August 2011
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Das Unendliche Panorama
Folge 151 - Wal
Folge 151 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 37/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen ---> Das Unendliche Panorama - Archiv
und hier zum Panorama als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
31. August 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 150 - Spaltfelsö
Folge 150 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 36/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen ---> Das Unendliche Panorama - Archiv
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31. August 2011 (0) Comments
Purzelbaum und Spuckinsgrab
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 35/2011
Liebe Frau Andrea,
ich könnt' Ihnen ja ständig Fragen stellen, es gibt so viel, was irgendjemand rundherum und auch ich nicht weiß! Aktuell beschäftigen mich zusammenhanglos die Überlegungen, warum ein Purzelbaum Purzelbaum heißt und woher der – realiter wohl selten geübte – Brauch stammt, jemandem ins Grab zu spucken?
Mit neugierigen Grüßen
Hartmut Schöbitz, Küniglberg, per Elektropost
Lieber Hartmut,
es gibt eine Reihe von Gründen, warum Verstorbene in unseren Breiten nicht auf die grüne Wiese gelegt werden, sondern eingesargt und sodann verbrannt, in Grüften abgestellt und in Gräber abgesenkt. Die Leichen der meisten Verblichenen beginnen, je nach Wetterlage, mehr oder weniger schnell zu verwesen - ein optisch und olfaktorisch unschöner Schauerprozess, den die erwähnten Prozeduren zwar nicht alle verhindern, aber doch recht gut verbergen. Juden legen bei Besuchen an Gräbern Steine auf Grabstein oder Einfassung, in Erinnerung an die Grabstellen in der Wüste - Steinhaufen auf den Leichnamen der Toten. Eine ähnliche Funktion hat das Schäufelchen Erde, das Trauernde Nichtjuden ins frische Grab werfen. Die Sache mit dem fest eingraben birgt aber noch einen ganz anderen, tabuisierten Aspekt. Tote sollen keinesfalls aus ihren Gräbern steigen. Allerheiligen/Halloween ist ein allerletztes Echo auf die seit Urzeiten geübte Nachschau, ob die Toten auch brav im Kompost liegen. Das sprichwörtliche Spucken ins offene Grab mag als postmortaler Insult verstanden werden, es hat aber auch eine, heute meist verschollene, andere Bedeutung. Das Spucken, ejakulieren und menstruieren auf Erde und Dinge hat segensbringenden Charakter. Das katholischerseits geübte Besprengen offener Gräber mit Weihwasser aus Wedeln erinnert unverhohlen an den Glückscharakter des Bespuckens. Der Purzelbaum Lebender und Unbespuckter ist sprachlich gesehen ein Kompositum aus purzeln und (auf)-bäumen. Er müsste strenggenommen Porzelbäum heissen, denn purzeln kommt über das Bürzel (das in die Höhe gestreckte Hinterteil) aus der althochdeutschen Wurzel “bor”, “por”, soviel wie oben. Wenn Ihnen das zu ungymnastisch klingt, möchten Sie doch das bodenturnerisch übliche, etwas unlyrische “Rolle vorwärts” verwenden. www.comandantina.com dusl@falter.at
29. August 2011 (0) Comments
Loritot
Der geniale Portraitist der deutschen Seele, der Satiriker, Zeichner, Filmemacher und Autor Vicco von Bülow starb am 22. August 2011 in Ammerland am Starnberger See. Langzeitverehrerin Andrea Maria Dusl hält ihn für einen der Grössten.
Für Falter 35/2011
Nicht jedes Land hat einen von der Grösse Loriots, Frankreich hatte Tati, Italien Fellini, Amerika hatte, bis sie ihm die Filme nicht mehr finanzierten, Woody Allen. Und wenn man ihn liess, hatte Österreich Qualtinger. Einen Satiriker von Weltformat. Einen minutiösen Portraitisten des Alltäglichen. Einen akribischen Archivar des Durchschnitts. Einen Chronisten der Wirklichkeit.
