Juli 2011
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Vor der Stadt ist in der Stadt
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2011
Liebe Frau Andrea,
lebt man in Wien im 16. Bezirk, so ist man ein Ottakringer, im 14. ist man ein Penzinger. Wie aber verhält es sich mit Bewohnern des 15. Bezirks? Sind das Rudolfsheimer? Fünfhauser? Rudolfsheim-Fünfhauser? Und wie ist das mit dem 1. Bezirk? Geht das auch kürzer als "Bewohner der Inneren Stadt"? "Innenstädter" heißt es ja wohl kaum.
Liebe Grüße, Anna Stibitznig, per Bernsteinfunkennachricht
Liebe Anna,
Sie dürfen alles! Das Wienerische ist eine elastische Sprache, sie steckt die seltsamsten Bezeichnungsversuche ohne Wimpernzucken weg. Selbstverständlich dürfen Sie Bewohner des Bezirks Rudolfsheim-Fünfhaus als Rudolfsheim-Fünfhauser bezeichnen, ganz so wie wir Wiener aus Ottakring Ottakringer nennen, solche aus Penzing Penzinger, wie wir Meidlinger Meidlinger nennen, Hietzinger Hietzinger, Simmeringer Simmeringer und Liesinger Liesinger. Meist weist die Hauptstrasse eines Bezirkes oder einer ehemaligen Vorstadt den toponomastischen Weg, jemand ist also ein Erdberger, Landstrasser, Favoritner, Wiedner, Gumpendorfer, Mariahilfer, Hütteldorfer, Lerchenfelder, Josefstädter, Alser (oder Alster), Heiligenstädter. Schon kompliziert wird es mit Wohnhaftenden aus Währing. Wienerisch korrekt bezeichnet wäre so jemand ein Wahringer oder eine Wahringerin (mit langem a), folgen doch die Herkunftsbezeichnungen eher den alten Vorstadt- und Dorfnamen, als den etwas moderneren Bezirksnamen. Leopoldstädter (Leobóidschdetta) können also beispielsweise auch Zwischenbrucker, Praterische (Brodarische), Werder (Wéata), “aus da Tabuastrossn”, “da Jagazeun” oder “vo da Schütt” sein. Aber zurück zu ihrem Spezialproblem. Rudolfsheim-Fünfhauser sind strenggenommen alle "aus Rudoifsham”, aus dem, 1863 zu Ehren des damals fünfjährigen Kronprinzen Rudolf so genannten Rudolfsheim. Noch genauer genommen sind Rudolfsheimer Herkünftler der fünf, Rudolfsheim konstituierenden Ortschaften, sind also Rustendorfer, Braunhirschner, Reindorfer, Sechshauser und Fünfhauser. Bewohner der “Inneren Stadt” sind nach alter Wiener Sitte “aos da Schdood”, aus der Stadt. www.comandantina.com dusl@falter.at
......................
Am 03.08.2011 um 21:12
schrieb Wolfgang J. Kraus:
Liebe Comandantina Dusilova,
"Strenggenommen" war diesmal ein Irrtum in Ihrem Text. Rudolfsheim wurde 1863 als Gemeinde gegründet und umfasste Braunhirschen, Reindorf und Rustendorf. 1892 wurde Rudolfsheim nach Wien eingemeindet und bildete gemeinsam mit Sechshaus den 14. Bezirk. Fünfhaus (der Norden und der Osten des heutigen 15. Bezirks) bildete den 15. Bezirk (alt).
1938 brauchten die Nazis die Bezirksnummer 14: Sie trennten die Stadtteile Penzing, Baumgarten und Hütteldorf vom 13. Bezirk ab und gemeindeten Hadersdorf und Weidlingau ein. Um diesem Gebiet nicht die Bezirksnummer 27 geben zu müssen, die sich zwischen 13, 14 und 16 seltsam gemacht hätte, wurde die Nummer 14 frei gemacht, indem die bisherigen Bezirke 14 und 15 zu einem zusammengelegt wurden: dem heutigen 15. Bezirk. Er erhielt den Namen Fünfhaus.
1957 wurde Fünfhaus durch einen Gemeinderatsbeschluss in Rudolfsheim-Fünfhaus umbenannt, um der historischen Zusammensetzung von 1938 Genüge zu tun, war doch Rudolfsheim nicht weniger wert als Fünfhaus.
