich erst in den 70erjahren kennenlernen.
Als wir schon etwas älter waren und uns durch den dicken Brei amerikanischer Vorabendserien geschaut hatten und mit dem Leben telefonierender Ami-Teenies vertraut waren, waren zwar die Hörer noch immer aus Bakelit aber unsere Arme und Hände vom Füllfederhalten stark wie Tigerpranken. Jetzt konnten wir die haptische Hürde des Telefonierens überspringen. Nicht aber das Telefonschloss. So ein Telefonschloss war traditionell am Wählscheibenloch der Ziffer 4 montiert. Man konnte also Rettung, Feuerwehr anrufen, die Grünröcke und die Vorwahl von Amerika. Mehr war nicht drinnen. Obwohl. Immer wieder riefen Babies bei uns an. Babies? Kleinkinder, Säuglinge, Babies. Nicht oft, aber immer öfter. Sie konnten zwar nicht sprechen, aber sie konnten uns anrufen. Aber wie machten sie das? Und wieso riefen Babies ausgerechnet bei uns zu Hause an?
Meine Brüder und ich dachten tagelang nach und dann nochmal tagelang und dann klingelte es. War unsere Nummer nicht 332 113? Zusammengesetzt aus Einsen, Zweien und Dreien, eine Nummer, die man auch von einem abgesperrten Telefon anrufen konnte. Mehr noch. Eine der wenigen Nummer, die man nur von einem abgesperrten Telefon anrufen konnte.
Und weil das so war, taten das auch tausende herumkrabbelnder Wiener Babies, die an tausenden abgesperrter und in Babykrabelhöhe herumstehenden Wiener Telefonen an der Wählscheibe drehten. Unter abertausenden ungelenker Drehversuche mit Wählscheiben, auf denen nur die Ziffern 1, 2 und 3 Freigang hatten, war so durchschnittlich zweimal am Tag eines der vielen telefonierenden Babies bei uns an der Strippe. “Gaga” sagten sie und “Gugu” und “Föf”. Diese frühen Talente sind jetzt Regalbetreuer, Biologielehrerinnen, U-Bahnfahrer und Stadträtinnen. Möglich aber auch, dass sich aus diesen Babies das Heer der Telefonistinnen und Telefonisten rekrutiert, die anonym in Telefonierkojen sitzend, mit uns über Handytarife, Softwarehusten und die Kirchensteuer sprechen. Vielen von diesen frühkindlichen Telefonierern habe wir also damals das Kommunizieren beigebracht.
Selbst beigebracht haben wir uns das Klacken. Klacken nannten wir die Technik, mit dem Hörer so auf die Gabel unseres, mit dem Telefonschloss versperrten Telefons zu knallen, dass dabei ein Impuls ausgelöst wurde. Einmal Klacken entsprach dem Wählen der 1, zweimal dem der Ziffer 2. Und so ging das weiter bis 0. Null hiess zehnmal klacken. Für diese Abstraktionsleistung brauchten eine Elfjährige, ein Neunjähriger und ein Vierjähriger gemeinsam drei Tage. Danach konnte wir auch vom versperrten elterlichen Apparat in die ganze Welt telefonieren. Der Schwindel ist nie aufgeflogen.
Öffentliches Telefonieren, auch das wollen wir hier nicht verschweigen, hatte für Kinder immer den Beigeschmack schwerer geruchlicher Demütigung. Öffentliche Telefonzellen rochen ausnahmslos nach Herrentoilette. In strengen Wintern ging es. Aber wer will in strengen Wintern in Herrentoiletten telefonieren?
Eine solche Telefonzelle - ältere waren aus Holz und fahlgelb gestrichen, jüngere aus Metall und schwarz - betrat man nie ohne Telefonschilling. Den Telefonschilling warf man in einen bleiernen Schlitz und wählte. Hob jemand ab, drückte man einen weissen Knopf. Ein Zeiger setzte sich in Bewegung. Der Zeiger ratterte in einem gebogenen Fenster von links nach rechts wie die Tachonadel unseres gemächlich beschleundigeden Familienvolvos. Bei Tempo 140 war der Schilling zu Ende. Gespräch hatten immer etwas hastiges, von der Tachonadel getriebenes. Wer telefonkommunikatorisch auf sich hielt, hatte eine Nadel oder einen dünnen Stahlnagel bei sich. Kaum ein Telefon, das nicht mit einem illegalen, Loch im linken Eck des gläsernen Anzeigefensters versehen war. Zu Beginn des Gesprächs steckte man den Nagel durchs Löchlein und hielt damit den Zeiger auf. Telefonieren ging jetzt stundenlang. Theoretisch. Praktisch stand schon nach zwei Minuten eine Warteschlange vor dem Häuschen. Böses Schauen, Klopfen, Murren und schon war der nächste dran.