Als ich ein Kind war, gab es Spassmacher und es gab Loriot. Die Spassmacher und Showkasper waren brave Fernsehzirkus-Pferde, die wussten, wie man Sketches baut, Pointen setzt und Lacher holt, sie hatten satirisches Talent, sie waren fleissig und sie waren erfolgreich, aber sie waren nicht lustig. Kinder sind unbestechlich und noch unbestechlicher war ich. Die Spassmacher und Showkasper, ihre Namen sind Legion, fand ich zum Abwinken fad, sie langten nicht nach meinem Herz, sie langten nach meinem Lacher. Und den gab ich ihnen nicht. Ich fand ihn nicht in mir. Er war nicht da. Ich hatte Mitleid mit den kuriosen Gestalten, die zu Klimpermusik und Lachbändern, mit verdrehten Augen und Clowngefaxe durchsichtige Kalauer auf die Rampe legten. Ich hatte kein Wording für die Auslöser meiner Tristesse, nein doch, ich erinnere mich an das Wort: Umschalten. Umschalten war das Aus für den Komiker im Kasten. Bei mir hatten sie keine Chance. Also: Es gab die Spassmacher, sie waren nicht lustig und es gab Loriot.
Loriot war nicht lustig, denn er war loriot. Loriot war eine eigene Kategorie. Loriot war die Heilung und der Segen, seine satirische Präzision kam aus einem anderen Universum. Loriot hat meine Komikasthenie nicht kuriert, er hat sie durch eine wesentlich bessere Krankheit ausgelöscht, den Loriotismus. In loriotistischen Attacken, ausgelöst durch Bilderwitze, Kurztrickfilme, Fernsehsketches und die späten Filme eruptierte das Lachen aus mir, wie aus dem plinischen Vesuv. Rann als Tränenniagara aus meinen Augen und füllte mich mit Meeren von Glück.
Gewiss war auch Loriot vom Loriotismus befallen, denn um Sketches und Geschichten der von ihm befahrenen Tiefe zu schreiben, zu spielen und zu inszenieren musste er einen, durch Loriotismus geschärften Wahrnehmungsapparat pflegen. Loriot sah den Menschen in die Seele, fand darin das Ungehörtsein und stellte es dar. Mit atemberaubender Genauigkeit. Mit einer Menschenliebe, die sich nur die ganz Grossen erlauben. Mit einer, die Wahrheit übertreffenen Wahrhaftigkeit.
Diese Zeilen kommen ganz ohne Exempel der Loriotschen Kunst aus, denn die Loriotsche Kunst ist allgemein bekannt. Sie ist Allgemeingut. Selbst in Schnitzelland und bei Tells Erben. Wie die Grimmsche Märchenkunst, wie das Alphabet. Verschwände Nachkriegs-Deutschland aus sämtlicher Erinnerung, es liesse sich rekonstruieren, allein aus dem Loriotschen Material. In jeder nur denkbaren Nuance, in jeder Textur, ja in jeder möglichen Denkbarkeit.
Loriots Ruhm war auch unter Kollegen unerreicht. Tauchte der elegante Aristokrat mit dem bürgerlichen Habitus, selten aber doch, bei Hochämtern seiner Zunft auf, meistens als Geehrter, gab es Standing Ovations, Tränen, Frühgeburten, Herzstillstände. Nicht unter normalem Publikum. Unter Comedians und Kabarettisten. Loriot, das muss ihm einer nachmachen, hatte keine Neider. Loriot hatte ausschliesslich Bewunderer. Denn Loriot war unerreicht. Neue Folgen seiner Kunst wird er nun an paradiesischen Orten zur Ausstrahlung bringen.
26. August 2011 (0) Comments
Kästen mit Schlitzen, Schlitze mit Zehnern
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2011
Liebe Frau Andrea,
Ich habe in einem Café im ersten Bezirk auf dem Weg zur Toilette etwas Merkwürdiges am Gang entdeckt: Einen Kasten, etwas größer als ein Postkasten und circa fünf Zentimeter tief, er sah ein wenig antik aus, das Material: Metall. Auf der Vorderseite war der Kasten in lauter kleine Quadrate unterteilt, die alle noch einen kleinen Schlitz hatten. Es sah tatsächlich aus wie ein Postkasten für winzige Formate. In einem der Schlitze steckte ein gefalteter Zehn-Euro-Schein. Können Sie mir sagen, was das war?