Übrigens nennen wir auch nicht alle aus dem 12. Bezirk Meidlinger: Die Hetzendorfer sind schon etwas Anderes! Ein Hütteldorfer oder ein Hadersdorfer wird sich auch nicht als Penzinger bezeichnen. Und erst recht in Liesing! Da hat wohl jede Ortschaft ihre eigene Identität und ein Kalksburger verschwindet nicht hinter einem Liesinger.
Mit besten Grüßen eines Unter-St.-Veiters,
Wolfgang J. Kraus
Das Unendliche Panorama
Folge 146 - Robert Menasse
Folge 140 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 26/2011.
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Das Unendliche Panorama
Folge 145 - Colombo
Folge 145 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 31/2011.
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Wie das so läuft in Plushausen
Das Unendliche Panorama
Folge 144 - Benatko
Folge 144 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 30/2011.
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Keep Calm and Carry On
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2011
Liebe Frau Andrea,
KEEP CALM AND CARRY ON. Meist sind es diese fünf Worte, untereinander gedruckt. Darüber eine Krone. Jetzt hat meine Cousine aus London ein Kaffeehäferl mit dem seltamen Slogan mitgebracht. Was hat es mit dem Spruch auf sich?
Liebe Grüsse, Denis Spielar,
Neubau, per Gesichtsbuchdirektnachricht
“Keep Calm and Carry On” ist eines von drei Plakatsujets einer Serie von Durchhalteparolen, die das britische Informationsministerium im August 1939 drucken liess, um zu Beginn des 2. WK die Moral der Bevölkerung zu heben. Die ersten beiden Plakate lauteten “Your Courage, Your Cheerfulness, Your Resolution, Will Bring Us Victory” (Dein Mut, deine Fröhlichkeit, deine Entschlossenheit wird uns den Sieg bringen) und “Freedom is in Peril, Defend it With All Your Might” (Die Freiheit ist in Gefahr, verteidige sie mit aller Macht). Das Amt für Drucksachen ihrer Majestät produzierte um 20.000 Pfund fünf Millionen Plakate, heisse 225 Pfund gab es für den Künstler. Das dritte Plakat, jenes mit dem coolsten Spruch, “Keep Calm and Carry On” (Ruhe bewahren und weitermachen) machte zwei Drittel der gedruckten Auflage aus und war für den Fall einer deutschen Invasion gedacht. Es kam nie zum Einsatz und wurde bis auf ein paar Belegexemplare eingestampft. Im Jahre 2000 wurde ein gefaltetes Exemplar von Stuart und Mary Manley entdeckt. Die Besitzern des Second-Hand-Buchladens Barter Books in Alnwick, Northumberland hatten es am Boden einer ersteigerten Kiste mit Büchern entdeckt. Manley und seine Frau liessen das Plakat rahmen und hängten es im Geschäft auf. Das Plakat traf den Zeitgeist zu Beginn der Nullerjahre und war bald so populär, dass die Finder Faksimiles drucken liessen. Bis 2009 ging über 41.000 Exemplare über den Ladentisch. Keep-Calm-and-Carry-Ons hingen in 10 Downing Street, im Büro des Hofmarschalls und im Buckingham Palace. Der Slogan wurde auf Türmatten und Babykleidung gedruckt, auf Postkarten und Teetassen. Bald zirkulierten Parodien, etwa "Now Panic and Freak Out" (Jetzt paniken und ausflippen). Vorläufiger Höhepunkt der Keep-Calm-Welle dürfte der Keep-Calm-Generator auf www.keepcalm-o-matic.co.uk sein, hier können sich KCACO-Fans jeden nur denkbaren Fünfzeiler zusammenstellen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Ich frage mich...
Ich frage mich seit Wochen, was ich mich fragen könnte. Wo die Zukunft geblieben ist, wo der Sommer, wo die Stille, wo die Gerüche, wo die Bienen und wo die Greissler. Alles Fragen, die vor einer verblassen: Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?
Andrea Maria Dusl für Der Standard/ALBUM 16./17. Juli 2011
Die Zukunft. Was für eine Vision! Sie war das bestimmende Thema meiner Jugend. Sie war schön und klug und sie leuchtete in tausend Farben. Eben war sie noch da, wollte, dass es uns gut geht, dass wir am Meer sitzen und in der Trattoria, die Welt verbessern und von den Wundern der verbesserten Welt naschen. Aber wo ist sie jetzt? Wo ist die Zukunft geblieben? Ich möchte sie wieder zurück. Meine Zukunft und die aller anderen auch. Aber sie ist vergangen. Die Banker und Finanzbanditen haben sie auf dem Gewissen. Die Zukunft war ihnen zu endgültig. Sie haben sie gegen das Risiko eingetauscht. Schöne Sache, das Risiko, ungefähr so schön wie die moderne Dauerbeschallung. So schön wie Ladenmucke, Radiobrei und Lüftungsrauschen.