All meine frühen romantischen Termine, all die spannenden Rendezvous, Kaffeehausbesuche, Sturmfreibudenparties und Schulstageleien habe ich in diesen nach Bohnerwachs und Sandlerpisse stinkenden Telefonhütten organisiert. Mit klammen Fingern Telefonnummern auf Wände gekritzelt und mir gedacht, es müsste jemand, irgendjemand Telefone erfinden, wie man sie auf der Enterprise verwendet. Diese kleinen Dinger mit den kleinen Antennen, die man in die Tasche steckt und wo man mit ein paar Tastendrücken jeden, aber auch jeden jederzeit und überall anrufen kann. Auf seinem und ihrem kleinen Taschentelefon. So was müssste man erfinden, dachte ich mir. 1971 in der Telefonzelle neben dem Votivkino. Als es gerade klopfte und jemand schrie: ”Zah au, du bist ned alaa.”
30. Oktober 2006 (1) Comments
Schauermolke in Bobopol
Gestern, auf einer Party im düsteren Teil von Boboville (im Wiener Stadtteil Josefstadt, im Häuserblock zwischen den ehemaligen Hauptquartieren von KGB und CIA). Der Filmregisseur mit der holprigen Biographie und dem schönen Haar hat Geburtstag und kocht. Zwei Dutzend Artischocken, einen riesigen Topf Tintenfisch. Der Hausherr, ein Verlagsleiter, der in seiner Blutjugend Sekretär von Bruno Kreisky war, urlaubt auf Bali. Sturmfreie Bude in den Bobo-Salons.
Ein Prinz ist da, verarmt und kunstsinnig, mit einem tausendjährigen Namen der mit “Hohen” beginnt und mit “Lohe” endet. Ein philosophierender Pater mit einer Brille, wie sie ausser ihm nur der Zirkusdirektor Bernhard Paul trägt, eine Zahnärztin, ein Theologe, ein Französischlehrer, ein Bildersammler. Mein bester Freund, der den Laden hier schmeisst, ist Maler. Vor zehn Jahren hat er die fahle Gründerzeitwohnung in einen Trompe-l’œil-Palast verwandelt, gegen den Neuschwanstein wie ein Bauhausappartement wirkt. Seine ehemalige Mitstudentin, eine Restauratorin mit Hang zu schrillen Retrokostümen, noch eine Malerin, die das Schlichte liebt und mit einem privatisierenden Philosophen liiert ist.
Die Artischocken sind heiss und saftig. Statt Limonenbutter gibt es Olivenöl aus der Toskana. Von einem befreundeten Gutsbesitzer, der nebenbei Millionär ist und sich von Mozartpartitiuren ernährt. Die Tischgespräche oszillieren zwischen Erörterungen über die Kraft des barocken Gesimseprofils, falschen Rembrandts und der Entwurfstechnik von Coop Himmelblau (Kartonreste und Haarföhn). Der Eintopf ist schmackhaft, der Octopode zäh. Der Französischlehrer trägt feinstes englisches Tuch, hat blendende Manieren und sprudelt Anekdoten aus Oberösterreich über den Tisch. Der schwule Chemiker ist laut und melancholisch. Der Architekt redet über seinen Fetisch: Das elegante Automobil. Die Seitenblickemoderatorin ist leise und glücklich, dass das hier privat ist.
Zu Mitternacht wird Schauermolke entkorkt und Sektflöten nass gemacht. Geburtstag hat etwas von Sylvester. Es ist dunkel und zu warm für die Zeit. Die Menschen hier kenne ich seit Jahrzehnten und doch habe ich sie in den letzten sechs Jahren kaum gesehen. Plötzlich sind sie wieder da, wie die Überlebenden einer Flut. Die Seitenblickemoderatorin fragt mich leise und mit einem feurigen Blitzen in den Augen: “Und wie hast Du die dunkelschwarze Zeit überlebt?”
28. Oktober 2006 (0) Comments
Volkskanzler vs. “Wer wenn nicht Er”
An Alfred Gusenbauer, dem König von Ybbs und Gewinner der Wahl wird sich der Altbundeskanzler in den anstehenden Koalitionsverhandlungen noch die Zähne ausbeissen. Gusi, wie ihn sogar seine Lebensgefährtin nennt, ist in einer win-win-Situation. Als gewiefter Schnapser ist er dem gfeanzten Schüssel verhandlungstechnisch ebenbürtig. Aus Koalitionsverhandlungen wird er besser aussteigen, als sein Vorgänger Viktor Klima, Schüssels letzter ernstzunehmender Verhandlungspartner. Und der war kein Kartenspieler, sondern Kammbläser.
