Oktober 2011
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Das Photobureau von Comandantina Dusilova kümmert sich ums Schöne und Abseitige
Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Matzleinsdorf am laufenden Band
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 44/2011
Liebe Frau Andrea,
zu meinen frühen Kindheitserinnerungen zählt eine Fahrt auf einer horizontalen Rolltreppe, wie man sie heute auf allen Flughäfen, die auf sich halten, antrifft. Möglicherweise leicht ansteigend, aber jedenfalls nicht gestuft. Verbunden ist diese Erinnerung mit endlos verschlungenen labyrinthischen, gekachelten, grünlich-gelblich beleuchteten Gängen und Treppen. Täuscht mich meine Erinnerung?
In Erwartung Ihrer geschätzten Antwort verbleibe ich Ihre stets treue Leserin
Sylvia Gössl, Wien 23, per Schmelzglas
Liebe Sylvia,
Ihre Erinnerung täuscht sie nicht, den von ihnen beschriebenen Peoplemover gab es in Wien tatsächlich. Am 11. Jänner 1969, Nixon wurde gerade US-Präsident, wurde am Matzleinsdorfer Platz ein umfangreiches unterirdisches Passagen- und Haltestellenbauwerk eröffnet. Hier sorgte die Ustrab, die Unterpflasterstraßenbahn für eine Ahnung zukünftiger U-Bahn-Gefühle. Die gesamte Anlage (ohne Bahnhaltestelle) umfasste neun Zugänge, sechs Fahrtreppen und elf Stiegen. Für depressive, Ostberliner Intensitäten erreichende Stimmung sorgte der sparsame Einsatz von Leuchtstoffröhren. Im Zuge der Errichtung wurde auch Wiens erster und eigentlich auch einziger „rollender Teppich“ eingebaut, ein Fahrsteig zur Beschleunigung der langen unterirdischen Fußwege. Im Geiste angewandter Sparsamkeit lief der Fahrsteig nur stadtauswärts und war ein beliebtes Spielzeug der Schüler aus der HTBLVA Spengergasse, die sich hier mit Lauf- und Jagdspielen sowie seitlichem Auf- und Abspringen auf ihren Turnunterricht in der Grenzackerstraße in Wien Favoriten einstimmten. Der beliebte, eine leicht merkbare Steigung von 5% überwindende Fahrsteig war im Grunde nichts anderes, als eine horizontal laufende, keine Treppen aufwerfende Rolltreppe. Wienerinnen und Wiener konnten hier internationales Flughafengefühl ohne den Stress und die finanzielle Belastung tatsächlichen Fernreisens üben. Gebühr wurde keine eingehoben. Der rollende Gang wurde in den Neunzigerjahren stillgelegt und die triste Passage mit bunten Fließen aufgepeppt. Die Unterführung wurde am 1.3.2004 endgültig geschlossen, ihre Eingänge fielen einem Radweg zum Opfer und wurden zugemauert. www.comandantina.com dusl@falter.at
28. Oktober 2011 (0) Comments
Peitscherlbua, Strassenfeger und andere Affären
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 43/2011
Liebe Frau Andrea,
ich lese sehr gerne die letzte Seite im Falter mit Ihren Beschreibungen! Es haben sich schon wieder viele Ausdrücke gesammelt, bei denen ich nicht weiß, woher sie kommen, und zwar: därrisch (taub), Peitscherlbua, Nägel mit Köpfen machen. Zuletzt noch ein paar neudeutsch-neuenglische Worte, die ich nicht ganz verstehe (bin 75 Jahre alt), bitte um "Übersetzung": Bio pic, undercover affair, sequel, doku soap und blockbuster.