Ich frage mich, ob ich nach den Gerüchen fragen soll. Also! Wo sind die Gerüche geblieben, die Flüchtigkeit der Dinge? Zuletzt habe ich die Welt gerochen 1994 in New York, in jener Woche, in der sich Kurt Donald Cobain in seinem Haus in Seattle eine dreifache Überdosis Heldensubstanz setzte und eine Ladung Schrot. Kurt Cobain wusste nichts von meinen Geruchserlebnissen und ich nichts von seinem Abgang. Er wusste nicht, wie der süßlichgiftige Duft roch, den die Latinoparfums der Pimps und die Putzmittel des Deli-Inders erzeugten, wenn sie vom kochenden Asphalt aufgewallt vor meinem Zimmerfenster tanzten. Und ich wusste nicht, wie es dem Mann an der Gitarre ging, der sich lieber auspusten wollte, als zu erlöschen. So war das 94 im East Village und am anderen Ozean drüben in Seattle, als es noch Gerüche gab und die Gefühle dazu, selbst wenn die einen von den anderen nichts wussten. In einer Welt, in der Logik keine Rolle spielt, in der Welt der Gefühle, war der Tod des Grunge auch der Tod der Gerüche.
Auch die Bienen sind fort. Warum? Weil es keine Blumen mehr gibt am Land, weil dort nur mehr der Heiligenbergmais steht. Als Windbestäuber macht er den Bienen keinen Spass. Er riecht nicht einmal, der postcobaine Monsanto-Kukuruz, er ist nicht zuküftig für sie, für die Bienen ist er, wie die Dauerbeschallung für mich. Er ist ihr Risiko, ihre Krise. Das Ende ihrer Zukunft. Und weil nichts mehr riecht, weil nichts mehr riechen darf, nicht einmal das Gift, gibt es auch keine Greissler mehr. Oder umgekehrt: Es gibt keine Greissler mehr, weil sie schon vor dem Ende der Zukunft ums Leben kamen, ausradiert von der Diktatur des Kassenbands. Und weil es keine Greissler gibt, gibt es auch keine Gerüche mehr. Nicht den Geruch von Frufru, das durch verknitterte Aluminiumkappen diffundiert, nicht den brenzligen Knusperhauch heissgerösteter Fleischlaberlrinde, nicht der Kernseife würzige Ausdünstungen und den erdigen Kellermief speckiger Kipfler. Es gibt nur mehr das Normprodukt und den Regalschluchtenfaschismus. In dieser fleckenlosen Welt herrscht 99 hinter dem Komma, der Geruch aus der Retorte und die Farbe aus der Meinungsforschung. Fauliges riecht frisch. Farbloses leuchtet bunt. Die Zukunft steht still. Und aus den Lautsprechern klagen die Gospelsänger. Wenigstens der Lärm ist ehrlich.
Was frage ich mich also, wo es keine Fragen mehr gibt? Wo alles beantwortet ist, alles paketiert, alles ins Regal gestellt. Alles von der Agentur geratet, alles mit Risiko versehen. Ich befrage meine Sehnsucht und die Sehnsucht antwortet mir. Die Sehnsucht in mir erinnert sich daran, wie die Zukunft roch, als die Welt noch im Lot war und sie fragt:
Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?
Die offenen Zugfenster. Es gab sie. Ich stand an ihnen. Lange und abermals. Stundenlang und oft. In einer Zeit vor dieser, in einer Zeit, in der die Zukunft noch lebte, in einer Zeit, in der jemand, der Visionen hatte, noch nicht zum Arzt geschickt wurde. In einer Zeit, in der die Arbeiterpartei noch nicht von den Bankdirektoren geführt wurde, die Klerikalen noch nicht von den Furchengängern und die Rechten noch nicht von einem Zahnspachtler. In einer Zeit, in der die Freiheit noch lebte und noch nicht zu einer strachen Floskel zerkaut worden war.