Mit freundlichen Grüßen,
Lili Stadlober, per Elektropost
Liebe Lili,
wenn die Statistiken stimmen, müssten sie solch seltsame Kästen schon öfter in einschlägigen Cafés, bei Brandtweinern und in Tschocherln, in Beisln und beim Wirten entdeckt haben. Zwischen 16.000 und 20.000 dieser Wandschränke soll es allein in Österreich geben. Der von Ihnen in einem der dutzenden Schlitze entdeckte Zehn-Euro-Schein gibt einen Hinweis auf die Verwendung des metallenen Behälters. Möglicherweise ist Ihnen auch aufgefallen, dass jeder Schlitz mit einer fortlaufenden Nummer gekennzeichnet ist. Ihre Assoziation mit einem Postkasten für winzige Formate ist nicht ganz falsch. Allerdings werden hier nicht Briefe eingeworfen, sondern Geld - ist der Münzspind doch ein Sparvereinskasten, das wichtigste Utensil eines Sparvereins. Die Idee des geselligen Gemeinschaftsparens mit einem Wirtshaus als Vereinssitz ging in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Norddeutschland aus, wo es zunächst als “Weihnachtssparen” betrieben wurde. In Hamburg gründeten Seeleute und Hafenarbeitern 1878 profanere Sparklubs, sie dienten der gegenseitigen Unterstützung in Notfällen. Nach dem 2. Weltkrieg breitete sich die Idee im Süden Deutschlands, in der Schweiz und schliesslich auch in Österreich aus. Der von Banken und Sparkassen gern gesehene Spargedanke, gepaart mit Geselligkeit im Wirtshaus und einem gemeinsamen Ziel - meist einem Fest oder einer Ausflugsfahrt - förderten die Gründung und das Florieren der Sparvereine. Die Entleerung der Sparkästen erfolgt nach dem Vieraugenprinzip mittels zweier Schlüssel. Nicht selten haben die Besitzer dieser Schlüssel Fest und Ausflugsfahrt schon mal zu zweit angetreten. www.comandantina.com dusl@falter.at
21. August 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 149 - Crusoe
Folge 149 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 35/2011.
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und hier zum Panorama als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
18. August 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 148 - Cargo
Folge 148 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 34/2011.
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18. August 2011 (0) Comments
Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide!
Ein Leben ohne Internet. Wie geht das? Wie geht das? Wie likest du etwas? Wie gatherst du Follower? Wie stellst du Bilder online? Ein Brief an die analoge Seite in uns.
Andrea Maria Dusl für STANDARD-Schwerpunkt Digital leben/ALBUM 13./14. August 2011
Liebe Freundin!
Vielen Dank für deine ausführlichen Erzählungen und deine vielen Fragen! Es ist jetzt sicher schon einige Jahre her, vielleicht zehn oder zwölf, seit ich das letzte Mal einen Brief bekommen habe. Einen Brief, mit der Hand geschrieben, wie man es früher tat, in den Achtzigern und den Neunzigern noch. Ich habe seit 1996 nur mehr E-Mails verschickt. Sogar das Faxen war mir zu mittelalterlich.
Old-School
Großartig, das Papier, das du verwendest! Ich muss das einscannen, es hat so eine schöne Textur, da kann man sicher etwas machen damit, ein tolles Pattern! Fuck, Type-Control, hat mir rattern hingetextet, das kennst sicher auch nur mehr du, rattern, das war das Geräusch, das die Züge damals machten, in den Seventies, als die Schienen noch nicht so seamless verlegt waren wie heute. Ein ziemlicher Ambient war das, auf mixter und ibeat gibt es Samples damit, wenn man die ordentlich croppt und gut loopt, kann man sich einen Soundtrack zusammenbauen und ins Zimmer streamen. Das würde dir gefallen. Da bin ich mir sicher, du müsstest dann nicht so viel mit den Old-School-Zügen durch die Landschaft cruisen. Realtime, nichtvirtuell.
Momentan bist du gar nicht mal so out, wie du sagst. So ohne Internet und ohne Lust daran. Ich habe Freunde auf Diaspora und AnonPlus, die sind schon so jenseitig, denen sind die Games, die sie entwickeln, zu gut gerendert, zu gut gescriptet, die brauchen neue Kicks, die sind jetzt privat wieder ganz unplugged unterwegs. Fahren tagelang mit irgendwelchen Hardware-Eisenbahnen durch Schengen-Außenland. Ukraine, Russland, Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan. Schlechte Wireless-Anbindung, sagen sie, aber ein unglaublicher Trip, manchmal sind sie stundenlang nur in normalen Netzen unterwegs. Die Pics und Clips müssen sie dann aus dem Hotel schicken. Meist aus der Lobby. Das ist voll crazy letztes Jahrhundert, sagen sie, komplett vintage. Na ja, eine Minderheit, diese Reality-Freaks. Und sie bauen diese Experiences dann selbstredend in neue Games ein, wobei einige jetzt schon so weit sind, bloggen sie, dass sie die Nonvirtual Experiences, du würdest sagen: die Wirklichkeit, als Oberfläche für ihre Games verwenden und den Content ganz relaxt über Head-mounted Displays einspielen. Na ja, sage ich, auch ziemlich nerdig, der Ansatz.
Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide!
Ich muss mich ein bisschen eingrooven, kommt mir vor. Meine Lingo ist möglicherweise nicht ganz verständlich für jemand wie dich, von der anderen Seite der Digital Divide, von außerhalb des Internetzes. Wären wir jetzt auf Google Plus in einem Hangout, könnte ich mich besser auf dich und deine Sprache einstellen. Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide! Die letzte Oma hat heute ein iPad und surft. Kannst du nicht? Willst du nicht? Du lebst ganz gut ohne Bits und Bytes? Big Fail. Komm rüber. Ich geb dir Lectures!
Ich stell mir also vor, wie das für dich ist, so pre-digital. So ganz ohne Laptop, ohne iPad and the likes, ohne iPhone und die Smartphones der anderen, nur mit Festnetz-Telefonie und einem Anrufbeantworter mit eiernden Kassetten. Muss sehr seltsam sein so ein Leben ohne Navi und iPod, ohne USB-Sticks, Blu-Rays, DVDs und CDs. Kann mir nicht vorstellen, wie das ist, mit Zeitungen aus Papier, gut das gibt es ja noch für einige von uns, aber seltsam, die Vorstellung eines Lebens ohne Internet. Ohne Google. Ohne Youtube. Wie geht das, liest du echt noch Blogs aus Papier? Drehst du den Fernseher auf und zappst durch die zwei Kanäle aus dem GIS-Universum? Und wenn du Kabel hast, das ist dir ja zuzutrauen, wie hältst du das aus, angewiesen zu sein darauf, was dir die Sender gerade feilbieten?
Ich weiß, du gehst ins Kaffeehaus, das ist so eine Attitude aus dem 19. und 20. Jahrhundert, klar, wir erinnern uns daran, es gibt diese Places noch, Touristen gehen da hin und der Club der toten Dichter, und manchmal ergibt es sich, dass da geplaudert wird, von Tisch zu Tisch. Aber was ist das für ein Netzwerk? Das ist wie Facebook mit drei Freunden - auf Valium.
Und selbst wenn dort Tachles geredet würde, an deinem Kaffeehaustisch, wie käme das je an Tweets ran, je an Mitteilungen auf Google Plus? Wie geht das überhaupt, ein Leben ohne das Twitterversum, unbeleckt von den sozialen Mechanismen aus Gesichtsbuchhausen und Kugelplusville? Wie likest du etwas, wie plusst du, was dir gefällt? Wie gatherst du Follower? Wie stellst du Bilder online? Wo du doch nicht einmal weißt, was online ist! Arme, arme Freundin aus dem vorigen Jahrhundert! So muss es den ersten Eisenbahnfahrenden gegangen sein, als sie den Oldies aus der Postkutschenzeit in die glasigen Augen schauten, die mit ungläubigem Staunen befürchteten, dass der Fahrtwind die Schnellfahren-den durch Atemluftraub töten würde.
Gestern
Du bist so gestern, dass ich es kaum fassen kann. Oder doch nicht? Vielleicht bist du gar nicht so analog, wie du tust. Ich kann mich dunkel erinnern, und du selbst erwähnst es, etwas umständlich ausgesprochen in deinem Brief, dass du so gerne Original-Vinyl auflegst, wie damals, in den Siebzigerjahren, Old-School-Funk wie ich ihn jetzt mal so nenne, von Johnny Guitar Watson, George Duke, Herbie Hancock und solchen Großvätern. Und wenn ich mich richtig erinnere, hat zumindest Herbie Hancock - damals trug er noch, du wirst den Ausdruck viel besser kennen, einen Afro - hat also Herbie Hancock schon einen Fairlight verwendet. Einen richtigen Musikcomputer. Und der war digital, hehe! Und du hast das gehört. Damals schon. Digitale Musik. Auf deinen superschwarzen, fetten Schallplatten.