Vielen lieben Dank und liebe Grüsse,
Gerti Ackermann, per Schmelzglas
Liebe Gerti,
wie sie bemerkt haben werden, ist diese Seite, und mit ihr die Kolumnen von Hermes Phettberg, Doris Knecht, Heidi List und mir im Zuge einer minimalinvasiven Blattteilreform von der letzten mit redaktionellem Text bespielten auf die vorletzte gerückt. Die “letzte” Seite verhandelt jetzt die vielfältigen Probleme von Menschen mit Menschen und Tieren mit beiden. Därrisch, eigentlich dearisch, bedeutet schwerhörig, taub, es kommt vom mittelhochdeutschen toerisch, das den Toren und sein verrücktes, närrisches Wesen bezeichnete. Peitscherlbua ist ein Wiener Ausdruck für den Zuhälter. In diesem Sprachspiel ist er derjenige, der sein Laufpferd mit der Rute antreibt. Nägel mit Köpfen sind bessere als solche ohne. Die Übersetzung von biopic, eigentlich “biographical motion picture” ist Biofilm, Filmbiographie oder etwas sperrig “Film mit biographischem Inhalt”. Eine undercover affair ist die Affäre eines verdeckt ermittelnden Polizisten oder Geheimdienstagenten. Sequel, vom lateinischen sequī, folgen, ist die Fortsetzung - meist eines Filmes. Davon abgeleitet sind die prequel, eine, die Vorgeschichte einer schon bekannten Handlung erzählende Fortsetzung, und die Midquel, der überaus vertrottelte Ausdruck für einen Erzählstrang, der zwischen zwei bekannten Geschichten eingebaut wurde. Die Doku-Soap, also die Dokumentar-Seifenoper ist eine Spielart des Reality-Fernsehens, in der reale Personen ihr reales Leben spielen. “Die Lugners” ist eine Doku-Soap. Parlamentsübertragungen sind im weitesten Sinne ebenfalls Doku-Soaps. Blockbuster, wörtlich Häuserblocksprenger, also Filme, die soviel Publikum anziehen, dass sie die Stadt häuserblockweise leerräumen, könnte man am ehesten mit Kassenschlager oder Strassenfeger übersetzen. www.comandantina.com dusl@falter.at
24. Oktober 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 158 - Bambini
Folge 158 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 44/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen ---> Das Unendliche Panorama - Archiv
und hier zum Panorama als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
21. Oktober 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 157 - Becher
Folge 157 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 43/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen ---> Das Unendliche Panorama - Archiv
und hier zum Panorama als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
21. Oktober 2011 (0) Comments
Linkslinke Haschtrafikanten und dunkelschwarze Gummistiefler
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 42/2011
Liebe Frau Andrea,
auch witterungsbedingt beschäftigt mich seit geraumer Zeit die Frage nach der Herkunft des Begriffs "Gummistiefler". Ich habe das Gefühl, dass nicht modebewusste Damen damit gemeint sind, sondern jemand anderes.Täusche ich mich, wenn ich meine, dass der Ausdruck eher despektierlich ist? Bitte um Aufklärung und Dankesehr!
