Wo ist unser Tahrir-Platz?

für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 16.2.2011.

Es ist gute drei Wochen her, als die ägyptische Zivilgesellschaft mit ständig wachsendem Selbstbewusstsein in Kairo und anderen Städten auf die Strasse ging, weil sie mit dem nicht zufrieden war, was der Machthaber ihnen an Freiheiten und Möglichkeiten zugestand. Der Machthaber - ein bis zur Parodie gelifteter und maskenhaft auf alterslos getrimmter Greis, der sich und seine Entscheidungen für unersetzlich hielt und in dem Caesarenwahn lebte, von “seinem” Volk dafür auch noch geliebt zu werden. Westliche Regierungen bestätigten ihn jahrzehntelang in diesem Glauben. Mubarak war ein Schurke, aber er war “unser” Schurke, wusste man in den diplomatischen Kreisen der ersten und zweiten Welt. Nach drei Wochen Massenprotesten ist Mubarak nicht mehr, das Volk und seine Generalskollegen haben ihn gestürzt. Im Exil auf der Emiratsinsel Schardscha am persischen Golf sitzt der nackte König jetzt in einem Palast und krämpft. Nimmt, so sagen die Gerüchte, keine Medikamente mehr zu sich, spielt den sterbenden Schwan und färbt sich den Haaransatz nicht mehr mit teurer schwarzer Schuhpasta. Pharao Gaga versteht die Welt nicht mehr, sein geliebtes Volk hat ihn verstossen.

Was hat das alles mit uns zu tun? Was hat ein arabischer Autokrat mit der Insel der Seligen zu tun, was mit Schnitzelland, dem Land von Mozart und Schröcksnadel, von Grillparzer und DJ Ötzi? Wir leben doch in einer Demokratie, wir haben Frieden und Freiheit und Zeitungen und Wurstsemmeln und Internet für Alle. Was hat es mit uns zu tun?

Viel. Und gleichzeitig nichts. Es ist noch keine hundert Jahre her, dass im Land der Berge, Strome, Äcker, Dome die Staatsform der Demokratie eingeführt wurde. Erstmalig. Und mit bescheidenem Erfolg. Nach 16 Jahren war es vorbei mit der Herrschaft des Volkes. Zwei Diktaturen folgten, sie mündeten in Krieg und Vernichtung. Seit 1955 ist Schnitzelland wieder ziemlich frei und relativ souverän. In Teilen der Bevölkerung gibt es Sehnsucht nach einem starken Mann. Damit meint dieser Teil Österreichs gewiss nicht Bruno Kreisky. Schon eher jemand vom Schlage des Millimetternichs aus Texing oder gar des Postkartenmalers aus Braunau. Die Namen werden heute noch von Seligsprechern und Ewiggestrigen hinter vorgehaltener Hand, aber grossem Wohlwollen ausgesprochen: Dollfuß. Hitler. Es ist kein Menschenleben her, dass Österreich von Ultramubaraks regiert wurde. Dass Tod und Vernichtung für Andersdenkende Tagesgeschäft war. Das sollten wir immer in Erinnerung haben, wenn wir den Aufstand des ägyptischen Volkes mit dem lockeren Gestus politischer Abgebrühtheit kommentieren. Haben sich die Blossfüssigen gegen den Präsidenten aufgepudelt. Na schau.

Die demokratische Decke, in die wir uns kuscheln, ist dünn. Es leben noch Zeitzeugen jenes blutigen Februar 1934, als das Bundesheer das Feuer auf aufständische Demokraten eröffnete. Als politische Gegner des Austro-Hosni standrechtlich ermordet wurden. Die Beurteilung dieses schmutzigen Teils der österreichischen Geschichte ist hierorts übrigens noch nicht politischer Konsens. Und Tahrir-Platz, also Freiheits-Platz haben wir auch keinen in der Bundeshauptstadt. Unser Massenauflaufstätte heisst, ganz monarchisch: Heldenplatz.

16. Februar 2011 © Andrea Maria Dusl

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