Als alle noch mit Füllfedern und Kugelschreibern unterwegs waren und Notizen auf Papier gemacht haben. Aber der Minimoog, höre ich dich sagen, geschenkt, der Minimoog war analog. Die ganzen Vintage Synths waren analog. Ziemlich schwer, das heute so schön hinzukriegen mit den Modeling-Geräten. Ach ja, das meinst du auch nicht raffen zu müssen. Menno, wie lebst du nur ohne Internet. Saugst du alles aus dem Telefonbuch? Modeling. So eine Art digitales Nachbauen von analogen Schaltungen in alten Geräten. Du drehst an einem Knopf (auch wenn der gar kein echter Knopf mehr ist, sondern nur so tut), und das Modeling-Programm imitiert die elektroakustischen Effekte, die diese Parameteränderung in der Signalkette ergibt. Nada?
Okay, ich muss es einfacher sagen, Musik liegt dir ja am Herzen: Heute gibt es, sogar als Apps am Pad, Programme und Geräte, die so klingen, als wären Sie tonnenschwere Synthesizer. Apps. Kennst du nicht, den Ausdruck. Apps, kleine Programme, die man sich aus dem Netz laden kann. Pad. Ich ahne es, kennst du auch nicht. Pads sind kleine Tabletcomputer mit einem berührungssensitiven Bildschirm. Bildschirm kennst du. Retro-Wording. So groß wie ein Comic-Heft. So schwer wie eine kleine Pfanne. Netz. Kennst du auch nicht. Wo warst du die letzten 25 Jahre? Im Urwald? In der Taiga?
Wo warst du die letzten Jahre?
Menno. Menno. Mennometer. Ich sehe, ich komme an die Grenzen meiner Ability. Du bist, ich habe mir das jetzt schnell noch mal aus deiner Lingo extrahiert, ausgestiegen aus der Welt, als die Computer noch groß waren wie Bungalows, Magnetbänder hatten als Speicher und elektrische Schreibmaschinen als Tastatur. Das gibt es jetzt alles nicht mehr, Honey. Also Computer dieser Größe schon, aber die können jetzt Wolken berechnen, Atom für Atom, Wolken so groß wie Sibirien. Nicht nur einen Sturm im Wasserglas.
"Beam me up, Scotty."
Normalos wie wir haben einen zu Hause stehen oder im Büro. So einen Computer. Das weißt du aber schon. Einen eigenen. Es gibt sie jetzt in jedem Supermarkt. Sie sind so groß wie ein Benzinkanister. Mit Bildschirmen so groß wie aufgeschlagene Schulatlanten. Im Handumdrehen sind sie voll mit Mucke und Bildern und Texten und je nach Profession, Geldbeutel oder Peer-to-Peerness mehr oder weniger guten Programmen. Und alle haben wir Handys. Alle von uns. Sogar die Bauern im Waldviertel. Die Handys, Funktelefone würdest du sagen, sind so groß wie die Geräte, in die Spock und Captain Kirk von der Enterprise schauten, wenn sie testeten, ob der Planet Sauerstoff hatte oder nicht. Und wenn nicht, um hineinzusagen: "Beam me up, Scotty." Nur, dass die Handys von heute, selbst die allerbilligsten, ungefähr so viel Rechenleistung haben, wie die Bungalow-Computer aus deiner Zeit. Zum Mond könnte man heute fliegen mit dem Chip, der in eine Druckerpatrone eingebaut ist.
Schwer, dir begreiflich zu machen, was sich alles getan hat, seit Herbie Hancock in der Sesamstraße ein kleines Mädchen "Tatjana Ali" - ihren Namen - ins Mikro sagen ließ, das Sample in den Fairlight einspielte und damit herumgroovte. Damals waren die Computermonitore noch monochrome Röhrenbildschirme. Und sie leuchteten grün. Daran kannst du dich sicher erinnern. Und an VHS-Videorekorder. Und wie man an denen herumschalten musste, um eine Sendung zu programmieren. Bingo. Das war ein Computer mit dem man da kommunizierte. Kann man jetzt alles in den Retro-Foren nachlesen. Aber ich vergaß, du lebst in Wireland, in Analog City, jenseits der Digital Divide. Keine Retro-Foren für dich. Du kannst dir also nicht vorstellen, wie das Jetzt funktioniert. Und wir, trotz Retroforen und Youtube nicht, wie du lebst, analog und unvernetzt, festnetztelefonierend, im Draußenland.