Ergebenst Ludmilla Waldstein,
Wien Simmering, per Schmelzglas
Liebe Ludmilla,
Sie täuschen sich nicht. Die österreichischen Bundes-Regierungen Schüssel I und Schüssel II, zwischen 2000 bis 2007 von gelernten und ungelernten Fachkräften aus ÖVP und FPÖ (später BZÖ) gebildet, ist in der Bevölkerung, je nach politischer Grundeinstellung als “Zeit der Reformen” (Eigeneinschätzung), beziehungsweise als “Schwarzblau” und “Schüsselzeit” in Erinnerung geblieben. Der Protest gegen Schwarzblau fand nicht nur auf der Strasse, sondern auch in den Onlineforen der österreichischen Tageszeitungen, und hier bevorzugt auf “derstandard.at” statt. Poster gaben im Schutze anonymisierter Pseudonyme ihrem Mut und Unmut fast unzensierten Lauf. Galten Regierungsgegner als “Nestbeschmutzer”, “linkslinke Chaoten”, “Haschtrafikanten”, “grünrosa Träumer”, “Donnerstagsmarschierer”, “Lichterlanzünder” und generell als “Gutmenschengesindel” und “rote Gfrieser”, so differenzierte das oppositionelle Lager. Die Blauen um Jörg Haider wurden in Postings als “Buberlpartie”, “Blaumiesen”, “Blaune” und nach der Umfärbung ins BZÖ als “Bienenzüchter Österreichs” bezeichnet. Für die Klientel der ÖVP und ihrer Teilorganisationen zirkulierten Bezeichnungen, die weniger urbane, denn rurale Assoziationen wachriefen. ÖVP-Politiker und ihre Hintermänner galten, in Anspielung auf das Raiffeisen-Logo als “Giebelkreuzler”, als “Lagerhäusler” und wegen ihres, als “Schweiger” bezeichneten Masterminds als: “Schüsselbande”. Meinte das Synonym “Furchengänger” noch eindeutig die schwarzwählenden Bauern, war der von ihnen erfragte Ausdruck wesentlich diffuser, in seiner ballistischen Komponente aber durchaus zielgenau. “Gummistiefler” bezeichnet alles vom misthaufenkletternden Kleinbauern bis zum weihrauchtrunkenen Forstgrafen, von der konservativen Döblinger Heurigentante bis zur nachtaktiven Veldener Schickimickitussi.
www.comandantina.com dusl@falter.at
17. Oktober 2011 (0) Comments
Zwischen Stein und Anstoss
Andrea Maria Dusl für Stefan Riedl (aka Triebl), anlässlich der Fertigstellung von dessen Grotten-Ausmalung im “Kaiserbründl in Wien”. Notiz, gesprochen am 14. Oktober 2011.
Sehr geehrte Damen und Herren! Exzellenzen und Würdenträger in all den Ihnen zustehenden Titeln und Anreden! Liebe Freundinnen und Freunde! Erdgeister und Nymphen, Collegae!
Es ist mir eine grosse Irre.
Wir befinden uns an einem arkanen Ort, wir stehen in der Unterwelt. Die Zeit wird diesen Ort vor Ablauf der Tage verschliessen. Verharren wir in buntem Staunen darüber, was die Tiefe der Stadt aus dem Dunkel und der Feuchte des Erdenleibs geschält hat. Staunen wir, was der Mephisto in die Lücke des Fünf-Stern-Zackens einschrieb. Schreiben wir ein in unser Gedächtnis, was das künstliche Licht hier erhellt. Für kurze Zeit, für die Schuld des Augenblicks. Sehen wir das Blut der Purpurschlangen an den Leibern von Jachín und Boáz. Sehen wir den Pinsel des Parsen, er zeigt nach oben.
Oben, im Reich des Lichts und der Himmelsfinsternis geht die Welt zu Ende, das Gold verliert seine Würde, es rinnt durch die Scherben des zerbrochenen Krugs. Aber hier unten, bei den Geistern, die das Gold gebären, hier unten wird gesagt:
“Ein Ende hat gesetzt die Finsternis und alle Vernichtung, begrenzt durch den Stein von Dunkel und Todesschatten. Dieser Satz wird so erklärt: Das Ende der Finsternis ist das Endwesen der linken Seite, welches in der Welt und in den Höhen schweift und vor dem Allerheiligsten Anklage erhebt, wider die Welt. Dem entsprechen die Wirte. Und alle Vernichtung begrenzt, indem die Werke nicht auf das Guite, sondern immer nur darauf zielen, Vernachtung in der Welt zu wirken.
Das Wort Stein jedoch bezeichnet jenen Stein des Anstosses, darin die Sünder zu Fall kommen. Dies wird bestätigt durch die Worte: Ein Land der Ermüdung, gleichwie das Dunkel. Merket: Es gibt ein Reich des Lebens in den Höhen, dieses ist das Land, und es gibt ein unteres Reich, welches genannt ist “Dunkel und Todesschatten” - jenes Dunkel bezeichnend, welches aus dem Land der Ermüdung stammt und jenes Ende von der Seite der Finsternis, welches zugleich der Abschaum des Goldes ist...
