Das Unendliche Panorama
Folge 154 - Drei Ruder

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Folge 154 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 40/2011.

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26. September 2011 (0) Comments

Linksherz und Rechtshirn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 38/2011

Werteste Comandantina,

die eine oder andere Variante des folgenden Spruches hat wohl jeder schon gehört: "Wer unter 30 nicht links ist, hat kein Herz. Wer über 30 nicht rechts ist, hat kein Hirn." Dieses exkrementale Zitat, welches sich erdreistet, eine ethisch und moralisch nicht vertretbare Geisteshaltung mit höherer Intelligenz zu rechtfertigen, verursacht in mir jedes Mal das Gefühl, ich müsse mir sogleich meine letzte Mahlzeit, abermals retournierend, durch den Kopf gehen lassen. Trotz intensiver Recherche war es mir nicht möglich, den Anus zu identifizieren, dem dieses Zitat entfleuchte (Marx, Gandhi und Mutter Theresa lassen sich wohl ausschließen). Können Sie mir sagen, von wen dieser Spruch stammt?

Fragt, auf Ihre Omniszienz vertrauend,
Martina Pichler, Mattersburg, per Schmelzglas

Liebe Martina,

der inkriminierte Spruch hat eine lange Reise hinter sich. Es liegt in der semantischen Natur des Zitats, dass damit Weltanschauungen des, gemeinhin unter “links” verorteten politischen Spektrums diskreditiert werden sollen. Also alles zwischen marktliberaler Sozialdemokratie und Ultra-Hardcore-Stalinismus. Um ihm Authentizität zu verleihen, wird der Aphorismus stets aus der Sicht eines Geläuterten wiedergegeben. Meist sind es gesetztere Herren aus dem Feuilleton-Gewerbe, die sich mit dem Zitat immunisieren. Aber auch in der real existierenden DDR zirkulierten Varianten, nach denen jemand, der mit 20 nicht Kommunist sei, kein Herz, und wer mit 30 noch immer Kommunist sei, keinen Verstand habe. Italienische Sprücheklopfer schreiben den Spruch dem antifaschistischen Philosophen Benedetto Croce (1866-1952) zu, britische, je nach Wetterlage den Premierministern David Lloyd George (1863-1945) und Winston Churchill (1874-1965). Auch der in Zitatfragen generell gerne der Autorenschaft geziehene irisch-britische Dramatiker George Bernhard Shaw (1856-1950) wird mit dem Spruch in Verbindung gebracht. Mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit ist aber ein Deutscher Urheber des Zweizeilers. “Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz, wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand” soll von Theodor Fontane (1819-1898) stammen, dem Säulenheiligen des Poetischen Realismus und approbierten Apotheker. www.comandantina.com dusl@falter.at

26. September 2011 (0) Comments

Die Wichty und ein Derundder

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 38/2011

Liebe Frau Andrea,
 
haben Sie eine Erklärung dafür, warum, vor allem in Kultur-Rezensionen, die Akteurinnen sehr oft ein „die“ vor ihren Familiennamen gesetzt bekommen - pars pro toto: “Die Netrebko“ und “Die Eckert“ - hingegen den beteiligten Männern immer das “Der” vorenthalten wird? Warum heisst es, zum Beispiel, nie ”Der Schrott“ oder “Der Schottenberg“?
 
