Fragen Sie Frau Andrea
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2011
Liebe Frau Andrea,
vor einiger Zeit habe ich im Falter zum neuen Bau von Jean Nouvel den Begriff „Boni-Architektur“ gelesen und mich gefreut: Endlich gibt es ein Wort für das, was ich bisher als „vernautscht“ bezeichnet habe (von Nagy, ungarisch ausgesprochen), nach einem gleichnamigen Hochglanzküchenverkäufer einer oberösterreichischen Möbelfirma. Wie weit ist das Phänomen "Boni" bzw. "Nautsch" schon beschrieben? Oder ist es gar nicht so neu?
Liebe Grüße
Kilian Jung, per Bernsteinfunkennachricht
Lieber Kilian,
die Aufnahme neugeprägter Begriffe in den Diskurs-Kanon der Architekturkritik wird durch Nachrichten wie die Ihre durchaus befördert. Indem Sie etwa “Nagy” und seine deutsche Lautentsprechung Nautsch mit einem ganz bestimmten Stil verknüpfen und in die Diskussion einführen. Dabei ist es relativ egal, ob es einen oberösterreichischen Hochglanzküchenverticker dieses Namens überhaupt gegeben hat. Allein die Multiplikation durch Öffentlichkeit kann einen Neologismus nachhaltig affirmieren. Nautsch ist meines Wissens allerdings noch nicht Gegenstand architekturessayistischer Diskussionen. Der Begriff, den der Autor der von Ihnen zitierten Nouvel-Kritik, der mährisch-österreichische Kulturpublizist Jan Tabor gebraucht, lautet nicht “Boni-Architektur” sondern “Boni-Stil”. Tabor hat den Begriff, wie er sagt, in Abgrenzung zum “Bonzen-Stil” erfunden, um der, von Banausentum und Unanständigkeit geprägten Gestik der Bonus-Prämien-Epoche einen Namen zu geben. Die ironische Bezeichnungskultur architektonischer Stile hat eine lange Tradition. Zuckerbäckerstil, Gelsenkirchner Barock, Schweizerhaus-, Laubsäge- und Wörtherseestil, Biedermeier und Brutalismus sind nur einige, wahllos herausgegriffene Beispiele für den despektierlichen Einsatz zynischer Begrifflichkeiten. Gotik ist auch solch ein Schandwort. “Opus francigenum” wurde der, in Frankreich entwickelte, revolutionäre Spitzbogenstil um 1280 genannt. Der italienische Kunsttheoretiker Girogio Vasari, trunken von den Ideen der Renaissance, beschimpfte das opus francigenum knapp dreihundert Jahre später als maniera tedesca, deutsche Manier, und als gotico, gotisch, soviel wie ausländisch, barbarisch, wirr.
www.comandantina.com dusl@falter.at
7. August 2011 © Andrea Maria Dusl
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