Rabbica Cahon aber erklärte: "Das Wort Ende bezeichnet jenen Ort, wo das Gedächtnis nicht mehr ist. Denn dieses ist zugleich das Ende der linken Seite. Wieso? Weil geschrieben ist: Denn wenn du meiner bei mir gedenkst, so es dir gut ergehen wird. Es erschien also der Mundschenk dem gerechten Mann, der gerechten Frau, weil sie jene Worte sprachen. Und man vermeinte, in dem man den Traum betrachtete, dass es ein Traum des geistigen Gedächtnisses sei."
"Darin wird geirrt, denn alles war vom Allerheiligsten allein gekommen, aus der Tiefe zwischen den Schenkeln des Zacken. Darum musste noch die Region des Vergessens gewahr werden, wie es heisst: “Nicht gedachte der Oberste der Mundschenken und vergass seiner”. Wozu noch die Worte: “und vergaß seiner?" Es ist ein Hinweis auf jene Region, in der das Vergessen ist und diese eben ist das Ende der seite der Finsternis. Die “zwei Jahre” aber bezeichnen die Rückkehr in zwei Stufen, worin das Gedenken” eintritt."
Erfahren zu Weissenberg am Inn, im Erdloch bei der Weihenburg, bevor sich der Schlund des Brunnens wieder verschloss und die Erinnerung mit sich nahm.
Danke, ich habe gesprochen.
14. Oktober 2011 (0) Comments
Preszpörök, Poschonburg, Wilsonstadt
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 41/2011
Liebe Frau Andrea,
meine Blase und ich planen einen Schiffsausflug nach Bratislawa. Meine, schon längst verblichene Großmutter nannte die Stadt, keine Ahnung, ob sie je dort war, ostentativ Pressburg. Ist es politisch korrekt, diese Version zu verwenden?
Vielen Dank für Ihre Bemühungen,
Bertil Wehle, Leopoldstadt, per Schmelzglas
Lieber Bertil,
politische Korrektheit hat immer einen Richtungsvektor, sie ist kein Absolutum. Momentan dürfen sie innerhalb gängiger Peeceeness-Konventionen Bratislawa privat getrost Pressburg nennen, es sei denn, sie bedienten mit der deutschen Benennungsform der slowakischen Hauptstadt pangermanische Mitteleuropaphantasien. In der ersten direkt erhaltenen urkundlichen Erwähnung heisst die Donaustadt Brezalauspurc. Der niederbayrische Hofhistoriograph Johann Georg Turmair alias Johannes Aventinus (1477-1534) will den Namen Braslavespurch vom slawischen Fürsten Vratislav (Uratislaus) abgeleitet wissen, der Anfang des 9. Jahrhunderts aus einer römischen Festung die Burg Uratislaburgium/ Vratissolaoburgium/ Wratisslaburgium wiedererrichtet haben soll. Der slowakische Slawist Ján Stansilav hat im 20. Jahrhundert einen slawischen Fürsten Braslav als Stadtregenten namhaft gemacht. Ob Brezlauspurc, Braslavespurch, Pressalauspruch oder Preslav(v)a Civitas (wie auf einer Münze aus der Zeit um 1000), die dreisprachige Stadt hieß bis 1919 deutsch Preßburg/Pressburg, slowakisch Prešporok/ Prešpurek und ungarisch Pozsony (nach einem Herrscher Božan aus dem 11. Jahrhundert). Slawische Nationalisten machten sich schliesslich für Bratislav (tschechisch)/ Bratislava (slowakisch), eine irrtümliche Ableitung vom böhmischen König Břetislav stark. Noch nicht genug der Verwirrung, zirkulierten für das ungarische Pozsony auch noch die seltene slowakisierte Form Požúò und das lateinische Posonium - humanistischen Autoren gefiel die Bezeichnung Istropolis (Donaustadt). Ende des Ersten Weltkriegs wurde Bratislawa schliesslich sogar kurze Zeit “Wilsonovo mesto“ (Wilson-Stadt) genannt, nach dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Bis 1944 konnte man übrigens von Wien nach Bratislawa/ Preßburg/ Prešporok/ Pozsony/ Požúò/ Posonium/ Istropolis/ Wilsonovo mesto mit der Strassenbahn/ Električková fahren.