Fragt neugierig die Dusl
der (Walter) Stach, Laimgrube, per Schmelzglas

Lieber der Walter,

in unserer Sprache gibt es immer wieder Mysterien, die sich schlüssigen und einleuchtenden Erklärungen entziehen. Manches, von dem wir denken, es sei gerade auf die Zungen der Sprechenden gesprungen, gedeiht schon seit Jahrhunderten im Verborgenen, manch dahergekommenes hat sich eben erst ein Dichter oder Popwurstel ausgedacht. Das meiste aber ist weder verzopft noch avantgardistisch, sondern das Ergebnis langsamer Entwicklungen. Das Phänomen des “bestimmten Artikels” - dessen assymmetrischen Gebrauch sie ja monieren - ist Ergebnis einer Jahrtausende dauernden sprachlichen Entwicklung. Nach der Theorie des US-amerikanischen Linguisten Joseph Greenberg entwickeln sich Artikel aus Demonstrativpronomen (hinweisenden Fürwörtern), Wörtern also, mit der ein Sprecher auf einen Gesprächsgegenstand im Raum verweist, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Im Deutschen (das wie viele indoeuropäische Sprachen ursprünglich keine Artikel kannte) waren das die Pronomen dër, diu und daz. Diese haben sich, ganz im Einklang mit Greenbergs Theorie zu generischen (geschlechtsbestimmenden) Artikeln weiterentwickelt, zunächst sowohl in bestimmten als auch in unbestimmten Zusammenhängen. Als frühes Zeugnis des Gebrauchs von Artikeln gilt Wulfilas gotische Bibelübersetzung - sie imitiert die bestimmten Artikel des griechischen Ausgangstextes. Greenberg beschreibt diese Vorgänge als “Zyklus des bestimmten Artikels”. Im Lichte dieser Theorie wären umgangssprachliche Benennungsstrategien, die zu “der Netrebko” oder “der Eckert” führen, Phänomene des wunderlichen Deutens - in diesem Falle dem, männlicher Rezensenten. Ihre Geschlechtsgenossen, lieber “der Stach” haben längst gekontert und den Artikel “ein” eingeführt. Seit Schwarzblau kennen wir “einen Karlheinzgrasser”, “einen Wolfgangschüssel” und andere illustre “Eine”. www.comandantina.com dusl@falter.at

21. September 2011 (0) Comments

Offene Postkarte an BM Maria Fekter

Frau Fekter!

Ihre Freunde, "die Banker, die Reichen, die Vermögenden" sollen nicht enteignet werden, nicht verfolgt, nicht gefoltert und getötet. Sie sollen nicht in Viehwaggons in KZs gebracht werden und sie sollen auch nicht systematisch getötet werden. Ihr Vergleich mit dem Holocaust ist dumm und empörend. Banker, Reiche, Vermögende sollen einen Anteil an der finanziellen Bewältigung der Krise beisteuern. Bislang tun sie das, dank ihrer Protektion, nicht.

Aus gegebenem Anlass,
Andrea Maria Dusl

17. September 2011 (0) Comments

Ach

Andrea Maria Dusl

"Wach?"
"Wach."
"Sach mach?"
"Sach mach. Gach Tach Sach mach."
"Sach!"
"Ach, Sach Fach mach."
"Ach! Ach Sach mach."
"Ach?"
"Zach Sach mach."
"Zach Sach?"
"Zach Sach. Achfach zach. Krach mach."
"Krach mach?"
Krach mach, ach! Dach Blach mach. Flachdachblach."
"Krach! Sach Fach mach - schwach Krach.
Blachdach mach - zach Krach. Nach wach."
"Lach!"
"Nach lach, gach Nach wach!"
"Gach Nach?"
"Zach! Gach Nach."
"Ach sach: Schnach Nach, Tach lach."
"Ach."
"Lach!"
"Ach lach."
"Gachnach!"
"Gachnach."

16. September 2011 (0) Comments

Eine Season macht noch keinen Sommer

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 37/2011

Liebe Frau Andrea,
  
ich schätze Sie, Ihr Wissen, und, dass Sie auch ein Fan US-amerikanischer TV-serien sind. Schon länger frage ich mich, was es hier mit der Zahl Zwölf auf sich hat. Die meisten Serien haben pro Staffel zwölf Folgen. Wieso ist das so? Sicher nicht wegen der zwölf Apostel. Was ist Ihre aktuelle Lieblingsserie?