Nicht alles war schlecht
Na gut, nicht alles war schlecht zu deiner Zeit, das will ich zugeben. Die Füllfedern waren besser, die Post funktionierte noch, die Zugfenster konnte man öffnen, und die Tomaten schmeckten noch nach Tomaten. Aber das Internet gab es nicht. Das war schon mühsam damals. Um auch nur klitzekleinste Partikel an Information aufzulesen, musste man in dicken Wälzern nachschlagen. Wenn man die nicht herumstehen hatte zu Hause, musste man in die Stadtbibliothek hirschen oder in die Nationalbibliothek, dort einen halben Tag in Zettelkästen graben, und hunderte Karteikarten durchlesen und bewerten. Ergeben dem Karma des Findens von Ungesuchtem, durfte man schließlich mit einer Liste an Signaturen an einer Entlehnloge vorstellig werden, einem bösen Pult, beherrscht von Zerberussen des Gutenbergismus.
Der Einreichvorgang führte zu Zufallsfunden an Büchern, die man bestenfalls am nächsten Tag in der religiösen Stille des Lesesaals in Augenschein nehmen durfte. Mit ein wenig Glück gab es die gesuchte Information im Handapparat, den Büchern also, die man in einem gut zugänglichen Regal ohne fremde Hilfe durchblättern durfte. Fand man in den meist lexikalischen Werken des Handapparats etwas Verwertbares, war das nur die halbe Miete, man konnte die Zeilen, die interessierten, abschreiben, mit der Hand wohlgemerkt, hinaustragen durfte man den Band nicht, um die entsprechende Seite zu
fotokopieren. Es war schon mühsam damals. Mir ist rätselhaft, warum du an dieser Zeit so hängst!
Ziemlich gut, wie ich die Sprache von damals draufhabe!
Was sagst du? Ziemlich gut, wie ich die Sprache von damals draufhabe! Hab in letzter Zeit viel altes Zeug gelesen auf Google Books. Bisschen mühsam, weil die sich noch mit Copyright rumschlagen müssen und solchen altmodischen Issues. Aber ziemlich gut eingescannt haben sie die Gutenberggalaxis, das würde dir gefallen. Ich liege im Bett, tippe ein Stichwort ein und lese einen Wälzer aus der dicken Bibliothek. Johnny Guitar Watson hab ich voll aufgedreht, und über Airport an meine Anlage gestreamt. Volles Rohr. Big Sound. Alles vom Handy aus kontrolliert. Das hättest du nicht zusammengebracht, 1982. Im heiligen Lesesaal. Auch nur an funky Beats zu denken, hätte die anderen laut zischen lassen. Ruhe! Leise! Schhhht!
Ich sag dir jetzt mal was, ganz leise, so dass es niemand hören kann: Ich glaube dir kein Wort. Ich glaube nicht an dein Leben jenseits aller Computer. An dein Säulenheiligsein auf den Inseln zwischen den Fäden des Netzes. Ich glaube an deinen Füllfederismus. An den schon, ja. Allerdings nicht an den mit dem Aufziehen von Tinte. Die Eintragungen in dein Telefonbuch schreibst du mit Patronenfüllern. Ich glaube auch, dass du schon längst ein Handy hast. Ja, ich sage das böse Wort. Handy. Han. Dy. Vielleicht nicht das allerletzte, vielleicht eines mit den Seniorentasten. Das glaub ich jetzt einfach. Und dass du es nur zum Anrufen benutzt. Aus, na sagen wir, aus einer gewissen Snobbishness heraus. Vielleicht gehst du auch schlicht deshalb nicht ran, weil niemand deine Nummer hat. Weil du sie, das passt ja ganz zu dir, noch niemand gegeben hast. Bis auf deinen Steuerberater. Und den Mann, wo du das Vinyl kaufst. Dass du in einer angewischerlten Telefonzelle stehst, um ein Taxi zu ordern, glaub ich dir nicht. Schon deswegen nicht, weil es keine Telefonzellen mehr gibt. Nicht einmal angewischerlte.
Außerhalb der verführerischen Flutschigkeit breitbandiger Netze
Du schreibst mir auf handgeschöpftem Papier, weil du die Langsamkeit begehrst. Daran ist nichts Falsches, meine Liebe! Fünf Tage hat dein Schreiben gebraucht, um bei mir zwischen die Prospekte gesteckt zu werden. Die Langsamkeit ist nicht gewichen aus der digitalen Welt. Versuch mal, deinen Kontostand abzurufen mit dem Handy. In der U-Bahn. Oder das Bild vom dreibeinigen Hund hochzuladen, auf Facebook, außerhalb der verführerischen Flutschigkeit breitbandiger Netze.