www.comandantina.com dusl@falter.at
10. Oktober 2011 (0) Comments
Schluss mit lustig
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 8. Oktober 2011
Angefangen hat es in Nordafrika. Im Frühling. Das Volk hat die Vertrauensfrage gestellt. Nicht im stillen Kämmerlein, hinter vorgehaltener Hand, sondern öffentlich. Die Menschen sind auf die Straße gegangen. Nicht einzeln oder in kleinen Gruppen, sondern in Massen. Frauen, Männer, Kinder. Arbeiter wie Akademiker, Bauern wie Beamte. Haben nicht länger gefragt, wie lang sie sich das noch gefallen lassen, sondern haben das Fragen eingestellt und sind zum Sagen übergegangen. Sie haben gesagt: Jetzt ist Schluss mit lustig, wir haben die Nase voll. Potentaten und Präsidenten, Patriarchen und Politiker, ihr seid Pülcher! Es reicht. Es reicht schon lang. Ihr müsst jetzt gehen. Die Milliarden, die ihr uns geraubt habt, bleiben da. Der arabische Frühling wurde ausgerufen, der Westen erging sich in Freiheitsgeschrei, verglich die Aufstände mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, freute sich über Neuzugänge im Paradies des Marktes und in den heiligen Hallen des ewigen Glücks. Aber das Glück währte nicht lang. Aus dem arabischen Frühling wurden die Blutsommer in Libyen und Syrien.
Mit abgeklärtem Gestus – „Ja dürfen’s denn des?“ – wurde den Völkern an der südlichen Peripherie Europas das Recht zugestanden, Selbstverständlichkeiten wie Demokratie und Menschenrechte in den eigenen Wünschekanon aufzunehmen, in Libyen half der Westen mit Bomben ein bisserl mit, schon in Syrien fürchtete er den Flächenbrand. Die arabischen Diktaturen stehen geopolitisch nicht zur Disposition, der Frühling dort muss warten. Zu eng sind die Verflechtungen der regierenden Dynastien mit den Kapitalhäfen des Westens. Das Gespenst der Freiheit aber gibt keine Ruhe. Jetzt sind ganz woanders die Menschen aus dem stillen Kämmerlein getreten, noch nicht in Massen, aber in kleineren, rapid größer werdenden Gruppen. Frauen, Männer, Kinder. Arbeiter wie Akademiker, Freischaffende wie Beamte. Erst kampierten sie an der Wall Street. Von der Presse ignoriert, von den Sicherheitskräften belächelt. Aber es wurden mehr. Stündlich wurden es mehr. Und irgendwann waren es so viele, dass man sie polizeilich behandeln musste, mit Schlagstöcken und Pfefferspray.
„Occupy“ ist die Losung. Und längst ist es nicht mehr nur die Wall Street. Die Unzufriedenen demonstrieren in jeder großen amerikanischen Stadt, okkupieren Chicago, Boston, Los Angeles, Seattle, Dallas, Philadelphia, San Francisco. Ihnen sind die Blogs und Foren, die Twitter-Timelines und Facebook-Pinnwände längst zu klein geworden sind. Sie sind jetzt auf die Straße gegangen.