Freundliche Grüße, Moritz Katzer,
Ottakring, per Elektropost

Lieber Moritz,

die zwölf Apostel verdanken ihre Duodezimalität der pentateuchisch-chumasischen (salopper ausgedrückt: alttestamentarischen) Zwölfzahl der Stämme Israels. Diese widerum sollen jeweils die Nachkommen der zwölf Söhne des Abraham-Enkels Jakob sein. Das Motiv für diese vorderorientalische Bevorzugung der Zahl Zwölf liegt wohl in der mathematisch-numerologischen Bededeutung, die sie für die frühen Hochkulturen Mesopotamiens hatte. Die Zwölf galt als Symbol des Ganzen. Sie war neben ihrer guten Teilbarkeit durch 12, 6, 4, 3, 2 und 1 auch astrologisch aufgeladen, beinhaltet doch ein Sonnenjahr zwölf Mondzyklen. Wobei wir auch schon bei der Einteilung des Jahres in 52 Wochen und der Woche in sieben Tage, also einem Viertel des Mondzyklus wären. US-Fernsehserien unterwerfen sich bei der Ausstrahlung zwar dem Wochenrhytmus, sie müssen aber noch jahreskalendarische Kleinigkeiten wie Weihnachten und die Sommerferien berücksichtigen. Unter season dürfen wir uns nicht das Äquivalent unserer Jahreszeit vorstellen, sondern eher so etwas wie ein Semester. Eine Serie ist ein zusammenhängendes Set von Fernsehepisoden. In der US-Fernsehindustrie wird der Ausdruck season (frei mit Staffel übersetzt) mehrdeutig gebraucht. Eine full season läuft typischerweise von September bis Mai, mit einer Unterbrechung zwichen Dezember und Februar. Dieses Ausstrahlungsschema enthält zwichen 20 und 26 Episoden. Um die Dinge noch komplizierter zu machen, wird eine Jahresseason in die beiden Teile vor und nach der Winterpause geteilt und ebenfalls season genannt. Diese kleineren seasons enthalten damit zwischen zehn und 13, oft zwölf Episoden. Meine Lieblingsserien sind übrigens der US-amerikanische Klassiker "Curb Your Enthusiasm" und die britische Benzinbrüdersendung "Top Gear". www.comandantina.com dusl@falter.at

14. September 2011 (0) Comments

Das Unendliche Panorama
Folge 153 - Freuheit

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Folge 140 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 26/2011.

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14. September 2011 (0) Comments

Das Unendliche Panorama
Folge 152 - Ausseeland

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Folge 152 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 38/2011.

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14. September 2011 (0) Comments

Komische Männer mit seltsamen Bärten

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 36/2011

Liebe Frau Andrea,
  
ich habe beim Jazzfest Saalfelden die Jazz-Band “Bad Plus” gesehen, und mich während des gesamten Auftritts gefragt, ob der Pianist Ethan Iverson nicht als Vorbild einer Comicfigur dient: das runde unbehaarte Kopf mit dem dichten Strichbart am Kinn? Welche könnte das wohl sein oder irre ich mich, Zufall? Mmh? Und gibt es öfters Comics, die Anleihen bei Musikern nehmen, oder SchauspielerInnen, ohne dies explizit zu machen, als eine Art Insiderschmäh?
 
Elisabeth Kutschera, Linz, per Elektropost

Liebe Elisabeth,

inwieweit das Universum und der Zufall miteinander kooperieren, ist Gegenstand zahlloser physikalischer, mathematischer und nicht zuletzt philosophischer Erörterungen. Da wir, was ihre Beziehung zu einander betrifft, weder das Universum noch den Zufall befragen können, sind wir auf Vermutungen angewiesen. In Lichte dieser Erkenntnis halte ich die Ähnlichkeit des US-amerikanischen Jazz-Pianisten Iverson mit einer Comicfigur für ein wahrnehmungspsychologisches Phänomen. Gleichwohl ist es durchaus möglich, dass ein Zeichner den haupthaarlosen Kinnbartträger als Vorbild genommen hat. Nach meiner bescheidenen Expertise sollte ein gezeichneter Iverson neben dem schwarzen Pelzkinn aber auch eine schmale Metallbrille und einen schwarzen Anzug tragen, sowie ein schwarzes Klavier bedienen. In der Tat portraitieren Comics individuelle Musiker und Schauspieler, die Satire-Publikation MAD war berühmt dafür. Beispiele aus der jüngeren Geschichte finden wir in den US-amerikanischen Fernseh-Zeichentrick-Serien “Southpark” und “The Simpsons”. Die Auftritte Strich gewordener Show-Biz-Grössen bei den Simpsons sind Legion und in der Regel eindeutig identifizierbar. Musiker wie Elton John, die Rolling Stones und Metallica sind bei den Simpsons immer Elton John, die Rolling Stones und Metallica, Schauspieler wie Kiefer Sutherland, Mel Gibson oder Richard Gere meist Parodien ihrer Rollen. Ein Beispiel für einen “Insiderschmäh” dürfen wir im saxophonspielenden Simpsons-Carakter Bleeding Gums Murphy sehen. Er soll frei nach dem Saxophonisten der Dave Matthews Band LeRoi Moore gestaltet worden sein. In die Figur flossen aber auch Spiel und Lebensgeschichte des legendären Saxophonisten Sonny Rollins. www.comandantina.com dusl@falter.at