Die offenen Zugfenster. Es gab sie. Ich stand an ihnen. Stundenlang, schloss sie, öffnete sie, je nach Dünken. Die Freiheit der Zugfensterei bestand darin, sie öffnen zu können, wann immer die Freiheit danach rief. Es war verboten, sie zu öffnen, sie an ihrem, von vielen Akten der Rebellion glänzendpolierten Griff nach unten zu ziehen, gegen den Widerstand versiffter Führungsschienen. Man musste Kraft aufbringen, geistige Kraft gegen das Verbot, gegen die Gefahr, vom Zugsschaffner oder von anwesenden Windallergikern gestört zu werden, und man musste körperliche Kraft aufbringen. Von allen Schwerarbeiten habe ich das Öffnen der Zugfenster als die höchstlohnenden in Erinnerung. Hinter dem offenen Zugfenstern wartete die Welt. Gut, man konnte die Welt sehen, durch die Scheiben, aber es war nur die halbe Welt, es war eine Welt ohne Gerüche, ohne die Zukünftigkeit, die der Wind verhiess. Die dicke Wand an Lüften und Düften, die wirbelnd vor den offenen Zugfenstern vorbeizog, war die Wirklichkeit. Der Ort. Der Zug, ob er fuhr oder stillestand, war nur das Versprechen. Das Zugfenster war die Verbindung zwischen hier und dann. Der Zug roch schon nach dem Ankunftsort. Dünstete ihn aus, gab ein paar seiner Geheimnisse preis.
Wenn es in den Westen ging, zog der wohligkühle Moder der Buchenwälder in das Abteil, die würzigen Dämpfe saftiger Wiesen, der ölige Geruch von Schrebergartendächern und der scharfe Stachel rostiger Signalanlagen. Es musste leer sein im Abteil, und Sommer im Land, damit die Wirklichkeit ihr Bouket entfalten konnte. Ging es in den Süden, und es ging sehr oft in den Süden, roch die Wirbelwand fetter, die Wiesen, der Rost, der Äther aus den Nadelwäldern. Und das war nur der Anfang. Hinter dem Brenner und nach Tarvis, dort, wo aus Wiener Sicht der Süden sein Versprechen einzulösen begann, wo die Wand aus Wind und Wirbeln nicht mehr kühlte, sondern schon wärmte, am Ende des Kanaltals und in den Südtiroler Tälern, zog die blumige Süsse Italiens in die Seele ein.
Wer die Zugfensterei mit Respekt vor seinen Gefahren betrieb, steckte nur den Kopf hinaus, aber nie einen ganzen Arm. Schon garnicht nach einem heftigen Regen, wenn die nassen Äste schwer in die Trasse ragten. Ohnedies betrieb der erfahrene Zugfensterer die offene Zugfensterei nur in den vorderen Waggons. Wegen der Toilettengeher und der Fahne ihre feuchten Hinterlassenschaften, die den Zug begleitete. Und wegen der anderen Zugfensterer. Nüsslein und Papierkugeln waren noch die gelindesten Geschosse, die einem an den Kopf fliegen konnten. Einmal, es war, wenn ich mich richtig entsinne, auf einer Fahrt nach Genua, sah ich andere Zugfensterer mit der Flobert-Pistole am Zug entlangschiessen. Warum, wussten sie vermutlich selbst nicht. Immerhin schossen sie gegen die Fahrtrichtung. Sie waren Trottel, aber als Zugfensterer waren sie Profis.
Zugfenstern war das Ritual und es musste geplant werden. Es gelang nur in Abteilen und in den Gängen solche enthaltender Wagons. Es empfahl sich, selbstredend, ein Sitzplatz an den Fenstern, die Gegenwart anderer war nicht notwendig, ja eigentlich auch nicht opportun. Zugfenstern war ein Trip, den die Seele im Alleingang unternahm. Hitze war der Zugfensterei zuträglich, Hitze förderte sie, wie der Wind das Segeln, wie die Wellen das Surfen. Hitze linderte die Nebeneffekte der Zugfensterei: Ohrenentzündungen und Halsschmerzen stellten sich in heissem Fahrtwind weit weniger ein als in kühlem. Im Gegenzug machte offensive Hitze anwesende Mitpassagiere demütig und empfänglich für den kühlenden Wind aus dem weit geöffneten Zugauge.
War eine Reise gut geplant, nämlich garnicht, brannte die Sonne vom Himmel und befanden sich die Touristen, Rucksacktramper und Soldaten schon in ihren Quartieren, dann konnte eine Zugfensterei stundenlang dauern. Dann zog der Himmel durch die Seele, rasten die Pinien und die Oleanderwälder durchs Herz, dann schlugen die salzigen Schäume der Wellenkronen ans Gesicht und Bienen, pollenbepackt, im Flug überrascht. Dann wurden dunkle Tunnels zu Fahrten durch die Hölle, dann roch Bremsen nach Eisen und Beschleunigen nach elektrischem Feuer.