Sie ist noch da, die schnöde Schönheit vordigitaler Langsamkeit. Aber ich nehme an, das ist dir alles bekannt. Gewiss hast du einen Schakl, der für dich googelt, wenn du was suchst im Datenplankton, irgendwo zwischen Gott und der Welt. Gewiss stehst du neben ihm, mit nervösem Gestus, zeigst auf die Ergebnisse deiner Suche, sagst "da klick drauf" und "das nicht, das ja, weiter, nächste Seite, dings." "Druck es mir aus, bitte" , weist du den Schakl dann an, mit einer Geschwindigkeit, die ein bisschen zu schnell ist für deine Sehnsucht nach der Postkutschenzeit. Ich glaube dir kein Wort. Nicht einmal die, die ich dir in den Mund lege. Du bist mittendrin im Orkan, du stehst nicht im Windschatten deines Säulenheiligtums. Du bist nur zu ängstlich, die Dinge ganz in die Hand zu nehmen. Gib's zu, du hast einen Hotmail-Account! Schon seit 2001, dem Jahr, in dem du dir heimlich einen PC zugelegt hast. Der Zangler aus dem Handyladen hat ihn dir aufgesetzt. Und einen Drucker danebengestellt.
Nicht unter deinem Namen
Und du bist auch auf Facebook. Nicht unter deinem Namen, das ist schon klar. Aber unter so etwas Ähnlichem wie deinem Namen, Ludmilla Slow nennst du dich, etwas bescheuert, da sind wir uns einig, aber du hast mitunter 165 Freunde, Vinyl-Aficionados und Zugreisende die meisten, der Präsident des Herbie-Hancock-Fanclubs, drei stadtbekannte Soulmuckeaufleger, ein paar Wahnsinnige aus Troll-City, die nicht raffen, mit wem sie da befreundet sind. Einmal am Tag schaust du rein ins Gesichtsbuch, postest mal hierzu deinen Senf, mal dortzu deinen Kren.
Nur jetzt bist du etwas nervös geworden. Jetzt will Google alles wissen von dir. Jetzt will Google, dass alle rübergehen zu Google Plus. Und dort Circles machen statt Freundschaften wie bei Zuckerberg. Ei, sagst du, das geht mir zu schnell, ich muss nicht überall dabei sein. Und wenn sie mich nicht nehmen, bei Google Plus, als Ludmilla Slow? Was, wenn sie meinen echten Namen wissen wollen?
Keine Angst, den wissen sie schon. Dass du Vinyl liebst und Afros, George Duke, Herbie Hancock und Johnny Guitar Watson. Und Füllfedern und die Langsamkeit. Und das Fahren in den Speisewagen gammelnder Züge.
(Andrea Maria Dusl, DER STANDARD Printausgabe, 13. August 2011)
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Der Standard/ALBUM - Andrea Maria Dusl: Ein Brief an die analoge Seite in uns: Du brauchst jetzt endlich einen Computer. Oide!
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14. August 2011 (0) Comments
Modekrankheit Rosinenphobie
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 33/2011
Liebe Frau Andrea,
völlig fassungslos starrte ich zu Saisonbeginn die Verkäuferin meines Lieblings-Eissalons an, als sie mir bedauernd erklärte, dass es ab sofort keine Rosinen mehr im Topfeneis gäbe. Angeblich komme das bei den KundInnen besser an. Während die Verkäuferin kurz verschwand, um mir extra Rosinen aus der Eisküche zu holen, stieg in mir Wut auf. Zuerst die Rosinensäuberung in Topfenstrudeln, Müslis und Gugelhupfen und jetzt auch noch das! Warum? Wann hat die Redewendung „sich die Rosinen rauspicken“ eine derart frappierende Umkehrung ins Negative erfahren?