5. September 2011 (0) Comments

Zugangsbeschränkungen

Andrea Maria Dusl für Salzburger Nachrichten vom 27.8.2011

Stellen wir uns vor, der Besuch eines durchschnittlich guten Konzerts eines vorgestelltermassen ebenfalls durchschnittlich guten Orchesters unter einem dazupassend durchschnittlichen Dirigenten wäre nicht mehr den üblichen Usancen unterworfen, sondern an die Begabung des Besuchers gebunden. Seinem oder ihrem Musikempfinden, seiner oder ihrer nachweislich hochgradig musikalischen Intelligenz und anderen exklusiven Talenten auf diesem Gebiet. Und nicht nur der Besuch eines Konzerts, auch das Hören einer Aufnahme mit Silbereisenmusik oder mit Hinterseer-Humpta. Stellen wir uns vor, auf Österreichs Strassen, auf den Autobahnen wie auf den Dorfstrassen, wären nur mehr jene Fahrer zugelassen, die in tagelangen Eignungsprüfungen Spitzenleistungen auf motorsportlichem Terrain nachweisen könnten, mit schuhmacherschen Reflexen und sennaschen Instinkten. Oder umgekehrt, oder besser. Aston-Martin-Besitzer und Hummer-Herren-Fahrer dürften bei dem einen oder anderen Paramameter ein bisserl schwächeln. Dann stellen wir uns vor, das Schwimmen in Seen und Hallenbädern wäre nur mehr jenen erlaubt, die olympische Zeiten unter Rennbedingungen in den Schwimmzulassungspool pflügten.

Eine vertrottelte Welt, könnte man sagen, da könnte man geradesogut auch das Lesen von Büchern und Gazetten an die intellektuelle Leistungsfähigkeit koppeln und den Kinobesuch nur mehr auf Eliteniveau verhandeln. Oder das Gehen Schlechtgehender auf Gehsteigen untersagen. Den Besuch von Museen nur mehr Akademikern gestatten und die Tierhaltung nur mehr Tierärzten und Zirkusdirektoren.

Die Liste verblödeter Zugangsideen liesse sich mit Phantasie auf nahezu alle Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens ausweiten. Acha ja, Heiraten und Fortpflanzen könnte man nur mehr Schönen, garantiert Gesunden und möglichst finanzstarken Paaren gestatten, die medizinische Versorgung könnte man an freies Unternehmertum im industriellen Format, an Großgrundbesitz oder an Blaublütigkeit, Sündenfreiheit, Gottesliebe, Rechtshändigkeit oder sonst einen beliebig als elitär definierten Status koppeln.

Eine verkehrte Welt wäre das. Eine verblödetes Österreich. Wer wollte darin leben? Ich nicht. Sie nicht. Niemand. Das Land würde verrohen. Bald würden in den Konzerten nur mehr die vertrottelten Söhne der musikalischen Elite sitzen, wenn es überhaupt noch welche gäbe, der Individualverkehr bräche zusammen, in den Schwimmbädern schwämmen die Freunde der Schwimmbadbesitzer. Korruption und Neoptismus wären Geschäftszweige mit blendenden Aussichten. Wer es sich und den Seinen richten könnte, mit Geld oder anderen Versprechen, erhielte Zugang zu sonst Verbotenem. Talent oder Eignung wären längst nicht mehr die Kriterien. So eine Welt will niemand ersthaft wieder aus dem Regal der Geschichte holen.

Warum also der Ruf nach Zugangsbeschränkungen und Eignungstests an Hochschulen und Universitäten? Wo es doch schon welche gibt. Die Reifeprüfung, wenn ich mich recht erinnere, und später, während des Studiums Fachprüfungen, Rigorosen, Seminare und Pflichtvorlesungen. Und das eigenhändige Verfassen einer Diplomarbeit oder Dissertation. In einer vertrottelten Welt gäbe es nur mehr wenige, die studierten. Es sei denn, der Papa würd’s schon richten.

1. September 2011 (0) Comments

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