Die längste Zugfensterei führte mich nach Kalabrien. Ich habe sie ausschliesslich am Fenster verbracht. 21 Stunden dauerte sie, dreimal stieg ich um, zweimal ass ich, einmal ging ich aufs Klo. Als ich in der glühenden Hitze Sibaris aus dem Trip stieg, hatte ich ein Gesicht aus Stein und Haare aus Holz. In mein Gesicht war ein Lächeln eingemeisselt, sagte man. Das Meer, das gab es damals noch, hat Stein und Holz aus dem Lächeln gewaschen. Damals, als es die Zukunft noch gab.
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Der Standard/ALBUM - Andrea Maria Dusl: Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?
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Am 19.07.2011 um 10:31 schrieb Bela Benkoe:
S.g. Frau Dusl,
ich weiß wo die offenen Zugfenster geblieben sind! In wenig als drei Stunden kann manfrau diese locker einholen. Täglich starten aus Budapest Keleti der Corona Express Richtung Brasov, Rumänien. Mit ein wenig Glück erwischt man eine alte (Schlaf)Garnitur und kann dann viele Stunden lang fensterln. Die Landschaft ist zugegebenermaßen nicht aufregend, das wir es erst nach der rumänischen Grenze und da ist es dann aber schon dunkel. Wobei da kann man sich wieder auf die Gerüche verlassen und das ist zumindest so spannend wie "Dialog im Dunkeln". Und wenn man gaanz mutig ist legt man einige Strecken in Rumänien auch noch mit dem Zug zurück - Zeit muss man halt haben. Da ist meist fensterln im fahrpreis inkludiert, denn einmal offen kann man diese selten wieder schließen, das gleich gilt auch noch für die Türen.
Ich werde diese echte Zeitreise im August wieder antreten, und mich dann mit einem Beweisbild wieder melden.
bb
Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Doktormann.
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 28/2011
Liebe Frau Andrea,
ich bin jetzt einigermassen verwirrt. Otto von Dings ist gestorben und die Zeitungen und Kanäle sind voll von Interpretationen seines Namens. Wie hiess der Opi denn jetzt wirklich?
Liebe Grüsse, Signe Rabe,
Leopoldstadt, per Googleplusdirektnachricht
Liebe Signe,
es gibt mehrere Betrachtungswinkel in dieser Frage. Wie heisst ein Mensch, wie nennt er sich, wie wird er genannt und wie darf er sich nennen? Beim ältesten Sohn des letzten österreichischen Monarchen gibt es einen Regenbogen an onomastischen Möglichkeiten. Geboren wurde Otto Dings 1912 als „Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit Franz Joseph Otto Robert Maria Anton Karl Max Heinrich Sixtus Xaver Felix Renatus Ludwig Gaetan Pius Ignatius, Kaiserlicher Prinz, Erzherzog von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn“. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter- und Damenorden und gewisser Titel und Würden im Jahre 1919 ist für österreichische Staatsbürger das Recht adelige Titeln zu führen, aufgehoben. In diesem Sinne wurde Dr. Otto Dings, der bis dahin mit monegassischen, einem Pass des Souveränen Malteserordens und einem spanischen Diplomatenpass unterwegs war, 1957 amtlicherseits beschieden Dr. Otto Habsburg-Lothringen zu heissen. Gleichzeitig wurde ihm auf Grund des Adelsaufhebungsgesetzes untersagt, den dynastischen Namen Otto von Österreich zu führen - noch 1945 hatte er einen mit Habsburgerkrone verzierten Brief an US-Präsident Trumann mit „Otto of Austria“ signiert. In seinem bayerischen Exil und als Buchautor nannte sich der ehemalige Kronprinz Otto von Habsburg. Dieser Name wurde auch in seinen 1978 erstmals ausgestellten bundesdeutschen Pass eingetragen. Von Ottisten, Legitimisten, Korporierten und Monarchisten liess sich Dr. Dings als Kaiserliche Hoheit anreden, der satirefreie Kommunist Alfred Hrdlicka sprach ihn in einem Club 2 gar als “Herr Kaiser an”. Eigentlich müsste Dr. Dings mit Nachnamen Lothringen heissen, sind die Habsburger doch 1740 mit Karl VI. ausgestorben. Lothringen wurde vom Haus Châtenois regiert, seit 795 auch unter ihrem Stammnamen “Die Matfriede” bekannt. Ottos wirklicher Name wäre also Dr. Franz Matfried. www.comandantina.com dusl@falter.at