Wir sind die 99 Prozent, sagen sie, wir werden aus unseren Häusern geworfen, wir müssen entscheiden, ob wir einkaufen oder Miete bezahlen. Für beides reicht es nicht. Wir haben keine medizinische Versorgung, wir leiden unter der Umweltverschmutzung. Wir arbeiten lang für wenig Geld. Wenn wir überhaupt Arbeit haben. Wir bekommen nichts, während das andere eine Prozent alles bekommt. Wir sind die 99 Prozent. An der Wall Street hat es begonnen. Mittlerweile gehen die Menschen in ganz Amerika auf die Straße. Überlegt euch was, Einprozentpülcher, jetzt ist Schluss mit lustig. Es reicht. Bald auch bei uns. Morgen vielleicht.
8. Oktober 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 156 - Synox
Folge 156 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 42/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen ---> Das Unendliche Panorama - Archiv
und hier zum Panorama als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
7. Oktober 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 155 - Intimum
Folge 155 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 41/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen ---> Das Unendliche Panorama - Archiv
und hier zum Panorama als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
7. Oktober 2011 (0) Comments
Der Mittelstand
Für den Standard vom 4. Oktober 2011.
4. Oktober 2011 (0) Comments
Ende mit und ohne Ypsilon
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 40/2011
Liebe Frau Andrea,
im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt erdreistete sich ein Jemand “Wassily” zu schreiben. Wassily - mit einem Y am Ende! Nun verbindet mich eine unkeusche Liebe zur russischen Sprache und ich ertrage bei Übersetzungen am Ende russischer Namen nur ein I bzw. IJ. (Wassili lasse ich gelten, Wassilij bevorzuge ich.) Ein Y am Ende verursacht mir jene Schmerzen, die meinen Mathematikprofessor angesichts meiner Hyperbeldarstellung überwältigten. Ihnen schreibe ich unfehlbare Autorität in diesen Fragen zu: Wenn Sie für das Y voten, weiß ich, dass auf dieser Erden kein Platz mehr für mich ist. Ihre Verantwortung ist groß - doch ich bitte um schonungslose Wahrheit.
Zerrissen im slawischen Zwiespalt und stets die Ihre,
Renate Mocza, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt,
Donaustadt, per Schmelzglas
Liebe Renate,
die gute Nachricht zuerst: Wassilij. Unfehlbar nennt man nur den Papst - Autoritäten zweifle ich generell an. Von der Wahrheit kann ich nichts berichten, weil ich diese generell für das Ergebnis von Verhandlungsprozessen halte. Ich kann Ihnen aber mit meinen Wahrnehmungen dienen. Hier beginnen die schlechten Nachrichten. Den russischen Vornamen Василий schreiben wir korrekterweise mit kyrillischen Buchstaben. Das Vermögen, diese zu entziffern hält sich im lateinisch alphabetisierten Teil der Welt in Grenzen. Anglosächsisch Sozialisierte sind bekanntlich schon für diakritische Zeichen und andere Buchstabenverunreinigungen nicht permeabel. Unglücklicherweise gilt ausgerechnet die englische Sprache als lingua franca des Informationszeitalters, diesem Umstand verdanken wir Computer- und Handytastaturen mit anglosächsischer Zeichenbelegung und damit das Problem der Umschrift. Die mittelalterlichen Übersetzer befragten, so einer greifbar war, einen Muttersprachler und gaben einen ausländischen Namen lautschriftlich wieder. Das undurchdringliche Dickicht moderner Trankriptions- und Transliterarisationsmethoden sorgt für weiteres Chaos. Wassily scheint der Austriazismus eines Bastards der englischen Transkription “Vasily” mit der französischen, “Vassili” zu sein. Nichtkennern der kyrillischen Originalschreibweise Василий darf man das deutsche Transkript Wassili durchaus gestatten, Spezialisten mögen Wassilij schreiben.
www.comandantina.com dusl@falter.at
3. Oktober 2011 (0) Comments