Liebe Grüße,
eine ratlose Marie Schreder, per Elektropost
Liebe Marie,
Eissorten und ihre Ingredienzien haben Konjunkturen, ganz wie Farben, Düfte und Stoffe. Mal boomt das Beige, mal ruft das Rot. Mal trägt der Herr von Welt Hut, mal die Fleischmütze, mal jeanst es, mal schnürlt der Samt, mal boomt Patchouli, mal 4711. Das Verschwinden von Rosinen aus Brötchen, Mehlspeisen und Gefrorenem ist gewiss ein Schmerz für die Afficionados der getrockneten Weinbeeren. Aber der Korinthen, Sultaninen und Zibeben Abgang aus der Nachspeisindustrie ist nicht der einzige beklagenswerte Verlust. Die Freunde verstopfter Zahnkronen beschweren sich schon seit Jahren über den Niedergang der traditionellen Ganznussschokoladenkultur. Auch der Powidel zartes Mus wurde zum seltenen Gast in heimischen Palatschinken. Köch und Karfiol haben sich der Wassertomate ergeben, der Kümmel dem Sternanis, der Petersil dem Koriander, die Zitrone der Limone. Der Siegeszug des Rübenzuckers hat die Geschmacksknospen des Publikums erfolgreich gegen traditionelle Süssstoffe aufgebracht. Honig und Rosinen gelten als übersüss, ihr Geschmack als antiquiert. Industrielle Süssstoffe, grassierender Redbullismus und die zuckerverachtende Zero-Kultur haben einen Paradigmenwechsel eingeläutet. Liebe Marie, Sie beklagen den Verlust der Rosinen im Topfeneis, gewöhnen Sie sich daran! So ging es unseren Grossmüttern, als die Eiskugelklicker die Sorten Cassata und Málaga aus den Kühlvitrinen verbannten. Als kandierte Plombenzieher und picksüsser Málagawein nur mehr unter der Pudel verkauft wurden. An ratlose Nostaligkerinnen wie Sie. www.comandantina.com dusl@falter.at
11. August 2011 (0) Comments
Manager, Boni und ihre Häuser
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2011
Liebe Frau Andrea,
vor einiger Zeit habe ich im Falter zum neuen Bau von Jean Nouvel den Begriff „Boni-Architektur“ gelesen und mich gefreut: Endlich gibt es ein Wort für das, was ich bisher als „vernautscht“ bezeichnet habe (von Nagy, ungarisch ausgesprochen), nach einem gleichnamigen Hochglanzküchenverkäufer einer oberösterreichischen Möbelfirma. Wie weit ist das Phänomen "Boni" bzw. "Nautsch" schon beschrieben? Oder ist es gar nicht so neu?
Liebe Grüße
Kilian Jung, per Bernsteinfunkennachricht
Lieber Kilian,
die Aufnahme neugeprägter Begriffe in den Diskurs-Kanon der Architekturkritik wird durch Nachrichten wie die Ihre durchaus befördert. Indem Sie etwa “Nagy” und seine deutsche Lautentsprechung Nautsch mit einem ganz bestimmten Stil verknüpfen und in die Diskussion einführen. Dabei ist es relativ egal, ob es einen oberösterreichischen Hochglanzküchenverticker dieses Namens überhaupt gegeben hat. Allein die Multiplikation durch Öffentlichkeit kann einen Neologismus nachhaltig affirmieren. Nautsch ist meines Wissens allerdings noch nicht Gegenstand architekturessayistischer Diskussionen. Der Begriff, den der Autor der von Ihnen zitierten Nouvel-Kritik, der mährisch-österreichische Kulturpublizist Jan Tabor gebraucht, lautet nicht “Boni-Architektur” sondern “Boni-Stil”. Tabor hat den Begriff, wie er sagt, in Abgrenzung zum “Bonzen-Stil” erfunden, um der, von Banausentum und Unanständigkeit geprägten Gestik der Bonus-Prämien-Epoche einen Namen zu geben. Die ironische Bezeichnungskultur architektonischer Stile hat eine lange Tradition. Zuckerbäckerstil, Gelsenkirchner Barock, Schweizerhaus-, Laubsäge- und Wörtherseestil, Biedermeier und Brutalismus sind nur einige, wahllos herausgegriffene Beispiele für den despektierlichen Einsatz zynischer Begrifflichkeiten. Gotik ist auch solch ein Schandwort. “Opus francigenum” wurde der, in Frankreich entwickelte, revolutionäre Spitzbogenstil um 1280 genannt. Der italienische Kunsttheoretiker Girogio Vasari, trunken von den Ideen der Renaissance, beschimpfte das opus francigenum knapp dreihundert Jahre später als maniera tedesca, deutsche Manier, und als gotico, gotisch, soviel wie ausländisch, barbarisch, wirr.
www.comandantina.com dusl@falter.at
7. August 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 147 - Boiler Fleet
Folge 147 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 33/2011.
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7. August 2011 (0) Comments