Nun zum zweiten win. Schüssel hat mit der Option auf eine Koalition mit den Haiderparteien nur scheinbar gute Karten. Wiederholt er seinen Trick von 2000 und verhandelt ernsthaft mit den rechten Rabauken, zerreisst es die ÖVP. Die Messer der Aspiranten auf den ÖVP-Chef-Sessel sind schon gewetzt.
Auch wenn es dazu käme, die Koalition aus dezimiertem Kanzler und den beiden Ausländerfeinden wäre stabil wie ein Kartenhaus. Abblendlichtgestalten wie Grasser hat Schüssel diesmal keine. Eine Neuwahl nach Zerbrechen einer rechts-rechtsrechten Koalition aus Knallchargen und Volksdeppen würde die ÖVP marginalisieren. Das wissen die Länderfürsten der Volkspartei. Das ahnt die Entourage.
Aus Neuwahlen nach diesem Szenario würde Gusenbauer, der sich jetzt schon geschickt als Volkskanzler gibt, gestärkt hervorgehen. Auch die Grünen würden profitieren. Das BZÖ würde den Einzug nicht mehr schaffen.
Schüssel ist am Arsch, wie die Deutschen sagen würden. Und das ist gut so.
3. Oktober 2006 (0) Comments
Boboine geht wählen
Wien, Leopoldstadt, Leopoldsgasse, Volksschule der Stadt Wien, gegenüber dem Geburtshaus von Otto Bauer. Sozialdemokratischer kann man als Boboine nicht wählen gehen. Mein Wahllokal befindet sich seit Menschengedenken, seit den Zeiten meiner Urgrossmutter, im hintersten Eck der Volksschule, es geht vorbei an Schülerscherenschnitten, Metallspinden und Klassenzimmertüren zu den freundlichen, aber hypernervösen Wahlzimmerzuweisern, einem kleinen Schnurrbärtigen und einer blondgefärbten Dame, beide in ihren 50ties. Hypernervös sind sie, weil sie Kettenraucher sind und hier im Schulgebäude nicht rauchen dürfen.
Die für meine Stimmabgabe zuständigen Wahlbeisitzer und Urnenwächter, Ausweisprüfer, Adressenkontrollore und Wahlzettelausfolger sitzen im Turnsaal an zwei langen Tischen, bei Obst, Mineralwasser, Kuchen und Kaffee. Der Turnsaal riecht nach österreichischen Kinderfüssen. Man sollte die Direktoren von Nike, Adidas und Puma hier mal zwei Tage internieren.
Meine Wahlzelle ist aus Pappkarton, an einem Gummiband hängt ein Kugelschreiber. Rechts an die Pappwand ist ein riesiges Poster getackert, mit den Listen der Vorzugsstimmenberechtigten (oder wie auch immer das im Amtsjargon heissen mag). Unelegant: Erster und oberster der Liste 1, ÖVP, ein gewisser Dr. Wolfgang Schüssel. Beruf: Bundeskanzler. Beruf? Kann man als Ex-Bundeskanzler zum Arbeitsmarkservice gehen und um Stellenvermittlung ansuchen? Oder wird man dann umgeschult? Kann das mal wer klären?
Der Wahlzettel ist gefaltet. Durch diese Faltung entsteht bei einfachen Geistern der Eindruck, dass das “BZÖ, Liste Westentaler, wir san wir”, als erstes gereiht ist. Erst beim vollständigen Entfalten verrutscht die Haiderpartei wieder auf die hinteren Plätze.
Wieder draussen bei den nikotinsüchtigen Zimmerzuweisern. Eine Dame aus der Unteren Augartenstrasse hat ihre Informationskarte nicht dabei. Sie hatte sie erst gar nicht bekommen. Niemand aus der Unteren Augartenstrasse hat Informationskarten bekommen, weiss der Wahlzimmerzuweiser. “De hom de ÖVP-Postler weggaghaut. Seid de priavtisiert san, san de voi angschütt”, weiss eine andere Dame.
1. Oktober 2006 (0) Comments
Unser Kanzler Punkt

28.9.2006. Dirty Campaining macht auch vor der angesehenen Zunft der Plakatierer nicht halt.
(Gesehen auf einer Plakatwand im 22. Wiener Gemeindebezirk.)
28. September 2006 (2) Comments


